Anmerkungen zum Begriff Verschwörungstheorie

 

Ursprünglich handelte es sich bei diesem Begriff um einen neutralen, beschreibenden Begriff, der eine auf Indizien und Spuren beruhende Vermutung zum Ausdruck brachte. Insofern war es sinnvoll zu prüfen, in wie weit sich dieser Verdacht bezüglich eines Ereignisses oder Sachverhaltes bewahrheiten oder auch widerlegen ließ. Vielleicht lässt sich dieses Vorgehen letztlich mit dem Bemühen des griechischen Philosophen Sokrates (469-399 v. Chr.) verbinden, der über seine berühmt gewordene fragende Methode des Gesprächs stets versuchte einer zugrunde-liegenden Wahrheit näher zu kommen. In gewisser Weise wurde dieses methodische Vorgehen in der von Sigmund Freud (1856-1939) entwickelten Psychoanalytischen Psychotherapie wieder aufgegriffen, da auch diese bemüht ist, sich über Fragen einer zugrundeliegenden, in diesem Fall meist unbewussten Wahrheit zu nähern. Nicht zuletzt ist es das Vorgehen eines jeden Kriminalisten, Historikers oder auch Arztes, wenn es darum geht anhand von bestimmten Anzeichen und Indizien einer Ursache für ein Geschehen auf die Spur zu kommen. 

 

Unsere Geschichte liefert uns viele Beispiel dafür, dass solche Vermutungen aufgrund von Anhaltspunkten zu einer zunächst verborgen gehaltenen Erklärung geführt haben. Zum Beispiel überfielen Nazis in polnischen Uniformen selbst den deutschen Sender Gleiwitz am 22.08.1939, um damit den Angriff auf Polen zu begründen, der wenige Stunden nach dem Überfall begann. Ebenso nutzten die Amerikaner den von ihnen selbst inszenierten Golf-von-Tonkin-Zwischenfall (August 1964) um eine Begründung zu haben, Nordvietnam zu bombardieren. Die Pentagon-Papiere (erschienen 1971) und die Memoiren von Robert McNamara (1995) belegen, dass die US-Regierung die Vorfälle durch bewusste Falschdarstellung zur Durchsetzung ihres von 1963 an geplanten direkten Kriegseintritts benutzte (siehe Wikipedia zu diesen beiden Ereignissen).

 

Dies sind nur zwei Beispiele von inzwischen zweifelsfrei anerkannten und aufgeklärten Ereignissen, die jedoch zum Zeitpunkt des Geschehens bezüglich ihrer Hintergründe verborgen blieben. 

 

Der beschreibende sowie hypothetische Charakter des Begriffs Verschwörungstheorie ist mit den Terroranschlägen vom 11. September 2001 vollständig verloren gegangen. Von diesem Zeitpunkt an wandelte sich der Begriff zu einem Schimpfwort mit diskriminierendem Charakter. Überlegungen und kritische Fragen in Bezug zu etwas, das mit einer offiziellen, veröffentlichten Mehrheitsmeinung in Verbindung steht sind von diesem Zeitpunkt an tabuisiert. Wer sich dennoch zugesteht offizielle Verlautbarungen und von dem Mainstream der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung gelieferte Erklärungen in Frage zu stellen, muss mit öffentlicher Diskriminierung, Verächtlichmachung und allgemeiner Verurteilung rechnen.

 

Ein Wendepunkt in dieser Begriffsumdeutung stellt die Rede des damaligen US-amerikanischen Präsidenten George W. Bush vor den Vereinten Nationen (UNO) dar. Bush sagte damals nur einen Monat nach den Anschlägen wortwörtlich:

 

„Wir müssen die Wahrheit über den Terror aussprechen. Lasst uns niemals frevelhafte Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit den Anschlägen des 11. September tolerieren, boshafte Lügen, die bezwecken, die Schuld von den Terroristen selbst abzulenken, weg von den Schuldigen.“

 

Mit dieser Feststellung war eine ganz klare und unmissverständliche Vorgabe gegeben, an die sich alle zu halten hatten. Jede In-Frage-Stellung dieser vorgenommenen Erklärung bzw. Begründung würde zur Ausgrenzung führen. Bezeichnenderweise erhob Bush diese Forderung zu einem Zeitpunkt, zu dem eine eingehende Untersuchung der gesamten Ereignisse noch nicht einmal begonnen hatte. Übertragen auf einen Kriminalfall würde es bedeuten, dass der mit der Aufklärung beauftragte Kommissar, vor der Untersuchung den Täter und die Umstände der Tat bestimmt, verbunden mit der Vorgabe, dass alles davon Abweichende nicht zu tolerieren sei.

 

In genau der gleichen Situation befinden wir uns heute, wenn es darum geht Fragen im Zusammenhang mit allen Entscheidungen die Corona Krise betreffend zu stellen. Was auch immer davon betroffen sein mag, welche Aspekte oder Anteile, es sollte nicht abweichen von den offiziellen Verlautbarungen und den damit verbundenen Erklärungen und Begründungen. Selbst offensichtliche Widersprüche, Ungereimtheiten und negative Folgen, dürfen nicht dazu führen, die von den Verantwortlichen im Verbund mit den gleichlautenden Botschaften der öffentlich-rechtlichen Berichterstattung, in Frage zu stellen. 

 

Wie damals George W. Bush ganz offen davor warnte die gelieferten Erklärungen anzuzweifeln, werden wir heute ebenso offen in Stellungnahmen, seien sie geschrieben oder in Fernseh- bzw. Video-Botschaften vermittelt, aufgefordert, nur diesen offiziellen Verlautbarungen zu folgen. Es soll unter allen Umständen unterlassen werden sich alternativ zu informieren, da diese Quellen alle Ausdruck von Verschwörungstheorien seien, die nur Böses im Sinne hätten.

 

Erkennbar zugenommen hat im Verlauf der Zeit der umfassende Gleichklang der offiziellen Botschaften über die größten Teile der Medienlandschaft, sowie auch die Schärfe und Radikalität des Tonfalls bzw. der entwertenden und herablassenden Qualifizierungen Andersdenkender. 

 

Wie absurd dieses ganze Vorgehen tatsächlich ist, wird deutlich, wenn wir uns erinnern, dass Menschen, die wir heute als Vorbilder anerkennen, zum Zeitpunkt ihres Wirkens in gleicher Weise als Verschwörungstheoretiker ausgegrenzt und bekämpft wurden. Das musste Jesus von Nazaret ebenso erfahren wie Martin Luther (1483-1546) und unzählige andere bedeutende Persönlichkeiten unserer Geschichte.