Persönliches...

An dieser Stelle finden Sie persönliche Gedanken, Überlegungen und Anregungen mit unterschiedlichstem Inhalt, jedoch stets mit einem Bezug zu unserem Alltag.

 

Es handelt sich um eine Auswahl von Beiträgen. Die Gesamtheit der bisher von mir verfassten Artikel finden Sie in den beiden Büchern mit dem Titel "Psychologie für den Alltag". Im Folgenden finden Sie Beispiele aus Band 3 (siehe unten).

 

PS: Es versteht sich von selbst, dass es sich bei allen aufgeführten Beiträgen ausschließlich um subjektive Gedanken, Überlegungen und Überzeugungen handelt.


Band 1 (52 Kapitel - 304 Seiten) - Erschienen Juli 2019


Band 2 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erschienen Oktober 2019


Band 3 (52 Kapitel - 310 Seiten) - Erschienen Dezember 2019


Band 4 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erschienen Mai 2020


Leseprobe Band 4 - Kapitel 52 - Gedanken zur Liebe


Das Ergebnis von 18 Monaten Arbeit - 'Psychologie für den Alltag' Band 1 - 4 


Beispielhaft zwei Rückmeldungen zu den Büchern:

 

- „Schon immer habe ich mich gerne mit psychologischen Fragestellungen beschäftigt und davon im Umgang mit meinen Schülern profitiert. Zwar gibt es viele spezialisierte Werke über Spezialprobleme der Psychologie einerseits und sogenannte Ratgeber für den Alltag andererseits, aber die von Dir vorgestellte Beleuchtung und Erhellung vielfältiger Fragen aus unterschied-lichsten Blickwinkeln hat für mich noch eine viel höhere Qualität. Man wird zum Nachdenken und Überdenken angeregt und erhält eine Fülle wertvoller Anregungen, die tiefgründig aber auch alltagstauglich sind. Es gibt unzählige wissenschaftliche Artikel zu isolierten psychologischen Fragestellungen, meist zu abgehoben um eine größere Leserschaft anzusprechen und so füllt Dein Buch sicher eine große Lücke.“ (W. S., Oberstudiendirektor)

 

- „Mich hat der persönliche Bezug darin gefesselt und ich habe mich auf einer anderen Ebene mit dir als Autor der voran-gegangenen Beiträge verbunden gefühlt. Schön, wenn man sich als Leser so „abgeholt“ fühlt. :-) Die Spiritualität, die in jedem der drei Bände zu mir gesprochen hat, finde ich sehr inspirierend – ich selbst habe erst in den letzten ein bis zwei Jahren Erleichterung darin gefunden, bewusste und positive Gedanken zu haben und auch so zu leben. Vieles Wissenswertes, das du auf so angenehme Weise vermitteln konntest, war Neuland für mich und bestärkt mich, auf diesem Weg zu bleiben…“ (N. V., Journalistin)




20.03.2020

 

Warum lassen wir uns immer wieder täuschen?

Es war der 05. Februar 2003 als Collin Powell (geb. 1937) vor dem Weltsicherheitsrat der Vereinigten Nationen seinen wohl berühmtesten Auftritt hatte. In der Regierung von George W. Bush (geb. 1946) von 2001 bis 2009 Präsident der USA, galt er als moderater Gegenspieler des Hardliners Donald H. Rumsfeld (geb. 1932), US-amerikanischer Verteidigungsminister von 1975 bis 1977 und 2001 bis 20006. Dieser sowie der Präsident George W. Bush suchten nach einer Rechtfertigung um in den Irak einzumarschieren und Saddam Hussein (1937–2006), damaliger irakischer Staatspräsident, zu stürzen. In seiner denkenswerten Rede war Powell bemüht eine Rechtfertigung für den Sturz Saddam Husseins zu präsentieren, da er die Zustimmung der Weltgemeinschaft für das Anliegen und Vorhaben der US-amerikanischen Regierung suchte. So behauptete er an diesem Tag der Irak sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen. Hierfür präsentierte er demonstrativ ein kleines Röhren, das er in seiner rechten Hand hielt. Er hob es hoch und sagte, dass das in diesem kleinen Röhrchen befindliche Gift genüge um viele Menschen zu töten. Das Besondere dieses Auftritts war, dass alle Behauptungen von Powell wissentlich gelogen waren. Diesen Auftritt hatte er gemeinsam mit dem damaligen CIA Chef George Tenet (geb. 1953) vorbereitet. Er sagte vor dem Weltsicherheitsrat: „Wir schätzen eher konservativ, dass der Irak über etwa 100–500 Tonnen Giftstoffe für den Einsatz von Chemiewaffen verfügt.“ 

 

Im September 2005 bedauerte Powell in einem ABC-Fernsehinterview diese Rede, in der er den Weltsicherheitsrat mit später als falsch erkannten Tatsachenbehauptungen von der Notwendigkeit des Irak-Kriegs überzeugt hatte und bezeichnete sie als einen „Schandfleck“ in seiner politischen Karriere: „Ich habe das bei vielen Gelegenheiten gesagt: Ich bedauere es zutiefst, dass die von mir präsentierten Informationen teilweise falsch waren. Trotz einer Vielzahl von Quellen. Das ist ein Schandfleck in meiner Akte."

 

Dieser Auftritt von Collin Powell ist in gewisser Weise ein Musterbeispiel für eine psychologische Manipulation mit Hilfe einer suggestiv wirkenden Inszenierung. Während seiner Ausführungen zeigte er demonstrativ das Glasröhrchen mit der rechten Hand, welches er zwischen Daumen und Zeigefinger und abgespreizten restlichen Fingern festhielt. Für jeden gutgläubigen Betrachter dieser Szene war damit der letzte entscheidende Beweis erbracht, der die darauffolgende militärische Invasion in den Irak rechtfertigte. Laut einer Studie der Washington University, Johns Hopkins University und der Simon Fraser University wurden aufgrund der Kriegshandlungen 460.805 Iraker und ca. 5.000 Soldaten der sog. westlichen „Koalition der Willigen“ getötet. Sie waren damit die Opfer einer kalkulierten Täuschung und bewussten Inszenierung.

(Collin Powell vor dem Weltsicherheitsrat der UNO am 05. Februar 2003)

 

Auf einem Gemälde des niederländischen Malers Hieronymus Bosch (1450–1516), welches um 1502 entstanden ist, wird eine Szene dargestellt, in welcher ein Spieler bemüht ist leichtgläubige Menschen zum Spielen zu verführen. Während deren Aufmerksamkeit ganz auf den Spieltisch gelenkt ist, versucht ein Taschendieb bzw. ein sogenannter ‚Beutelabschneider‘ die Geldbörse eines der Beteiligten zu stehlen.

(Der Gaukler von Hieronymus Bosch – 1502)

 

Das Verbindende dieser beiden Szenen ist das kennzeichnende Merkmal eines jeden Zauberaktes: Es geht darum die Aufmerksamkeit auf etwas ganz Bestimmtes zu fokussieren um damit die Voraussetzung zu schaffen etwas Verborgenes, das nicht erkennbar oder sichtbar sein soll, zu tun. Natürlich handelt es sich hierbei um einen Akt der Unaufrichtigkeit. Jedoch ist dies die Voraussetzung für den mit der verborgenen Zielsetzung verbundenen Ablauf. Das Ganze beruht letztlich auf einer bewussten Täuschung. 

 

Erfahrungsgemäß ist die Wirksamkeit der Täuschung umso stärker je mehr der Person, von welcher die Täuschung ausgeht, Vertrauen entgegengebracht wird. Wie unterschiedlich dieses Vertrauen je nach Berufsgruppe sein kann zeigt eine Untersuchung aus dem Jahr 2019. Diese offenbart, dass der Arzt nach wie vor zusammen mit dem Feuerwehrmann an vorderster Stelle von 34 erfassten Berufen steht, wohingegen ein Versicherungsvertreter die letzte Position im Ansehen einnimmt. Mit diesem wird ganz offensichtlich das Bestreben verbunden, ‚etwas mit allen Mitteln verkaufen zu wollen‘, weshalb er vermutlich nicht wirklich aufrichtig sein wird. Ganz anders verhält es sich mit dem Vertrauen, das nach wie vor Ärzten entgegengebracht wird. Offensichtlich ist der Arzt eine Vertrauensperson, der nur das Beste für uns möchte und deshalb bestrebt sein wird, alles in seiner Macht stehende zu tun. Er ist damit eine Autoritätsperson, mit der wir Aufrichtigkeit verbinden und der wir glauben können. 

 

Welches Ausmaß und welche Auswirkung dieser Glaube an eine Autoritätsperson haben kann, hat der US–amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram (1933–1984), in seinen Experimenten 1961 nachgewiesen.  Er bat in seiner Untersuchung Versuchspersonen angeblichen anderen Testpersonen einen Elektroschock zu verabreichen. Dies, jedes Mal wenn diese im Rahmen eines Lernexperimentes einen Fehler machen würden. Die realen Versuchspersonen konnten Stromstärken von 15 bis 450 Volt verabreichen. Sie selbst konnten sich zu Beginn von der Stärke eines 45 Volt Schocks überzeugen. 

 

Das Ergebnis dieses ganzen Experiments war ernüchternd. Sofern die Versuchspersonen keine Rückmeldungen bekamen, gingen sie bei der Bestrafung bis zur stärksten Intensität der Stromschläge (450 Volt). Konnten sie die schmerzhaften Laute der angeblichen Lernenden hören, waren noch zwei Drittel der Versuchspersonen bereit auf Anweisung der Autorität des Untersuchers die stärksten Stromstöße zu verabreichen, auch wenn die Lernenden (als Opfer) bereits bei 300 Volt verstummten. Um zu überprüfen ob diese Autoritätsgläubigkeit auch heute noch in gleicher Weise vorhanden ist, wurde 2015 eine vergleichbare Untersuchung durchgeführt. Das ernüchternde Ergebnis dieser neueren Untersuchung: 90 Prozent der Versuchspersonen brachen nicht ab, sondern drückten bis zum letzten Knopf – trotz der Schmerzensschreie aus dem Nebenraum.

 

Die Aufschlüsse aus diesen ernst zu nehmenden experimentellen Studien belegen eine uns allen vertraute Alltagserfahrung. Nahezu jeder hat es im eigenen Leben an sich selbst oder auch im persönlichen Umfeld erlebt, wie groß die Bereitschaft ist, sich einem mit Autorität ausgestatteten Menschen anzuvertrauen bzw. dessen Aussagen, Empfehlungen und Anweisungen zu folgen. Das Muster welches dem zu Grunde liegt hat eine lebensgeschichtliche Grundlage und dient in gewissem Sinn als Matrix für die Bereitschaft zur Unterwerfung. Wir alle haben die Phase eines Kleinkindes durchlaufen, in der wir uns weitgehend oder auch vollständig an unseren Eltern orientiert haben. Wir waren zu diesem Zeitpunkt unseres Lebens vollkommen abhängig und ausgeliefert, somit darauf angewiesen uns auf unsere Eltern zu verlassen. Erst im weiteren Verlauf unserer Entwicklung kam es ­– mehr oder weniger erfolgreich – zu einer Separation sowie einer damit verbundenen Individuation.

 

Ist diese Entwicklung erfolgreich verlaufen, sind wir in der Lage eigenständig, unabhängig und frei zu entscheiden und zu agieren. Ist diese Entwicklung nicht in gewünschter Weise verlaufen, bleiben wir anfällig und zu einem größeren Ausmaß bereit in diese in uns genetisch und lebensgeschichtlich angelegte Abhängigkeit zurück zu fallen. Je mehr einzelne Aspekte als Anreiz vorhanden sind, die wir aus der Lebensgeschichte kennen, umso eher sind wir bereit zur ‚Regression‘ (Rückschritt) in frühkindliches Erleben. 

 

Ein solcher wesentlicher Aspekt ist das Empfinden, mit etwas ganz Unbekanntem und Außergewöhnlichen konfrontiert zu sein. Dieses Gefühl entspricht einer Phase unserer biographischen Entwicklung. Denn unsere Kindheit war an verschiedenen Stellen gerade dadurch gekennzeichnet, dass wir fasziniert, erstaunt und fassungslos bei der Konfrontation mit einem erstmals erlebten Neuen waren – welches uns dann durch unsere Eltern oder andere erwachsene Menschen, denen wir Autorität zusprachen, erklärt und nahe gebracht wurde. 

 

Auf diesen ‚sensationellen‘ Effekt greift heute noch  mit Vorliebe jede Werbung zurück („Noch nie da gewesen“; „Unvergleichbar“; „Beispiellos“; „Das Nonplusultra“). Wir tragen in bestimmter Weise ganz offensichtlich eine tiefe Bereitschaft in uns, solche Empfindungen immer wieder aufs Neue erleben zu wollen. Hierauf baut nicht nur die Werbung auf, sondern auch die Magie bzw. das Theater, das Schauspiel oder die Literatur. Die Folge der damit verbundenen Regression ist es, dass wir – ohne uns dessen bewusst zu sein – bereit sind unseren inzwischen vorhandenen und vielleicht auch geschulten kritischen und gesunden Menschenverstand aufzugeben. Tun wir das, liefern wir uns aus, verlieren unsere Bodenhaftung bzw. unser Fundament auf dem wir stehen. Wir werden beeinflussbar und damit manipulierbar.

 

Somit ist es eine stete Herausforderung nicht nur einem Versicherungsvertreter bzw. jedem Verkäufer gegenüber, eine kritische Haltung einzunehmen, sondern auch einem Arzt, Lehrer, Priester und Richter gegenüber. Erweitern wir den Kreis der Autoritätspersonen konsequent, bezieht sich das ebenso auf unsere Nachrichtensprecher, Zeitungsredakteure, Journalisten, Spezialisten des Robert Koch Instituts, Politiker, Regierungsmitglieder, Minister, die Bundeskanzlerin und letztlich den Papst. In der Tat sollte niemand davon ausgeschlossen sein, sich unserer kritischen Prüfung unterziehen zu lassen. 

 

Die Wirklichkeit in der wir leben, einschließlich der Botschaften, die wir im Verlauf unserer gesamten Sozialisation bekommen, spricht leider dagegen uns zu befähigen, in einer solchen umfassenden Weise unseren kritischen und gesunden Menschenverstand einsetzen zu können. Es hat stellenweise den Anschein als hätten wir verlernt es zu tun – sofern wir es denn je konnten. 

 

Ein weiterer ganz entscheidender Aspekt, welcher dazu beiträgt, dass es so schwer fällt eigenständig und selbstbestimmt zu agieren, ist das damit verbundene Gefühl, unter Umständen ‚aus der Reihe zu tanzen‘, was bekanntlich nicht sein darf. Wenn doch so viele – manchmal gefühlt alle – einer bestimmten Überzeugung sind, wie kann man dann davon abweichen wollen bzw. Fragen stellen, die dem 'common sense' bzw. dem 'Mainstream' entgegenstehen? 

 

In dem Film ‚Die zwölf Geschworenen‘ von 1957, lässt der US–amerikanische Regisseur, Drehbuchautor und Schauspieler Sidney Lumet (1924–2011), zwölf Geschworene in einer Art Kammerspiel nach sechs Verhandlungstagen eines Mordprozesses, über einen achtzehnjährigen Puerto–Ricaner aus den Slums entscheiden, ob dieser den ihm zur Last gelegten Mord an seinem Vater begangen hat oder nicht. Sollten sie ihn für schuldig befinden, droht dem Angeklagten die Todesstrafe durch den elektrischen Stuhl. 

(Szene aus ‚Die zwölf Geschworenen‘ – 1957)

 

Da alle Indizien gegen den Beschuldigten sprechen, scheint das Urteil nur eine formale Angelegenheit zu sein, weshalb die Geschworenen sich ohne Beratung schnell darauf einigen sofort abzustimmen. Nun zeigt sich jedoch in der ersten geheimen Abstimmung, dass einer der Geschworenen, als einziger der zwölf für nicht schuldig stimmt, während alle elf anderen für eine Verurteilung des jungen Mannes stimmen. Da nur ein einheitlicher Beschluss Gültigkeit hat, kommt es zur Diskussion und Auseinandersetzung. Diesem Geschworenen, verkörpert von Henry Fonda (1905–1982), gelingt es nun in der Folge darzustellen, warum er Zweifel hat und es sein Anliegen ist, sich nicht vorschnell von Indizien zu einem Urteil verleiten zu lassen. Im Verlauf dieser sehr dichten und intensiven Handlung, wird immer deutlicher und nachvollziehbarer, warum einzelne Geschworene zunächst die Haltung eingenommen haben, die sie zum Schuldspruch drängte. 

 

In der nachfolgenden Diskussion und Auseinandersetzung, kann der ursprünglich einzige Geschworene, der für unschuldig plädiert hatte, nach und nach alle anderen dazu bringen, ihre Wahrnehmung des Ganzen und auch ihr Urteil in Frage zu stellen und zu ändern. Wiedersprüche, Ungereimtheiten und auch Unmögliches werden im Ablauf und Geschehen der Tat erkennbar. Diese lassen es immer offensichtlicher werden, dass das Geschehen entsprechend der Anklage so nicht gewesen sein kann. Letztlich kommt es zu einem einstimmigen Freispruch.

 

Dieser Film von Sidney Lumet wurde für drei Oscars nominiert und erhielt internationale Filmpreise, u. a. den goldenen Bären der Berlinale von 1957 für den besten Film. Auch bei den Kritikern wurde er sehr positiv aufgenommen. Die mit diesem Film vermittelte Botschaft bezieht sich ohne Zweifel auf die Warnung vor schnellen Urteilen, die getragen und bestimmt sein können von Motiven, die mit dem, was es zu beurteilen gilt nichts zu tun haben. Diese Motive können in Vorurteilen liegen, eigenen Befürchtungen und Ängsten sowie Unzulänglichkeiten. Über den Verlauf der Darstellung wird sehr deutlich, wie sehr wir uns unserer menschlichen Verantwortung bewusst sein sollten und uns nach immer und überall gültigen, grundsätzlichen Werten der Humanität ausrichten sollten. 

 

Die Botschaften dieses Filmes haben an Aktualität nichts verloren, sie gelten unverändert und können in identischer Weise auf unser heutiges Leben angewendet werden. Wie schwer fällt es in der heutigen Krisensituation anlässlich der Konfrontation mit dem Corona Virus der allgemein über unsere Mainstream Nachrichten vorgegebenen Interpretation, einschließlich aller damit beschlossenen und verbundenen Maßnahmen, eine alternative Sicht bzw. ein alternatives Verständnis entgegen zu setzen. Wer sich dafür entscheidet, muss unter Umständen mit Anfeindungen und Ausgrenzung rechnen. Das ist höchst bedauerlich, sollte dennoch nicht dazu führen, abweichende Sichtweisen und Bewertungen zu verschweigen. Ohne Zweifel ist es eine Frage des Selbstverständnisses und der Aufrichtigkeit sich selbst und anderen gegenüber, die eigenen Gedanken, Überlegungen oder Zweifel zum Ausdruck zu bringen.


17.04.2020

 

Wie gesunde Menschen zu Sadisten entarten können

Adolf Eichmann (1906–1962), deutscher SS-Obersturmbannführer, leitete das Reichssicherheitshauptamt, welches die Verfolgung, Vertreibung und Deportation von Juden organisierte und somit mitverantwortlich war für die Ermordung von ca. sechs Millionen Menschen. Nachdem Adolf Eichmann ohne Abschluss vom Bundesgymnasium Linz   abgegangen war, begann er 1921 eine Ausbildung zum Mechaniker an der Höheren Bundeslehranstalt für Elektrotechnik, Maschinenbau und Hochbau in Linz. Von 1925 bis 1927 war er Verkäufer für die Oberösterreichische Elektrobau AG und anschließend bis zum Frühjahr 1933 Vertreter einer Tochterfirma von Standard Oil. Er war verheiratet (1935) und Vater von vier Söhnen. Nachdem er über viele Jahre nach Kriegsende in Argentinien sicher versteckt lebte, wurde er 1960 in einem Stadtteil von Buenos Aires festgenommen und nach Israel verbracht, wo er sich in einem denkwürdigen Prozess verantworten musste. Im Dezember 1961 wurde schließlich zum Tode verurteilt und im Mai 1962 hingerichtet.

 

Eichmann wurde nicht müde zu betonen, dass alles, was er getan habe, Ausdruck seines Gewissens gewesen sei. Er habe nur versucht dem gerecht zu werden, was er als Gebote der verinnerlichten Moral erachtete. Die Opfer, die insofern zu erbringen waren, wurden in seinem Verständnis im Namen moralischer Prinzipien erbracht. Somit beharrte Eichmann von Beginn des Prozesses bis zum Schluss darauf, dass er im juristischen Sinne unschuldig sei. Er berief sich darauf, nur den ihm gegebenen Befehlen seiner Vorgesetzten gefolgt zu sein. Da Reue nur etwas für kleine Kinder sei, sah er sich nicht veranlasst eine solche zu empfinden.

 

Solche Begründungen – nur Befehlen im Rahmen einer bestehenden Ordnung – gefolgt zu sein und somit von einer zu tragenden Verantwortung frei zu sein, hat es zu allen Zeiten der Menschheits-geschichte gegeben und sie bestehen auch heute in gleicher Weise fort. Was geschieht mit Menschen, wenn sie sich in einem bestimmten Umfeld befinden, in dem sie mit vorgegebenen Aufgaben und Funktionen betraut werden und mit der zur Durchsetzung dieser mit der notwendigen Macht ausgestattet werden?

 

Dieser Frage ging 1971 der US-amerikanische Professor für Psychologie Philip Zimbardo (geb. 1933) an der Stanford University mit Hilfe eines psychologischen Experiments nach, welches als das Stanford-Prison-Experiment in die Geschichte der Psychologie eingehen sollte. Zimbardo wollte mit diesem Experiment in Erfahrung bringen, wie Menschen sich verhalten, wenn sie mit einer entsprechenden Macht ausgestattet werden, mit der weitreichende Befugnisse verbunden sind. Wie sehr wir von frühester Kindheit darauf konditioniert werden in Gehorsam den an uns gestellten Erwartungen und Forderungen gerecht zu werden, konnte bereits der US-amerikanische Sozialpsychologe Stanley Milgram (1933–1984) in seinem bahn-brechenden Experimenten zehn Jahre zuvor 1961 nachweisen.  Er bat in seiner Untersuchung Versuchspersonen angeblichen anderen Testpersonen einen Elektroschock zu verabreichen – jedes Mal, wenn diese im Rahmen eines Lernexperimentes einen Fehler machen würden. In seinen Ergebnissen sah er den Beleg, wie sehr wir offensichtlich aufgrund unserer Sozialisation gelernt und verinnerlicht haben, im Auftrag einer wissenschaftlichen Autorität und im Namen von Gesetz und Recht, folgsam zu sein (siehe die Haltung von Adolf Eichmann). Eine Gehorsamsverweigerung steht uns als legitime Alternative des Vorgehens offensichtlich nicht zur Verfügung. 

 

Im Stanford-Prison-Experiment von Zimbardo wurden zu Beginn 24 gesunde Studenten per Münzwurf in ‚Wärter‘ und ‚Gefangene‘ unterteilt. Zimbardo ließ den Keller der psychologischen Fakultät der Stanford Universität in ein vorübergehendes ‚Gefängnis‘ umbauen. In diesem wurden die Gefangenen, die an einem Sonntagmorgen zu Hause festgenommen wurden, untergebracht. Um die Realitätsnähe überzeugend herzustellen, wurden die Gefangenen durchsucht, entkleidet, entlaust und mit Kittel und Bettzeug ausgestattet. Um sicher zu stellen, dass keine persönliche Identität bewahrt bleibt, wurden sie in der Folge nur noch mit Nummern angesprochen. Die Wärter ihrerseits trugen militärische Kleidung und Sonnenbrillen, die jeden Blickkontakt mit den Gefangenen unterbinden sollten. 

 

Die Wärter wurden mit der Macht ausgestattet alle von ihnen gewählten Mittel einzusetzen um die von ihnen vertretene Ordnung aufrechtzuerhalten. Sehr schnell entwickelte sich eine Psychodynamik, welche von massivem Machtmissbrauch gekennzeichnet war und dazu führte, dass die Wärter sich den Gefangenen gegenüber auf brutale und sadistische Weise verhielten. Nachdem immer mehr Gefangene zusammenbrachen und erhebliche Stresssymptome entwickelten, musste das Experiment nach sechs Tagen abgebrochen werden, obwohl die Dauer der Untersuchung sich ursprünglich über zwei Wochen erstrecken sollte.

 

Zimbardo schlussfolgerte aus dem Verlauf und den Ergebnissen: „Die Grenze zwischen Gut und Böse, die man einst für undurchdringlich hielt, hat sich vielmehr als recht durchlässig erwiesen.“ Des Weiteren stellte er fest: „Jede Tat, die ein beliebiger Mensch jemals begangen hat, wie grauenhaft auch immer..., ist jedem von uns möglich – unter den richtigen oder falschen situativen Umständen.“ 

 

Ein wesentlicher Faktor der Erklärung für die Dynamik, die sich sehr schnell zwischen Gefangenen und Wärtern einstellte, ist in der Anonymisierung und De–Individuation der Teilnehmer zu sehen. Durch das Tragen von gleichen Uniformen, den spiegelnden Sonnenbrillen und den Nummern der Gefangenen (statt deren Namen) ist es möglich, den Menschen hinter seiner Rolle und Funktion zurück treten zu lassen. Aufgrund dessen wird die persönliche bzw. subjektive Verantwortung im Erleben herabgesetzt oder auch gänzlich aufgehoben. Des Weiteren ermöglichen es einfache Regeln und Vorgaben das menschliche Verhalten umfassend zu steuern. Sofern sich etwas durch den Hinweis auf Vorschriften begründen lässt, scheint es gerechtfertigt und legitim zu sein. Dies umso mehr als es einem Gruppenverhalten (Wärter) entspricht, welches sich in einem Druck sich gruppenkonform zu verhalten widerspiegelt. 

 

So sehr die Wärter aufgrund der sozialen Macht, mit der sie ausgestattet wurden, begannen diese umfassend einzusetzen und diese wesentlich mehr ihre Entscheidungen und Vorgehen bestimmte als ihre primäre Persönlichkeit, so war auf der Seite der Gefangenen deren unterlegene sozialen Rolle und Position dazu angetan, sich unterwürfig und angepasst zu verhalten. Auch dies folgte einem offensichtlichen Gruppendruck.

 

Im Jahr 2004 trat Zimbardo als Sachverständiger im Rahmen eines Prozesses gegen einen ehemaligen Abu-Ghuraib-Wärter auf. Bereits zu Saddam Husseins (1937–2006) Zeit, ehemaliger irakischer Staats-präsident, war dieses Gefängnis berüchtigt aufgrund seiner Foltermethoden. In 2004 gelangten Berichte und Fotografien an die Öffentlichkeit, welche zeigten, wie US-amerikanische Soldaten und Mitarbeiter des Geheimdienstes wiederholt Insassen misshandelten, folterten und auch töteten. In seiner Rolle als Sachverständiger argumentierte Zimbardo in einem konkreten Fall – ganz entsprechend seinen Erkenntnissen aus seinem Stanford-Prison-Experiment –, das Verhalten des Angeklagten sei durch die situativen Faktoren verursacht worden.

 

Im Rahmen der durch die Corona Krise (Covid-19) von der Bundes- und den Landesregierungen beschlossenen Maßnahmen, wurden Ordnungskräfte sowie auch die Polizei mit weitreichenden, bis dahin in der Geschichte der Bundesrepublik noch nie gekannten Machtbefug-nissen ausgestattet. Im Gegenzug wurden bis dahin sicher geglaubte Grundrechte teilweise oder auch gänzlich aufgehoben. Unmerklich wurden auf diese Weise die zentralen und kennzeichnenden Merkmale des Stanford-Prison-Experiment flächendeckend auf ganz Deutschland übertragen. Wie nicht anders zu erwarten kam es in der Folge situativ und stellenweise zu Übergriffen, welche offenbarten, dass das Vorgehen der Ordnungshüter in keinem Verhältnis mehr stand zu dem gegebenen Anlass. Viele dieser Fälle sind mit Hilfe von Videoaufzeichnungen dokumentiert und in den sozialen Netzwerken aufzurufen. So z. B. die Situation eines älteren Ehepaares, das sich in einem Park auf einer Parkbank niederließ, da der ältere Mann das Bedürfnis hatte sich für einige Minuten auszuruhen. Von zwei Polizeibeamten gestellt musste sich dieses ältere Ehepaar kontrollieren lassen, wurde mit einer Ordnungsstrafe belegt und zwangsweise von dem Ort vertrieben. Legale Grundlage dieses Vorgehens war eine Verordnung, wonach es Menschen vorübergehend nicht mehr gestattet sei in der Öffentlichkeit an einer bestimmten Stelle zu verweilen. Hört man den Dialog der Videoaufnahme, so ist zu erkennen, dass die beiden Polizeibeamten in voller Überzeugung der Rechtmäßigkeit ihres Vorgehens handeln. Insofern ist in deren Stellungnahme keinerlei moralischer Zweifel erkennbar. Ganz im Gegenteil sind sie der Überzeugung den Auflagen und Vorgaben gerecht zu werden, für die sie selbst somit auch keine Verantwortung tragen.

 

Muss einem eine solche Begründung und Legitimierung des eigenen Vorgehens nicht bekannt vorkommen? Wir haben es an all solchen Stellen mit der sogenannten Gehorsamspflicht zu tun. Diese obliegt allen Bediensteten, die sich in einem öffentlich-rechtlichen Unter-stellungsverhältnis befinden. Sie hat zur Folge, dass Anweisungen, Befehle o. ä. ausgeführt werden müssen. Einen Gehorsam zu verwei-gern kann nur dann zugestanden werden, wenn nach Einschätzung des Befehlsempfängers durch die Anordnung eine Straftat begangen würde. Verweigert der Bedienstete den Gehorsam, so muss er mit der Einleitung eines gegen ihn gerichteten Disziplinarverfahrens rechnen. Das Recht auf eine moralische Abwägung ist nicht vorgesehen. 

 

Insofern entfällt jede eigene Verantwortung. Auf diesem gesamten Hintergrund lassen sich die Einlassungen von Adolf Eichmann nachvollziehen, wenn er meinte keinerlei juristische Verantwortung tragen zu müssen, hat er doch nur den ihm gegebenen Befehlen Folge geleistet. Da er zusätzlich der Überzeugung war, Reue sei nur etwas für kleine Kinder, hatte er subjektiv keinen Grund sein Vorgehen als moralisch verwerflich einzustufen bzw. es zu hinterfragen.

 

Kann das alles Ausdruck einer hochstehenden kulturellen Entwicklung einer Gesellschaft sein?

 

Ein ganz anderes Verständnis von Verantwortung offenbart Jean-Baptiste Poquelin alias Molière (1622–1673), französischer Schauspieler, Theaterdirektor und Dramatiker, wenn er sagt: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir nicht tun.“


03.05.2020

 

Die Gerechtigkeits-Illusion

Warum glauben wir, Menschen bekommen das, was sie verdienen?

„Irgendwann bekommt jeder das, was er verdient. Die einen früher und die anderen später.“ Diese Redewendung kennen viele, aber was bringt sie zum Ausdruck, ist es ein Erfahrungswert oder viel mehr Ausdruck einer Überzeugung, eines Glaubens oder eines Wunsches? 

 

Melvin Lerner (geb. 1929), US-amerikanischer Sozialpsychologe, sagte: „Wir Menschen brauchen die Überzeugung, in einer gerechten Welt zu leben.“ Grundlage dieses Glaubens ist der Wunsch in einer sicheren, stabilen und geordneten Welt zu leben. In einer solchen Welt sollten schlechte Dinge nur schlechten Menschen und gute Dinge nur guten Menschen widerfahren. Da es sich so verhält, muss es immer auch Gründe geben, warum jemand zum Opfer wird bzw. jemandem ein Unglück zustößt; entsprechend der zugrunde liegenden Überzeugung, wonach jeder bekommt, was er verdient, muss es auch irgendeine Ursache geben, warum jemand zum Opfer wurde.

 

1980 veröffentlichte Lerner sein Buch ‚The Belief in an Just World: A Fundamental Delusion‘, (Der Glaube an eine gerechte Welt: Eine grundlegende Täuschung) in welchem er seine Überzeugung darlegte, dass wir tief in uns den Glauben an eine gerechte Welt tragen. In gewisser Weise war seine Arbeit eine Fortführung und Weiter-entwicklung der Erkenntnisse des Sozialpsychologen Stanley Milgram (1933–1984). Dieser hatte mit seinen berühmten Elektroschock-Experimenten in den 1960er Jahren nachgewiesen, wie sehr wir offen-sichtlich aufgrund unserer Sozialisation doch gelernt und verinnerlicht haben, im Auftrag einer wissenschaftlichen Autorität und im Namen von Recht und Gesetz, folgsam zu sein. Eine Gehorsamsverweigerung steht uns als legitime, uns zustehende Alternative des Vorgehens scheinbar nicht zur Verfügung. 

 

Lerner wollte verstehen, warum autoritäre Regime, die für die Unterdrückung und das Leiden von unzähligen Menschen verantwort-lich sind, dennoch die Zustimmung und Unterstützung von großen Teilen der Bevölkerung genießen. Ebenso wollte er der Frage nachgehen, warum Menschen Verordnungen und Gesetze gutheißen, deren Folge Armut und Leid sind. Im Verlauf seines Studiums konnte er beobachten, wie Kollegen – obwohl er sie als verständnisvoll und einfühlsam erlebte – dazu neigten, psychisch Kranke für deren Zustand und Erkrankung selbst verantwortlich zu machen. „Es wird schon Gründe haben, die in diesen Menschen selbst liegen, warum sie jetzt so krank sind“ war die Überzeugung die dieser Haltung zugrunde lag. Die gleiche Art der Rationalisierung und intellektuellen Begründung fand er bei Erklärungen über die Armut von Menschen, wonach sie sicher nicht unschuldig seien an ihrem eigenen Leid. 

 

In Untersuchungen bei denen per Zufall von zwei Personen eine ausgewählt wurde, die eine Belohnung bekam, konnte er feststellen, dass die Beobachter der Belohnung sich mehrheitlich mit dem Belohnten identifizierten und die vorgenommene (zufällige) Belohnung nachtäglich als durchaus gerechtfertigt erklärten. Aufgrund all dieser Beobachtungen kam Lerner zur Entwicklung seiner Überzeugung, wonach wir tief in uns verankert einen Glauben an eine ‚gerechte Welt‘ tragen. Die Folgen dieser uns bestimmenden ‚Gerechtigkeits-Hypo-these‘ sind beträchtlich, da sie uns dazu veranlassen, Ungerechtigkeit, Leid und Schmerz als berechtigt und angemessen zu akzeptieren, sowie die dafür verantwortliche Obrigkeit, in Form unserer politischen Repräsentanten, von Schuld und Verantwortung frei zu sprechen. Sie werden unter Umständen auch im Nachhinein mit einer Zustimmung in ihren Entscheidungen und Handlungen legitimiert. 

 

Wenn jemandem Leid zustößt, muss etwas vorliegen, was dieses Leid rechtfertigt, demzufolge kann es kein Zufall sein, dass geschieht, was geschehen ist. Der Zufall wird in diesem Verständnis ebenso ausgeschlossen wie die nicht rechtmäßigen oder verwerflichen Motive bei den Verantwortlichen. Diese zugrundeliegende Haltung offenbart ein trügerisches Gefühl, sich in guter Obhut zu befinden und sich in seinem Denken und Verstehen von einem tief verankerten Gefühl des Vertrauens leiten lassen zu können. Die individuelle, biographisch bedingte Vorlage tragen wir ohnehin alle in uns, da wir alle die Phase des Kleinkindes durchlebt haben, in welcher wir uns ganz an die Vorgaben unserer Eltern angelehnt haben und in vollem Vertrauen der Überzeugung waren, dass alles, was sie tun zu unserem Besen ist. Erst in der entwicklungsgeschichtlich wichtigen Trotzphase lernen wir aufzubegehren, uns zur Wehr zu setzen und nicht alles hinzunehmen. Wird diese natürlicherweise in unserer Entwicklung überwunden, kommt es zu einer weitgehenden Anpassung. Erst in der Pubertät kommt es erneut zum Aufstand. Entscheidend für unser gesamtes Leben ist es, in welcher Weise wir diese jeweiligen Phasen durchlaufen. Wünschenswerter Weise sollten wir einen guten Mittelweg zwischen Anpassung, Konformität und Akzeptanz gültiger Normen sowie dem Streben nach persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung finden. 

 

Über unsere Sozialisation lernen wir jedoch, dass wir vor allem dann Zuspruch und Belohnung erfahren, wenn wir uns anpassen und uns konform zu den uns vorgegebenen Erwartungen, Normen und Regeln verhalten. In gewisser Weise unterliegen wir diesbezüglich einer unmerklichen über viele Jahre wirksamen Konditionierung, so dass der Gehorsam zu einem in uns angelegten automatisierten Verhaltens-muster wird. 

 

In einer 1965 durchgeführten Studie konnte Lerner nachweisen, dass Studenten auf die Nachricht, wonach einer ihrer Kommilitonen im Lotto gewonnen habe, mit einer Rationalisierung reagierten. So vermuteten sie der Gewinner habe sicher zielstrebiger und motivierter gelernt, so dass er den Preis verdient habe. Eine solche Art der nachträglichen Rechtfertigung kennen wir jedoch auch im Zusammenhang mit Verbrechen und Gewalttaten. Auch diese erfahren im Nachhinein eine Legitimation, so dass der tatsächliche Stellenwert sich vom Negativen zu einem Positiven verwandelt. 

 

Inzwischen gibt es sehr viele Ereignisse in unserer Geschichte, welche dieses Vorgehen dokumentieren. Als beispielhaft kann der Vorfall benannt werden, der sich am 12. Juli 2007 im Irak ereignet hat. In einem nachträglich durch Wikileaks veröffentlichten Video, welches durch eine Bordkamera eines US-Helikopter aufgenommen wurde, war zu sehen, wie zwei Kampfhubschrauber 2007 im Irak eine Gruppe von Zivilisten angreifen und töten - ohne sichtbare Provokation von deren Seite. Während der Attacke machten die Piloten zynische Witze über ihre Opfer. Die Folge dieses Angriffs war der Tod eines Dutzend Zivilisten, die im Feuer der Apache-Helikopter starben (unter den Opfern auch zwei Reporter von Reuters). Die aufgenommenen Dialoge waren bezeichnend: "Schau diese toten Bastarde", ist einer der US-Soldaten zu hören. "Hübsch", antwortet ein anderer, "Gut geschossen."

 

Die Reaktion auf eine solche Veröffentlichung besteht zunächst in einer Betroffenheit und Bestürzung, wandelt sich jedoch bei einer großen Mehrheit merklich und recht bald um im Sinne einer Rationalisierung, wonach die Opfer sicher nicht ohne Schuld sind und das Vorgehen letztlich eingebettet ist in ein Bemühen um Sicherheit, Ordnung und Frieden. Die zynischen Kommentare werden als Ausdruck der Belastung und des Stresses interpretiert, dem die Militärs ausgesetzt sind. 

 

Bezeichnenderweise rücken in der Folge zunehmend diejenigen in den Blickpunkt des Interesses, die für die unerlaubte Veröffentlichung dieses Videos verantwortlich sind. Es wird gefragt, ob diese durch ihr Vorgehen nicht bewusst und willentlich dazu beitragen würden, den guten Ruf und die ehrenhaften Motive der US-amerikanischen Regierung bzw. ganz Amerikas zu beschädigen. Letztlich werden schlussendlich diejenigen, die ein Verbrechen gegen die Menschheit aufgedeckt haben, zu den eigentlichen Verbrechern, die zur Rechenschaft gezogen werden müssen und mit einer harten Strafe zu belegen sind. 

 

Wir können an diesem Beispiel erkennen, wie stark diese tief verankerten Überzeugungen, in einer grundsätzlich gerechten Welt zu leben, geführt von verantwortungsvoll und aufrichtigen Persönlich-keiten, denen ausschließlich das Wohlergehen der Menschen am Herzen liegt, in uns verankert sind. Sie bestimmen unser Denken, Empfinden und Bewerten bezogen auf alles, was wir erleben. Unsere Bereitschaft uns diesem ‚naiven‘ und realitätsfernen Gerechtigkeits-glauben zu überlassen, macht uns unfähig die tatsächlich gegebenen Gefahren, einschließlich der Manipulationen, sowie der diesen zugrunde liegenden verwerflichen und unmoralischen Motive zu erkennen. 

 

In der Analogie können wir uns jemanden vorstellen, der sich an einen Pokertisch setzt um sich am Spiel zu beteiligen, jedoch der tiefen Überzeugung ist, dass es an diesem Spieltisch und bei diesen beteiligten Spielern ausschließlich fair und gerecht zugeht. Er sieht keinerlei Veranlassung an der Integrität und Aufrichtigkeit des Ganzen zu zweifeln. Infolge dessen wird er alles, was sich ereignen wird, in diesem Kontext erklären, selbst wenn er alles verlieren sollte, wird er der Überzeugung sein, dass das aufgrund des Spielverlaufs gerechtfertigt ist.

 

Wie sehr diese Art des ‚Irrglaubens‘ uns nach wie vor weltweit bestimmt, können wir an dem Verlauf der Corona Krise erkennen. Im Verlauf dieser wurden weltweit Verordnungen, Gesetztes-Vorlagen und endgültige Gesetze verabschiedet, die mit massiven Einschränkungen bzw. dem Aufheben von Grundrechten verbunden waren. Dies ohne, dass dafür eine nachvollziehbare und einer fundierten wissenschaftlichen Prüfung standhaltende Grundlage gegeben war. Ausschließlich die bewusst von den Verantwortlichen im Zusammenspiel mit den Mainstreammedien erzeugte Angst und Panik sollte als Grundlage dienen. Die nach-gewiesenen und erkennbaren Zusammenhänge zwischen Politik, Wirtschaft und privaten Interessen sollten bei der Bewertung der Maß-nahmen unberücksichtigt bleiben.

 

Auch in diesem ganzen Kontext können wir bei Millionen von Menschen erkennen, dass deren Beurteilung und Bewertung unverändert dem ‚Gerechtigkeitsglauben‘ folgt, wonach wir doch in einer grundsätzlich guten und gerechten Welt leben, geführt von aufrichtigen und moralisch integren Persönlichkeiten, die nichts anderes im Sinn haben und im Herzen tragen, als unser aller Wohlergehen. 

 

Auf diesem gesamten Hintergrund bleibt zu hoffen, dass die Worte von Abraham Lincoln (1809–1865), 16. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, sich bewahrheiten werden: 

 

„Man kann einige Menschen die ganze Zeit und alle Menschen eine Zeit lang zum Narren halten; aber man kann nicht alle Menschen allezeit zum Narren halten.“