Persönliches...

An dieser Stelle finden Sie persönliche Gedanken, Überlegungen und Anregungen mit unterschiedlichstem Inhalt, jedoch stets mit einem Bezug zu unserem Alltag.

 

Es handelt sich um eine Auswahl von Beiträgen. Die Gesamtheit der bisher von mir verfassten Artikel finden Sie in den beiden Büchern mit dem Titel "Psychologie für den Alltag". Im Folgenden finden Sie Beispiele aus Band 3 (siehe unten).

 

PS: Es versteht sich von selbst, dass es sich bei allen aufgeführten Beiträgen ausschließlich um subjektive Gedanken, Überlegungen und Überzeugungen handelt.


Band 1 (52 Kapitel - 276 Seiten) - Erschienen Juli 2019


Band 2 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erschienen Oktober 2019


Band 3 (52 Kapitel - 310 Seiten) - Erschienen Dezember 2019


Leseprobe Band 3 - Kapitel 49 - Können wir von Spielfilmen lernen?


Beispielhaft zwei Rückmeldungen zu den Büchern:

 

- „Schon immer habe ich mich gerne mit psychologischen Fragestellungen beschäftigt und davon im Umgang mit meinen Schülern profitiert. Zwar gibt es viele spezialisierte Werke über Spezialprobleme der Psychologie einerseits und sogenannte Ratgeber für den Alltag andererseits, aber die von Dir vorgestellte Beleuchtung und Erhellung vielfältiger Fragen aus unterschied-lichsten Blickwinkeln hat für mich noch eine viel höhere Qualität. Man wird zum Nachdenken und Überdenken angeregt und erhält eine Fülle wertvoller Anregungen, die tiefgründig aber auch alltagstauglich sind. Es gibt unzählige wissenschaftliche Artikel zu isolierten psychologischen Fragestellungen, meist zu abgehoben um eine größere Leserschaft anzusprechen und so füllt Dein Buch sicher eine große Lücke.“ (W. S., Oberstudiendirektor)

 

- „Mich hat der persönliche Bezug darin gefesselt und ich habe mich auf einer anderen Ebene mit dir als Autor der voran-gegangenen Beiträge verbunden gefühlt. Schön, wenn man sich als Leser so „abgeholt“ fühlt. :-) Die Spiritualität, die in jedem der drei Bände zu mir gesprochen hat, finde ich sehr inspirierend – ich selbst habe erst in den letzten ein bis zwei Jahren Erleichterung darin gefunden, bewusste und positive Gedanken zu haben und auch so zu leben. Vieles Wissenswertes, das du auf so angenehme Weise vermitteln konntest, war Neuland für mich und bestärkt mich, auf diesem Weg zu bleiben…“ (N. V., Journalistin)


Auswahl einiger Beiträge aus Band 3:

durch Anklicken kommen Sie direkt auf den Beitrag! -

weitere Beiträge auf Blog Seite 1 (Klick hier)

Blog Seite 2 (Klick hier).

 

(1) 10.10.2019

Kann man auch großherzig sein, wenn man wenig besitzt? 

 

(2) 12.10.2019

Das Problem mit dem Stolz

 

(3) 15.10.2019

Das Gute im Schlechten

 

(4) 24.10.2019

Intensität, was ist das? Brauchen wir sie?

 

(5) 26.10.2019

Am Ende wird alles gut werden

 



10.10.2019

 

1. Kann man auch großherzig sein, wenn man wenig besitzt?

Vor vielen Jahren konnte ich zufällig spät im Abendprogramm eines dritten Fernsehprogramms einen Beitrag sehen, in welchem eine jüdische Überlebende eines Konzentrationslagers, über ihre Erfahrungen und Erlebnisse aus der Zeit ihrer Gefangenschaft sprach. Leider erinnere ich ihren Namen nicht mehr, jedoch weiß ich noch, dass sie sehr zerbrechlich, liebevoll und von tiefen menschlichen Werten geprägt wirkte. Sie war zum Zeitpunkt des Gesprächs bereits über 90 Jahre alt. Sie erzählte, dass außer ihr selbst, ihre ganze Familie im Konzentrationslager in den Gaskammern ermordet wurde. An den letzten erlebten Augenblick mit ihrer jüngeren Schwester erinnerte sie sich. Sie musste sich von dieser kurz vor der Gaskammer stehend für immer verabschieden. Von diesem letzten gemeinsamen Augenblick erzählte sie. Ihre Schwester stand nackt und kahlgeschoren vor ihr, schaute sie zum letzten Mal traurig und liebevoll an und sagte zu ihr: „Du hast mir immer Mut gemacht, du hast mir immer in allen Situationen etwas Schönes gesagt, jetzt, wo man mir alles genommen hat, stehe ich so vor dir, was wirst du mich jetzt noch sagen können?“. Sie erinnere sich heute noch an den Blick ihrer Schwester, als dieser ihr das gesagt habe. Sie habe sie angeschaut, habe sie angelächelt und ihr gesagt: „Was ich dir jetzt noch sagen kann ist, dass du wunderschöne Augen hast.“ Nachdem sie ihrer Schwester dieses in dieser Situation gesagt hatte, habe sie ein letztes Mal das ihr so sehr vertraute Lächeln und den Dank in deren Augen erkennen können.

 

Ich habe diese Erzählung bis heute nicht vergessen, auch wenn sie sehr traurig ist, beinhaltet sie doch eine ganz wichtige und grundlegende Botschaft. Offenbar können wir in allen Situationen, die das Leben mit sich bringen kann, einen Weg finden, jemandem etwas Gutes zukommen zu lassen, auch wenn es noch so ausweglos und unmöglich zu sein scheint. Wir müssen nicht viel besitzen, vielleicht müssen wir auch gar nichts besitzen um jemandem Gutes zu tun und ihm von Herzen etwas Tröstliches, Liebevolles und Schönes zukommen zu lassen. Leider lassen wir uns häufig zu sehr bestimmten von der Überzeugung, dass das, was wir geben einen ganz besonderen Wert haben sollte. „Ich kann doch nicht einfach nur...“ lautet häufig die Begründung, um dann etwas nicht zu tun bzw. nicht zu geben, so als sei das ‚Nichts‘ besser als ein ‚kleines Etwas‘. Eine solche Haltung ist bedauerlich, da sie weniger mit dem, den es als möglichen Empfänger betrifft etwas zu tun hat, als mit dem, der geben könnte - es aus besagten Überlegungen jedoch nicht tut. 

 

Welchen Stellenwert hat dann eine im Nachhinein bekundete Begründung, warum etwas nicht getan wurde, sich jemand nicht gemeldet hat, keinen Gruß mitgeteilt hat oder keine Geste der Anerkennung, Zuwendung oder auch des Dankes gezeigt hat. Großherzigkeit hat weniger zu tun mit materiellem Wohlstand als mit einer inneren Haltung, welche Ausdruck zugrunde liegender humaner Werte ist. Diese bestehen aus Wertschätzung, Achtsamkeit, Respekt, Großzügigkeit, Nächstenliebe, die alle letztlich Ausdruck eines edlen Charakters sind. Ist ein Mensch von diesen Eigenschaften erfüllt und lässt dies in seinem Verhalten anderen gegenüber erkennen, können wir von einer Seelengröße sprechen, die ihn auszeichnet. Genügsamkeit, Demut und Dankbarkeit bestimmen sein Denken, Fühlen und Handeln. Das, was einen solchen Menschen ausfüllt ist positive Energie. Da er diese edle Gesinnung seiner Seele nach außen trägt, leistet er auf diese Weise einen wertvollen und positiven Beitrag zum Guten in dieser Welt.

 

Das alles hat mit Gefühlen des Neids, der Selbstsucht und Anmaßung, nichts zu tun. Ebenso wenig mit dem Streben nach Macht, Bereicherung, prunkvoller Anerkennung, kleinlichem und niederträchtigem Handeln. Leider ist die Welt, in der wir leben an sehr vielen Stellen von Botschaften gekennzeichnet, welche die Selbstsucht, Selbstgefälligkeit und Selbstbezogenheit als erstrebenswert darstellen (Erinnern wir uns an die Werbung: „Geiz ist geil.“). Insofern sind wir stets der Versuchung ausgesetzt, uns an solchen primitiven Werten auszurichten, statt an den Werten, die zu einer Veredlung unserer Seele und einer Erhöhung unseres Charakters beitragen würden. 

 

Das alles erinnert mich an die Geschichte des indischen Bauern, der eines Nachts einen Traum hat, in dem er sich sieht, wie er am Ufer eines Flusses in der Nähe seines Hauses einen sehr großen überaus wertvollen Edelstein auf dem Boden liegend findet, der ihm damit schlagartig materiellen Wohlstand beschert, indem er ihn zu einem reichen Menschen macht. Am nächsten Morgen erwacht, macht er sich sofort auf den Weg zum Fluss, auf die Suche nach dem Edelstein. Er wandert das Ufer des Flusses in der Nähe seines Hauses auf und ab auf der Suche nach dem Edelstein, geht alle Stellen wiederholt ab, die er in seinem Traum gesehen hat. An einer Stelle des Ufers sitzt ein buddhistischer Mönch, der ihn die ganze Zeit über beobachtet, bis er ihn letztlich anspricht und ihn fragt, was ihn denn so beunruhige, ob er etwas verloren habe, das er suche. Der Bauer, erschöpft von der Suche, erklärt ihm seinen Traum und schildert ihm, dass er gern den Edelstein finden wolle. Daraufhin hebt der auf dem Boden sitzende Mönche seine Kleidung und sagt: „Meinst du diesen Stein hier?“ Zum Vorschein kommt ein überaus großer Edelstein, der von der Bekleidung des Mönches bis dahin verdeckt war. „Ja, genau diesen habe ich in meinem Traum gesehen.“, sagt der Bauer. Der Mönch sagt ihm daraufhin, er könne ihn gerne haben, denn er brauche ihn nicht. Tatsächlich nimmt der Bauer den Edelstein dankend an und rennt nach Hause. Nun beginnt er sich zu überlegen, wo er ihn am besten verstecken könne.  

 

Nachdem der Bauer, ganz unerwartet, einen sehr unruhigen Tag und eine noch viel unruhigere Nacht verbracht hat, rennt er am nächsten Morgen wieder mit dem Edelstein zum Ufer des Flusses. Wieder sitzt der Mönch an der gleichen Stelle. Dieser fragt den Bauern: „Was ist, fühlst du dich nicht gut, bist du nicht zufrieden mit deinem wertvollen Edelstein?“. Der Bauer antwortet ihm: „Nein, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, da mir plötzlich bewusst wurde, dass du etwas viel wertvolleres besitzt, als diesen großen Edelstein.“ Der Mönch fragt: „Ach ja, und was meinst du ist das?“; worauf hin der Bauer ihm antwortet: „Es ist deine Fähigkeit, ihn einfach wegzugeben, ihn gar nicht haben zu wollen, ganz frei davon zu sein, ihn besitzen zu wollen. Ich wünsche mir, dass du mich lerhst das auch zu können.“

 

Zeigt diese schöne Geschichte in einer Analogie nicht sehr deutlich, was der wahre Wert ist, den wir anstreben sollten? Einen edlen Charakter als Ausdruck einer Seelengröße können wir uns nicht durch materiellen Wohlstand erwerben und ebenso wenig durch einen erlangten Reichtum kaufen. Wir können ihn anstreben und aus tiefer Überzeugung versuchen ihn in unserem Alltag zu leben. Tun wir das, zeigen wir unser Bemühen ihn zu kultivieren. Je mehr wir uns darin üben, umso mehr wird es uns auch gelingen, die damit verbundene Großherzigkeit zu erlangen. 

 

Wenn wir uns auf einer Wiese befinden, die überfüllt ist mit Kleeblättern, können wir sehr aufmerksam schauen, ob es uns gelingt ein vierblättriges Kleeblatt zu finden. Wir werden feststellen können, dass dies u. U. sehr schwer sein kann, denn wir müssen erkennen, dass es sehr selten ist und somit auch sehr lange dauern kann, bis wir endlich eines finden. Vergleichbar ist es mit diesen ‚edlen‘ Charakteren von Menschen. Leider gibt es sie in dieser Ausprägung nicht sehr oft, auch diese müssen wir lange suchen, um sie zu finden. Dennoch, wenn wir jemanden gefunden haben, jemanden in unserem persönlichen Leben kennen lernen konnten, dem wir diesen Seelenzustand zusprechen würden, haben wir das Glück diesen Menschen uns zum Vorbild nehmen zu können. So wie der Bauer erkannt hat, was er von dem Mönch lernen könnte, können wir erkennen, was wir von einem Menschen lernen können, der uns in seinem Sein und Tun diesbezüglich ein Vorbild sein kann.

 

Es ist nicht unwahrscheinlich, dass jeder von uns in seinem Leben die Gelegenheit hatte, einen oder wenige solcher Menschen kennen zu lernen. Auch wenn es jemand ist, der sich nur in einer Annäherung mit einem solchen Menschen vergleichen lässt, kann das als Möglichkeit der Orientierung für uns schon sehr hilfreich und sinnvoll sein. In meinem Leben hatte ich das Glück, einem solchen Menschen begegnet zu sein. Dies war für meine eigene Entwicklung von großer Bedeutung. 

 

Selbst im Rahmen meiner psychotherapeutischen Praxis war es mir im Verlauf der vielen Jahre auch ein Privileg Menschen – wenn auch eher selten – erleben können, die sich durch einen sehr feinen und sehr edlen Charakter auszeichneten und insofern mir selbst, als deren Psychotherapeut, auch als Beispiel dienen konnten, aufgrund ihres Großmutes, ihrer Würde und Erhabenheit. Das Problem dieser Menschen war es, dass sie, aufgrund ihrer Bescheidenheit und überaus selbstkritischer Haltung, selbst nicht erkennen und zulassen konnten, welchen Wert sie in sich tragen. Ich habe solche Menschen für mich immer verstanden als ‚Rohdiamanten‘, deren Glanz und Schönheit noch nicht sichtbar zum Ausdruck kam. An diesen Stellen und in solchen psychotherapeutischen Prozessen habe ich mich meist viel mehr als ‚Diamantenschleifer‘ verstanden, denn als Psychotherapeut – wohlwissend, dass auch diese Art der Arbeit eine Facette des Selbstverständnisses eines Psychotherapeuten sein kann und darf.

 

Wenn wir zurückkehren zu der in der Überschrift gestellten Frage, ob man auch großherzig sein kann, wenn man wenig besitzt, können wir mit aller Ruhe, Gelassenheit und Festigkeit sagen, ja, selbstverständlich ist das möglich. Unter Umständen genügt es bereits in die Augen eines Menschen zu schauen.

 

Schauen wir tief in die Augen eines Menschen, können wir seinen Bewusstseinszustand erkennen. Da alles, was wir erschaffen, aus unserem Bewusstsein heraus entsteht, sind alle materiellen und immateriellen Zustände letztlich immer auch ein Ergebnis von unserem Bewusstsein. Alles, was wir tun oder je getan haben, ist Ausdruck unseres Denkens und Empfindens. Sind wir bestimmt von negativen Energien, wie Neid, Eifersucht, Ärger, Wut, Aggressionen oder Hass, sind diese Gefühle immer auch Ausdruck unseres Bewusstseins. Dieses wird sich in unserem nonverbalen Ausdrucksverhalten – Körperhaltung, Gestik und Mimik – vermitteln. Wir tragen somit über viele Signale unsere innere Haltung in die Welt hinaus.

 

Die Augen sind der Spiegel unserer Seele, eine weit in unsere Geschichte zurückreichende Feststellung, die wir alle kennen und die wir, aufgrund der eignen Lebenserfahrung, sicher auch bestätigen können. Insofern können wir sicher davon ausgehen, dass sich auch die Güte, das Edle und Großherzige eines Menschen als authentischer Ausdruck seiner Seele in seinen Augen widerspiegeln wird. Schauen wir in solche Augen, erkennen wir in ihnen diese Botschaft, können wir uns wertgeschätzt und dankbar fühlen sowie das Bedürfnis empfinden, Gleiches zurückgeben zu wollen. Auf diese Weise können wir zum Kreislauf positiver Energien auf dieser Erde beitragen.

 


12.10.2019

 

2. Das Problem mit dem Stolz

 

„Der edle Mensch ist zu großmütig, um stolz zu sein. Der Gemeine ist zu stolz, um großmütig zu sein.“ (fernöstliches Sprichwort)

 

"Die wohlfeilste Art des Stolzes hingegen ist der Nationalstolz. Denn er verrät in dem damit Behafteten den Mangel an individuellen Eigenschaften, auf die er stolz sein könnte, indem er sonst nicht zu dem greifen würde, was er mit so vielen Millionen teilt.“

(Arthur Schopenhauer, 1788-1860, deutscher Philosoph)

 

"‘Deutschland, Deutschland über alles‘, ich fürchte, das war das Ende der deutschen Philosophie...“. 

 

(Friedrich Wilhelm Nietzsche, 1844-1900, deutscher Philosoph, Essayist, Lyriker und Schriftsteller)

 

Stolz ist definiert als ein starkes Empfinden der Zufriedenheit, der Achtung bzw. Hochachtung sich selbst gegenüber. Jedoch auch einer Gruppe, Population oder ganzen Nation gegenüber, der man sich zugehörig fühlt. Der Stolz kann sich auf die Leistung beziehen, die man vollbracht hat und welcher ein ganz besonderer, herausragender Stellenwert zugesprochen wird. Als Gefühlsqualität wird der Stolz zu den Empfindungen gezählt, die mehr unserer genetischen Disposition zugesprochen werden, als dass sie Ausdruck einer Sozialisation wären - wobei dies durchaus zu hinterfragen ist.

 

Das mit dem Bekunden des Stolzes verbundene Non-verbale Ausdrucksverhalten, lässt sich über viele unterschiedliche Kulturen in gleicher Weise erkennen und beschreiben. Es ist gekennzeichnet durch eine deutlich aufrechte Körperhaltung („ich bin überragend“), einem zurückgelegten Kopf, der den Kehlkopf hervortreten und offen erscheinen lässt („ich habe keine Angst vor einem Angriff bzw. Zubiss in den Hals“), zugleich sind die Arme vom Körper weit weg gestreckt in einer ausladenden Geste („mir gehört die Welt“). 

 

Für die römisch-katholische Kirche ist Stolz bzw.  Hochmut, oder auch Überheblichkeit, die erste von sieben Hauptsünden. Für Thomas von Aquin (1225-1274), italienischer Dominikaner, Philosoph und Theologe, war Stolz eine Wurzelsünde, die über den Hauptsünden stand.

 

Meine eigenen frühesten Erinnerungen in Verbindung mit Stolz beziehen sich auf die frühkindlichen Erfahrungen und Erlebnisse in Frankreich, Italien und anschließend auch in Deutschland. In einer seltsam anmutenden Vergleichbarkeit war ich in den ersten 15 Lebensjahren viele Male konfrontiert mit Bekundungen des Nationalstolzes, welche mir sowohl von Gleichaltrigen als auch von Erwachsenen entgegen gebracht wurden. Tatsächlich war es auch verbunden mit einer Aufforderung mich bekennen zu sollen. Damals konnte ich dieses Ganze nicht wirklich einordnen, heute verstehe ich, dass es durch meinen damals - auch an meinen sprachlichen Problemen – erkennbaren multikulturellen Hintergrund lag. In Frankreich sollte ich mir bewusst machen, dass ich ein Teil der ‚Grande Nation‘ (Großen Nation) bin, in Italien hieß es ‚Prima Italia‘ (Italien zuerst) und in Deutschland ‚Deutschland über alles‘. Ich erinnere mich noch sehr gut, wie unwohl ich mich in solchen Situationen fühlte und wie wenig ich nachvollziehen konnte, warum ich mich in einer solchen Weise entscheiden und identifizieren sollte. Das für mich Gemeinsame an diesen Bekundungen war, dass mit dem Bekennen zu der eigenen Nation, zugleich eine Verachtung und Entwertung für die anderen Nationen verbunden war. Kennzeichnend waren die vergleichbaren jeweiligen Bezeichnungen für die Anderen (die Franzosen als ‚Froschfresser‘ ; die Italiener als ‚Spagettifresser‘ und die Deutschen als  ‚Bosch‘ oder ‚Krauts‘).  

 

Diese Art des ‚Stolzes‘ war damit verbunden, durch die eigene Aufwertung, sich über andere zu erhöhen. In dieser Selbsterhöhung, war die Herabwürdigung der anderen enthalten. Auch heute können wir das gleiche als Haltung und Überzeugung an vielen Stellen auf der politischen Ebene erkennen. An vorderster Stelle zu nennen ist hier der amerikanische Präsident Donald Trump (geb. 1946), dessen politischer Slogan ‚Amerika First‘ zu einem Glaubensbekenntnis mutiert ist und nicht nur maßgeblich die amerikanische Politik, sondern auch die Weltpolitik prägt. An diesen Stellen wird diese Art des nationalen Stolzes zu einer Tugend erhoben, die eigene Überheblichkeit mit der damit verbundenen Herabstufung von anderen Nationen zum Kulturgut erklärt. Bei kritischer Betrachtung fällt es schwer, diese Haltungen und Überzeugungen zu bagatellisieren, da sie nachweislich die Grundlage für Auseinandersetzungen, Streitigkeiten und letztlich auch Kriege bieten. Ein solcher Stolz trägt stets auch etwas Ausschließendes in sich, insofern als es Menschen gibt, die einbezogen werden, da sie dazu gehören und zugleich andere Menschen, die ausgeschlossen werden, da sie per Definition nicht dazu gehören.

  

Diese Art von Stolz mit der ihm zugrunde liegenden Haltung hat nichts mit dem Begriff der ‚Menschheitsfamilie‘ zu tun, wie er von Daniele Ganser (geb. 1972), schweizer Historiker und Friedensforscher, verwandt wird. Bei ihm heißt es: ‚Wir waren einfach nur eine Menschheitsfamilie bevor uns die Religion trennte, die Politik uns separierte und das Geld uns teilte.‘ (In Anlehnung an ein Zitat von Tupac Shakur 1971-1996, US-amerikanischer Rap-Musiker). Vergleichbar sind die Aussagen von Dalai-Lama (geb. 1935), Buddhistischer Mönch und Friedensnobelpreisträger, wenn er sagt: "Vielleicht wäre es besser, wenn wir gar keine Religionen mehr hätten. Alle Religionen und alle Heilige bergen ein Gewaltpotential in sich. Deshalb brauchen wir jenseits aller Glaubensvorschriften zuallererst geltende Moralvorstellungen, eine Ethik. Gerne auch eine säkulare [nicht kirchliche] Ethik."

 

Wenn wir diesen bisher dargestellten Kontext sehen, in welchem der Begriff Stolz seine Anwendung findet, dürfen wir berechtigterweise Zweifel haben, ob es sinnvoll ist ihn in dieser Weise anzuwenden und ob wir die mit ihm verbundenen Auswirkungen im Denken, Fühlen und Handeln für erstrebenswert erachten sollten.

 

Wie verhält es sich nun mit dem Begriff und seiner Anwendung auf das eigene konkrete alltägliche Leben? Ableitend aus den Erkenntnissen bezogen auf den Nationalstolz, können wir jeden Stolz, welcher mit einem Merkmal verbunden ist, das lediglich Ausdruck einer Identifikation ist, zu dem wir jedoch außer einem Bekenntnis keinen Beitrag geleistet haben, als fragwürdig bezeichnen (z. B. „Ich bin stolz 1,90 groß zu sein“; „...stolz blonde Haare zu haben“; „...stolz Bayern München Fan zu sein“; „...stolz in Hamburg geboren zu sein“; usw.). Ein Merkmal als solches wird als etwas Besonderes hervorgehoben, was jeden, der Träger dieses Merkmals ist ebenfalls zu etwas Besonderem macht. Es handelt sich hierbei um Merkmale, die auf einen Einzelnen von außen zukommen. Vergleichbar der äußeren Erscheinung eines Menschen, wovon wir dann auf das Innere schließen. Dies ist z. B. auch der Sinngehalt der Redewendung „Kleider machen Leute“. So lautet eine Novelle des Schweizer Dichters Gottfried Keller (1819-1890), die erstmals 1874 im zweiten Band der Novellensammlung ‚Die Leute von Seldwyla‘ erschienen ist. Sie diente als Vorlage für Filme und Opern. In dieser Novelle verkleidet sich ein armer Mensch als reicher Mann, was zur Folge hat, dass alle ihn bewirten.

 

Auch wenn ein solches Merkmal zunächst nur äußerlich ist, bekundet sich in der Identifikation damit bzw. der Anerkennung dieses Merkmals als solches, etwas über den Träger, umso mehr, wenn er einen damit verbundenen Stolz bekundet. In dieser Qualität bekommt der Stolz, wie auch weiter oben bereits in Verbindung mit dem Nationalstolz beschrieben, den Charakter einer negativen Besetzung, da er in solchen Fällen dazu neigt mit Überheblichkeit und Anmaßung einherzugehen. 

 

Anders verhält es sich, wenn der Stolz als Gefühlsqualität sich auf die eigenen, erbrachten Leistungen, erworbenen und erarbeiteten Fähigkeiten und Fertigkeiten bezieht. Steht er in Verbindung mit der eigenen, selbst induzierten und vollzogenen Entwicklung, ist er in gewisser Weise ein nachvollziehbarer und auch angemessener Ausdruck der Zufriedenheit mit sich selbst. In dieser Qualität führt er zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins, Selbstvertrauens und auch der Selbstachtung. Steht der Maurergeselle vor einer hohen, allen Ansprüchen und Erwartungen gerecht werdenden Mauer, welcher er selbst errichtet hat, ist das Gefühl des Stolzes ein in dieser Situation angemessenes Empfinden, welches sein Selbstverständnis als fähiger Maurer stärken und festigen sollte. In gleicher Weise verhält es sich für den Chirurgen, dem eine Herztransplantation nach allen Regeln der Kunst gelungen ist oder auch dem 10-jährigen Mädchen, das für seine Arbeit und seinen Fleiß in Mathematik mit einer 1 als Note belohnt wird.

 

Beispiele für einen solchen nachvollziehbaren, physiologischen bzw. natürlichen Stolz können wir unzählige finden. Das Kennzeichen eines solchen Stolzes ist in der sozialen Beziehung darin zu sehen, dass er in den überwiegenden Fällen von anderen Mitmenschen spontan nachvollzogen werden kann bzw. als etwas Angemessenes und Selbstverständliches zugestanden werden kann. Genau dies ist in den Fällen, bei denen es sich um einen negativ besetzten Stolz handelt nicht der Fall. Dieser erntet häufig Unverständnis und Ablehnung. Zusätzlich zeigt die Lebenserfahrung, dass Menschen mit entsprechenden Qualitäten, die mit einem berechtigten Stolz einhergehen können, sich im Kontakt häufig eher bescheiden geben und die selbst empfundene Freude bzw. den empfundenen Stolz nicht in mit einer Erhöhung des eigenen Selbst nach außen tragen. Somit spielt dieser in der Bewertung von Beziehungen nicht wirklich eine negative Rolle. In solchen Fällen könnten wir davon ausgehen, dass diese Art des Stolzes einem Selbst-Zweck dient, er dient der Stärkung des eignen Selbst. 

 

Im alternativen Fall des negativ besetzten Stolzes hat dieser vielmehr die Funktion eines Mittels zum Zweck. Der Stolz ist dort das Mittel, anhand dessen es möglich wird, sich selbst zu erhöhen und damit eihergehend, andere zu überragen bzw. zu entwerten. Vor dieser Art des Stolzes sollten wir uns hüten, denn letztlich schadet er uns selbst, unseren Beziehungen und ebenso anderen. Gelingt es uns diese zwei sehr unterschiedlichen Arten des Stolzes voneinander zu trennen und uns ausschließlich dem positiv besetzten Stolz zu zuwenden, vollziehen wir einen wichtigen Schritt im Sinne einer spirituellen Entwicklung. Als ein Ergebnis einer solchen Entwicklung sind wir in der Lage uns mit uns selbst zu befassen, Gedanken, Überlegungen, Empfindungen und Entscheidungen bezogen auf uns und unsere eigene Entwicklung einzusetzen. Es wird uns weit weniger wichtig sein, uns damit zu befassen, wie wir von anderen gesehen und beurteilt werden. 

 

Winston Churchill (1874-1965), bedeutender britischer Staatsmann und Premierminister, sagte: „Stolze Menschen verirren sich lieber als nach dem Weg zu fragen.“ Wir können davon ausgehen, dass diese Aussage als Bild zu verstehen ist, wonach dieses Verirren als Folge des Stolzes, sich auf viele Arten vollziehen wird. Menschen hingegen mit einer tatsächlichen inneren Größe und Würde sowie einem berechtigten Stolz, tun sich nicht schwer damit, nach dem Weg zu fragen. 

 


15.10.2019

 

3. Das Gute im Schlechten

Entlang eines Strandes führte ein Weg, der seitlich begrenzt war durch eine Reihe von sehr schönen Kokospalmen. Ganz oben in einer dieser Palmen vergnügte sich ein kleiner Affe, während unten entlang des Weges ein Tourist die schöne Aussicht und das wunderschöne, strahlende Wetter genießend, diesen Weg entlang schlenderte. Plötzlich fiel dem kleinen Affen eine der Kokosnüsse aus den Händen und landete, den Kopf des Touristen streifend, auf dem Boden. Der Tourist schaute nach oben und war außer sich vor Rage, schimpfte und tobte. Wütend, voller Ärger und Zorn zog er davon, konnte von da an seinen Spaziergang nicht mehr genießen und überlegte, ob er überhaupt noch einmal diesen Weg entlang gehen würde. 

 

Nach einer Weile kam ein weiterer Tourist des Weges. Dem Affen hatte die Reaktion auf sein Versehen durchaus Freude bereitet, da er nicht damit gerechnet hatte, eine so nachhaltige Wirkung auslösen zu können. Aufgrund dessen wartete er bis der Tourist unter der Palme war und ließ erneut eine Kokosnuss fallen, dieses Mal jedoch mit Absicht. Erneut streifte auch diese Kokosnuss zielsicher den Kopf den Touristen um auf dem Boden zu landen. Dieser Tourist schaute ebenfalls nach oben, sah den kleinen Affen, winkte ihm zu, rieb sich kurz den Kopf und nahm die Kokosnuss vom Boden auf. 

 

Spontan erinnerte er sich daran, dass keine Pflanzenart das Bild tropischer Küsten so sehr prägt wie Kokospalmen. Er dachte an die Bewohner der tropischen Küsten, denen die Kokosnuss seit Jahrtausenden eine hervorragende Nahrungs- und Rohstoffquelle bietet, mit ihren Früchten als gehaltvoller Nahrung und Getränk. Auch dachte er daran, dass die Kokospalmen mit ihrem Holz als Baumaterial für Hütten dienten. Die Blätter als Dachbedeckung, ihre Fasern zum Flechten von Hauswänden, Körben, Matten und Seilen benutzt wurden. 

 

Mit der Kokosnuss in der Hand setzte er sich auf eine Bank in der Nähe des Baumes, auf dem sich der kleine Affen befand, zückte ein kleines Taschenmesser aus Hosentasche und begann die Kokosnuss so lange geduldig zu bearbeiten, bis er sie teilen konnte. Er genoss es die Milch und die Frucht zu schmecken und vertrieb sich in der Folge die Zeit damit aus den Hälften zwei schöne Kokosschalen als Behältnis zu schnitzen. Voller Freude, Dankbarkeit und Genugtuung über dieses besondere und unerwartete Erlebnis, ging er schließlich seines Weges, nicht ohne dem kleinen Affen – in der Vorfreude auf eine nächste Begegnung - begeistert zu zuwinken.  

 

Diese in höchstem Maße unterschiedliche Reaktionen der beiden Touristen auf das gleiche Ereignis, zeigen uns sehr anschaulich, wie sehr es ganz offensichtlich auf unsere eigene Interpretation dessen ankommt, was uns wiederfährt oder uns begegnet. Sicher hätte der erste Tourist, danach gefragt, warum er so reagiert habe, mit Unverständnis und Erstaunen auf die Frage geantwortet, da sich aus seinem Verständnis doch gar keine andere Reaktion anbieten könne, insofern verstehe es sich doch von selbst, weshalb er so reagieren musste. Dass dem durchaus nicht so ist, belegt die Vorgehensweise des zweiten Touristen. Durch ihn wird augenscheinlich, dass es auch in einer solchen Situation, eine Frage der Perspektive und der eigenen inneren Haltung ist, wie wir etwas erleben bzw. deuten und wie wir darauf reagieren. Bereits Epiktet (50-138 n. Chr.), antiker Philosoph, sagte: „Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.“

 

Aufgrund unserer eigenen inneren Haltung, unseres Denkens und Empfindens, bestimmten wir darüber, was etwas, das wir erleben, in uns bewirkt. Wir selbst haben es somit in der Hand darüber zu entscheiden.  Leider ist uns in vielen Situationen unseres Lebens dieser Umstand nicht bewusst. Wir fühlen uns stattdessen ausgeliefert und meinen auf ein Ereignis oder Erlebnis nur in einer uns vorgegebenen Weise reagieren zu können. In einem solchen Verständnis fühlen wir uns als Opfer von Umständen und/oder von anderen. 

 

Die vier indischen Gesetze der Spiritualität weisen uns auf eine andere Sicht und ein anderes Verständnis dessen, was uns in unserem Leben begegnet. Im ersten Gesetz heißt es: „Die Person, die dir begegnet, ist die Richtige.“ Niemand tritt somit zufällig in unser Leben. Alle Mitmenschen, die uns umgeben, mit denen wir uns austauschen, stehen für etwas bzw. haben einen Sinn und Zweck. Sie lehren uns etwas oder bringen uns in unserer Entwicklung voran. Das zweite Gesetz besagt: „Das was passiert, ist das Einzige was passieren konnte.“ Nichts von dem, was uns geschieht, hätte insofern anders sein können.


Weder die großen noch die kleinen Dinge. Was geschehen ist, musste passieren damit wir unsere Lektionen lernen konnten. In diesem Verständnis ist jede einzelne der Situationen, die uns im Leben widerfahren, absolut perfekt, selbst wenn unser Verstand sich widersetzt und es nicht akzeptieren will. Im dritten Gesetz heißt es: „Jeder Moment in dem etwas beginnt, ist der richtige Moment.“ Alles beginnt exakt im richtigen Moment, nicht früher und nicht später. Sind wir dafür bereit, um etwas Neues in unser Leben geschehen zu lassen, ist es bereits da. Das vierte Gesetz besagt schließlich: „Was zu Ende ist, ist zu Ende.“ Wenn etwas in unserem Leben sein Ende findet, dient es unserer eigenen Entwicklung. Aufgrund dessen ist es besser loszulassen und voranzuschreiten, im Bewusstsein und dem Gefühl der Dankbarkeit bezogen auf die gemachten Erfahrungen.

 

Diese Aussagen erinnern an eine Haltung, die wir als Fatalismus bezeichnen können (aus dem Lateinischen fatalis ‚das Schicksal betreffend‘). Hiermit verbinden wir eine Weltanschauung, der zufolge das Geschehen in Natur und Gesellschaft durch eine höhere Macht oder aufgrund einer logischen Gesetzmäßigkeit vorherbestimmt ist. In diesem Verständnis sind die Fügungen des Schicksals unausweichlich. Für uns Menschen ist es somit nicht möglich ihnen etwas entgegensetzen. Falsch wäre es dennoch daraus abzuleiten, dass die menschlichen Entscheidungen und Handlungen aufgrund dessen bedeutungslos seien. Eine sich daraus ableitende „Schicksalsergebenheit“ als Grundhaltung zum Leben, ist somit dennoch nicht empfehlenswert.

 

Im Verlauf der Menschheitsgeschichte wurde sowohl in der Philosophie wie auch in der Theologie die Bedeutung einer Vorsehung (Prädestination), wonach alles von einer Gottheit oder höheren Macht vorbestimmt ist ebenso kontrovers diskutiert, wie auch das Verständnis eines „kausalen Determinismus“, wonach alles als eine notwendige Folge von Ursachen im Rahmen einer naturgesetzlichen Verkettung von Ereignissen erklärt wird.

 

Stellt sich aus diesen möglichen Haltungen (Fatalismus, Prädestination, Determinismus) ein Schicksalsglaube ein, wonach es ohnehin keinen Sinn macht sein eigenes Schicksal bestimmen zu wollen, kann dies zu einem Gefühl der Ohnmacht, Resignation und Mutlosigkeit führen. Ergebnis könnte in der Folge eine erkennbare Trägheit und Gleichgültigkeit der eigenen Zukunft gegenüber sein. Eine solche Haltung und Überzeugung, lässt sich nicht selten im Rahmen der Psychotherapie von Menschen erkennen, die sich stets als Opfer empfunden haben, Opfer von Umständen und/oder anderen Mitmenschen. Sie neigen zu einer zutiefst pessimistischen Sicht und bewerten jede Form der Anstrengung und Bemühung als vergeudete Energie, da am Verlauf ihres Lebens ohnehin wenig oder nichts zu ändern sei. In der philosophischen Diskussion wurde eine solche Haltung, verbunden mit einer damit einhergehenden Begründung als ‚faules Argument‘ bezeichnet. Wobei faul einerseits die Bedeutung hatte, von nichtzutreffend und gerechtfertigt, andererseits als die eigene Trägheit bzw. Faulheit rechtfertigend. Aus der Sicht des Betroffenen kann es gleichgültig sein, ob er handelt oder nicht handelt, die freie Wahl hat er in seinem Verständnis nur scheinbar, da ohnehin alles vorbestimmt ist. 

 

Beziehen wir diese Betrachtungen auf die zu Beginn dargestellte Szene mit dem kleinen Affen und der Kokospalme, können wir uns fragen, von welcher Bedeutung es ist bzw. sein kann, ob der Tourist das eine oder das andere Verhalten zeigt. Gehen wir davon aus, dass nicht alles vorbestimmt ist, so kann er durch sein Verhalten konkret Einfluss nehmen auf den weiteren Verlauf der Dinge. Ist ihm bewusst, dass er durch seine Wahrnehmung, Deutung und Reaktion selbst darüber bestimmen kann, ob er sich in der Folge gut oder schlecht fühlen wird, kann er die dann sich einstellende Realität gestalten. Alles, was nach dem fühlbaren Kontakt mit der Kokosnuss folgt, liegt in seinen Händen.

 

Übernehmen wir die Vermutung, wonach alles vorbestimmt ist, einer vorher festgelegten Gesetzmäßigkeit folgt, liegt es ebenso an ihm mit darüber zu entscheiden, welche Form der Vorbestimmung er wählen möchte. Auch die fatalistische Annahme, dass alles Ausdruck einer zuvor festgelegten Determiniertheit ist, lässt ihm die Möglichkeit, nach dem Kontakt mit der Kokosnuss zu wählen, für welche vermeintliche Vorbestimmung er sich entscheiden möchte. Insofern bleibt es stets ihm, dem Touristen überlassen, zu bestimmen, ob sich die eine oder die andere Folge einstellen sollte, ohne Glaube an eine Vorbestimmung ebenso wie mit dem Glauben an eine Vorbestimmung.

 

Lassen wir uns von einer positiven Haltung leiten, hat dies verständlicherweise vollkommen andere Auswirkungen als wenn wir uns von einer negativen Haltung bestimmen lassen. Insofern scheint es in allen Situationen des Lebens sinnvoll stets auch das Positive zu berücksichtigen und es u. U. zum Maßstab unseres Vorgehens zu machen. Natürlich ist uns dies kaum möglich, wenn es darum geht den schmerzvollen Verlust eines geliebten Menschen zu beklagen oder das Leid von Menschen hinnehmen zu müssen, die schrecklichen Qualen ausgesetzt sind. Unter Umständen reicht es das Ende einer als wundervoll erlebten Zeit akzeptieren zu müssen. Alles das kann uns fast unmöglich erscheinen und ist vielleicht mit großem Kummer, mit Leid und Schmerz verbunden. Doch auch in solchen Situationen des Lebens, erscheint es hilfreich und sinnvoll sich zu fragen, welche Kraft sich aus dem Erlebten entfalten könnte, so dass sich aus dem offensichtlich Schlechten etwas Gutes ableiten ließe.

 

Die Lebenserfahrung im Verlauf unserer Menschheitsgeschichte legt uns nahe zu erkennen, dass aus allem Negativen und Schlechten – wenn auch erst nach langer Zeit – etwas Positives bzw. Gutes entstehen kann. Diese Haltung sollte uns in unserem täglichen Denken, Fühlen, Entscheiden und Handeln leiten.

 


24.10.2019

 

4. Intensität, was ist das? Brauchen wir sie?

 

„Warum schließen wir unsere Augen, wenn wir beten, weinen, küssen oder träumen? Weil die wundervollsten Dinge im Leben nicht gesehen, sondern mit dem Herzen gefühlt werden.“ Denzel Washington (geb. 1954, US-amerikanischer Schauspieler, Regisseur und Filmproduzent)

 

„Keine Ahnung...“ bekomme ich in den letzten Jahren im Verlauf von Schilderungen meiner Patienten in einer großen Häufigkeit zu hören. Wobei es sich durchaus nicht um eine Antwort auf eine vorausgegangene Frage handelt, sondern um eine Bemerkung, die vollkommen willkürlich und selbstbestimmt im Verlauf einer Schilderung an irgendeiner Stelle im Satz steht. Somit bekommt diese Feststellung „Keine Ahnung...“ den Stellenwert eines Füllwortes. Dessen Charakteristikum ist es, dass es einen nur geringen Aussagewert hat. Füllwörter sollten im Allgemeinen den Sprachfluss verbessern. In diesem Fall jedoch, erscheint es vielmehr störend und ohne nachvollziehbare Notwendigkeit, stets von Neuem eingesetzt. Es hat in diesem Stil der Anwendung viel größere Ähnlichkeit zu dem französischen Begriff ‚Cheville‘, welcher in der französischen Literatur des 17. und 18. Jahrhunderts ein verpöntes Füllwort war, dem kein Gewinn an Sinn zuerkannt wurde und welches somit als vollkommen überflüssig und fehlerhaft deklariert wurde. 

 

Im Rahmen der psychotherapeutischen Gesprächssituation, wie auch im alltäglichen sozialen Kontakt, können wir dennoch an der Art und Weise der Verwendung und auch der Häufigkeit solcher Worte etwas erkennen, was uns eine Information über den Sprechenden vermittelt. Ganz offensichtlich besteht keine glaubhaft sich darstellende Bereitschaft, sich einem Sachverhalt, einem Ereignis oder einem Vorgang ernsthaft zu zuwenden, sich darin zu vertiefen, verbunden mit dem erkennbaren Anliegen und Bedürfnis Antworten und Erklärungen zu finden. Es ist so, als würde man mit einem Patienten durch sein Haus wandern, vor einer Tür stehen bleiben, ihn fragen, „was befindet sich denn hinter dieser Tür?“ und er würde wie aus der Pistole geschossen antworten, „keine Ahnung.“. Viel häufiger noch kommt die Bemerkung von Seiten des Patienten, noch bevor die Frage gestellt werden kann. So als würde er an der Tür angelangt, schon von sich aus, ungefragt betonen, dass er keine Ahnung habe, bzgl. dessen, was sich hinter dieser Tür befindet und deshalb gern weiter gehen möchte.

 

Was sich vermissen lässt, ist die selbstverständliche Bereitschaft die Tür zu öffnen, um den Raum gemeinsam zu betreten und u. U. sehr genau zu prüfen, was sich alles darin befindet. Getragen wäre dieses Vorgehen im übertragenen Sinn, von dem Bedürfnis und der damit verbundenen Bereitschaft sich selbst besser verstehen und kennen zu lernen, um damit die Möglichkeit zu haben, wiederkehrende Muster im Denken, Fühlen und Verhalten zu verändern. Tatsächlich ist dies in allen Fällen der Einleitung einer Psychotherapie, der auch explizit bekundete Wunsch eines Patienten. Dennoch können wir dann im weiteren Verlauf recht schnell dieses paradoxe Verhalten erkennen, welches sich dadurch kennzeichnet, viele Räume bzw. ‚Erlebnisräume‘ nicht betreten zu wollen. 

 

Dieses ganze Vorgehen und Bestreben, welches sehr stark von Abwehrkräften und Widerständen bestimmt ist, führt letztlich zu einer Oberflächlichkeit der Betrachtung und Untersuchung, bei der sich verständlicherweise vieles, was von Bedeutung ist, nicht identifizieren und erkennen lässt. Da in der Analogie gesprochen viele Türen verschlossen bleiben, ist der Gewinn an Erkenntnis auch deutlich reduziert. Ebenso die Chancen auf eine Veränderung im eignen Erleben und Leben. 

 

Mit einer möglichen Intensität des Suchens und auch des Erlebens hat dieses Vorgehen wenig zu tun. Eine in diesem Verständnis gelebte Intensität setzt eine bewusste Zu- bzw. Hinwendung auf etwas Bestimmtes voraus. Dieses kann etwas sehr Konkretes und Spezifisches sein, als auch die Ganzheit dessen, was uns zu einem bestimmten Zeitpunkt umgibt, wie z. B. eine soziale Situation, die Mitmenschen oder die Natur, in der wir uns gerade befinden. Die Intensität des Erlebens setzt stets das bewusste Öffnen unserer Sinne voraus, mit denen wir sehen, hören, riechen, schmecken oder fühlen können. Ebenso das Zulassen der Zeit, die notwendig ist, damit unsere Sinne die jeweiligen Informationen, die sich bieten, aufnehmen können. Erst dann können wir uns dieser bewusst werden, sie erkennen, deuten und tief in uns wirken lassen. Ganz offensichtlich ist ein solches Vorgehen vergleichbar der Bewusstheit wie wir sie im Fall der Achtsamkeit erleben können. Achtsamkeit ist in diesem Sinn als Ausdruck eines Gewahr Werdens oder Gewahrseins (Mindfullness) zu verstehen. Wobei sich diese Form der Achtsamkeit nicht nur auf einen anderen Menschen beziehen muss, i. S. einer interaktiven Zuwendung, sondern sie kann sich auf alles uns umgebende richten, vom Kleinsten bis zum Ganzen, alles Umfassenden. 

 

Die damit verbundene Bewusstheit bzw. das Gewahrsein öffnen die Tür zur Intensität des Erlebens, erst dann können wir eine entsprechende Tiefe unserer Empfindungen erreichen, aus welcher sich neue Impulse, Regungen und auch weitergehende Möglichkeiten des Fühlens und Empfindens ergeben. Es kann auf diese Weise zu einer Initialzündung kommen, aufgrund derer weitere Prozesse des Erlebens eingeleitet werden, die sich gegenseitig in positiver Weise verstärken. Wir können eine solche positiv sich verstärkende Dynamik auch im Zusammensein mit einem oder mehreren anderen Menschen erleben, wenn in einer bestimmten sich dazu eignenden sozialen Situation – z. B. gemeinsames Singen, Tanzen, Meditieren oder auch Gestalten – der Funke von dem einen zum anderen überspringt und es zu einer Potenzierung des Erlebten kommt. In gleicher Weise kann sich das in uns selbst vollziehen, wenn wir uns ganz öffnen und uns einem Inhalt, in unserem Inneren oder auch im Außen, zuwenden. 

 

Leider ist unser Alltag, durch die Schnelllebigkeit, in der wir uns bewegen, in vielen Bereichen von dem Gegenteil gekennzeichnet, d. h. einer Oberflächlichkeit des Erlebens und Empfindens. Wir sind es allzu oft gewohnt etwas noch ‚im Vorübergehen‘ oder zeitgleich mit etwas anderem zu erledigen. So ist es nichts Ungewöhnliches einen Anruf verbunden mit einer Botschaft jemandem aufs Band zu sprechen, während wir gerade auf dem Weg zu einem bestimmten Ziel sind oder auch eine kurze Nachricht zwischen Tür und Angel zu verfassen, die wir dann abschicken. In gleicher Weise unterhalten wir uns mit unserem Mitmenschen, während wir zugleich Nachrichten schauen oder in einer Zeitschrift nach einem bestimmten Artikel suchen. Wir haben sogar ein Wort dafür gefunden, welches aus dieser vermeintlichen Not eine Tugend macht. ‚Multitasking‘ heißt das Zauberwort, welches wir für die Beschreibung eines Vorgangs verwenden, der mit der Aufteilung unserer Aufmerksamkeit verbunden ist. Die tatsächlich begrenzten Ressourcen unserer Aufmerksamkeit werden zeitgleich auf verschiedene Aufgaben aufgeteilt, so dass wir uns keiner mit unserer vollen Aufmerksamkeit zuwenden können. Aufgrund der eingeschränkten Zuwendung zu einem Inhalt steigt insofern die Fehlerquote und es kommt zu einer Minderung der Qualität dessen, was wir gerade tun oder zu leisten in der Lage sind.

 

Der Philosoph Byung-Chul Han (geb. 1959), Philosoph und Kulturwissenschaftler, sieht Multitasking kritisch, in dem er es mit dem Verhalten von Tieren vergleicht, die, um in freier Wildbahn zu überleben, jederzeit gezwungen sind, ihre Aufmerksamkeit zu verteilen. Er sieht in der Zeit- und Aufmerksamkeitstechnik Multitasking keinen zivilisatorischen Fortschritt. Kulturelle Leistungen der Menschheit, wie die Philosophie oder eine „tiefe kontemplative Aufmerksamkeit“ seien mit Multitasking nicht möglich.

 

Untersuchungen aus der Neurowissenschaft belegen, dass sowohl Aktivitäten im Multitasking-Stil als auch das Vielsurfen im Internet den dorso-lateralen Präfrontalen Cortex und damit das logische und das strategische Denken sowie Intelligenz und Empathie beeinträchtigen. Auch ADS-/ADHS-Spezialisten erkennen bei Multitaskern ähnliche Symptome wie bei ADHS. 

 

Machen wir uns diese Überlegungen und Erkenntnisse bewusst, erscheint es umso fragwürdiger, warum wir in einer solchen, immer stärker und größer werdenden Ausprägung der Aufteilung unserer Aufmerksamkeit einen Vorteil bzw. eine Tugend erkennen sollten. Wir können uns selbst prüfen, wie sehr wir im Nachhinein in der Lage sind den Inhalt von Nachrichten wiederzugeben, die wir auf einem Bildschirm im Fernsehen verfolgen konnten, auf dem zeitgleich zu den gesprochenen Inhalten, im Hintergrund ein Video zu sehen war, im unteren Bildbereich in Schriftform Börsenkurse oder die Wetterprognose übermittelt wurde und in einem weiteren kleinen Fenster im rechten oberen Bildschirmeck ein Hinweis auf das Folgeprogramm zu sehen war. Provokativ könnten wir feststellen, dass es für die Oberflächlichkeit unserer Aufmerksamkeitszuwendung offensichtlich keine Grenze zu geben scheint.

 

Was tun wir hingegen, wenn wir etwas ‚unter die Lupe nehmen‘? Wir wenden uns dem, was wir betrachten wollen mit einem über die Lupe gegebenen Hilfsauge zu, welches es uns ermöglicht, das zu Betrachtende deutlich vergrößert, in seinen Konturen und Details wahrzunehmen. Auf diese Weise können wir diesem Objekt unserer Betrachtung sehr viel näher kommen, als es mit bloßem Auge der Fall sein könnte. Wollen wir noch mehr Nähe herstellen und weiter in die Tiefe eindringen, können wir u. U. auf ein Mikroskop oder gar Elektronenmikroskop zurückgreifen. Ein solches Vorgehen ist Sinnbild einer hohen Intensität der Zuwendung unter Einbeziehung unserer Aufmerksamkeit und unserer Achtsamkeit. Das gleiche Vorgehen könnten wir auf alle unsere Sinnesorgane übertragen, stets verbunden mit dem erkennbaren Anliegen und Bedürfnis mehr zu erfahren, tiefer eindringen zu wollen und damit ein hohes bzw. höchstes Maß an Intensität herzustellen. 

 

Im Alltag unserer sozialen Kontakte verhält es sich in keiner Weise anders, wollen wir Nähe herstellen, mehr wissen, erfahren und kennenlernen, was den anderen betrifft. Wir sind ebenfalls darauf angewiesen, uns die Zeit und die Gelegenheit zu geben, die wir dazu benötigen. Wir sollten es uns gönnen, das Notwendige zu tun um die Intensität unseres Erlebens zu steigern. Insofern ist es z. B. empfehlenswert und sinnvoll, uns die notwendige Zeit und den Raum zu geben bzw. zu nehmen, wenn wir auch nur eine kurze schriftliche Mitteilung an jemanden verfassen möchten, der uns etwas bedeutet. Ein kurzes, wenige Minuten andauerndes Innehalten, uns Zuwenden, kann bereits den Stil einer solchen Botschaft spürbar verändern. Wir selbst, der Andere und die Beziehung sollten es uns wert sein, diese Intensität des Fühlens und Spürens zu zulassen. Bezüglich einer Beziehung zu einem anderen kann es ein unschätzbarer Gewinn an Qualität in der Verbindung zu ihm bedeuten, aus welchem sich vollkommen neue und weitergehende Möglichkeiten des gemeinsamen Erlebens ergeben können. Der Effekt den wir damit bewirken können, ist vergleichbar den kreisförmigen Wellen, die sich ausbreiten, nachdem wir einen Stein in ein ruhendes Wasser geworfen haben. In vergleichbarer Weise können wir die Entwicklung und Weitergabe des positiven energetischen Impulses einer intensiven Zuwendung zum anderen im Rahmen der Beziehung verstehen. Insofern können wir die zu Beginn gestellte Frage beantworten. Möchten wir eine bestimmte tiefergehende Qualität der Beziehung erleben, zu einem Menschen, zu unserer Umgebung oder zur Natur insgesamt, sind wir auf das Zulassen einer Intensität des Erlebens angewiesen. Dies bedeutet, ja, wir brauchen die Intensität. 

 

Dass diese Intensität des Erlebens viel weniger unseren Intellekt oder Verstand berührt als unsere Seele oder unser Herz, können wir dem zu Beginn dargestellten Zitat von Denzel Washington entnehmen. Lassen wir uns in dieser Weise berühren, öffnen wir ein Tor zu einer gänzlich anderen, bereichernden und uns erfüllenden Dimension unseres Daseins. 

 


26.10.2019

 

5. Am Ende wird alles gut werden

Oscar Wilde (1854-1900), irischer Schriftsteller, wird folgendes Zitat zugeschrieben: „Am Ende wird alles gut werden, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende.“

 

In den Jahren meiner Anstellung als Arzt an der Universitätsklinik Mainz hatte ich – neben meiner täglichen Versorgung der Patienten – einen Forschungsschwerpunkt, mit dem ich mich sehr intensiv befasste. Er betraf eine Fragestellung aus dem damals noch recht jungen medizinischen Gebiet mit dem Namen Psychoonkologie. Wie es der Begriff bereits erkennen lässt geht es dabei um die Erforschung der Zusammenhänge zwischen einer Krebserkrankung (Onkologie) und möglichen beeinflussenden psychologischen bzw. psychosozialen Faktoren. Diese bezogen auf die Frage möglicher mitverantwortlicher Faktoren für die Entstehung einer Krebserkrankung. Damit verbunden war die Vermutung (Hypothese), dass sich bestimmte Persönlichkeitseigenschaften dazu eignen würden, die Krebserkrankung zu begünstigen. So z. B. würden ängstliche, unselbständige, gehemmte, überangepasste und eher depressive Menschen mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Krebserkrankung bekommen. Die damit verbundene Hoffnung, eine konkrete ‚Krebspersönlichkeit‘ beschreiben zu können, hat sich in dieser eindeutigen und klaren Weise jedoch nicht bestätigt.

 

Das Interesse meiner eigenen Untersuchungen von insgesamt 250 Brustkrebspatientinnen im Alter von 25 bis 60 Jahren, bezog sich auf die Frage, ob bestimmte Merkmale der Persönlichkeit, hier v. a. die sehr unterschiedlichen Bewältigungsstrategien der einzelnen Frauen, einen Einfluss auf den Verlauf (nicht die Entstehung) der Erkrankung haben könnten. Dies bei vergleichbarem körperlichen Befund und vergleichbaren sonstigen Merkmalen (Alter, Familiensituation, sozialer Status usw.). 

 

Ein Teilbereich der Psychoonkologie, befasste sich mit der von den Patientinnen gezeigten Krankheitsverarbeitung. Relevant waren hierbei bestimmte Techniken, anhand derer die Patientinnen ihre Kompetenz im Umgang mit der Krankheit stärken bzw. schwächen konnten. Zu diesem Zeitpunkt standen die sog. Coping-Strategien (Bewältigungsmechansimen) sehr stark im Mittelpunkt der Beachtung. Richard S. Lazarus (1922-2002), ein US-amerikanischer Psychologe, veröffentlichte 1984 ein sog. Transaktionales Stressmodell, welches die möglichen Formen der Handhabung von erlebtem Stress darstellen sollte. Gemeint waren hiermit alle Situationen, die für uns Menschen mit einem erhöhten Anforderungscharakter der Handhabung verbunden sind, so wie dies auch im Fall der Konfrontation mit der Diagnose Krebs der Fall ist.

 

In seinem Ansatz unterschied er eine Primäre Bewertung der Situation von einer Sekundären. Bei der Primären Bewertung ging es um die Unterscheidung zwischen dem Erleben einer Heraus-forderung, einer Bedrohung oder eines Verlustes bzw. einer Schädigung. Die Sekundäre Bewertung befasst sich mit den, dem betroffenen Menschen zur Verfügung stehenden Ressourcen. Diese ergeben sich aus der konkreten Situation sowie aus den subjektiven Eigenschaften der betroffenen Persönlichkeit, mit dieser Situation umzugehen. In einer dritten Bewertung geht es um die dynamische Anpassung an die Erfordernisse anhand einer jeweiligen Neubewertung.

 

Wie ich bereits in einem vorangegangenen Beitrag (siehe Band 2, Nr. 3) dargestellt habe, neigt unsere westliche, wissenschaftliche Forschung dazu die Aussagekraft des Einzelfalls zu vernachlässigen bzw. vollkommen unberücksichtigt zu lassen (ideographischer Ansatz) und im Vergleich dazu überwiegend bzw. ausschließlich der Aussagekraft sog. repräsentativer Studien, mit einer entsprechend großen Anzahl an Fällen (nomothetischen Ansatz), zu vertrauen. In der von mir damals durchgeführten Untersuchung wurde zwar eine recht große Anzahl von krebskranken Frauen untersucht, jedoch wurde der Stellenwert der einzelnen Betroffenen, mit ihrem konkreten Schicksal berücksichtigt. Die Befragung wurde durch meine Doktoranten anhand einer Reihe von standardisierten Fragebögen und sog. projektiven Verfahren durchgeführt. Ergänzt wurde dies durch ein von mir selbst geführtes Vorgespräch und ein, nach dem Abschluss der Befragung durch die Doktoranten, ebenfalls von mir durchgeführten, ausführlichen Nachgespräch mit den betroffenen Frauen.

 

Aufgrund der erhaltenen Aufschlüsse ließen sich die untersuchten Patientinnen sowohl bzgl. des unterschiedlichen körperlichen Befundes als auch bzgl. ihrer soziologischen und psychologischen Merkmale in verschiedene Gruppen einteilen. Diese Differenzierung ließ sich auch in Bezug zu den unterschiedlichen Bewältigungsstrategien vornehmen. So zeigte sich, dass es Patientinnen gab, die überwiegend dazu neigten, ihre Krankheit zu verharmlosen, die damit verbundene Gefahr zu verleugnen, kein Bedürfnis oder Interesse zeigten mehr darüber wissen zu wollen, sich empfohlenen Behandlungsmaßnahmen zu entziehen und auch mit ihren Mitmenschen nicht darüber sprechen zu wollen. 

 

Eine weitere Gruppe von Patientinnen war überwältigt von Ängsten, fühlte sich vollkommen ausgeliefert, bat ständig um Hilfe, war kaum in der Lage eigene Entscheidungen zu treffen, konnte sich mit nichts anderem mehr befassen als der empfundenen Bedrohung und war bereit alles mit sich machen zu lassen, was angeboten und empfohlen wurde. Eine dritte Gruppe wirkte gefasst, differenziert, aufgeschlossen, auch in der Lage ihre Gefühle mitzuteilen, darüber zu sprechen, welche Veränderungen mit der Diagnose und der Behandlung in ihrem Leben eingetreten ist, war bestrebt so viel Information, wie möglich zu erhalten und gemeinsam mit den Ärzten und den Angehörigen abzuwägen, welches Vorgehen das sinnvollste sein könnte. Insgesamt wirkte diese Gruppe kämpferisch und zuversichtlich.

 

Für die Zeitdauer der Untersuchung bestätigte sich, dass diese dritte Gruppe (welche zahlenmäßig deutlich die kleinste war), die geringste Anzahl an Komplikationen im Verlauf zeigte. Sie konnte die durchgeführten medizinischen Maßnahmen am besten vertragen und ließ bzgl. der Liegezeiten im Vergleich zu den anderen Gruppen einen kürzeren Aufenthalt in der Klinik erkennen. Auch ein Jahr nach der Operation bzw. Behandlung, konnten deutliche positive Unterschiede zu den anderen Gruppen erkannt werden. Es zeigte sich nach einem Jahr, dass offensichtlich der Einfluss des Tumorstadiums auf die Krankheitsbewältigung der Patientinnen, wie auch die Chemotherapie (obwohl häufig als traumatisierend erlebt) einen geringeren Effekt auf die Gestimmtheit hatte, als das vorhandene Selbstbild und die damit verbundenen positiven bzw. negativen Bewältigungsformen (Coping-Strategien) dieser Patientinnen. 

 

Wie bereits weiter oben dargestellt, war es für mich auch von Bedeutung konkrete einzelne Verläufe in der Tiefe zu sehen, da diesen ein exemplarischer Charakter zukommen könnte. In diesem Zusammenhang erinnere ich v. a. eine Patientin, die zu dem damaligen Zeitpunkt in die Studie einging. Sie war zum Zeitpunkt der Krebs-Diagnose 51 Jahre alt. Die Besonderheit bzgl. des somatischen Befundes bestand darin, dass beide Brüste befallen waren, ebenso eine große Anzahl von Lymphknoten und sich bereits verschiedene Metastasen an unterschiedlichen Stellen im Körper gebildet hatten. 

 

Auch bezüglich der erfassten psychologischen und psychosozialen Befunde handelte es sich bei dieser Patientin um eine Besonderheit, da sie sich in einer exemplarischen Weise im Sinne der als positiv definierten Persönlichkeitseigenschaften, in Verbindung mit den erwünschten positiven Bewältigungsstrategien, auszeichnete. So war sie sehr aufgeschlossen, wissbegierig, fähig ihre Gedanken und Gefühle offen mitzuteilen und bestrebt differenziert abzuwägen, was sinnvoller Weise getan werden könnte. In ihrer ganzen Haltung wirkte sie kämpferisch und zugleich auch zuversichtlich und hoffnungsvoll. Trotzt der schlechten Prognose, die verbunden war mit einer noch gegebenen Lebenserwartung von vier bis sechs Monaten, war sie nach operativer Amputation beider Brüste und Chemotherapie, bereit alles dazu beizutragen, um ihr Leben zu verlängern. 

 

Nach objektiven, medizinischen Kriterien gehörte diese sehr liebenswerte und aufgrund ihrer ganzen Art sehr gewinnende Patientin bzgl. des körperlichen Befundes, in die kleine Gruppe der Patientinnen mit der schlechtesten Prognose. Keine andere Patientin innerhalb der Studie hatte schlechtere Voraussetzungen. Aufgrund meiner ganzen ärztlichen über Jahrzehnte gemachten Erfahrung, bin ich der festen Überzeugung, dass wir bestimmte Ereignisse und Entwicklungen nur ein einziges Mal zu erleben müssen, um erleben zu können, was real möglich ist!

 

Für mich war diese Patientin ein solcher exemplarischer Fall, da sich der weitere Verlauf jeder naturwissenschaftlichen bzw. medizinischen Erklärung vollkommen entzieht. Trotz der damals ausgesprochenen Lebenserwartung von vier bis sechs Monaten, lebte diese Patientin noch 24 Jahre und ist erst im Alter von 75 Jahren verstorben. Wir können davon ausgehen, dass nahezu alle erfahrenen Ärzte, die auf viele Jahre und Jahrzehnte des Kontakts mit Patienten zurückblicken, von solchen Fällen berichten können. Sie sind real, sie existieren und sind somit ein Teil unseres Lebens, doch kommt ihnen in der wissenschaftlichen Diskussion nach wie vor eine untergeordnete Bedeutung zu bzw. werden sie kaum einbezogen. 

 

Auch in unserer öffentlichen Betrachtung findet sich kein entsprechender Stellenwert für diesen Teil der medizinischen Realität. Dies ist umso erstaunlicher als wir davon ausgehen können, dass einem solchen Krankheitsverlauf eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit des Vorkommens zukommt, als einem Lotto-Gewinn mit sechs Richtigen plus Superzahl, dessen Wahrscheinlichkeit bei ca. 1 zu 140 Millionen liegt!

 

In unserem medizinischen Verständnis sprechen wir in solchen Fällen von unerklärbaren Remissionen (Rückbildungen von Krebserkran-kungen) oder auch von Spontanheilungen, welche im Einzelfall zwar auftreten können, für die es jedoch nach wie vor keine Erklärung gibt und insofern auch keine Empfehlung bzgl. des Vorgehens. Am häufigsten diskutiert wird in diesem Zusammenhang der mögliche Einfluss unseres Immunsystems auf den Verlauf, als Bindeglied zwischen Seele und Körper. An der Einflussnahme auf unser Immunsystem über unsere psychische Verfassung, bestehen aufgrund vielfältiger bestätigender Untersuchungsergebnisse inzwischen keine Zweifel mehr.

 

Die aus den einzelnen, immer wieder berichteten Fällen abzuleitende Erkenntnis erscheint mir zu sein, dass es sinnvoll ist, die Hoffnung nicht aufzugeben und sich des positiven Einflusses von wünschenswerten Bewältigungs- und Verarbeitungsstrategien,  welche wir einsetzen können, bewusst zu sein. Ganz offensichtlich haben wir zu allen Zeitpunkten unseres Lebens - insofern auch in den Schwierigsten - es selbst in der Hand mitzubestimmen, wie der Verlauf sein wird. Dessen sollten wir uns bewusst sein, um somit diese Möglichkeit Einfluss zu nehmen, nicht aus der Hand zu geben. Uns von der in der Überschrift erwähnten Aussage von Oscar Wilde bestimmten zu lassen, kann uns dabei helfen, „Am Ende wird alles gut werden, und wenn es noch nicht gut ist, dann ist es noch nicht das Ende“. Dies dokumentiert exemplarisch der Krankheitsverlauf der oben geschilderten Patientin. 

 

Sehen wir uns solchen existentiellen Prüfungen und Herausforderungen gegenübergestellt, kann es auch hilfreich sein, sich an das zu erinnern und anzulehnen, was uns erfahrene und nachdenkliche Menschen dazu vermitteln können. Berthold Brecht (1898-1956), sagte: „Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren“ und Dalai Lama (geb. 1935) meint: „Die schwierigste Zeit in unserem Leben ist die beste Gelegenheit, innere Stärke zu entwickeln.“