Persönliches...

An dieser Stelle finden Sie persönliche Gedanken, Überlegungen und Anregungen mit unterschiedlichstem Inhalt, jedoch stets mit einem Bezug zu unserem Alltag.

 

Es handelt sich um eine Auswahl von Beiträgen. Die Gesamtheit der 52 bisher von mir verfassten Artikel finden Sie in meinem Buch mit dem Titel "Psychologie für den Alltag" (siehe unten). Dieses Buch (276 Seiten) ist ausschließlich über mich zu erhalten. 

 

PS: Es versteht sich von selbst, dass es sich bei allen aufgeführten Beiträgen ausschließlich um subjektive Gedanken, Überlegungen und Überzeugungen handelt.



In Arbeit...




11.09.2019

 

Warum es sich mit Visionen besser leben lässt

 

Am 11. Juni 1963 kündigte US-Präsident John F. Kennedy (1917-1963) in einer Fernsehansprache ein neues Bürgerrechtsgesetz an. Dieses sollte die bis dahin an vielen Orten noch geltende Rassentrennung abschaffen. In der Folge wurde der Leiter der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) von weißen Rassisten ermordet. Als Unterstützung für den von Kennedy geplanten Civil Rights Act trafen sechs der führenden Bürgerrechtsorganisationen die Vereinbarung, einen Protest Marsch auf Washington zu veranstalten. Es wurde die bis dahin größte Massendemonstration in den USA und war der historische Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung. Unter den 250.000 Menschen aus allen Teilen der USA, die teilnahmen, waren etwa ein Drittel Weiße. Es ging um die vollständige Gleichberechtigung der Afroamerikaner in allen Gesellschaftsbereichen. Martin Luther King (1929-2968) als Vorsitzender der Southern Christian Leadership Conference (SCLC), war als letzter einer langen Reihe von Rednern vorgesehen.  Vorgestellt wurde er von dem Mitveranstalter Asa Philip Randolph als der „moralische Anführer der Nation“. 

 

Heute wird die damals von Martin Luther King gehaltene Rede zu den Meisterwerken der Rhetorik gezählt (hier ein Auszug - s. Video untern):

 

„...Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.

 

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. 

 

Ich habe einen Traum heute...

 

Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie "Intervention" und "Annullierung der Rassenintegration" triefen ..., dass eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern. 

 

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauen Orte geglättet werden und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn offenbar werden wird, und alles Fleisch wird es sehen.

Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.

 

Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln.

Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden...“ (28.08.1963)

 

Im Jahr 1492 entdeckte Christoph Kolumbus (1451-1506), ein italienischer Seefahrer, das heutige Amerika, in dem er eine Insel der Bahamas erreichte. Auch wenn er nicht der erste war, da vor ihm bereits die Vorfahren der Indianer eingewandert waren, gilt er bis heute als maßgeblicher europäischer Entdecker Amerikas. Der ursprüngliche Plan von Kolumbus war es, nicht wie bis dahin üblich über eine Seeroute südostwärts um Afrika nach Indien zu gelangen, sondern, in dem er 1480 eine Idee des griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) aufgriff, über eine Westroute nach Ostasien zu gelangen. Aufgrund noch weiterer Hinweise, Berichte und Indizien, die er im Verlauf der Jahre sammelte, war er der Überzeugung, dass er mit Hilfe der Westwinde über den Atlantik nach Indien segeln könne. Nachdem die Eingaben und die Ersuchen von Kolumbus, diese Expedition mit der Unterstützung des spanischen, königlichen Hofes machen zu dürfen, über viele Jahre von verschiedenen offiziellen Kommissionen zurückgewiesen wurden, konnte er schließlich1492 eine Zusage erhalten und durfte sich mit seinem Segelschiff auf den Weg machen. 

 

1975 wurde ein von Freddie Mercury geschriebener Rock-Song aus einem Album (‚A Night at the Opera‘) ausgekoppelt und als Single mit dem Titel ‚Bohemian Rhapsody‘ veröffentlicht. Diese Komposition unterschied sich in vielerlei Hinsicht von den zu diesem Zeitpunkt erfolgreichen Titeln der Musikszene, u. a. durch den Einsatz klassischer Musikelemente, Opernpassagen und die sehr aufwendige und kostspielige Aufnahmetechnik in z. T. drei unterschiedlichen Tonstudios. So brauchte die Gruppe Queen allein für die Aufnahme des mehrstimmig gesungenen Wortes ‚Galileo‘ aus dem Songtext, drei Wochen Zeit, d. h. so viel wie damals für ein ganzes Album benötigt wurde. Als die Verantwortlichen der Plattenfirma das mit einer deutlichen Überlänge ausgestattet Stück hörten, äußerten sie starke Zweifel, an dem Erfolg. Aufgrund dessen wollten sie den gesamten Mittelteil der Komposition streichen, einschließlich der Opernpassagen. Ganz im Gegenteil zu diesen Befürchtungen jedoch, entwickelte sich der Song nach der Veröffentlichung am 31. Oktober 1975 sehr schnell zu einem weltweiten Erfolg und stand bereits am 23. November 1975 für neun Wochen auf dem ersten Platz der Charts in England. Bis zum heutigen Tag kommt dieser Komposition eine Ausnahmestelle in der Musikgeschichte der Rock-Musik zu. Diese Besonderheit hat auch zur Produktion der mit einem Oskar prämierten und ebenfalls sehr erfolgreichen Verfilmung (2018) mit dem Filmtitel ‚Bohemian Rhapsody‘ geführt.

 

Allen drei geschilderten sehr unteschiedlichen historischen Ereignissen, von Martin Luther King, über Christoph Kolumbus zu Freddie Mercury, ist gemeinsam, dass sie mit einer Vision verbunden waren. Ohne der aus dieser Vision entspringenden Kraft und Energie, wäre die Verwirklichung der jeweiligen Vorhaben wohl nicht möglich gewesen. Beispiele dieser Art gibt es im Verlauf unserer Menschheitsgeschichte unzählige, aus allen Bereichen unseres Lebens. Sie alle dokumentieren das Gleiche. Eine Vision kann die Grundlage dafür sein, scheinbar Unmögliches möglich werden zu lassen.

 

Der Begriff Vision leitet sich aus dem lateinischen ‚visio‘ ab und bedeutet Erscheinung bzw. Anblick. Er bezieht sich auf ein subjektives bildhaftes Erleben, das sich in der Vorstellung offenbart, jedoch nicht mit einer realen sinnlichen Wahrnehmung verbunden ist. Für denjenigen selbst, der eine Vision hat, kann diese bildliche Vorstellung durchaus Züge einer realen Erscheinung annehmen. Da sich solche Visionen bzgl. ihrer zeitlichen Dimension fast ausnahmslos auf die Zukunft beziehen, sind sie meist verbunden mit Vorstellungen, Plänen, Entwürfen, Vorhaben und Konzepten, deren Verwirklichung in der Zukunft liegt. Meist sind hiervon große Vorhaben betroffen, denen ein herausragender menschlicher, gesellschaftlicher bzw. geschichtlicher Stellenwert zukommt. Visionen stehen häufig in Verbindung mit Leidenschaft, Begeisterung und Hingabe, da deren Verwirklichung zunächst kaum möglich erscheint und häufig nur mit dem Überwinden von sehr vielen und auch großen Widerständen verbunden ist. 

 

Menschen, die sich von solchen Visionen bestimmen lassen, wird aufgrund der mit den Visionen verbundenen Kühnheit häufig das Etikett des ‚Träumers‘ zugeschrieben, da die Realisierung so abwegig erscheint. Mit einer negativen Konnotation ist der Begriff ‚visionnaire‘ in der französischen Sprache in seiner Wortbedeutung verbunden mit einem Träumer oder Phantasten. Im positiven Sinne der Wortbedeutung ist es ein Mensch, der weit in die Zukunft schaut und Herausragendes zu verwirklichen plant.

 

Interessanter Weise kennen wir alle für solche Visionen im Verlauf unserer lebensgeschichtlichen Entwicklung damit verbundene biologische Grundlagen. Diese bestehen zum einen darin, dass wir alle natürlicherweise nächtliche Träume haben, die während der sog. wiederholten nächtlichen Traumphasen (REM-Phasen - Rapit Eye Movement – Phasen) unseren Schlaf kennzeichnen. Im Rahmen dieser Träume sehen wir u. U. lebhaft Bilder, Szenen und Ereignisse, welche die gleichen körperlichen Prozesse auszulösen in der Lage sind (Herz-Kreislauf-Reaktionen, Verspannungen der Muskulatur, Ausschüttung von Stresshormonen, usw.) wie von uns ganz real erlebte Situationen. Zum anderen durchlaufen wir während unserer Kindheit ebenfalls natürlicherweise Phasen der Entwicklung, in denen die Phantasie und das Tagträumen, so stark sein können, dass damit sehr real anmutende bildhafte Vorstellungen verbunden sind. Zeitweise bekommen diese im kindlichen Erleben aufgrund dessen einen ganz realen Charakter, so dass die Trennung zwischen Phantasie und Wirklichkeit aufgehoben zu sein scheint. Wegen der in dieser frühen Kindheit noch nicht gegebenen vielfältigen Einschränkungen, welche durch Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen gegeben sind, kann sich die Kreativität und die Originalität des Denkens und der Phantasie umso mehr entfalten. In gleicher Weise findet sich diese Eigenschaft später bei den erwachsenen Visionären wieder. 

 

In Anbetracht dessen, tragen wir alle diese physiologischen Vorläufer von Visionen in uns. Carl Gustav Jung (1875-1961), schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, definierte die Vision als einen Vorgang, der wie ein Traum sei, aber sich im wachen Zustand vollziehe. Er verstand die Vision als Ausdruck von etwas, das aus dem Unbewussten neben die bewusste Wahrnehmung tritt. Für ihn war sie nichts anderes als ein ‚momentaner Einbruch eines unbewussten Inhaltes in die Kontinuität des Bewusstseins‘. Da Jung auch von der Existenz eines uns allen gegebenen kollektiven Unbewussten ausging, in welchem sich Inhalte der Menschheitsgeschichte finden lassen, können Visionen auch von solchen uns alle verbindenden Inhalten gekennzeichnet sein. 

 

Bedeutsam ist die Unterscheidung zwischen dem Formulieren und Festlegen von Zielen, seien sie noch so anspruchsvoll und hochgesteckt und dem Bestimmt-Sein von einer Vision. Ziele behalten sehr viel mehr einen Bezug zur Realität, da sie mit Vorhaben, Anliegen, Wünschen oder auch Sehnsüchten verbunden sind, welche sich mittelfristig oder auch langfristig realisieren lassen - auch wenn hohe Anforderungen und Ansprüche damit verbunden sind. Visionen hingegen gehen mit Inspirationen einher, die über das Alltägliche weit hinausgehen. Meist sind sie mit einer Kreation verbunden, bei der es darum geht, etwas Neues, möglicherweise bisher nie Dagewesenes zu schaffen. So sehr die Willensstärke bei dem Verfolgen von gesteckten Zielen nachlassen kann, u. U. je nach den zu überwindenden Schwierigkeiten und den sich einstellenden Problemen auch vollkommen erlöschen kann, so wenig ist das bei dem Vorliegen von Visionen der Fall. Hier ist das Ausmaß der Motivation und der mit ihren verbundenen antreibenden Kräften um ein Vielfaches größer. In Verbindung mit Visionen lassen sich sprichwörtliche ‚Berge versetzen‘, womit wir erkennen können, dass wir es hier mit einer ganz anderen Qualität des Erlebens zu tun haben. In der Vision wird Unmögliches möglich.

 

Es erinnert an die biblische Geschichte von David gegen Goliath. In dieser Geschichte taten sich die Philister an der Mittelmeer-Küste gegen die Israeliten besonders schwer. Der Vorkämpfer der Philister trat tagelang vor die eigenen Schlachtreihen und forderte einen Israeliten zum Zweikampf. Keiner traute sich gegen diesen kampferfahrenen Hünen, ausgestattet mit einer schweren Rüstung, anzutreten, bis schließlich der junge Hirte David hervortrat. Er verzichtete auf Schwert und Rüstung und erledigte Goliath mit einer einfachen Schleuder und einem Kieselstein.

 

„Wer nicht mehr träumt, hat aufgehört zu leben“ heißt es. In diesem Spruch finden wir den Hinweis auf die Bedeutung der Vision für unser Leben. In diesem Verständnis hat eine persönliche oder auch eine gemeinsame Vision von uns Menschen einen Bezug zur Sinngebung. Wir können aus ihr einen Sinn für unser Leben entnehmen. Auch Nelson Mandela (1918-2013), südafrikanischer Freiheitskämpfer und der erste schwarze Präsident Süd-Afrikas, hatte eine Vision. Diese verlieh ihm die Kraft nach 27 Jahren als politischer Gefangener ein Land der Apartheit (Rassentrennung) zu vereinen. 

 

Wir alle, ob bewusst oder unbewusst, dursten nach einer Vision, denn sie steht für eine Sinngebung in unserem Leben. Insofern sollten wir uns alle fragen, welche diese Vision für uns sein könnte. Finden wir sie und können wir sie benennen, jeder für sich, so kann sie unser Leben in einer ganz fundamentalen Weise positiv bestimmen und positiv verändern. Eine solche Vision kann dazu führen, dass wir unser persönliches, individuelles Sternenzelt, unter dem wir uns befinden und bewegen, neu ordnen können, so dass wir einen daraus sich ableitenden sinngebenden Weg erkennen können.  Dieser sollte dann ein guter Weg sein, auf dem es sich lohnt zu gehen. ;)

 


05.09.2019

 

Können wir Menschen nach Merkmalen einteilen?

 

Wir können davon ausgehen, dass es den Versuch gibt Menschen nach bestimmten Typen und Kategorien einzuteilen, seit dem es Gelehrte und Forscher gibt, die sich mit Fragen bezogen auf den Menschen und seiner ihn kennzeichnenden Merkmale und Eigenschaften befasst haben. Bei der Vielzahl der Menschen, die es auf der Erde gibt - zurzeit sind es fast 8 Milliarden - ist es nur schwer vorstellbar, dass sie sich dennoch in nur wenige Typen bzw. Kategorien aufteilen oder zuordnen lassen. Dennoch war es immer schon ein erkennbares Anliegen namhafter Denker sowohl aus den Geistes- und Naturwissenschaften, wie der Philosophie, Psychologie, Soziologie, Biologie, Medizin, etc. als auch aus den Bereichen der Kunst oder auch Esoterik, Menschen nach bestimmten Merkmalen in kennzeichnende Kategorien einzuteilen. Letztlich können wir, bezogen auf uns Menschen, an dieser Stelle das Gleiche Bedürfnis und Bemühen erkennen, wie wir es bezogen auf alle Erscheinungen unserer Natur feststellen können. Stets geht es uns Menschen darum über Klassifizierungen, Zuordnungen und Einteilungen die gegebene, stellenweise scheinbar grenzenlose Vielfalt, auf ein für uns erträgliches und überschaubares Ausmaß zu reduzieren. Damit einher geht der Wunsch, aufgrund einer auf diese Weise vorgenommenen Einteilung, eine bessere und hilfreiche Möglichkeit der Handhabung im Umgang damit zu finden. Letztlich dient dieses gesamte Kategorisieren einer Ökonomisierung unseres Lebens.

 

Eines der ältesten Modelle der Typisierung von uns Menschen geht auf den griechischen Philosophen, Naturforscher, Politiker und Dichter Empedokles (495-435 v. Chr.) zurück. Er befasste sich mit grundsätzlichen Fragen das Universum, die Natur und den Menschen betreffend. Für ihn waren es vier Wurzeln bzw. Urstoffe aus denen alles zusammengesetzt war. Das Feuer, das Wasser, die Luft und die Erde, bildeten die Grundlage. Aus diesen vier Elementen setzt sich alles zusammen, einschließlich aller physischen Objekte und ebenso alle Lebewesen. Insofern ist auch der Mensch eine Mischung aus diesen Elementen. Je nach unterschiedlicher Ausprägung des Mischungsverhältnisses lassen sich Menschen danach einteilen. Empedokles spricht diesen Wurzeln bzw. Elementen eine qualitative und quantitative Unveränderlichkeit zu. So sehr wir Menschen einem Kreislauf des Kommens und Gehens unterworfen sind bzw. der Entstehung und Vergänglichkeit, so sehr sind diese vier Elemente zeitlos gültig. Diese Interpretation des Seins, kennen wir als die ‚Vier-Elementen-Lehre‘. 

 

Im Jahrtausende alten fernöstlichen Verständnis unserer Schöpfung sind die Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde von großer Bedeutung. In gleicher Weise ist es auch das Verständnis des Lebens als Kreislauf von Geburt, Tod und Wiedergeburt. Auch hiervon war Empedokles überzeugt. So wie in der fernöstlichen Lehre der Wiedergeburt es darum geht, sich mit jedem Leben fortzuentwickeln, verstand Empedokles die Wiedergeburt als Ausdruck eines Weges der Reinigung, i.S. einer Zunahme an Vollkommenheit. Letztlich finden wir in seinem Verständnis unserer Existenz auch den Gedanken des Karmas, insofern auch er davon überzeugt war, dass sich das Tun eines Menschen in gleicher Weise auf ihn selbst, sein Leben und seine Reinkarnation auswirken wird.

 

Gemäß der von ihm postulierten Vier-Elemente-Lehre besteht alles Existierende in einem konkreten Verhältnis der Mischung aus den vier Wurzelkräften: Erde (fest), Wasser (flüssig), Luft (gasförmig) und Feuer (glühend). Insofern unterscheiden wir Menschen uns ebenfalls dadurch, dass wir in individueller Weise durch diese Mischungsverhältnisse gekennzeichnet sind. 

 

Die Anteile der Erde sind mit Kälte und Trockenheit assoziiert und stehen für eine Neigung zur Schwermut und Traurigkeit, aber auch zur Beständigkeit und Festigkeit. Zugleich besteht eine zweifelnde und misstrauische Haltung. Die Anteile des Feuers, welches mit Wärme und Trockenheit verbunden ist, stehen für eine Neigung zu erhöhter Erregbarkeit, Leidenschaftlichkeit und Anfälligkeit für Erkrankungen. Ist ein Mensch von Anteilen die mit Luft verbunden sind gekennzeichnet, mit welcher Wärme und Feuchtigkeit einhergeht, so neigt er zur Heiterkeit und Lebhaftigkeit sowie einem erhöhten Ausmaß an Phantasie und Optimismus. Zugleich besteht die Tendenz zu leichtsinnigem und auch exzessivem Vorgehen. Letztlich ist die Ausprägung von uns Menschen zu nennen, die von Wasser gekennzeichnet ist, welches mit Kälte und Feuchtigkeit verbunden ist. Diese Menschen neigen zum ruhigen, langsamen und auch schwerfälligen Agieren. Sie sind überwiegend ordentlich und zuverlässig und auch friedliebend.

 

Ein zweites Modell, welches uns eine Einteilung der Menschen in bestimmte Kategorien anbietet, geht zurück auf Ernst Kretschmer (1888-1964), einem deutschen Psychiater, der sich im Rahmen seiner Studien mit der menschlichen Konstitution befasste und aufgrund seiner klinischen Erfahrung eine der bekanntesten Typologien des Menschen entwarf. Er unterschied aufgrund der gegebenen physischen Konstitution und der Charakterkunde vier Körperbautypen voneinander: Den Pykniker, den Athletiker, den Leptosomen und den dysplastischen Typus. Diesen vier Typen der Persönlichkeit schrieb er sehr konkrete Charaktereigenschaften zu, welche sich im Fall der Ausbildung einer psychischen Erkrankung umso deutlicher zum Ausdruck bringen würden. Kennzeichnend war ebenfalls, dass er jedem dieser vier Typen die Neigung zur Ausbildung einer konkreten psychischen Störung zusprach. Der Pykniker, den er von der Körperkonstitution als breit und rundlich definierte, neige zur Ausbildung einer manisch-depressiven Erkrankung. Der Athletiker, welchen er vielmehr knochig und muskulär beschrieb, neige zur Ausbildung einer Epilepsie. Den Typus des Leptosomen, den er konstitutionell eher als schmal und lang definierte, verband er mit der Neigung zur Ausbildung einer Schizophrenie. Dem letzten Typus des Dysplastikers kommen atypische Merkmale zu, welche von den drei zuvor genannten abweichen, mit der Eigenschaft sich durch kleinere Körperbau-Variationen von den drei anderen zu unterscheiden. Bezüglich der psychischen Erkrankungen würden auch diese zur Epilepsie neigen.

 

In unserem heutigen Verständnis lassen sich diese vier Typen der Konstitution und der Charakterausbildung in dieser konkreten und eindeutigen Weise nicht mehr aufrechterhalten. Dennoch kennen wir aus unserem Alltag durchaus die Neigung und Erfahrung, Menschen in Anlehnung an diese Typologie einzuordnen. 

 

Ein weiteres, sehr verbreitetes und bekanntes Modell der Einteilung von uns Menschen nach bestimmten kennzeichnenden Merkmalen geht zurück auf C.G. Jung (1875-1961), Schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie. Er bot eine Unterscheidung der Menschen in Bezug auf deren grundlegende Einstellung gegenüber der Welt an. Er unterschied den extravertierten von dem introvertierten Menschen. Diese Unterscheidung bezieht sich im Wesentlichen auf die Art der Interaktion mit dem sozialen Umfeld, je nachdem, ob diese eher durch eine nach außen oder nach innen gewandter Haltung gekennzeichnet ist. Ein extravertierter Mensch sucht den Kontakt mit anderen Menschen, ist aktiv, kommunikativ, aufgeschlossen, begeisterungsfähig und zu gemeinsamen Unternehmungen bereit. Introvertierte Menschen neigen zum Rückzug auf ihr Innenleben, wirken in der Gemeinschaft in sich gekehrt, still, eher gehemmt bzw. schüchtern. Da sie sich in der Gesellschaft mit anderen schnell überfordert fühlen, bevorzugen sie stille Orte der Besinnung, ob im Privaten oder auch der Natur.

 

In vielen heute standardisierten Persönlichkeitstests finden diese Dimensionen von C.G. Jung weiterhin ihre Gültigkeit und Anwendung, so dass sie aus der Differentiellen Psychologie nicht wegzudenken sind. Die Persönlichkeitsforschung hat inzwischen auch Korrelationen mit anderen Merkmalen der Persönlichkeit wie z.B. der Neigung zum sog. Neurotizismus ergeben. Diese Dimension der Persönlichkeit geht auf Hans Jürgen Eysenck (1916-1997), deutschstämmiger britischer Psychologe, zurück, der damit unterschied, in wie weit Menschen sich bei der Konfrontation mit stress- und angstauslösenden Situationen, eher durch eine Labilität bzw. Stabilität auszeichnen.

 

Die Differenzierung nach Extraversion bzw. Introversion wurde von C. G. Jung Einstellungstypen genannt. Des Weiteren nahm er eine Unterscheidung in vier weitere Typen vor, welche er als Bewusstseinsfunktionen beschrieb. Hierzu zählte er das Denken und Fühlen, sowie das Empfinden i.S. einer Wahrnehmung auf einer bewussten Ebene und das Intuieren, i.S. einer Wahrnehmung auf einer unbewussten Ebene.

 

Ein universell und weit in die Menschheitsgeschichte zurückreichendes Modell der Einteilung von Menschen ist die Zuordnung nach Sternkreiszeichen. Diese soll hier nur am Rande erwähnt werden, da sie uns auf viele Arten in unserem Alltag nach wie vor begleitet. Das auf die frühe Antike zurückgehende System der astronomischen Einteilung des Jahres nach Tierkreiszeichen stellt die Grundlage für diese Typologie dar.  Anlass für die Zuordnung sind hier nicht beobachtbare Merkmale und Eigenschaften der Persönlichkeit eines Menschen, sondern ausschließlich das Geburtsdatum. Je nach Datum erfolgt die Zuordnung (Widder, Stier, Zwillinge, Krebs, Löwe, Jungfrau, Waage, Skorpion, Schütze, Steinbock, Wassermann, Fische).

 

Eine der am weitesten und auch tief gehenden Ausarbeitungen i.S. eines Typologie-Systems ist das aus dem Ayurveda kommende, welches die sog. ‚Doshas‘ beschreibt. Dieser Begriff stammt aus dem Sanskrit und bedeutet wörtlich Fehler. Im übertragenen Sinn der Wortbedeutung ist es zu verstehen, als das, was Probleme verursachen kann. Es werden drei Doshas unterschieden: Vata, Pitta und Kapha. Diese Doshas kennzeichnen die jeweilige individuelle Konstitution eines Menschen und bestimmen seine körperliche und geistige Funktion. Jedem Menschen kommt eine eigene ihn kennzeichnende Konstitution (‚Prakriti‘) zu. Dies bedeutet, dass er sich durch eine eigene Mischung der drei Doshas charakterisieren lässt. Mit dieser wird er geboren, sie ist durch die Konstitution der Eltern sowie durch den Zeitpunkt der Empfängnis und weiteren Faktoren bestimmt.

 

Vata bedeutet Luft bzw. Wind und ist verantwortlich für alle physischen und psychischen Abläufe im Körper. Es steht für das Prinzip der Leichtigkeit sowie das Prinzip Veränderung. Vata ist kalt, flexibel, trocken und durchdringend. Die charakteristischen Merkmale lassen ein sehr präzises Bild des Menschen entstehen, der in Vollendung diesem Typus entsprechen würde. So lässt sich ein solcher Mensch beschreiben als eher groß oder klein, schlank, zart, mit eher schmalen Lippen und geringem Körpergewicht. Die Haut neigt zur Trockenheit, er friert leicht, v. a. an den Extremitäten, ist begeisterungsfähig und intellektuell sehr aufgeschlossen und flexibel. Er bevorzugt schönes, warmes Wetter. Es besteht eine Neigung zum Besorgt-Sein und zum Grübeln, so dass auch der Schlaf davon betroffen ist und durch Ein- und Durchschlafstörungen gekennzeichnet ist. Bezüglich seiner Phantasie ist er sehr kreativ, neigt jedoch dazu nur ein Teil seiner Ideen verwirklichen zu können.

 

Pitta steht für Galle und bezieht sich auf die Elemente Feuer und Wasser. Im Menschen ist Pitta für alle biochemischen Prozesse, so auch den Stoffwechsel zuständig. Es besteht eine Verbindung zur Sonne, sowie dem Grundprinzip der Umwandlung. Pitta ist heiß und trocken. Bezüglich des Körperbaus finden sich hier Menschen mit einem mittelschweren Körperbau. Menschen, die den Pitta Typus charakterisieren, arbeiten sehr systematisch und organisiert. Es besteht eine Abneigung gegen Hitze. Der Hunger ist ausgeprägt bei guter Verdauung. Hier finden sich Menschen, die gute Redner sind, sie sind unternehmungslustig, haben keine Scheu. Es besteht eine Neigung zur Zwanghaftigkeit, die sich in Genauigkeit bis hin zum Perfektionsstreben bekunden kann. Bevorzugt werden kalte Speisen und Getränke. Aufenthalte in der freien Natur werden bevorzugt, dies nicht selten verbunden mit dem Bedürfnis nach körperlicher Bewegung bzw. sportlicher Betätigung.

 

Kapha, welches sich aus den Elementen Wasser und Erde zusammensetzt, hat als Grundprinzip die Trägheit. Bezogen auf die körperliche Ebene finden wir hier alles Feste, wie die Knochen, Zähne und Nägel. Das mütterliche Prinzip ist hier kennzeichnend, mit der Fürsorge, der Zuwendung und dem Nährenden. Der Körperbau ist eher schwer, verbunden mit einer Neigung zum Übergewicht. Kennzeichnend sind eine große Ausdauer und Beständigkeit, wobei das Vorgehen durch Planung, Methodik und Langsamkeit geprägt ist. Die Haut von Kapha Menschen ist eher glatt und fettig. Auch die Verdauung ist eher langsam. Es sind Menschen mit einer im Beziehungserleben ruhigen und beständigen Art. Der Schlaf ist im Allgemeinen tief und lange. Diese Menschen lassen sich nur schwer aus ihrer Ruhe bringen. Sie sind sehr treu und verlässlich. Sie nehmen sich vieles zu sehr zu Herzen, fühlen sich leicht betroffen und neigen zur Melancholie.

 

Im Verständnis des Ayurveda sind wir Menschen als Mischung von Anteilen dieser drei Doshas zu verstehen. Je nach Ausbildungsgrad der verschiedenen Anteile sind wir im sozialen Kontakt mit unseren Mitmenschen sowie unserer Beziehung zur Umwelt unterschiedlich charakterisiert. Auch sollten wir in Anbetracht unserer Ausprägung in unterschiedlicher Weise für uns sorgen. Aufgrund dessen ist es das Anliegen des Ayurveda die jeweilige Bestimmung des aktuellen Zustands der Doshas vorzunehmen (Vikriti), da viele Behandlungen davon abhängen. 

 

Dem Ayurveda-Arzt steht, unter vielen anderen Möglichkeiten, die Pulsdiagnose zur Verfügung. Zugleich sollte er daran interessiert sein verschiedene Informationen über Körperbau, Gewohnheiten und Vorlieben zu erhalten. Die Auswertung aller Informationen dient sodann der Bestimmung des jeweiligen aktuellen Dosha-Ungleichgewichts. Währenddessen die Pulsdiagnose unserer westlichen Medizin sich v.a. auf das Herz-Kreislaufsystem konzentriert, ist die Pulsdiagnose im Ayurveda mit einem ganzheitlich-energetischen Anspruch verbunden. Es geht um eine Einsicht in den Zustand des spiritus vitalis, d.h. in die energetische Gesamt-Verfassung des Organismus. In Verbindung mit weiteren erfragten und beobachteten Informationen können somit Aufschlüsse erhalten werden, die eine zuverlässige Zuordnung, einschließlich Diagnose, Indikation und Therapie zulassen.

 

Aufgrund dieser Darlegungen können wir erkennen, dass alle Ansätze der Zuordnung, Klassifizierung und Typisierung stets nur als eine Annäherung an eine möglicherweise mehr oder weniger zutreffende Art der Betrachtung und Charakterisierung darstellen können. Auch ist offensichtlich, dass wir damit nur hilfreiche Hinweise bekommen können, die jedoch für den Alltag und unser konkretes Leben durchaus von großer Bedeutung sein können. Je differenzierter und ausgearbeiteter eine solche Typologie ist, wie z.B. das zuletzt dargestellte aus dem Ayurveda, umso mehr kann der daraus sich für uns ergebende Nutzen sein.

 

Es bleibt jedem selbst überlassen, sich davon angesprochen zu fühlen oder nicht.


01.09.2019

 

Dankbarkeit

 

In ihrem letzten, bewegenden und sehenswerten Interview am 20. November 1995 äußere sich Lady Diana (1961-1997), erste Ehefrau des britischen Thronfolgers Charles, zu ihrer inneren Haltung der Dankbarkeit.: „…Ich würde gerne eine Königin der Herzen der Menschen sein. Aber ich sehe mich nicht als Königin dieses Landes. Ich denke sogar, dass viele Menschen nicht wollen, dass ich Königin werde. Wenn ich sage „viele Menschen“, meine ich das Establishment, in das ich hineingeheiratet habe. Denn sie haben beschlossen, dass ich ein Nichtsnutz bin. Weil ich Dinge anders angehe. Ich handle nicht nach einer Anleitung. Ich führe mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf. Und das hat mir viel Ärger eingebracht, ich verstehe das. Aber irgendwer muss da raus gehen und die Menschen lieben und es zeigen...Ich bin hier um Gutes zu tun. Ich bin kein zerstörerischer Mensch…Ich denke jede starke Frau der Geschichte musste einen ähnlichen Weg gehen. Und ich glaube, es ist die Stärke, die für Unruhe sorgt. Ich war 15 Jahre in einer privilegierten Position. Und ich habe ein massives Wissen über Menschen und wie man kommuniziert. Das habe ich gelernt und das will ich nutzen. Ich denke die größte Sorge unter der die Menschen in dieser Zeit leiden, ist das Leiden sich nicht geliebt zu fühlen. Und ich weiß: Ich kann Liebe geben! Für eine Minute, eine halbe Stunde, einen Tag, einen Monat, aber ich kann sie geben und ich bin sehr glücklich darüber.“

 

Trotz der spürbaren Verletzungen, Zurückweisungen und Kränkungen, die sie in ihrem Umfeld der Royal Family aufgrund ihrer Andersartigkeit erleben musste (in deren Folge sie sehr früh schon selbstschädigende und bulimische Symptome entwickelte), ist ihrer Haltung ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit zu entnehmen, welches ihr die Kraft verleiht, sich von positiven Empfindungen bestimmen zu lassen und sich anderen Menschen mit Hilfe, Zuneigung und Liebe zu zuwenden. In dieser Weise war sie ohne Zweifel ein Beispiel für die Kraft und positive Energie, welche aus der Dankbarkeit, zum Wohle anderer und auch sich selbst, entstehen kann.

 

Die heute an vielen universitären Stellen vertretene wissenschaftliche Erforschung der Dankbarkeit (sog. Dankbarkeitsforschung) geht auf den Beginn der 2000er Jahre zurück und ist insofern ein noch sehr junges Forschungsgebiet. Dies ist wohl auch dadurch bedingt, dass die Psychologie und Medizin es traditionell viel mehr gewohnt sind, negative Qualitäten unseres Seins zu untersuchen, als sich mit positiven zu befassen. Anders verhält es sich mit den Fragen zur Dankbarkeit im Rahmen der Religionen oder auch der philosophischen Diskussionen. Hier gibt es weit zurückreichende Abhandlungen darüber. In diesem Kontext der Betrachtung war es z. B. wichtig zu unterscheiden zwischen dem Gefühl der Dankbarkeit, welches ausschließlich positiv ist und dem Gefühl einer Dankesschuld, welches negativ empfunden wird. Letzteres ist verbunden mit dem Gefühl sich einer Verpflichtung stellen zu müssen, da es darum geht, eine zuvor erhaltene Hilfe auf irgendeine Art zu Vergüten. Insofern entspringt dieses Gefühl der Dankbarkeit dem Gewissen, im Gegensatz zum ersten, welches dem Herzen entspringt.

 

In allen Weltreligionen, wie der jüdischen, christlichen und islamischen spielt die Dankbarkeit eine große Rolle und wird in vielfältiger Weise und an unterschiedlichsten Stellen thematisiert. So z. B. ist Dankbarkeit für Martin Luther „Die wesentliche christliche Haltung“. Ebenso hat die Dankbarkeit im Hinduismus und auch im Buddhismus einen zentralen Stellenwert. Im Buddhismus ist z. B. der Buddhist angehalten stets dankbar gegenüber dem Leben, seinen Geschenken und abverlangten Opfern zu sein. Zugleich sieht der Buddhismus in der Dankbarkeit einen wesentlichen Weg aus dem Kreislauf der Schuld. Wobei es auch hier darum geht, sich von Herzen dieser Dankbarkeit verbunden zu fühlen und nicht aus Gewissensgründen.

 

Robert Emmons (geb. 1958), Psychologe und Michael McCullough (geb. 1965) führten Studien zur Dankbarkeit durch, in denen sie mit Dankbarkeitsinterventionen arbeiteten. So teilten sie in einer Studie 192 Teilnehmer in drei Gruppen. Eine Gruppe sollte über zehn Wochen in einem Tagebuch aufzeichnen, zu welchen Gelegenheiten sie Dankbarkeit empfanden. Die zweite Gruppe hingegen sollte beschreiben, was alles schlecht gelaufen sei und die dritte Gruppe sollte – soweit möglich – neutral ihre Erlebnisse beschreiben. Eine nachträgliche Befunderhebung zeigte, dass die Gruppe, welche ein Dankbarkeitstagebuch geführt hatte, mehr Optimismus zeigte, sich vitaler und lebensfroher fühlte. Vorher bestandene Symptome, wie Bauch- und Kopfschmerzen, Schwindel oder auch Muskelverspannungen hatten nachgelassen. Insgesamt hatte sich ihre körperliche Kondition deutlich verbessert und sie war sportlich aktiver als die Vergleichsgruppen. Auch kam es seltener zu Arztbesuchen.

 

Es ist davon auszugehen, dass positive Dankbarkeit sehr stark mit dem Wohlbefinden korreliert ist. Dies hat u. a. zur Folge, dass die sozialen Kontakte bzw. die persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen deutlich davon profitieren. Dies zeigt sich in einer Verstärkung der sozialen Bindungen. Inzwischen können wir davon ausgehen, dass Dankbarkeit auch gegen Angst- und Panikstörungen wirkt, sowie auch gegen die Neigung zur Depression und zum Suchtverhalten. Die Qualität der Empfindungen, die mit Dankbarkeit verbunden ist, steht der Qualität negativer Gefühle in Verbindung mit Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, Ärger, Wut und Aggression vollkommen entgegen, ist damit unvereinbar und schließt somit solche Gefühle aus.

 

In einer weiteren Studie zum Einfluss des Dankbarkeitsgefühls auf die Beschaffenheit des Herzes als Organ, konnte Paul J. Mills (geb. 1947), Arzt für Psychoneuroimmunologie und Psychosomatik, feststellen, dass die Dankbarkeit einen positiven Einfluss auf die Gesundheit des Herzens hat. In seiner Studie, an der 186 Männer und Frauen teilnahmen zeigte sich eine deutliche Linderung der Herzbeschwerden im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Bei der Gruppe mit Dankbarkeitsübungen sanken die Entzündungsmarker, bei gleichzeitiger Zunahme der sog. Herzfrequenzvariabilität (Anpassungsfähigkeit des Herzens). In einer weiteren Studie an der Indiana University konnte nachgewiesen werden, dass es aufgrund der Dankbarkeitsübungen zu messbaren neurobiologischen Veränderungen im Gehirnscan kommt. Es ist davon auszugehen, dass es bei dem Zusammenwirken von Dankbarkeit und Wohlbefinden zu sich gegenseitig verstärkenden positiven Effekten kommt, welche sich dann auf die gesamte körperliche, seelische und geistige Befindlichkeit positiv auswirkt.

 

Anhand der inzwischen vorliegenden Untersuchungen, können wir immer besser das Bild eines dankbaren Menschen zeichnen. So können dankbare Menschen mit ihrer Umgebung, ihrem persönlichen Wachstum besser umgehen. Sie finden mehr Sinn im Leben und ihr Selbstwertgefühl ist stärker. Sie kommen mit schwierigen Situationen besser zurecht, haben bessere Bewältigungsstrategien für Probleme, schlafen besser, da sie weniger negative, stattdessen mehr positive Gedanken vor dem Einschlafen haben. Dass Dankbarkeit einen direkten Einfluss auf das Sozialverhalten hat, zeigten die Studien, die sich mit der Spendenbereitschaft befassten. Hier konnte gezeigt werden, dass Dankbarkeit die Bereitschaft zum Spenden deutlich erhöht. Es fand sich eine positive Korrelation (Verbindung) zwischen der Dankbarkeit einerseits und der Bereitschaft zur Empathie, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft andererseits. Wir können feststellen, dass eine positiv empfundene Dankbarkeit in einer ganz grundlegenden Weise die Haltung des Gebens fördert.

 

Eine große Anzahl von Studien belegt den positiven Einfluss der Dankbarkeit auf diesen Aspekt unserer sozialen Kontakte. So z. B. gaben Stammgäste eines Restaurants mehr Trinkgeld, nachdem die Kellner auf die Rechnung deutlich lesbar „Danke“ geschrieben hatten.

 

Wenn wir uns all das vor Augen führen, können wir uns fragen, warum wir Dankbarkeit in unserem alltäglichen Leben relativ selten erleben, wenn sie doch ganz offensichtlich für unser Wohlbefinden, unsere Lebensqualität und unsere Glücksgefühle von so großer Bedeutung ist. Betrachten wir die Botschaften, die wir über unsere unterschiedlichen Medien (Internet, Fernsehen, Radio, Zeitschriften) erhalten, so können wir erkennen, dass v. a. Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse geweckt werden sollen. Dies verbunden mit der Botschaft, dass uns zu unserem Glück etwas oder auch Verschiedenes fehlt. So, wie es ist oder auch wir sind, ist es nicht gut, es könnte besser sein und dafür gilt es zu sorgen bzw. danach sollten wir streben – ist die Botschaft. Insofern können wir fragen, warum sollten wir uns dankbar fühlen, wenn wir doch erkennen müssen, dass uns zu unserem Glück etwas fehlt? Des weiteren werden wir stets aufgerufen zu vergleichen, um ebenfalls am Beispiel anderer feststellen zu müssen, dass es besser geht, was ebenfalls ein Gefühl der Insuffizienz weckt. Mit diesem Ganzen geht eine Fokussierung auf das Fehlende bzw. noch nicht Vorhandene oder Erworbene einher. Dies alles ist dazu angetan unsere Unzufriedenheit zu verstärken, statt unsere Dankbarkeit zu fördern.

 

Letztendlich ist es nichts Verwunderliches, wenn wir aus diesem Ganzen Ansprüche, Erwartungen oder auch Forderungen ableiten. Das liegt uns offensichtlich näher, als ein Gefühl der Dankbarkeit und Zufriedenheit. In unserem Alltag steht in der Folge davon viel mehr das Negative im Vordergrund. Wodurch wir dazu neigen die positiven Dinge und die Geschenke in unserem Leben zu übersehen. Zumal wir mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auch dazu neigen das Gute, das uns widerfährt als normal zu deuten, umso mehr, wenn es sich wiederholt. Ein Bewusstsein für den entsprechenden Wert stellt sich in uns häufig erst dann ein, wenn wir etwas verlieren oder wenn die Gefahr besteht, dass es verloren geht.

 

Letztlich ist zu berücksichtigen, dass Dankbarkeit auch die Fähigkeit beinhaltet sich auf das, was uns umgibt und auf uns wirkt einzulassen, seien es bestimmte wertvolle Menschen und die Beziehung zu ihnen oder auch die gesamte Natur mit all ihren Erscheinungen. Wenn wir nicht in der Lage sind die Brücke zu überqueren und damit eine Verbindung herzustellen, wird es kaum möglich sein zu einem bestimmten Bewusstsein und Verständnis zu gelangen, aus welchem sich ein direkter Zugang zu einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit ergibt, welches von Herzen kommt.

 

In einer Analogie wird die Dankbarkeit häufig mit einem Muskel verglichen. Wenn er nicht regelmäßig trainiert wird, neigt er dazu zu erschlaffen. So kann es eine sehr hilfreiche Übung sein als einem ersten Gefühl, den Tag mit Dankbarkeit zu beginnen. Die Tatsache feststellen zu können, relativ gesund zu sein, sich in einer privilegierten Lebenssituation zu befinden, umgeben zu sein von einem Frieden und einem relativen Wohlstand, mit möglicherweise wertvollen und bereichernden Beziehungen und ebenso einer Familie, sollte unser Bewusstsein bestimmen und uns auch Dankbarkeit empfinden lassen.

 

Eine konkrete Übung zur Dankbarkeit, bietet die sog. 5-Finger-Methode. Mit dem kleinen Finger verbunden sein soll, etwas, wofür wir im Leben zutiefst dankbar sein können („Für was bin ich zutiefst dankbar in meinem Leben?“); Der Ringfinger ist verbunden mit dem Gefühl, Menschen zu treffen, für die eine Zuneigung von Herzen da ist („Welche Menschen liebe ich?“); der Mittelfinger steht für die Frage, was heute noch getan werden kann, um zu helfen („Wem kann ich heute noch etwas Gutes zukommen lassen?“); Der Zeigefinger weist auf die schönen Dinge außerhalb von einem Selbst („Was von dem mich umgebenden in der Natur gefällt mir und beglückt mich?“); Letztlich geht es um den Daumen, der sich auf die eigenen Stärken bezieht („Zu welchen Stärken und Qualitäten kann ich mich bekennen?“). Das Bewusstsein, welches mit diesen Fragen einhergeht, kann zu unserem Wohlbefinden beitragen und uns glücklicher fühlen lassen, da es auch mit Dankbarkeit verbunden ist.

 

Wir sollten uns bewusst sein, dass Glück nicht notwendiger Weise mit Dankbarkeit verbunden sein muss, empfundene Dankbarkeit jedoch immer zum Glück und Wohlbefinden führt. Demzufolge können wir feststellen: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ Aufgrund dessen sollten wir jede sich uns alltäglich bietende Gelegenheit wahrnehmen, uns dankbar zu fühlen und diesem Gefühl auch Ausdruck verleihen, zumal wenn die Dankbarkeit mit anderen Menschen in Verbindung steht. Erst wenn sich eine Botschaft vermittelt, auf welchem Weg auch immer, können wir davon ausgehen, dass davon eine Wirkung ausgehen wird. Was hilft es insofern, wenn uns jemand sagt, dass er an uns gedacht hat, es uns aber auf keine Weise hat wissen oder spüren lassen. Positive Dankbarkeit, die dem Herzen entspringt, ist nichts Phantasiertes, sondern etwas sehr Reales, das sich vermittelt und erleben lässt.

 

Eine wichtige mütterliche Person in meinem Leben, mit der ich selbst sehr viel Dankbarkeit verbinde, sagte mir zu verschiedenen Gelegenheiten: „Luciano, wir sollten immer daran denken, dass es wichtiger ist, einem Menschen Blumen in seinem Leben zu geben, statt sie ihm zu spät auf sein Grab zu legen.“ 

 


28.08.2019

 

Gedanken zu unserer westlich geprägten Wissenschaft

 

Stellen Sie sich vor, eine gute Freundin oder ein guter Freund lädt Sie ein, zusammen zu einem Vortragsabend zu gehen, bei dem es darum geht, ob wir die Grenzen unserer Überzeugungen in Frage stellen sollten. Da Sie Ihre Freundin bzw. Ihren Freud gut kennen, volles Vertrauen haben, zusätzlich ein aufgeschlossener, interessierter und auch neugieriger Mensch sind, erklären Sie sich selbstverständlich gern dazu bereit und gehen mit.

 

Nachdem der Vorredner seine einleitende Worte gesprochen hat, kündigt er den Gastredner an, den er dann auf die Bühne bittet um am Rednerpult seinen Platz einzunehmen. Zuvor konnten Sie noch beobachten, dass an das Rednerpult eine kleine Rampe gestellt wurde, so dass der offensichtlich kleinwüchsige Gastredner sich auf der Höhe des Mikrofons befinden kann. Was dann passiert, werden Sie ihr ganzes Leben lang niemals mehr vergessen, es wird Sie und ihr bisheriges Verständnis des Lebens und der Welt für immer verändern. 

 

Es kommt ein tierisches Schwein auf die Bühne, bewegt sich mit einer stoischen Gelassenheit und Selbstverständlichkeit auf das Rednerpult zu, geht die Rampe hoch, schaut einen langen Moment, von links nach rechts und von vorne nach hinten in das Publikum, räuspert sich ein wenig und beginnt dann, in exzellentem Deutsch eine Rede zu halten, über die Bedeutung, die es hat, als tierisches Schwein der menschlichen Sprache, sowie der ihr zugrunde liegenden Denkprozesse mächtig zu sein. Im Anschluss an den Vortrag werden Sie und das gesamte Publikum von dem Schwein dazu eingeladen, Fragen zu stellen bzw. Kommentare zu dem Vorgetragenen zu geben.

 

So sehr Sie sich auch umschauen, Sie können nur Fassungslosigkeit und Ungläubigkeit in den Gesichtern der anderen im Publikum erkennen, die gleichen Empfindungen, die sich auch in Ihnen eingestellt haben. „Das kann es doch gar nicht geben, das ist doch nicht wirklich wahr, was ich da gerade erlebe.“ , denken Sie und doch müssen Sie eingestehen, dass Sie weder träumen, noch halluzinieren, es ist wahr. Das, was Sie und andere erleben, geschieht gerade wirklich, Sie können solange nach Erklärungen suchen, wie Sie es möchten. Sie stellen fest, Sie werden keine finden. Es bleibt Ihnen nur zu glauben bzw. mit Sicherheit sagen zu können, dass Sie erleben konnten, wie ein tierisches Schwein einen differenzierten Vortrag über ein interessantes Thema gehalten hat. 

 

Von diesem Abend an werden Sie nun ein Problem haben. Sie werden, das, was Sie erlebt haben, niemandem vermitteln können, der nicht selbst dabei gewesen ist. Nahezu niemand wird bereit sein Ihnen zu glauben, was Sie berichten. Auf irgendeine Weise müssen Sie sich irren bzw. haben Sie etwas nicht wahrgenommen oder mitbekommen, wird man Ihnen sagen. Sie seien offensichtlich viel zu gutgläubig bzw. auch bereit Ihren kritischen Verstand außer acht zu lassen. Ein tierisches Schwein kann nun einmal nicht sprechen, schon gar nicht eine differenzierte Rede halten, aufgrund eigener gedanklicher Überlegungen, ‚das geht doch gar nicht‘ und ‚das gibt es insofern auch gar nicht‘ wird es lauten. Das werden Sie stets von neuem hören, bis Sie vielleicht aufhören, davon zu erzählen, weil Sie erkennen, dass es keinen Sinn hat, etwas vermitteln zu wollen, was das Vorstellungsvermögen Ihrer Mitmenschen weit überschreitet und auch in keiner Weise in unser Denken und Verstehen unser Welt passt.

 

Von Vorteil könnte es sein, wenn Sie sich darauf berufen könnten, dieses Ganze wiederholt, vielleicht gar 10, besser 20 oder 40 mal erlebt zu haben, denn dann wäre eine wichtiges Kriterium für die Glaubwürdigkeit Ihres Berichts, sowie für das tatsächliche Ereignis als solches gegeben. Unsere westliche Wissenschaft und die ihr zugrunde liegenden Kriterien sind nämlich nach dem Prinzip ausgerichtet „einmal ist keinmal“, d. h. dieses eine mal zählt nicht, es ist geradezu in-existent, auch wenn es sich so zugetragen hat, wofür Sie und die anderen Beteiligten im Publikum bürgen können. Es nutzt nichts, nicht in unserer westlichen Kultur, die nach wie vor von den Ansprüchen der naturwissenschaftlichen Forschung im Sinne der Physik von Isaac Newton (1642-1726) und René Descartes (1596-1650) geprägt ist.

 

Um zu verstehen, wie wir das von Ihnen gemachte Erlebnis dennoch mit einem wissenschaftlichen und ernsten Anspruch verbinden könnten, müssen wir uns mit den möglichen Ansätzen wissenschaftlichen Denkens vertraut machen. Auch wenn es zunächst etwas theoretisch klingen mag, ist es dennoch sinnvoll sich dem zu zuwenden.

 

Grundsätzlich gibt es zwei sog. wissenschaftstheoretische Ausrichtungen. Es gibt den sog. ‚nomothetischen‘ und den sog. ‚idiographischen‘ Ansatz. Diese Unterscheidung geht auf Wilhelm Windelband (1848-1915), deutscher Philosoph, zurück, der diese Unterscheidung 1894 in seiner Antrittsrede zum Rektor an der Universität Straßburg vornahm. Mit der nomothetischen Ausrichtung der Wissenschaft ist eine Forschungsrichtung zu verstehen, bei der das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit darin besteht, allgemein gültige Gesetze zu formulieren. Die mit ihr verbundenen Methoden sind gekennzeichnet von der Durchführung experimenteller Studien, wobei die erhobenen Daten quantitativ sind. Es geht darum von den Beobachtungen zu abstrahieren, um zu allgemein gültigen, bestenfalls universellen Aussagen zu gelangen. Diese Art des Vorgehens ist kennzeichnend für unsere westlichen Naturwissenschaften.

 

Bei der idiographisch ausgerichteten Wissenschaft geht es in der Forschungsrichtung, viel mehr um einen beschreibenden Ansatz. Hier ist das Ziel der wissenschaftlichen Arbeit, eine weitgehende Analyse der konkreten Ereignisse und Phänomene vorzunehmen bzw. des einzelnen Objekts der Betrachtung. Dies kann bedeuten, dass es sich um einen zeitlich und räumlich einzigartigen Gegenstand handelt. Dieser idiographische Forschungsansatz findet sich v. a. in den Geisteswissenschaften. 

 

Eine Mittelstellung zwischen der quantitativen Ausrichtung und qualitativen Ausrichtung, stellt die Psychologie dar, da sie versucht beides zugleich zu berücksichtigen und sowohl inter- als auch intra-individuelle Unterschiede erforscht. Ziel ist es dann, objektive Gesetzmäßigkeiten zu formulieren, die auf alle Individuen angewendet werden können. Insofern könnte man sagen, die auf diese Weise ausgerichtete Psychologie untersucht geisteswissenschaftliche Inhalte mit naturwissenschaftlichen Methoden.

 

Sowohl in den Naturwissenschaften als auch in der Medizin, geht es darum dem Anspruch der beschriebenen nomothetischen Forschungs-Ausrichtung gerecht zu werden. Von großer Bedeutung ist hierbei die bei der Beachtung festzulegender Kriterien für ‚Objektivität‘‚ Validität‘, und ‚Reliabiltät‘. Bezüglich der Objektivität ist davon auszugehen, dass das Objekt der Beobachtung unabhängig ist von Einflüssen aus der Umgebung bzw. dem Beobachter und Untersucher. Der Validität geht es, darum sicher zu stellen, dass anhand der Versuchsanordnung und der verwendeten Messung auch tatsächlich das erfasst werden kann, was zu erfassen und zu messen beabsichtigt ist. Mit der Reliabiltät verbinden wir die Voraussetzung, dass das Beobachtete, Erfasste oder Gemessene, sich unter vergleichbaren Bedingungen genauso wiederholen lassen wird.

 

Der idiographische Ansatz ist, wie oben bereits erwähnt, den Geisteswissenschaften entnommen, die wir auch als Erfahrungswissenschaften der geistigen Erscheinungen bezeichnen können. Hier hat der ‚verstehende‘ Forschungsansatz seinen Platz. In wesentlich größerem Ausmaß als er zu Anteilen in der modernen Psychologie zur Anwendung kommt, ist dieser mit der psychoanalytischen Ausrichtung der Untersuchung verbunden. Ziel war es und ist es hier, im Sinne einer ‚verstehenden Psychologie‘ die Struktur des Individuums und die in ihm vorhandnen psychischen Abläufe nacherlebend zu erfassen und zu zergliedern. Die eingehende Analyse des Einzelfalles steht somit im Mittelpunkt psychoanalytischer Forschung. Sie ist der Ausgangspunkt der meisten Erkenntnisse, die im Rahmen der psychoanalytischen Wissenschaft und Forschung als selbstverständlich angesehen werden.

 

Es kommt insofern darauf an, anhand einer detaillierten und tiefergehenden Analyse jedes einzelnen Falles, Aufschlüsse zu erhalten und mögliche relevante Ableitungen vorzunehmen. Folgerichtig stellt sich dann die Frage nach der Objektivität und Validität der so gewonnenen Aufschlüsse. Könnte ein anderer Untersucher, aufgrund seiner andersartigen Persönlichkeitsstruktur und einer möglicherweise verschiedenen professionellen Orientierung, nicht zu ganz andersartigen Ergebnissen und Schlussfolgerungen gelangen?

 

Der Gegenstand selbst (z. B. psychische Prozesse in einem konkreten Menschen), lässt es jedoch nicht zu, dem Anspruch auf Objektivität und Validität nachzukommen. Zumal dann nicht, wenn Objektivität, die Forderung beinhaltet als wissenschaftlich nur das zu akzeptieren, was nicht durch irgendwelche subjektiven Interpretationen gefärbt ist. Dieser Anspruch lässt sich allein deshalb nicht verwirklichen, da es u. U. um zu untersuchende Vorgänge geht, die per Definition nicht direkt wahrnehmbar sind, sondern nur zu erschließen sind. Somit ist es unvermeidbar, ein ‚persönliches Potential‘ in deren Erforschung mit einzubringen, welches es gestatten sollte, mehr zu erfassen, als es mit den standardisierten Verfahren der naturwissenschaftlichen Methoden sonst mögliche wäre. 

 

Die nach der Beobachtung vorzunehmenden Interpretationen, werden demnach durch den bewussten und gewollten ‚kontrollierten Einsatz der Subjektivität‘ des Beobachters bzw. Untersuchers erhalten. Dieses Vorgehen trifft für die ganze Forschung im Rahmen der psychoanalytischen Wissenschaft zu. Dies umso mehr, als das ‚Objekt der Betrachtung‘ im Rahmen dieses Vorgehens das Unbewusste ist, das sich ohnehin immer nur anhand verschiedner Hinweise indirekt erschließen lässt (z.B. freie Assoziationen, Träume, Fehlleistungen etc.). Zeitweise gelingt ein Verstehen und Nachvollziehen sogar nur auf einer ‚unbewussten’ einfühlenden Ebene, bei welcher, das Unbewusste des Untersuchers mit dem Unbewussten des Untersuchten in Kontakt bzw. ‚Resonanz‘ gerät.

 

Mögen diese Vorgehensweisen mit den Ansprüchen der oben ausgeführten wissenschaftlichen Ausrichtung unserer Naturwissenschaften nach wie vor unvereinbar sein, so haben doch die nun seit Jahrzehnten bereits vorliegenden Erkenntnisse aus der Quantenphysik dazu beigetragen, den Stellenwert des idiogaphischen Forschungsansatzes aufzuwerten, sowie den des nomothetischen Ansatzes in Frage zu stellen. Spätestens seit dem Doppelspalt-Experiment wissen wir, dass die Vorstellung einer unabhängigen und damit ‚objektiven‘ Beobachtung eine Fiktion ist (siehe Beitrag Nr. 10). Die Quantenphysik konnte den Nachweis erbringen, dass es eine Beobachtung unter Ausschluss des Einflusses des Beobachters nicht geben kann. Mit der Beobachtung verändern wir das, was geschieht, wir nehmen bereits durch die Beobachtung selbst Einfluss auf die Wirklichkeit.

 

In besonderer Weise können wir im Rahmen der Untersuchung und Erforschung von Prozessen, die sich im Menschen vollziehen, sowie der dann folgenden Interpretation der Ergebnisse erkennen, dass es häufig Einzelfälle sind, welche in einer exemplarischen Weise etwas Grundsätzliches sichtbar machen und damit offenbaren. Dies betrifft z.B.  auch die in einem vorangegangenen Beitrag dargestellten und ausgeführten Fähigkeiten eines David Blaine (siehe Beitrag Nr. 44). Wenn ein einziger Mensch, ausgestattet mit allen sonstigen Merkmalen eines Menschen, in der Lage ist, etwas Unvorstellbares, in kein Konzept unserer naturwissenschaftlichen Ausrichtung Passendes und deshalb nicht Erklärbares, zu vollbringen, ist es dann nicht der Beleg dafür, dass es grundsätzlich möglich ist? Warum dann noch daran zweifeln? Warum dann weiterhin davon überzeugt sein, dass es nicht sein kann?

 

In diesem Zusammenhang gibt es in unserer Menschheitsgeschichte, sowohl in  der Vergangenheit als auch der Gegenwart, eine ganze Reihe zu erwähnender Phänomene und Ereignisse, die wir kennen, von denen wir berichten können, sie sehr konkret und im Detail auch beschreiben können,  für die wir jedoch bis zum heutigen Tag keine nachvollziehbare und überzeugende Erklärung haben. (In einem der zukünftigen Beiträge sollen diese dargestellt werden.) Aber was tun wir mit diesen unerklärlichen Phänomenen und Ereignissen, bzw. was tut unsere ‚Mainstream Wissenschaft‘ damit? Sie sind zumeist nicht existent, weil sie tot geschwiegen werden. In dem Wissen, das uns während unserer gesamten Sozialisation vermittelt wird, finden sie keinen Platz.

 

In Anbetracht all des Ausgeführten, sollten Sie sich somit auf keinen Fall dazu verleiten lassen Zweifel zu haben. Sie sollten sich, nach Ihrem Besuch des zu Beginn erwähnten Vortragsabend, bei dem Sie erstmals und vielleicht auch einmalig, ein tierisches Schwein erlebt haben, das einen sehr anspruchsvollen und differenzierten Vortrag hielt, nicht dazu verleiten lassen, das alles in Frage zu stellen,. Auch wenn man Ihnen nage legt, dass ein tierisches Schwein nicht Denken und Sprechen kann. Sie sollten überzeugt bleiben, Sie können sich gar auf einen Forschungsansatz berufen, den sog. idiographischen, der dem Einzelfall eine wissenschaftlich durchaus ernst zu nehmende Bedeutung zuspricht.


24.08.2019

 

Welchen Wert hat Wissen und Lebenserfahrung?

Jean Gabin (1904-1976), einer der bedeutendsten französischen Schauspieler und Charakterdarsteller (unter seinen franz. Kollegen damals der Pate genannt) war in seinen jungen Jahren auch Chansonier. Im Jahr 1974 berichtet er in einem Sprechgesang mit dem Original-Titel Maintenant Je Sais über das Leben und das Wissen über das Leben folgendes (in freier Übersetzung - siehe Video unten): 

 

„Jetzt weiß ich.

 Als ich klein war, eben ein Dreikäsehoch

Sprach ich lautstark um ein Mann zu sein

Ich sagte, ICH WEISS, ICH WEISS, ICH WEISS

 

Es war der Anfang, es war Frühling

Aber als ich dann meine 18 Jahre erreicht hatte

Sagte ich, ICH WEISS, das ist es, diesmal WEISS ICH

 

Und heute, an Tagen, an denen ich mich umsehe

Betrachte ich die Erde trotz meiner hundert Schritte auf ihr

Und ich weiß immer noch nicht, wie sie sich dreht!

 

Mit etwa 25 Jahren kannte ich alles:

Die Liebe, die Rosen, das Leben, das Geld

Ja, ja auch die Liebe! Ich kannte sie durch und durch!

 

Und glücklicherweise, wie meine Kumpel

hatte ich noch nicht alles erlebt:

In der Mitte meines Lebens habe ich immer wieder gelernt

 

Das, was ich gelernt habe, sagt sich in drei, vier Worten:

‚Der Tag, an dem dich jemand liebt, scheint die Sonne

Ich kann es nicht besser sagen, es scheint die Sonne!‘

 

Da ist noch dies, was mich am Leben erstaunt

Mich, der im Herbst seines Lebens ist

Man vergisst sogar Abende der Traurigkeit

Aber niemals einen Morgen der Zärtlichkeit

 

Meine ganze Jugend wollte ich sagen ICH WEISS

Nur, je mehr ich suchte, desto weniger wusste ich

 

Die Uhr hat jetzt sechzigmal geschlagen

Ich bin wieder am Fenster, ich schaue und frage mich?

Jetzt WEISS ICH, DASS MAN NIEMALS WEISS!

 

Das Leben, die Liebe, das Geld, die Freunde und die Rosen

Man erkennt nie die Nichtigkeit oder den Wert der Dinge

Das ist alles, was ich weiß! Aber das, das WEISS ich…“

 

In diesem Chanson bringt Jean Gabin unser fortlaufendes, uns kennzeichnendes Bestreben, Bemühen und auch unsere zeitweise vorhandene Überzeugung zum Ausdruck, zu wissen, wie es ist: das Leben, die Menschen, die Dinge, die Ereignisse, was auch immer. Für dieses Bestreben und die damit verbundene Überzeugung, scheint es kein Alter zu geben. In welcher Phase unseres Lebens wir uns auch befinden mögen: Pubertät, frühes Erwachsenenstadium, in der Mitte des Lebens, zu Beginn des Alterns, bis in das Alter und höhere Alter - stets meinen wir zu wissen. Im Vergleich mit anderen scheinen wir nicht selten davon überzeugt zu sein, es sogar besser zu wissen. Die Ausrufezeichen sind es, die uns überwiegend begleiten, in Form von Überzeugungen und affirmativen Aussagen (… so ist es und nicht anders!) und festen Glaubenssätzen. 

 

Die Alltagserfahrung zeigt, dass solche Haltungen losgelöst sind vom Bildungsgrad und der intellektuellen Leistungsfähigkeit. Die Überzeugung kann sowohl Ausdruck eines schlichten, wenig differenzierten Bildungsniveaus sein, wie auch Ausdruck einer sehr umfassenden und differenzierten Bildung.

 

In der Apologie von Platon (428/427-348/347) lässt er Sokrates (469-399) an verschiedenen Stellen sein Nicht-Wissen bzw. seinen Mangel an Weisheit ansprechen. Sokrates bringt dort zum Ausdruck, sich dessen bewusst zu sein, nicht über Weisheit oder ein wirkliches Wissen, welches über jeden Zweifel erhaben ist, zu verfügen. Wobei sich dieses Wissen auf die allgemeinen Tugenden und die Frage nach dem Guten bezieht. Platon lässt Sokrates in der Apologie erzählen: „Beim Weggehen aber sagte ich zu mir: ‚Verglichen mit diesem Menschen bin ich doch weiser. Wahrscheinlich weiß ja keiner von uns beiden etwas Rechtes; aber dieser glaubt, etwas zu wissen, obwohl er es nicht weiß; ich dagegen weiß zwar auch nicht, glaube aber auch nicht, etwas zu wissen. Um diesen kleinen Unterschied bin ich also offenbar weiser, dass ich eben das, was ich nicht weiß, auch nicht zu wissen glaube.‘”

 

Hier können wir erkennen, wie sehr und wie lange das Wissen bzw. Nicht-Wissen die Menschheit schon beschäftigt. In der griechischen Philosophie ist auch das Scheinwissen thematisiert (Xenophanes, geb. ca. 580 v. Chr.), welches auf allem bereitet sei, wobei der trügerische Schein in der Außenwelt, dem falschen Meinen der Menschen entsprechen würde. 

 

Die Erkenntnis von Sokrates bezieht sich auf zwei wesentliche Aspekte bzgl. des Wissens: zum einen entspricht es einer Realität, dass er nur über ein begrenztes Wissen verfügt, zum anderen ist ihm dies jedoch auch zugleich bewusst. Natürlich ist es von großer Bedeutung, ob wir uns unserer Grenzen und Einschränkungen bewusst sind oder nicht. Es bestimmt unser Selbstverständnis und insofern auch unsere Beziehungen zu unseren Mitmenschen. Empfinden wir eine angemessene Demut und Bescheidenheit, können wir anderen und ebenso der gesamten Natur mit einem wünschenswerten Respekt begegnen. Wir müssen dann nicht befürchten, anmaßend, überheblich und grenzüberschreitend zu sein. 

 

Die Einsicht in die Unvollkommenheit sowie die Begrenzung unseres Wissens und Könnens kann uns davor bewahren, schmerzliche, uns selbst und andere betreffende, möglicherweise verletzende Erfahrungen zu machen. Im Verlauf unserer lebensgeschichtlichen Entwicklung ist uns das aus den unterschiedlichsten Lebenssituationen, bei denen es um körperliche Fähigkeiten geht, vertraut. Im übertragenen Sinn geht es während unseres gesamten Lebens darum, in allen möglichen Bereichen, mit denen wir freiwillig oder gezwungenermaßen konfrontiert sind, nach und nach Laufen zu lernen. So wie wir in unserer Phase als Kleinkind lernen mussten unsere Motorik zu beherrschen, um uns verlässlich und sicher fortzubewegen, müssen wir es sinnbildlich in allen Bereichen unserer körperlichen, seelischen und geistigen Entwicklung vollziehen. 

 

Über das Laufen-Lernen konnten wir verinnerlichen, dass uns die Erfahrung hilft. Mit jeder weiteren Gelegenheit eines Versuchs, erhöht sich die Wahrscheinlichkeit der Zunahme unserer Fähigkeit, unseres Könnens und damit unserer Kompetenz. In fast allen Bereichen unserer Entwicklung haben wir die Möglichkeit, schrittweise zu lernen, dass Erfahrung einen unvergleichlich großen Stellenwert in unserer Entwicklung einnimmt. Umso wirksamer ist der Wert dieser Erfahrung, je realer sie stattfindet. 

 

Dennoch belegen inzwischen zahlreiche Studien, dass selbst die mentale Visualisierung einer Erfahrung ohne das reale Durchleben bereits einen Zuwachs an Kompetenz bewirken kann. So zeigte sich, dass bei Menschen, die kein Klavier spielen konnten, allein die wiederholte Visualisierung bestimmter Fingerübungen auf der Klaviertastatur zu einem folgenden besseren und schnelleren Lernerfolg führte als es bei einer Vergleichsgruppe der Fall war, die diese vorausgehenden mentalen Übungen i. S. einer Visualisierung nicht vollzogen hatte. Diese experimentellen Beispiele gibt es inzwischen in vielen Variationen, so dass an dem Stellenwert dieser mentalen Übungen als Ersatz für reale Erfahrungen nicht mehr gezweifelt werden muss. V. a. auch im Bereich des Hochleistungssports ist der Wert solcher Visualisierungen nicht mehr wegzudenken. Ihre Wirkung hat einen geradezu autosuggestiven Charakter und wirkt zusätzlich i. S. einer sich selbsterfüllenden Prophezeiung. Es wird sich die Kraft der Erfahrung zu Nutze gemacht, auch wenn sie nur imaginativ ist, d. h. in der visuellen Vorstellung gegeben ist.

 

Sowohl unsere persönlichen individuellen lebensgeschichtlichen Erlebnisse als auch diese Untersuchungen belegen den Stellenwert der Erfahrung im Zusammenhang mit dem Lernen und Wissen. Erfahrung macht klug heißt es im Sprichwort bzw. der Lebensweisheit. Insofern dürfen wir den Zusammenhang zwischen Wissen, Klugheit, Kompetenz und Erfahrung durchaus erkennen und zugestehen. Stünde eine lebenswichtige medizinische Operation an und wir hätten die Wahlmöglichkeit uns von einem jungen, dynamischen, strebsamen und anspruchsvollen, aber unerfahrenen Chirurgen operieren zu lassen oder aber von einem älteren, bewährten, anerkannten und erfahrenen Chirurgen, die Entscheidung und Wahl würde uns wohl nicht allzu schwer fallen. Vergleichbar vernünftig und klug entscheiden wir an vielen anderen Stellen unseres Lebens.

 

Dennoch können wir häufig in gleicher Weise eine alltägliche Missachtung, des Stellenwertes der Erfahrung feststellen; dies im Bereich unseres privaten Lebens, unserer beruflichen Tätigkeit und auch unserer Freizeitbeschäftigungen. In einem Blog für Denkweisen erfolgreicher Unternehmer formulieren die zwei jungen Betreiber der Seite 30Tausend - Denkweisen erfolgreicher Unternehmer, die ganz unbescheiden auch ein Genie-Netzwerk anbieten, mit der Überschrift Warum Lebenserfahrung wertlos ist: „Im Prinzip heißt Lebenserfahrung aber nichts anderes, als lange gelebt zu haben. Man ist einfach alt ...“ So kann man den Stellenwert von Erfahrung bzw. Lebenserfahrung auch verstehen. Vielleicht würden diese beiden, noch jungen Autoren folgerichtig im oben genannten Beispiel lieber den jungen, dynamischen Chirurgen wählen.

 

Wenn ich auf meine eigene Tätigkeit als Psychotherapeut und Psychoanalytiker zurückschaue, kann ich erkennen, wie sehr mich die Erfahrung über die unzähligen Stunden mit Begegnungen aller möglichen Menschen mit Erkrankungen, Beschwerden, Konflikten und Problemen mehr und mehr geprägt hat in meinem Verständnis und meinem Vorgehen. So wichtig und sinnvoll es ist, sich stets auf unterschiedliche Weise fortzubilden, sich neuen Erkenntnissen zu öffnen. So wichtig ist es, die täglich zu machenden realen Erfahrungen für sich in positiver Weise zu nutzen. In keinem Bereich hat sich meine gefühlte und über viele Stunden bewährte Kompetenz so sehr erweitert, wie im Bereich des intuitiven Erfassens von tiefliegenden Ursachen für Beschwerden und Leid.

 

Ebenso konnte ich lernen, dass ein Wissen um die uns Menschen verbindenden Werte und Tugenden nicht an intellektuelle und bildungsabhängige Voraussetzungen gebunden ist, insofern weniger das Ergebnis geistiger Faktoren ist. Vielmehr sind sie Ausdruck von gegebenen Herzqualitäten, die es erst möglich machen, die Fähigkeit des Denkens zu unserem Wohl einzusetzen. Leider verlernen wir es allzu häufig im Verlauf unserer Sozialisation, diese Herzqualitäten, die uns zunächst von Geburt an mitgegeben sind, zu kultivieren. Die Bedeutung der Achtsamkeit, des Respekts, der Wertschätzung tritt zunehmend in den Hintergrund, im Vergleich zu dem immer wichtiger werdenden erfolgreich sein.

 

Ein Schlüsselerlebnis in Verlauf meiner eigenen sechseinhalb-jährigen Lehranalyse auf der Analyse-Couch bestand darin, mir bewusst zu werden, wie sehr ich die größere Erfahrung, das umfassendere Wissen und auch die vielleicht größeren intuitiven Fähigkeiten von älteren Menschen anerkennen und wertschätzen kann. Bis dahin fühlte ich mich in meiner eigenen Selbstüberschätzung gefangen, davon überzeugt an vielen Stellen und zu vielen Fragen bessere und zutreffendere Antworten geben zu können, als ich es den älteren Kollegen zusprechen wollte. Gespeist war diese Überzeugung durch anerkennenswerte Erfolge, die ich zunächst im Studium und dann in meiner Tätigkeit als Psychologe und Arzt hatte und ebenso im Freizeitbereich, sei es die Musik oder der Sport. 

 

Fragt sich jeder zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst, ob er davon ausgeht, in 10, 15 oder 20 Jahren mehr zu wissen und kompetenter zu sein als er es heue ist, wird in den meisten Fällen die Antwort positiv ausfallen. Wer möchte davon ausgehen, im Verlauf von 10, 15 oder 20 Jahren nichts dazu zu lernen, sein Wissen und seine Kompetenz nicht zu erweitern. Wenn das insofern für uns selbst zutrifft, warum sollte es dann für andere nicht ebenso zutreffen? Somit sollten wir grundsätzlich berücksichtigen, dass ein mehr an Lebenserfahrung, im Allgemeinen durchaus mit einem größeren Maß an Wissen und Kompetenz verbunden sein kann. Natürlich liegt dem kein Automatismus zu Grunde, doch spricht vieles dafür, dass mit zunehmendem Alter der Schatz an Wissen und Erfahrung sich steigern wird. Ratsam, sinnvoll und hilfreich ist es, dies zu berücksichtigen und in das eigene Denken, Bewerten und Urteilen miteinzubeziehen. 

 

So sehr wir Menschen im Verlauf der Jahrhunderte und Jahrtausende unvorstellbare Fortschritte auf allen Gebieten unseres Lebens gemacht haben, so wenig haben wir uns in bestimmten Mustern unseres Denkens, Empfindens und auch Verhaltens verändert. Hierzu gehört wahrscheinlich die in uns angelegte, physiologische und biologische Bereitschaft - im Rahmen eines Aufbegehrens gegen das Alter - unsere Eigenständigkeit und Selbstbestimmtheit zu beanspruchen. Dies vollzieht sich u. U. auf Kosten einer Auseinandersetzung, die mit dem Anspruch verbunden ist, in gleicher Weise kompetent und wissend zu sein - wie ein Mensch, der uns gegenübersteht und sich durch ein real wesentlich größeres Maß an Wissen und Erfahrung auszeichnet. Diese natürlichen Generationskonflikte vollziehen sich in exemplarischer und auch physiologischer Weise zunächst in der Auseinandersetzung mit den eigenen Eltern. 

 

Natürlich haben diese Kämpfe auch etwas Gutes und Notwendiges für beide Seiten, da sie den Jüngeren dazu dienen, sich selbst zu finden; auf der einen Seite der Ausbildung einer eigenen unabhängigen Identität dienen und auf der anderen Seite den Älteren die Notwendigkeit vermitteln, sich stets von Neuem in Frage zu stellen. Zum Nachteil wird es dann, wenn es zu überschießenden Reaktionen kommt – mit weit über das sinnvolle Maß hinausgehenden Auseinandersetzungen und Konflikten, geprägt von Entwertung, Herabsetzung, Respektlosigkeit und Anmaßung von beiden Seiten. 

 

Wie viel angenehmer, schöner und erfüllender könnte es für uns sein, wenn es uns gelingen würde, uns in gegenseitigem Respekt, gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung zu begegnen, verbunden mit dem Bemühen und dem Versuch, uns gegenseitig zu verstehen, zu akzeptieren und voneinander zu lernen. Könnten wir das verwirklichen, würden wir miteinander in einer friedvolleren und besseren Welt leben. Es liegt an jedem von uns, es zu versuchen und den eigenen Teil dazu beizutragen.

 



20.08.2019

 

Was bedeutet Neuroplastizität?

Unser Verständnis bzgl. der Beschaffenheit unseres Gehirns war über viele Jahrhunderte der wissenschaftlichen Forschung davon geprägt, dass es sich hierbei um eine nicht veränderbare organische Einheit im menschlichen Körper handelt. Entsprechend dieser Lehrmeinung wurden die Medizinstudenten weltweit ausgebildet.

Heute wissen wir, dass dieses Verständnis der tatsächlichen Natur unseres Gehirns nicht gerecht wird und wir die bisherigen Erklärungen grundsätzlich in Frage stellen müssen. Die weltweit durchgeführten Untersuchungen und deren Ergebnisse belegen genau das Gegenteil. Das Gehirn als ein zentrales menschliches Organ, befindet sich in einem fortlaufenden Umbauprozess, es verändert sich unablässig. Anlass für diese ständig stattfindenden Veränderungsprozesse ist alles das, was wir denken und erleben. Dies steht vollkommen im Gegensatz zu unserem über Jahrhunderte propagierten Verständnis des Gehirns als einer statisch funktionierenden und regulierten Struktur, in der alles seinen Platz hat und in einer sehr klar vorgegebenen Weise funktioniert. 

Durch die Arbeiten verschiedener Neurowissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten kommen wir zu einem vollkommen neuen, revolutionär anmutenden Verständnis unseres Gehirns. Heute sprechen wir von einer neuronalen Plastizität unseres Gehirns. In diesem veränderten Verständnis begreifen wir das Gehirn als eine sehr flexible, dynamische Einheit, die in der Lage ist, sich ständig zu verändern, selbst zu organisieren und sich verändernden Bedingungen fortlaufend anzupassen. 

Paul Bach-y-Rita (1934–2006), ein US-amerikanischer Neurophysiologe und ein Pionier in der Erforschung der Neuroplastizität, beschäftigte sich vor allem mit Fragen der Rehabilitation nach Verletzungen des Gehirns. Auf der Grundlage der theoretischen Annahme der Neuroplastizität des Gehirns stellte er 1969 zusammen mit Kollegen Ideen für eine Maschine vor, die die Bilder einer Kamera in Vibrationssignale übersetzen konnte und somit Blinden helfen sollte, sich zurechtzufinden. Seit Beginn des 21. Jahrhunderts werden derartige Maschinen erprobt und im Unterricht mit behinderten Kindern und bei der Rehabilitation von Kriegsbeschädigten sowie Schlaganfallpatienten eingesetzt.

Auf diese Weise war es möglich, zu belegen, wie sehr das Gehirn in der Lage ist, neue Nervenzellenverbindungen aufzubauen und sich zu verändern. Die Grundannahme der Versuche bestand darin, davon auszugehen, dass das Gehirn in der Lage ist, jede ihm vermittelte Information so zu verarbeiten, gleichgültig woher sie kommen möge. In der Folge wurden Informationssignale einer künstlichen Quelle (Videokamera) auf die Haut zu übertragen. Dem Gehirn eines blinden Patienten wurden diese Informationen so vermittelt, als kämen sie von der eigenen Netzhaut. Für das Sehen im Gehirn ist es offensichtlich gleichgültig, woher das zu verarbeitende Signal kommt. 

Das Gehirn verarbeitet ein Signal, aus welcher Quelle auch immer kommend, da dieses Signal als Information einen nicht materiellen Charakter hat. Auf diese Art kann es möglich sein, dass Signale, die wir als Sehende dem Tastsinn zuordnen würden, einem blinden Gehirn als visuelle Reize zu vermitteln, die dann einer entsprechenden Verarbeitung im Sehzentrum unterliegen. Als Ergebnis dieser Verarbeitung entstehen Bilder im Gehirn. Somit scheint es möglich, Signale, die normalerweise einem Sinnesorgan zugeordnet sind, im Rahmen einer Neuprogrammierung aufgrund der Plastizität unseres Gehirns einer anderen Repräsentation im Gehirn zu zuordnen. Diese Gehirnregion war ursprünglich für ein, jetzt nicht mehr zur Verfügung stehendes Sinnesorgan zuständig.

In einer Analogie können wir davon ausgehen, dass es in einem normalen Gehirn Autobahnen gibt, die viele Informationen sehr schnell verarbeiten. Kommt es zu einem Unfall, kann man im Stau stehen bleiben, nichts tun oder aber eine Umleitung nehmen, um das Ziel dennoch zu erreichen. Auf diese Weise bilden sich Nebenwege, die jedoch mit der Fortdauer der Benutzung selbst zu Autobahnen werden. Somit lässt sich der Effekt der Neuroplastizität beschreiben. Bestehende Verbindungen werden in ihrer Effektivität derart gesteigert, dass sie zur Hauptverbindung ausgebildet werden, was einer dynamischen Anpassung unseres Gehirns gleichkommt. Es ist z. B. möglich, Sinneseindrücke auf die Zunge zu geben, die je nach ausgefallenem Sinnesorgan (Augen, Gleichgewichtsorgan) an das jeweilige Zentrum im Gehirn weitergeleitet werden, um dort in entsprechender Weise verarbeitet zu werden. Mit der Zeit lernt das Gehirn auf diese Weise auf einem Umweg neue Information zu erhalten und in einer angemessenen Weise zu verarbeiten. Dieser gesamte Vorgang kommt einer Neuprogrammierung unseres Gehirns gleich. 

 

Barbara Arrowsmith Young (geb. 1951), kanadische Autorin und Unternehmerin, hat aufgrund eigener biographischer Erlebnisse in Toronto eine Schule gegründet, in der sie versucht mit einem von ihr entwickelten Programm die Verbindungen im Gehirn betroffener Kinder und Jugendlichen mit Lernproblemen neu zu ordnen und zu verändern, so dass sie den ihnen gestellten Anforderungen gerecht werden. In ihrem eigenen frühen Leben war sie selbst von erheblichen Lernschwierigkeiten gekennzeichnet, litt unter unterschiedlichen kognitiven Funktionsstörungen, deren Auswirkungen so stark waren, dass sie Unterhaltungen in Echtzeit nicht folgen konnte. Sie selbst schildert, dass sie sich in der Folge der damit verbundenen Einschränkungen, im Vergleich zu anderen als sehr dumm fühlte. Die Wende in ihrem Leben kam nachdem ihr das Buch des russischen Psychologen A. R. Lurija (1902–1977) in die Hände fiel. In diesem wird die Geschichte eines Soldaten beschrieben, der durch eine Verletzung einen Granatensplitter im Gehirn trug, der zu vergleichbaren Ausfällen führte, wie diejenigen unter denen Barbara Arrowsmtih litt. Der Splitter steckte in einem Bereich des Gehirns, in dem die Informationen aus dem visuellen, auditiven und haptischen Bereich (Tastsinn} zusammengeführt und verarbeitet werden. 

Nachdem sie einen Artikel von Mark Richard Rosenzweig (1922–2009), einem US-amerikanischen Psychologen, über Neuroplasitizität gelesen hatte, war sie überzeugt, ihr Gehirn umprogrammieren zu können. Bis dahin hatte sie versucht die nicht funktionierenden Teile ihres Gehirns zu umgehen und mit Ersatzhandlungen zu kompensieren. Nun versuchte sie die schwachen, schlecht funktionierenden Teile mit Hilfe von gezielten Übungen und Lerneinheiten umzuprogrammieren. Mit der Dauer der Übungen stellte sich der Erfolg ein. Ganz offensichtlich kam es zu neuen synaptischen Verbindungen und ebenso neuen Impuls-Weiterleitungen. Sie selbst meint, dass sie auf diese Weise ihr Gehirn erfolgreich einer Neuprogrammierung unterzogen hat. 

 

Michael M. Merzenich (geb. 1942), ein US-amerikanischer Neurowissenschaftler, ist verantwortlich für unzählige innovative Anwendungen im Bereich der Plastizität des Gehirns. Auch er entwickelte viele Trainingsprogramme, mit deren Hilfe es möglich sein sollte, durch nicht-invasive Methoden die neuroplastischen Fähigkeiten des Gehirns zu nutzen. Durch das Trainieren der sog. brain maps hilft er, Menschen besser denken zu können und Information besser verarbeiten zu können. Bislang ging man davon aus, dass solche brain maps eine begrenzte und feste Größe hätten. Merzenich konnte belegen, dass sie variabel und vergrößerbar sind. Er befasste sich mit den Ursachen und der Linderung von entwicklungsbedingten und erworbenen Störungen von Sprache, Lesen, Gedächtnis, Aufmerksamkeit, kognitiver Kontrolle und Bewegung. Anwendung fand dies auch bei Kindern mit Lernproblemen. Zeigten sie noch vor der Arbeit mit den Programmen Auffälligkeiten im Gehirnscan, waren diese nach den Übungen nicht mehr vorhanden. Es ließen sich in den Scans der Gehirne keine Abweichungen zum Normalbefund mehr nachweisen. In Untersuchungen konnte er auch zeigen, dass sich diese Verbesserungen im Denken und den kognitiven Leistungen, als Folge der Plastizität des Gehirns, auch bei älteren Menschen offenbaren. Die Informationsverarbeitung lässt sich offensichtlich belegbar steigern, indem wir zunehmend mehr lernen zu lernen.

 

Die Ergebnisse dieser Forschung im Zusammenhang mit der Neuroplastizität des Gehirns haben sich inzwischen auf Patienten übertragen lassen, die z. B. in Folge von Schlaganfällen unter Seitenlähmungen ihres Körpers leiden. Hier geht es darum durch die Neuprogrammierung des Gehirns alternative Wege zu finden, um die gelähmten Körperteile erneut zu aktivieren. Konzentriertes Üben in kleinsten Schritten hilft hierbei erfolgreich das Gehirn neu zu programmieren, d. h. neue Nervenzellen übernehmen die Aufgabe, die bisher von den verloren gegangenen Nervenzellen erledigt wurden. Fällt eine Funktion in Verbindung mit einer Lähmung aus, neigen wir dazu, vermehrt kompensatorisch andere noch gesunde Körperteile einzusetzen. Damit verhindern wir jedoch eine Um- bzw. Neuprogrammierung der ausgefallenen Körperteile.

 

In dem Spielfilm Das Comeback (Originaltitel: Cinderella Man), mit drei Oscar-Nominierungen, ist es dem Regisseur Ron Howard gelungen, die authentische Geschichte des Boxers Jim Braddock zu erzählen, der als Boxer vor der großen Wirtschaftsdepression der 20iger Jahre des vorigen Jahrhunderts die Spitznamen The Bulldog of Bergen und Pride of the Irish trug. Sein Nachteil war es zunächst, dass er keine gute linke Schlaghand hatte. Nachdem er im Verlauf der Wirtschaftskrise der 20iger Jahre gezwungen war, auf den Docks zu arbeiten und sich dabei den rechten Arm gebrochen hatte, versuchte er alle Arbeiten mit seiner linken Hand zu erledigen, um nicht entlassen zu werden. In der Nachdem er wieder zu boxen begann, hatte er eine bis dahin nicht gekannte Schlagkraft in seiner linken Hand. Es gelang ihm ein sensationelles Comeback, er wurde Weltmeister. Ganz offensichtlich war dies das Ergebnis einer Neuprogrammierung in seinem Gehirn.

 

Wir können aufgrund all der inzwischen vorliegenden Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen zur Plastizität davon ausgehen, dass wir von Geburt an ein plastisches Potential, mit unterschiedlich starker Ausprägung haben. Eine Spur, die im Gehirn angelegt wird, erlaubt es immer schneller zu agieren bzw. zu reagieren, bildet zugleich jedoch auf diese Weise eine Starrheit aus, die uns alternative Wege nicht mehr ermöglicht. Um das Ausbilden einer Starrheit zu verhindern, können wir die Plastizität trainieren. Hierzu kann die sog. transkranielle Magnetstimulation TMS (durch den Schädel) dienen. Die ausgelöste elektrische Potentialänderung in der schädelnahen Hirnrinde bewirkt eine Depolarisation von Neuronen mit der Auslösung von Aktionspotentialen. Bei der TMS handelt es sich um eine Technologie, bei der mit Hilfe starker Magnetfelder Bereiche des Gehirns sowohl stimuliert als auch gehemmt werden können. Darüber hinaus wird die transkranielle Magnetstimulation in beschränktem Umfang in der neurologischen Diagnostik oder für die Behandlung von neurologischen Erkrankungen wie des Tinnitus, der Apoplexie, der Epilepsie oder der Parkinson-Krankheit bzw. auch bei bestimmten psychischen Erkrankungen (Schizophrenie) eingesetzt. Mit dieser Methode des TMS ist es möglich, eine Karte des Gehirns zu erstellen. Damit lässt sich die Aktivität in bestimmten Arealen des Gehirns stimulieren oder aber unterdrücken.

 

Alvaro Pascual-Leone (geb. 1961) spanischer Neurologe an der Harvard Medical School, einer der führenden Gehirnforscher, gelang der Nachweis, dass durch den freien Willen physikalische Reizungen beeinflussbar sind. Pascual-Leone führte mit Versuchspersonen eine Untersuchung durch, in welcher eine Gruppe mit einer Hand bestimmte Fingerübungen am Klavier durchführen sollten. Darstellbar war anhand der bildgebenden Verfahren (CT), dass ein bestimmter Bereich im Gehirn sich im Verlauf der Übungstage sich zunehmend vergrößerte. Bei einer anderen Versuchsgruppe, die angewiesen war, vor dem Klavier sitzend sich diese Übung nur gedanklich vorzustellen, konnte die Vergrößerung dieses Bereichs im Gehirn in gleicher Weise nachgewiesen werden. Damit ist belegt, dass Gedanken allein unser Gehirn verändern. Diese Ergebnisse sind zugleich eine Bestätigung für die Arbeiten von Eric Richard Kandel (geb. 1929), US-amerikanischen Psychiater, Physiologe, Neurowissenschaftler, Verhaltensbiologe, Biochemiker und Nobelpreisträger. Er belegte, dass Denken, Gene und Neuronen dazu anregt, neue Verbindungen der Nervenzellen im Gehirn anzulegen. Das Gleiche wurde als Effekt im Rahmen analytischer Psychotherapien nachgewiesen. Auch diese können über das wiederholte analytische Denken dazu führen, dass neue Verbindungen in unserem Gehirn angelegt werden. 

 

Als Ergebnis all der heute vorliegenden Erkenntnisse können wir davon ausgehen, dass die Plastizität eine sog. intrinsische Eigenschaft unseres Gehirns, d. h. eine dem Gehirn eigene, zugehörige und damit es kennzeichnende Eigenschaft ist. Sie ist vorhanden und kann insofern nicht an- oder abgeschaltet werden, jedoch auf ganz unterschiedliche Art und Weise genutzt werden. 

Inzwischen wurde auch die Bedeutung der sog. Spiegelneurone bei der Plastizität unseres Gehirns untersucht. Für Spiegelneurone ist es unerheblich, ob eine Person selbst berührt wird oder ob sie beobachtet, wie eine andere Person berührt wird, sie werden in jedem Fall aktiviert. Auf diese Weise ist es u. U. möglich, Lähmungen bestimmter Körperteile durch das sog. visuelle Feedback zu heilen. Auch hier können wir uns die Plastizität unseres Gehirns zu Nutze machen. 

In gleicher Weise wissen wir heute aufgrund unzähliger Untersuchungen, dass wir die Neuroplastitzität unseres Gehirns durch bestimmte Methoden, wie z. B. das Yoga oder das Meditieren verbessern können. Im Jahr 2012 wurden wissenschaftliche Experimente von Richard Davidson (geb. 1951), einem US-amerikanischen Hirnforscher, in dem Dokumentarfilm Free the Mind beschrieben. Davidson ließ eine Gruppe von traumatisierten Kriegsveteranen ein siebentägiges Achtsamkeitstraining durchführen. Nach dem Training zeigte sich, dass sich die Befindlichkeit der Veteranen um bis zu 70 % gebessert hatte. Mit Hilfe der von Jon Kabat-Zinn (geb. 1944), einem US-amerikanischen Arzt entwickelten Methode der Achtsamkeitsmeditation wurden weltweit unzählige Untersuchungen durchgeführt. (Mittlerweile gibt es über 2000 wissenschaftliche Arbeiten zu den Themen Meditation und Achtsamkeit, jedes Jahr kommen etwa 200 bis 250 dazu.) Diese belegen die Veränderung der Hirnstruktur und Zunahme der Hirnsubstanz. Hierbei wird mit Hilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) untersucht, wie sich Zustände der Meditation im Gehirn des Menschen widerspiegeln. Die Erkenntnisse und Aufschlüsse decken sich mit den vorliegenden Befunden zur Neuroplastizität. Nachgewiesen werden konnte, dass Meditation nicht nur die Hirnstruktur verändert, sondern die Dicke der Hirnareale vergrößert, die mit kognitiven Prozessen und der Verarbeitung von Gefühlen zu tun haben.

Aufgrund dieser relativ neuen und z. T. sehr spektakulären Erkenntnisse und Aufschlüsse über die Möglichkeiten unseres Gehirns können wir unser Verständnis und Bewusstsein bzgl. dessen, was wir mit unserem Gehirn in der Lage sind zu leisten, deutlich erweitern. Sowohl im Zustand des relativen Wohlbefindens können wir uns damit Gutes zukommen lassen, wie auch im Zustand der Erkrankung, Verletzung, Behinderung oder Einschränkung. Vorhandene Potentiale lassen sich umso mehr nutzen, als man sich deren Existenz bewusst ist. In diesem Sinn verändert das Wissen um die Neuroplastizität unseres Gehirns unsere Möglichkeiten in positiver Weise, ein besseres Leben führen zu können – in ganz grundlegender Weise. 

Die Aufschlüsse in Verbindung mit der Erforschung der Neuroplastizität geben uns die Hoffnung, dass bisher nicht Denkbares möglich werden kann. Sollte der Beleg dafür auch nur an einem einzigen Fall erbracht werden, kann und darf das ausreichen um uns von diesen Möglichkeiten zu überzeugen. Es bedarf dann durchaus nicht der in der medizinischen Wissenschaft im Allgemeinen geforderten Anlage und Durchführung einer großen, repräsentativen Studie unter kontrollierten Bedingungen, um die belegten Effekte in einem Einzelfall anzuerkennen.

So ist es auch im Fall des Pablo Pineda Ferrer (geb. 1974), einem spanischen Lehrer der Pädagogischen Psychologie, Schauspieler, Autor und tatsächlich der erste Europäer mit Down-Syndrom, dem es gelang, einen Universitätsabschluss zu vollziehen. Pineda wurde als jüngster von drei Brüdern geboren. Im Alter von sieben Jahren erfuhr er von seinem Down-Syndrom. Trotz seiner Behinderung begann er eine Ausbildung und erhielt eine Förderung. 1995 nahm er ein Lehramtsstudium auf, das er vier Jahre später erfolgreich abschloss. Anschließend begann er zusätzlich ein Psychologie-Studium. Seit 2010 hält Pineda weltweit Vorträge, mit denen er sich für die Integration Behinderter einsetzt.

 

 


17.08.2019

 

Geben und Nehmen

 

Sofern wir nicht nur sehr oberflächlich leben und uns bzgl. unseres Denkens, Fühlens und Verhaltens, keine weitergehenden bzw. tiefergehenden Gedanken machen, sondern einen moralischen und ethischen Anspruch an uns haben, sehen wir uns bzgl. des Gebens mit gleichlautenden Empfehlungen konfrontiert.

Welche Glaubensgemeinschaft wir bemühen mögen, sei es das Judentum, Christentum, der Islam, der Buddhismus, Hinduismus oder andere, wir werden stets die gleichen Empfehlungen finden, wenn es um das Geben geht. Wenn wir geben, dann sollten wir es tun, ohne Eigennutz, frei von Erwartungen, Bedingungen oder Auflagen. Es sollte von Herzen kommen und ausschließlich zum Wohle des anderen bzw. des Empfängers gedacht sein. Wir dürfen uns sicher sein, dass die mit dem Geben verbundene positive Haltung und Gesinnung bzw. die darin sich bekundende positive Energie, früher oder später, ebenfalls in einer positiven Weise auf uns zurückkommen wird. 

 

Entsprechend dem spirituellen Verständnis des Karmas (Sanskrit), können wir davon ausgehen, dass jede Handlung, sei sie geistig oder physisch, eine Folge haben wird, in unserem gegenwärtigen oder in einem nächsten Leben. Gemäß einer damit verbundenen Gesetzmäßigkeit, wird die Folge einer Tat insofern zu irgendeinem Zeitpunkt auf den Auslösenden zurückkehren. 

 

Im Alten Testament heißt es (Hosea, Kapitel 8, Vers 7): „Denn sie säen Wind und werden Sturm ernten. Ihre Saat soll nicht aufgehen; was dennoch aufwächst, bringt kein Mehl; und wenn es etwas bringen würde, sollen Fremde es verschlingen.“ (Lutherübersetzung, revidierte Fassung von 1984) Wir erkennen hier auf eine andere Art den Hinweis darauf, dass das, was wir tun, nicht ohne Folgen bleibt.

 

Auch als Ausdruck einer Lebensweisheit bzw. eines Sprichwortes kennen wir eine gleich lautende Botschaft: "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus!“ bzw. "Wie man in den Wald hineinruft, so schallt es zurück“. Dieses Sprichwort ist schon seit dem Mittelalter belegt: So schrieb schon der Dichter Freidank (gestorben 1233): "Swie man ze walde rüefet, dazselbe er wider güefet“ Auch wenn es sich an diesen Stellen ausschließlich auf negatives Agieren bezieht, bietet sich die Übertragung auf positives Agieren in gleicher Weise an. Auch Positives wird zu uns zurückkehren. Die daraus abgeleitete Empfehlung finden wir u.a. in Schillers Aussage ‚Edel sei der Mensch, hilfreich und gut‘.

 

Aus all diesen Botschaften dürfen wir die gleiche Erkenntnis entnehmen. Sie lautet, dass es wenig sinnvoll ist, mit negativen Aktionen und Reaktionen auf unsere Mitmenschen und unsere Umgebung einzuwirken, da die unweigerlich damit verbundenen negativen Folgen auf uns zurückfallen werden. Weder sollten wir von uns aus mit einer negativen Haltung - gespeist von zugrundeliegenden negativen Gedanken und Gefühlen - agieren, noch sollten wir auf ein solches Vorgehen uns gegenüber, mit Gleichem antworten. Tatsächlich bestätigt die alltägliche Erfahrung, dass ein solches Vorgehen zu Eskalationen führt, die schlussendlich für alle Beteiligten mit Nachteilen, Beeinträchtigungen und u. U. auch sehr schmerzlichen Folgen verbunden sind. Jedes Bestreben und jede Bemühung mit dem Ziel einer Deeskalation und friedvollen Einigung bzw. Lösung, ist dem vorzuziehen und empfehlenswert. Insofern gilt die grundsätzliche Empfehlung, stets Gutes weg zu geben.

 

Situativ kann das in Anbetracht vorausgegangener, erlittener Kränkungen, Demütigungen und Verletzungen, eine sehr hohe Anforderung sein. Doch bestätigt der Erfolg eines nicht negativen Reagierens im Nachhinein dieses Vorgehen und kann insofern als befriedigend empfunden werden. 

 

In gewisser Weise handelt es sich bei diesem positiven Vorgehen auch um eine Art des Gebens, ohne dass damit die Gewissheit oder Sicherheit einer positiven Rückwirkung verbunden wäre. Das gezeigte Verhalten ist nicht nach dem Prinzip aus dem Alten Testament ausgerichtet, wo es heißt: „Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben, Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß, Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.“ (Exodus 21,23–25) Maßgeblich für ein positives Vorgehen ist hingegen, eine zutiefst zugewandte und friedvolle, auch nachsichtige Haltung, verbunden mit dem Verzicht auf die Befriedigung möglicher eigener Bedürfnisse.

 

Sind wir fähig in dieser Weise positiv zu handeln, so sind wir auch bereit zunächst ein Ungleichgewicht bzw. eine Asymmetrie der Beziehung in Kauf zu nehmen. Wir können durchaus das Gefühl haben in Vorleistung zu gehen, Zuwendung, Verständnis oder auch Nachsicht aufzubringen und zu zeigen, obwohl wir zunächst Vergleichbares selbst nicht bekommen oder erwarten können.

 

Erleichtert wird diese Vorgehensweise dadurch, dass wir letztlich die Wahl haben uns entscheiden zu können zwischen einem eindeutig positiven Verhalten oder einem negativen Verhalten. Dieses würde möglicherweise unserem spontanen, unreflektierten Impuls entsprechen. Jedoch wissen wir auch, dass ein solches Verhalten in gleicher Weise geprägt wäre von negativen Gedanken, Gefühlen und Reaktionen. Im Grunde dürfen wir zwischen Gut oder Böse entscheiden. Sofern wir ein Mensch sind mit einer grundsätzlich positiven ethischen Ausrichtung, stellt uns diese Wahl vor nicht allzu große Probleme, so dass wir durchaus der Versuchung widerstehen können, auf eine affektive Form des Agierens bzw. Reagierens zurückzugreifen. 

 

Wie ist es, wenn wir nicht die Wahl zwischen Gut oder Böse, sondern die Wahl zwischen einem guten Tun oder einem Nicht-Tun haben? Wie verhält es sich, wenn ein Ungleichgewicht bzw. eine Asymmetrie sich dort wiederfinden, wo es darum geht etwas zu geben oder nicht?  Dies, verbunden damit, festzustellen und zu erkennen, dass die Rolle des Gebenden häufiger oder gar ausschließlich bei uns selbst liegt, die Rolle des Empfängers auf der anderen Seite? 

Sofern sich die Art der Beziehungsgestaltung verlässlich wiederholt und zu einem kennzeichnenden Merkmal einer bestimmten Beziehung wird, ist es wahrscheinlich, dass wir uns mit zunehmender Fortdauer dieses asymmetrischen Verhältnisses unwohl fühlen werden. Vielleicht werden wir es uns zunächst bewusst nicht eingestehen wollen, doch können wir uns im Verlauf der Zeit, dem sich einstellenden unguten Gefühl immer weniger verschließen. Hier dürfen wir berücksichtigen, dass es durchaus einem ganz natürlichen - insofern physiologischen -Bedürfnis entspricht, in einer für uns erkennbare Weise etwas zurück zu bekommen. Dieses Zurückbekommen, wie immer es aussehen mag, könnte den zunehmend in uns sich einstellenden Spannungszustand beseitigen bzw. auflösen. 

 

Keinesfalls geht es in solchen Situationen und Beziehungen darum, aufzurechnen, so dass tatsächlich das, was zurückkommt, das gleiche Ausmaß bzw. die gleiche Qualität haben muss, wie das, was wir gegeben haben. Geben wir, sei es Materielles oder Immaterielles (z. B. Zeit, Zuwendung, Anteilnahme, Hilfe etc.), so könnte es u. U. vollkommen ausreichend sein, wenn wir durch entsprechende, ebenfalls wiederkehrende, Dankbekundungen dafür belohnt würden. So mag es jeder guten Mutter gehen, wenn sie über Stunden und Tage des Einsatzes, der Fürsorge und Zuwendung, unter Aufwendung von Zeit und Mühe, als Dank, das liebevolle und glückliche Lächeln im Gesicht ihres Kindes erkennen kann. Allein dies kann es ihr Wert sein. In gleicher Weise verhält es sich für uns in anderen zwischenmenschlichen Beziehungen.

 

An dieser Stelle kann sich, gemessen an dem oben Ausgeführten, die Frage stellen, ob wir nichts erwarten sollten, stattdessen uneigennützig, von ganzem Herzen geben sollten. Haben wir denn überhaupt ein Anrecht, enttäuscht sein zu dürfen, wenn wir feststellen, dass kaum merklich etwas oder tatsächlich nichts zurückkommt? Müssen wir, weil wir einen Wunsch oder eine Sehnsucht nach einer positiven Rückmeldung haben, uns dafür schlecht fühlen? Sofern wir uns an den hohen Prinzipien ausrichten, wonach wir gar nichts erwarten sollten, werden wir uns schlecht fühlen, da wir das Gefühl haben können, zu versagen, dem Anspruch nicht gerecht werden zu können. Somit fühlen wir uns in zweifacher Hinsicht schlecht, zum einen, weil wir keine merkliche positive Rückwirkung erkennen können, zum anderen, weil wir uns eingestehen müssen, dass wir uns diese, entgegen der Anforderung der hohen Prinzipien, dennoch wünschen.

 

Um die von ihr immer wieder erlebte Einseitigkeit ihrer Beziehungen zu beschreiben, meinte vor vielen Jahren eine Patientin von mir, sie sei überzeugt davon, dass es ganz offensichtlich Menschen gibt, die Magengeschwüre bekommen und andere Menschen, die Magengeschwüre verteilen würden. Sie gehöre wohl eindeutig zu denen, die welche bekommen. In der Tat litt sie immer wieder unter sehr starken Magen-Darm-Problemen. Sowohl bei dieser Patientin, als auch bei vielen anderen Patientinnen und Patienten, die aufgrund ihrer lebensgeschichtlichen Erlebnisse und Erfahrungen, es auf chronische Weise verinnerlicht haben, der gebende Teil in einer Beziehung zu sein, lege ich besonderen Wert auf zwei Botschaften. Zum einen ist es mir wichtig - als Voraussetzung für eine gesunde und tragfähige Beziehung - die Bedeutung und den Stellenwert der Symmetrie in der Beziehung nachvollziehbar zu machen. Zum anderen ist es mir wichtig die untrennbar damit verbundene Frage nach dem eignen Selbstverständnis, Selbstwert und Selbstbewusstsein anzusprechen und zu thematisieren.

 

Sofern es sich nicht um eine professionelle Beziehung handelt, die per se durch ein Ungleichgewicht und eine Asymmetrie gekennzeichnet ist (Vorgesetzter vs. Untergebener; Helfer vs. Bedürftigem; Lehrer vs. Schüler; etc.) zeigen viele Untersuchungen, dass ein kennzeichnendes Merkmal für eine dauerhafte, positive und zufrieden stellende Beziehung, die Gleichwertigkeit bzw. Symmetrie ist, welche die Beziehung bestimmt. Gegenseitige Anerkennung, gegenseitiger Respekt, gegenseitige Wertschätzung, verbunden mit einer Begegnung auf Augenhöhe, bieten eine sichere Grundlage für eine vollbefriedigend empfundene Beziehung. Selbst in einer aufgrund der formalen Rollen zunächst asymmetrisch zu verstehenden Beziehung, ist es wichtig sich auf der immer gegenwärtigen menschlichen Ebene mit gegenseitigen Respekt und gegenseitiger Wertschätzung zu begegnen.

 

Leiden Menschen unter Selbstwertproblemen, fehlt es ihnen an einem angemessenen und wünschenswerten Selbstbewusstsein, ist es aus psychotherapeutischer Sicht sinnvoll alles dazu beizutragen, dass sich das damit einhergehende Selbstverständnis verändert. Verinnerlichte Glaubenssätze, die unmerklich, jedoch sehr wirkungsvoll und nachhaltig das eigene Denken, Fühlen und Verhalten bestimmen, müssen hinterfragt und ausgetauscht werden. Solche Sätze lauten z. B.: „Das steht mir nicht zu.“; „Das darf ich nicht erwarten.“; „Das ist zu viel verlangt, von mir.“; „Das verdiene ich gar nicht.“; „Ich muss mich zufriedengeben.“; „Ich sollte nicht so undankbar sein.“. Sätze dieser Art gibt es unendlich viele. Sie alle dienen letztlich bezogen auf Beziehungen dazu, Ungleichgewichte bzw. Asymmetrien bestehen zu lassen, sie nicht in Frage zu stellen und sich nicht dagegen zur Wehr zu setzen.

 

Wie soll jemand ein positives Selbstwertgefühl und ein damit verbundenes Selbstbewusstsein entwickeln, wenn er sich stets bzw. überwiegend erlebt in der Rolle des Gebenden, der keine Ansprüche stellt und nichts erwarten darf und sollte? So sehr die tugendhaften Anforderungen aus den unterschiedlichsten Glaubensrichtungen und weltanschaulichen Haltungen, die zu Beginn dargelegt wurden, betonen mögen, wir sollten stets selbstlos agieren, bestrebt sein Positives wegzugeben, Gutes zu tun, so wenig real lässt sich das u. U. mit einem gesunden Leben eines konkreten Menschen in Einklang bringen. Das zeigt die langjährige psychotherapeutische Erfahrung. 

 

Die Goldene Mitte sollte als Maßstab und Orientierung nicht nur der Kunst oder auch vielen anderen Bereichen des Lebens vorbehalten bleiben, sie sollte sich als Ausrichtung auch auf die Beziehungen zu unseren Mitmenschen übertragen lassen. Auch hier ist es von großer Bedeutung von beiden Seiten darauf zu achten, dass ein ausgewogenes Verhältnis vorliegt, welches sich auf beide Seiten in vergleichbarer Weise verteilt. Es versteht sich von selbst, dass es hier nicht um Stellen hinter dem Komma geht. Doch geht es um eine Verhältnismäßigkeit, des Mehr oder Weniger, welches zum Ergebnis hat, dass es weder ein zu viel auf der einen Seite gibt, noch ein zu wenig auf der anderen Seite.

 

Diese konkrete psychologische Alltagserfahrung lässt sich insofern u. U. mit den hohen moralisch-ethischen Prinzipien aus den verschiedenen Glaubensrichtungen nicht in Einklang bringen. Vielleicht sollten wir diese auch nur im Sinne einer Empfehlung des Mehr oder Weniger interpretieren, denn als Ausdruck von absoluten Anforderungen, die mit unserer menschlichen Natur nicht vereinbar sind.

 

Zu unserer menschlichen Natur gehört es, dass wir dafür sorgen müssen Grundbedürfnisse zu erfüllen, da sie überlebensnotwendig sind, so z. B. die Luft zum Atmen, das Wasser zum Trinken und die Nahrung zum Essen. Wie würde es sich anhören, wenn wir aufgefordert würden, wir sollten auf die Luft zum Atmen verzichten? Als ein ebensolches Grundbedürfnis können wir unseren Wunsch nach Anerkennung und Wertschätzung verstehen. Insofern stellt sich die Frage: „Warum sollten wir auf deren Befriedigung verzichten?“. Zumal wenn wir erkennen können, welche negativen Folgen auf der seelischen, geistigen und gar körperlichen Ebene es für uns haben kann, wenn dieses Bedürfnis unerfüllt bleibt. Aus meiner gesamten klinischen Erfahrung empfehle ich an dieser Stelle ‚die Kirche im Dorf zu lassen‘ bzw. ‚das Kind nicht mit dem Bade auszuschütten‘. Dies bedeutet im Konkreten, das Bestreben und Bemühen Positives in den universellen Kreislauf hineinzugeben, zwar zu leben, jedoch zugleich auch darauf zu achten, dass dies nicht verbunden ist mit einer ‚Selbst-Aufgabe‘. In Gegenteil, es darf dem eigenen Selbst ebenfalls Wertschätzung entgegengebracht werden, so dass ein gesundes Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein damit einher gehen.

 

Ein russisches Märchen, bringt die Bedeutung anschaulich zum Ausdruck, die es hat, gegenseitig, auf Augenhöhe, gut für sich zu sorgen:

 

Ein Rabbi kommt zu Gott: „Herr, ich möchte die Hölle sehen und auch den Himmel.“ - „Nimm Elia als Führer“, spricht der Schöpfer, „er wird dir beides zeigen.“ Der Prophet nimmt den Rabbi bei der Hand.

Er führt ihn in einen großen Raum. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf Aber die Menschen sehen mager aus, blass und elend. Kein Wunder: Ihre Löffel sind zu lang. Sie können sie nicht zum Munde führen. Das herrliche Essen ist nicht zu genießen.

Die beiden gehen hinaus: „Welch seltsamer Raum war das?“ fragt der Rabbi den Propheten. „Die Hölle“, lautet die Antwort.

Sie betreten einen zweiten Raum. Alles genau wie im Ersten. Ringsum Menschen mit langen Löffeln. In der Mitte, auf einem Feuer kochend, ein Topf mit einem köstlichen Gericht. Alle schöpfen mit ihren langen Löffeln aus dem Topf.

Aber - ein Unterschied zu dem ersten Raum: Diese Menschen sehen gesund aus, gut genährt und glücklich. „Wie kommt das?“ Der Rabbi schaut genau hin. Da sieht er den Grund: Diese Menschen schieben sich die Löffel gegenseitig in den Mund. Sie geben einander zu essen.

 

Da weiß der Rabbi, wo er ist.

 


28.07.2019

 

Vorsicht vor der Wenn-Dann-Falle

Wenn Sie diesen Beitrag nicht lesen, dann werden Sie nicht wissen, was darin enthalten ist, welche Gedanken und Überlegungen dargelegt sind und somit u.U. nicht davon profitieren können, sollte darin etwas Neues und Bereicherndes für Sie enthalten sein. Wenn wir auf vielfältige Weise in unserem Alltag nicht gut für uns sorgen, auf allen Ebenen unseres täglichen Lebens, dann werden wir uns als Folge davon nicht wohl fühlen können, vielleicht unzufrieden oder gar unglücklich sein. Wenn wir den von klein auf uns begegnenden Anforderungen, Aufgaben, Verpflichtungen und Verbindlichkeiten nicht nachkommen, sie zu unserer Zufriedenheit und der anderer nicht erfüllen, dann wird das negative Folgen haben, die unser Leben entscheidend bestimmen können. Wenn wir negative Energie weggeben, in welcher Weise auch immer, dann dürfen wir nach dem Gesetz des Karma bzw. des christlichen Glaubens (‚wir ernten, was wir säen‘) davon ausgehen, dass sie früher oder später auf uns zurück kommt.

 

Die Liste dieser Wenn-Dann-Kausalitäten lässt sich an unendlichen Beispielen auf alle möglichen Bereiche unseres Lebens, im Privaten, Beruflichen und der Freizeit ausdehnen. Fast an allen Stellen unseres Lebens sind wir mit dieser kausalen Verknüpfung konfrontiert. Wir begegnen ihr nicht nur auf Schritt und Tritt (‚wenn wir an der roten Ampel nicht halten, dann kann das tödliche Folgen haben‘, ‚wenn wir am Abgrund stehend einen Schritt weiter gehen, dann werden wir abstürzen‘ etc.), sondern wir haben diese kausale Verknüpfung zwischen einem Tun und dessen Folge auch tief in uns verinnerlicht. Im Verlauf unserer frühkindlichen Entwicklung haben wir es gelernt so zu denken, zu empfinden und danach zu entscheiden. Machen wir uns bewusst, was wir von klein auf zu hören bekamen oder beobachten wir die Dialoge von Eltern mit ihren Kindern, können wir erkennen, wir sehr das alles geprägt ist von solchen Wenn-Dann Verknüpfungen („Wenn du jetzt nicht aufhörst, dann...“; „wenn du so weiter machst, dann...“).

 

Was ist letztlich der Sinn, der sich hinter diesen Wenn-Dann Botschaften verbirgt? Ganz offensichtlich geht es darum die Folgen bzw. Konsequenzen eines Tuns oder Nicht-Tuns aufzuzeigen. Wir können es nicht nur auf psychologischer oder soziologischer Ebene sehen, wir können es ebenso auf physikalischer, biologischer, chemischer, technischer oder welcher Ebene unseres Daseins auch immer sehen, es gilt in allen Bereichen unseres Lebens, nichts bleibt ohne Folgen. 

 

Diese Erkenntnis lässt sich, im Sinne der Veranschaulichung, am sog. ‚Schmetterlingseffekt‘ (englisch butterfly effect) nachvollziehen. Dies ist ein Phänomen der nichtlinearen Dynamik. Dieser Effekt tritt in nichtlinearen dynamischen, deterministischen Systemen auf und äußert sich dadurch, dass nicht vorhersehbar ist, wie sich beliebig kleine Änderungen der Anfangsbedingungen eines Systems langfristig auf die Entwicklung des Systems auswirken. Ursprünglich stammt die Veranschaulichung dieses Effekts von Edward N. Lorenz (1917-2008) US-amerikanischer Mathematiker und Meteorologe, der in einem Vortrag 1972 am Beispiel des Wetters fragte, „Kann der Flügelschlag eines Schmetterlings in Brasilien einen Tornado in Texas auslösen?“ (Predictability: Does the Flap of a Butterfly’s Wings in Brazil set off a Tornado in Texas?). Es geht insofern um das nicht Vorhersehbare langfristiger Auswirkungen. In vergleichbarer Weise sprechen wir vom Schneeballeffekt, um zu verdeutlichen, dass kleine Effekte sich über eine Kettenreaktion bis zur Katastrophe selbst verstärken können.

 

Berücksichtigen wir all das, erkennen wir, dass solche Wenn-Dann Verknüpfungen uns mit einer Realität konfrontieren, der wir in unserem Leben auf vielfältige Weise ausgeliefert sind. Wir konnten somit sowohl in unserer individuellen, persönlichen Entwicklung, als auch in unserer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung lernen und verinnerlichen, dass alles, was wir tun mit einer Folge verbunden ist. Diese kann sehr konkret und überschaubar sein oder aber auch sehr kompliziert und undurchschaubar. Insofern hat das Berücksichtigen solcher kausalen Verknüpfungen auch einen sehr bedeutsamen, u.U. auch lebenserhaltenden Stellenwert, da hiermit Erfahrungswerte verbunden sind, die uns davor schützen und behüten können, unbedacht, unüberlegt oder fahrlässig Fehler zu machen, die mit mehr oder weniger schwerwiegenden Folgen verbunden sein können. 

 

In diesem Verständnis sind die Wenn-Dann Verknüpfungen von großem Wert für uns und unser Leben, sowohl für uns alleine als auch im Rahmen unseres sozialen Zusammenlebens. Berücksichtigen wir das Wissen und die Erfahrungen, die mit diesen kausalen Verknüpfungen überliefert werden, können wir ein angenehmeres und in vielerlei Hinsicht besseres Leben führen. Wir werden besser für uns selbst und auch andere sorgen können. 

 

Wieso also von einer Falle solcher Wenn-Dann Verknüpfungen sprechen, wenn der positive Effekt so offensichtlich und stellenweise gar überlebensnotwendig ist? 

 

Vielleicht hilft es zum besseren Verständnis einen Vergleich anzustellen mit der Funktion, die wir der Angst zuschreiben können. Auch die Angst, die wir erleben können, hat in einem gesunden, psychologischen, physiologischen und biologischen Sinn, eine u.U. lebenserhaltende Schutzfunktion. Sie dient dazu uns vor einer möglichen Gefahr zu schützen, auf welchen Ebenen auch immer sich diese darstellen mag, sei sie physisch (wir stehen konkret auf einem Berg vor dem Abgrund), psychisch (wir wollen eine freie Rede vor einer großen Menschenmenge halten, ohne jegliche Erfahrung und Vorbereitung), biologisch (wir möchten mit der ungeschützten Hand auf eine heiße Herdplatte fassen) oder aus anderen Bereichen unseres Lebens (physikalisch, technisch, sozial, etc.). Mit der Angst sind ganz konkrete Folgen in unserem Denken, Fühlen und Verhalten verbunden. Auch die damit einhergehenden körperbezogenen Prozesse kennen wir. Sie folgen in letzter Konsequenz einer biologisch in uns angelegten Kampf-und-Flucht-Reaktion (Sympathikus) oder aber auch einer Tod-Stell-Reaktion (Parasympathikus).

 

Wie verhält es sich aber, wenn wir solche in uns angelegten Reaktionen zeigen, obwohl wir nicht einer realen Gefahr ausgesetzt sind, d.h. wenn wir nicht vor einem Raubtier stehen, sondern vor einer kleinen Katze, nicht am Abgrund stehen, sondern in einem Aufzug, nicht vor einer großen Menschenmenge, sondern einer einzigen Person? Wenn wir dann dennoch mit der in uns angelegten Kampf-und-Flucht-Reaktion bzw. Tod-Stell-Reaktion reagieren, sehen wir, dass dies in keinem Verhältnis zu dem Auslöser steht und somit das, was ursprünglich als Schutzmaßnahme angelegt ist, zur Behinderung wird. Wir werden in der Folge zunehmend lebensunfähig, die ursprüngliche Schutzfunktion wendet sich in einer selbstzerstörerischen Weise gegen uns.

 

In vergleichbarer Weise kann sich dieser Vorgang vollziehen, wenn wir es mit der kausalen Wenn-Dann-Verknüpfung zu tun haben. So hilfreich sie uns in unserem alltäglichen Leben sein kann, so sehr kann sie uns behindern, einschränken und uns lebensuntauglich machen. In der Verknüpfung als solcher liegt ein Zusammenhang, der mit einer Bedingung verbunden ist. Dies bedeutet sinngemäß immer, dass ein Tun oder Nicht-Tun immer nur im Zusammenhang mit einer Folge zu sehen ist und damit auch in einer Abhängigkeit dazu steht. In einer Umkehrung kann das bedeuten, dass wir nur bereit sind etwas zu tun bzw. nicht zu tun, wenn bestimmte Voraussetzungen gegeben sind. Im Alltag kann sich das darin bekunden, dass wir sagen: „Wenn du mitkommst, dann gehe ich auch“; „Wenn ich dafür dieses oder jenes bekomme, dann bin ich bereit…“; „Wenn die äußeren Bedingungen es erlauben, dann werden ich…“; „Wenn die Zeit reif ist, dann kann ich…“; „Wenn ich mich gut fühle, dann werde ich…“; etc. Diese Beispiele kennen wir alle aus unserem täglichen Leben, sie lassen sich in einer unendlichen Reihe weiterführen und an allen möglichen Stellen unseres Lebens erkennen. Wir sind es gewohnt, in einem geradezu automatisierten Muster, uns von bestimmten Bedingungen, die in uns selbst, in anderen oder auch den Umständen liegen mögen, abhängig zu machen. 

 

Erst wenn bestimmte dieser Bedingungen erfüllt sind, finden wir uns häufig bereit etwas zu tun oder zu unterlassen. In dieser Weise machen wir uns unmerklich abhängig. Was wir entscheiden und tatsächlich dann auch bereit sind umzusetzen, in Handlungen und Verhalten zu verwirklichen, ist nicht losgelöst und ausschließlich von unseren Wünschen, Bedürfnissen und Motiven bestimmt, sondern es ist letztlich von den zur Bedingung gemachten Faktoren bestimmt. Erst wenn diese erfüllt sind, dann werden wir agieren, sofern wir es dann auch tatsächlich tun. Genau darin besteht die Falle. Uns in dieser Weise abhängig zu machen, von bestimmten Konditionen in uns, bei anderen oder den Umständen, lässt uns nicht wirklich selbstbestimmt, unabhängig und frei entscheiden und handeln.

 

Die Begründungen, warum es so sein muss, so sein kann oder soll, sind vielfach und lassen sich ohne Mühe aufzählen. Ohne, dass es uns bewusst sein muss, liefern wir uns jedoch damit aus, wir sind nicht mehr frei in unserer eigenen Entscheidung. Möglicherweise kommt diesem Vorgehen auch der Stellenwert einer Rationalisierung zu, bei der es darum geht, eine tatsächlich vorhandene Abwehr bzw. einen vorhandenen Widerstand gegen eine bestimmte Entscheidung, ein Vorgehen oder Verhalten, hinter den angeführten Begründungen zu verbergen. „Wenn dieses und/oder jenes erfüllt wäre, dann würde ich ja...“ ist verbunden mit der Abgabe der Verantwortung für das Agieren, es befreit somit vermeintlich vor der Eigenverantwortlichkeit des Entscheiden und Handeln. 

 

Im Verlauf eines psychotherapeutischen Prozesses lässt sich diese Art des Selbstverständnisses und das Verständnis des eigenen Lebens an vielen Stellen stets von Neuem erkennen. Es ist nachvollziehbar, wie sehr wir Menschen von dieser Art der Betrachtung, gefangen sind in der Wenn-Dann-Kausalität. Dies steht vollkommen im Gegensatz zu der Erkenntnis, die mit der Aussage verbunden ist „Ich bin der Herr meines Schicksals, ich bin der Kapitän auf meinem Boot“ bzw. der Lebensweisheit, „Jeder ist seines Glückes Schmied“. In diesen Aussagen finden wir keinen Bezug zu Bedingungen, die erfüllt sein müssen oder sollen, die uns damit abhängig machen. Aus diesen Botschaften entnehmen wir die Aufforderung zur Selbstbestimmung, zur Entscheidung, die ausschließlich aus uns Selbst kommt, nur unserem Willen und unserer eigenen, ursprünglichen Motivation entspricht.

 

Mel Robbins (geb. 1968), US-amerikanische Motivationstrainerin und Autorin, propagiert die sog. 5 Sekunden Regel. Diese besagt, sich der Verwirklichung von Impulsen, Ideen, Eingebungen, Wünschen, Vorhaben innerhalb von 5 Sekunden hinzugeben, sobald sie in den Sinn kommen. Beginnen wir jedoch, das zu tun, was wir gewohnt sind zu tun, abzuwägen, Gründe für das Für und Wider zu suchen, werden wir erfahrungsgemäß mit großer Wahrscheinlichkeit von einer Verwirklichung absehen. Das Entscheidende ist das, was wir tatsächlich tun. Wir können Denken, Planen, unendlich viel darüber reden, doch letztlich zählt nur das, was wir tatsächlich auch tun. Wir haben uns über die vielen Jahre darauf konditioniert in den Kategorien des Wenn-Dann-Denkens und der damit verbundenen Kausalitäten, uns daran zu hindern zu Entscheiden und zu Handeln, stattdessen sind wir Weltmeister im Abwägen, Vertagen und Verschieben geworden. 

 

Diese letztlich schädliche Form der Wenn-Dann Verknüpfung bestimmt unser Leben in den kleinsten Bereichen unseres Alltags („Ich könnte doch diese Mail jetzt gleich schreiben...“) bis zu wichtigen Entscheidungen und Vorhaben („Ich könnte mich doch zu dieser Weiterbildung anmelden…“). Lassen wir es zu, dass wir beginnen darüber nachzudenken, unsere Entscheidungen und Handlungen in einen Zusammenhang mit bestimmten Bedingungen zu setzen, sind wir u.U. in der Wenn-Dann-Falle gefangen. Um das zu vermeiden, empfiehlt Mel Robbins die 5 Sekunden Regel. Ein klein wenig erinnert es an den französischen Begriff des ‚Fait accompli‘, was wir im deutschen kennen als ‚vollendete Tatsachen‘ schaffen. Tatsächlich im Allgemeinen ein doch eher mit Vorsicht zu genießendes Vorgehen, in dem hier betrachteten Zusammenhang, kann es helfen, der Wenn-Dann-Falle zu entgehen, durch das Schaffen von Tatsachen.

 

Wir sollten uns auch bewusst sein, dass über die eigene Familie, über den Freundes- und Bekanntenkreis, über Mitgliedschaften, im Beruflichen, in Verbänden, Vereinigungen, Organisationen oder auch Gemeinschaften, wie z.B. einer kirchlichen Zugehörigkeit, solche Wenn-Dann-Verknüpfungen dazu dienen können, auf vielen Ebenen und auf vielfältige Weise, ein Abhängigkeitsverhältnis zu schaffen und aufrecht zu erhalten, welches mit dem Ausüben und u.U. auch dem Missbrauch von Macht verbunden ist. Wohl jeder, der sich mit dem Gedanken befasst hat, gegen die Wünsche und Vorstellungen der eigenen Eltern zu handeln oder auch z.B. aus der Kirche auszutreten, hat sich mit mehr oder weniger starken Phantasien, Ängsten und Gedanken über die persönlichen Folgen konfrontiert gesehen. Sich dennoch zu einem selbstbestimmten, unabhängigen und relativ freien Entscheiden und Handeln zu bekennen, kann somit mit dem Überwinden schmerzhafter Hürden verbunden sein. 

 

Und natürlich sollten wir berücksichtigen, wie sehr die tägliche Werbung, welche Produkte und Inhalte auch immer davon betroffen sein mögen, mit solchen Wenn-Dann-Verknüpfungen arbeitet. Wenn wir ein bestimmtes Produkt nicht kaufen, uns einer bestimmten Gruppe oder Bewegung nicht anschließen, nicht Teil einer Idee sind, dann bleiben wir zurück, nehmen uns die Gelegenheit, ein besseres Leben zu verwirklichen. In vergleichbarer Weise ist das weltweite Netz überflutet von Botschaften, denen wir folgen sollten, denn wenn wir das nicht tun, dann schaden wir uns, wird uns vermittelt. Zeitweise offenbart es sich in einer Paradoxie, insofern als vor einem Machtmissbrauch des Wenn-Dann gewarnt wird, vor dem wir uns hüten sollten (z.B. in Form eines antiquierten Verständnisses von Erziehung) um uns zugleich zu vermitteln, dass als Alternative nur eine Möglichkeit in Frage kommt, der wir zu folgen haben (z.B. der aktuellen Bewegung ‚Unerzogen‘). Wenn wir das nicht tun, dann wird sich das negativ auswirken. Insofern wird tatsächlich unmerklich auch hier erneut mit der gleichen Methode der Wenn-Dann-Kausalität agiert. Auf diese Weise werden ebenfalls Schuldgefühle erzeugt, sofern man den alternativen Empfehlungen nicht folgt.  

 

Zusammenfassend soll das bisher Gesagte insofern nicht dazu dienen, zu unüberlegtem, unreifem und auch unverantwortlichem Handeln aufzufordern. Vielmehr geht es darum uns bewusst zu machen, dass in unseren alltäglichen Überlegungen, die im Sinne dieser Wenn-Dann-Kausalität erfolgen, auch eine Falle gegeben sein kann, die uns nicht hilft und beschützt, sondern uns hemmt, einschränkt und behindert. Eine Möglichkeit besser für uns und auch andere in unserem Leben zu sorgen, kann darin bestehen, schneller, entschiedener, mutiger und mit viel mehr Zuversicht und Vertrauen, Ideen, Einfälle, Bedürfnisse, Wünsche, Sehnsüchte über Entscheidungen und Handlungen zu verwirklichen. So wie wir uns von einer unangemessenen, lähmenden Angst befreien sollten, können wir es von der einschränkenden Wirkung der Wenn-Dann-Falle tun.

 

Es war wohl Mark Twain (1835-1919), US-amerikanischer Schriftsteller, der sagte, „Die schlimmsten Dinge in meinem Leben sind nie passiert.“ Genau deshalb sollten wir uns hüten, uns von solchen Ängsten bzw. Wenn-Dann-Kausalitäten abhängig zu machen.

 

PS: Im Übrigen gehe ich bei dem Verfassen dieser Beiträge in diesem Blog nach genau diesem Muster vor. Ich habe einen Einfall, unvorhersehbar, spontan oder durch einen Anlass ausgelöst, es formt sich sehr schnell eine Überschrift und ich beginne zu schreiben. Oft zunächst auch verbunden mit dem Gefühl, nicht zu wissen, welche Gedanken und Einfälle sich in der Folge einstellen werden. Letztlich bin ich dann selbst meist überrascht über das Ergebnis, weil zunächst ja vollkommen ungeplant. Insofern bedeutet es, dass ich offenbar gelernt habe Vertrauen in meine Einfälle zu haben. Nach über 6 1/2 Jahre langer eigener selbstfinanzierter Lehranalyse mit 4 Sitzungen pro Woche und viele Jahre langer Erfahrung als Psychotherapeut und Psychoanalytiker, sollte das wohl auch so sein;) 

 


22.07.2019

 

It takes two to tango

Einer der häufig von mir in den Psychotherapie-Stunden mit Patienten gebrauchten Sätze lautet „It takes two to tango!“. Er dient im Rahmen einer Spiegelung und Bewusstmachung dazu, Menschen mit der Tatsache zu konfrontieren, dass an der Art, dem Verlauf und dem Ergebnis einer Beziehung stets zwei Menschen beteiligt sind. Die vorangegangene Botschaft, welche den Schilderungen und Berichten auf Seiten des Patienten zu entnehmen ist, lautet sinngemäß jeweils, der Andere oder die Andere ist verantwortlich bzw. schuld an dem, was in und aus der Beziehung entstanden ist. Aus den Darstellungen wird ersichtlich, dass der Betroffene sich als ‚Opfer‘ sieht und versteht, das den Einwirkungen des ‚Täters‘ mehr oder weniger ausgeliefert war. 

 

Um ein Nachdenken und eine Besinnung einzuleiten, verwende ich dieses Bild bzw. diese Metapher, die sehr schnell verständlich macht, dass an dem Verlauf der Beziehung stets beide beteiligt sind und es keinesfalls nur das Ergebnis der Einwirkung von einem sein kann. 

 

Da ich dieses Bild schon viele Jahre anwende, muss ich aufrichtiger Weise eingestehen, dass ich der Überzeugung war, es handele sich um eine alte, weit in die Geschichte zurückreichende  bewährte Lebensweisheit aus dem amerikanischen Sprachgebrauch. Tatsächlich jedoch reicht dieses Bild nicht weiter zurück als in die 50er Jahre. Erst im Verlauf der weiteren Jahrzehnte erhielt es einen besonderen Stellenwert, i.S. einer Metapher, um die Botschaft nach einer gemeinsam zu tragenden Verantwortung für eine gegebene Realität deutlich zu machen.

 

Der Ursprung dieser uns jetzt zur Verfügung stehenden Lebensweisheit geht auf einen populären US-amerikanischen Schlager, komponiert von Al Hoffman und Dick Manning zurück, der 1952 u.a. von der Schauspielerin und Sängerin Pearl Bailey (1918-1990), interpretiert wurde. (siehe Video unten). 

 

Der Tango steht hier sinnbildlich für einen Tanz, bei dem zwei Beteiligte sich in einer Beziehung zueinander befinden, die mit einem Bewegungsablauf verbunden ist, welcher zeitweise gleichförmig ist, dann jedoch auch wieder gegensätzlich. In gleicher Weise kann das im übertragenen Sinn auf allen Ebenen des Zusammenwirkens von zwei Menschen der Fall sein. Stets befinden sie sich im Kontext ihrer Beziehung in einer gegenseitigen Wechselwirkung, abhängig voneinander und ebenso verbunden miteinander.

 

In den 80er Jahren hat u.a. der damalige US-amerikanische Präsident Ronald Reagan (1911-1981) im Rahmen einer politischen Stellungnahme, mit Hilfe dieser Analogie („it takes two to tango“) versucht das Verhältnis der USA zu Russland zu beschreiben. Spätestens von diesem Zeitpunkt an wurde diese Metapher wiederholt auch in vielen anderen Ländern benutzt um das Verhältnis von zwei Partnern zueinander zu beschreiben. Der sich auf viele Situationen des Lebens anbietende Bedeutungszusammenhang erschließt sich aus dem Wortlaut dieser Schlagerkomposition, in der es im Original u.a. heißt:

 

You can sail in a ship by yourself,

Take a nap or a nip by yourself.

You can get into debt on your own.

There are lots of things that you can do alone.

(But it)

Takes two to tango…etc.

 

Warum ist die in diesen Zeilen enthaltene Botschaft so bedeutsam und warum hat sich der Titel dieses Schlagers über die Jahrzehnte zu einer inzwischen weltweit anerkannten und in gleicher Weise benutzten Metapher etabliert? Sie bringt zum Ausdruck, dass Menschen, die sich in einer Beziehung befinden, in gleicher Weise verantwortlich dafür sind, was aus dieser Beziehung sowohl im positiven als auch im negativen Sinn entsteht. Seien es Probleme und Konflikte, oder auch bereichernde und positiv erfüllende Auswirkungen, immer sind beide Beteiligten betroffen und verantwortlich für den Verlauf und das Ergebnis.

 

Leider ist diese offensichtliche und auch sehr banale Erkenntnis in den Darlegungen, Erzählungen und Schilderungen von Seiten der Menschen, die über ihre Beziehungen sprechen, häufig als wünschenswertes Bewusstsein nicht vorhanden. Stattdessen vermittelt sich die Botschaft, wonach der oder die Betroffene, sich offensichtlich ausgeliefert und ohne eigenes Zutun in einer Beziehung erlebt. Der eigene Anteil wird demzufolge konsequenter Weise bestenfalls nur in einer Reaktion bzw. einem Reagieren gesehen. Die Aktion bzw. das Agieren geht im bewussten Erleben jeweils vom Anderen aus. Dies verbunden mit der Überzeugung, aufgrund dieser Abfolge doch nicht wirklich eine Wahl gehabt zu haben, anders reagieren zu können, als geschehen. 

 

Wir alle kennen solche Schilderungen aus unseren unterschiedlichen sozialen Kontakten in unserem Alltag. Das Bezeichnende und Paradoxe besteht darin, dass uns diese Einseitigkeit der Betrachtung bei anderen sehr deutlich und relativ schnell auffällt, bei uns selbst jedoch garnicht. Hier scheint uns das Bewusstsein für ein umfassendes Verständnis zu fehlen.

 

Insofern wird der eigene Anteil, im Sinne einer Verursachung, nicht gesehen, nicht erkannt und in das Verständnis der Situation oder des Prozesses nicht einbezogen. Bezüglich der Frage nach einer Schuld, ist damit ganz offensichtlich die sichere Überzeugung vorhanden, dass diese ganz auf der anderen Seite liegt.

 

Körpersprachlich kennen wir eine Geste, die diese Überzeugung und diese Art der Betrachtung ebenfalls zum Ausdruck bringt. Es ist der ausgestreckte Zeigefinger, der als Handzeichen dazu dient, den vermeintlichen Täter mental und emotional ‚dingfest‘ zu machen, darauf hinzuweisen, dass dieser die Verantwortung und die Schuld für ein bestimmtes Ereignis, Problem oder auch Unglück trägt. 

 

Gustav Heinemann (1899-1976), ehemaliger deutscher Bundespräsident hat in einer mutigen Fernsehansprache am 14. April 1968, nach den gewalttätigen Ausschreitungen gegen den Springer-Verlag, die dem Attentat auf Rudi Dutschke folgten gesagt: „Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte daran denken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.“

 

Auch in diesem Bild ist der Aufruf enthalten, den eignen Anteil bzw. die eigenen Anteile an dem Geschehenen miteinzubeziehen und zu berücksichtigen. Die Schuld ausschließlich auf der anderen Seite zu sehen, wird dem wirklich Gegebenen nicht gerecht und führt dazu den eignen Anteil nicht anzuerkennen. 

 

Hier kann es auch hilfreich sein sich an eine Stelle in der Bibel zu erinnern, in der Folgendes berichtet wird: „Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie…“

 

So einleuchtend das bisher Gesagte klingen mag, so schwer ist es in der täglichen Realität der psychotherapeutischen Arbeit, Menschen dazu zu bewegen, die eigenen Anteile an den Entwicklungen im Rahmen ihrer unterschiedlichsten Beziehungen zu sehen. Mag es die Beziehung zum Partner betreffen, die zu den Eltern, Kindern, Verwanden, Freunden, Arbeitskollegen, zu Männern oder Frauen im Allgemeinen usw. Mit u.U. sehr starker Abwehr und erheblichen Widerständen, wird sich der Einbeziehung der eigenen Anteile entgegengesetzt und mit Hilfe des „Ja aber…“ (gleichbedeutend mit einem „Nein“) stets von Neuem auf die andere Seite verwiesen. Diese soll das Objekt der Betrachtung sein, nicht das eigene Selbst.

 

Diese Haltung erschwert verständlicher Weise den Prozess der Selbsterkenntnis und trägt nicht zur eignen Entwicklung bei. Im Gegenteil, es bedeutet ein Fixiert-Bleiben im eigenen Verständnis, was zugleich eine Voraussetzung dafür ist, dass sich die gleichen Konflikte und Probleme wiederholen werden. Diese Haltung ist umso unverständlicher, als der Betroffene selbst, aufgrund der sich in unterschiedlichen Beziehungen, mit unterschiedlichen Personen sich wiederholenden Konflikte erkennen sollte, dass es offensichtlich ein Muster ist, welches sich wiederholt. Die Konstante in diesem Prozess ist der Betroffenen selbst, insofern das, was geschieht, sich mit verschiednen Personen in gleicher Weise wiederholt.

 

Spätestens hier ist es ratsam innezuhalten und sich selbst zu befragen. Dies kann z.B. bei einem Mann zutreffen, wenn er feststellt, dass er wiederholt die gleiche enttäuschende und verletzende Erfahrung mit unterschiedlichen Frauen macht. In gleicher Weise kann es z.B. für eine Frau zutreffen, wenn sie erkennt, mit unterschiedlichen Männern in gleicher Weise Grenzüberschreitungen und Missachtung zu erleben. In beiden Fällen, wäre es sinnvoll und hilfreich, sich einer Untersuchung der eignen verursachenden Anteile zu öffnen. 

 

Wie an anderer Stelle dieses Blogs bereits erwähnt, sind wir nicht selten gefangen in Mustern, die aus der Kindheit oder frühen Jugend entstammen und mit bestimmten Wiederholungszwängen verbunden sind. Diese führen paradoxerweise dazu, dass wir Dinge tun, die in der Folge mit bewusst erlebtem Schmerz und Leid verbunden sind. Worin dennoch ein subjektiver Sinn eines solchen Vorgehens besteht, mag sich erst aus der Untersuchung bzw. Analyse erschließen. Denn erst dann kann es möglich sein, die unbewussten Anteile des Denkens, Erlebens und Verhaltens mit einzubeziehen. 

 

Dies könnte bei dem eben als Beispiel erwähnen Mann bedeuten, dass er sich bewusst wird und erkennt, in seinen Beziehungen mit bestimmten Frauen, die Hoffnung zu haben, endlich doch noch die Erfüllung der Wünsche und Sehnsüchte zu finden, die er in der Beziehung zu seiner Mutter nie gefunden hat. Aufgrund dessen muss er unbewusst in ‚zwanghafter‘ Weise Frauen nach dem Bild der eigenen Mutter suchen. 

 

Bei der erwähnten Frau könnte es bedeuten, endlich die in ihrem gesamten bisherigen Leben nie erlebte respektvolle Anerkennung und Zuwendung vom eigenen Vater zu erhalten, die sie so sehr ersehnt hat. Auch sie muss sich unbewusst in ‚zwanghafter‘ Weise auf Beziehungen mit Männern einlassen, die dem Bild des erlebten Vaters gleichen. So sehr sowohl dieser fiktive Mann als auch diese fiktive Frau in ihrer Kindheit tatsächlich ausgeliefert waren, sich zutreffend als Opfer erleben mussten, so wenig sind sie es heute. Denn jetzt tragen sie unbewusst ein ‚Drehbuch‘ in sich, nach dem sie agieren und i.S. eines Wiederholungszwanges mit bestimmen, was geschieht und insofern ihre Beziehungen mit gestalten.

 

Diese zugrundeliegende, unbewusste Psychodynamik zu erkennen, setzt die Bereitschaft voraus, in sich selbst hinein zu schauen, eine mögliche Verantwortung und Schuld für das Geschehene auch bei sich selbst als möglich zu zulassen.

 

Gnothi seauton, „Erkenne Dich selbst!“ ist eine von drei apollonischen Weisheiten aus dem antiken Heiligtum von Delphi. Die Inschriften wurden spätestens ab Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. an den Säulen der Vorhalle des Apollontempels in Delphi angebracht. Die Existenz dieser Inschriften ist aus antiken schriftlichen Quellen überliefert. Platon (427 – 347 v. Chr.) lässt seinen Schüler Sokrates (469 – 399 v. Chr.) über ihre Bedeutung referieren. Sokrates entwickelte daraus das Prinzip der Selbsterkenntnis, als Vorbedingung philosophischer Erkenntnis und Weisheit. Er sagt: „Mein Bester, vergiß nicht, dich selbst zu erkennen, und mache nicht den Fehler, den die meisten Menschen machen! Denn die meisten sind darauf aus, vor den Türen anderer zu kehren und kommen nicht dazu, vor ihrer eigenen zu kehren. Versäume also dieses ja nicht, sondern bemühe dich vielmehr, auf dich selbst zu achten….“

 

In diesem Sinn, sollten wir uns immer bewusst sein, „it takes two to tango!“

 


18.07.2019

 

Drei einfache Wege uns Gutes zukommen zu lassen

Wir alle streben danach uns gut zu fühlen, zufrieden zu sein, ohne Kummer, Sorgen oder Belastungen, welcher Art auch immer, bestenfalls könnte es uns gelingen uns glücklich zu fühlen und damit einen Zustand zu erleben, der uns voll und ganz erfüllt, nichts an Wünschen, Bedürfnissen oder Sehnsüchten offen lässt.

 

Dieses Bestreben ist ohne Zweifel ein ganz natürliches, uns von Beginn an mitgegebenes, geradezu biologisches Anliegen. Es umfasst nicht nur die Erfüllung unserer existentiellen körperlichen Bedürfnisse (Nahrung, Flüssigkeit, Sauerstoff) sondern betrifft auch unsere seelischen Bedürfnisse nach Zuwendung, Nähe, emotionaler Wärme, Wertschätzung und Liebe und ebenso unsere spirituelle Einbettung in einen weitergehenden Sinn unser Leben und Sein auf diesem Planeten betreffend.

 

So gesehen sind die damit verbundenen Wünsche durchaus umfassend und weitreichend. Was können wir dazu beitragen, deren Erfüllung nahe zu kommen, ohne all zu sehr von äußeren Umständen und Anderen abhängig zu sein? Können wir aus uns selbst heraus Bedingungen schaffen, die uns diesem ersehnten Zustand näher bringen?

 

1. Wir können ein Bewusstsein dafür schaffen, zu erkennen, was für uns von Bedeutung ist, was einen großen Wert hat und an erster bzw. oberster Stelle unserer Hierarchie von Werten stehen sollte.

 

2. Wir können uns befreien von negativen Gedanken der Geringschätzung uns selbst und anderen gegenüber. Denn diese stellen eine negative Energie da, die uns bestimmen kann und damit ihren negativen Einfluss auf uns, andere und unser ganzes Leben ausüben kann.

 

3. Letztlich können wir Dankbarkeit empfinden, uns selbst und anderen gegenüber für das, was uns und unser Leben auszeichnet. Dankbarkeit ist eine sichere Möglichkeit uns von positiver Energie erfüllen und bestimmen zu lassen.

 

Im Folgenden möchte ich auf diese verschiedenen Wege zu einem besseren Leben eingehen.

 

Zu 1. - Ob es uns bewusst ist oder nicht, wir tragen alle eine Hierarchie von Werten in uns, nach denen wir unser Denken, Fühlen und Handeln auszurichten versuchen. Unser Alltag ist mehr oder weniger geprägt davon. Gelingt es uns damit verbundene Anliegen und Ziele zu verwirklichen, fühlen wir uns u. U. für einen begrenzten Zeitraum zufrieden, bis wir mit erneut Anlass finden, an uns zu zweifeln bzw. die Notwenigkeit sehen, mehr zu erreichen, weiter zu gehen, höher zu kommen, noch besser zu werden etc. Wann haben wir wirklich ein Gefühl, dass es so wie es ist, gut ist und auch so bleiben darf?

 

Wie verschiedene Untersuchungen gezeigt haben, sind die angestrebten Werte, die uns erfüllen und unser tägliches Entscheiden und Handeln bestimmen, mit Erfolg verbunden. Erfolg bezogen auf unser Leben im Privaten, im Beruf und auch in der Freizeit. Eine große Mehrheit der Befragten gibt in entsprechenden Studien an, vorrangig nach Ansehen und Anerkennung zu streben, sowie nach finanziellem Erfolg. Diese Ziele stehen weit über den dann genannten guten Beziehungen zu anderen Menschen, einschließlich einer glücklichen Partnerschaft und einer eigenen Familie. Selbst der Wunsch in einem umfassenden Sinn gesund zu sein, ist nachgeordnet. Es ist kaum verständlich, warum das persönliche Ansehen, verbunden mit finanziellem Erfolg, eine so überragende Bedeutung für viele Menschen hat.

 

Wir dürfen vermuten, dass dies eine Folge unserer Sozialisation ist, bei der wir von Beginn an entsprechenden Botschaften ausgesetzt sind, welche mit einer hohen positiven Besetzung dieser Merkmale verbunden ist, vom Kindergarten, über die Grundschule, den weiter führenden Schulen, den Lehren und Ausbildungen bzw. dem Studium. Es ist Ausdruck unserer Kultur, dass der Leistung, dem Erfolg in allen Bereichen, ein so hoher Stellenwert zukommt. Dies im Vergleich zur Pflege von guten und tief gehenden Beziehungen. Folgerichtig kommt Werten der Genügsamkeit, Bescheidenheit und Demut kein erstrebenswerter Stellenwert zu. Verinnerlicht haben wir das Vergleichen, Messen, Bewerten, Beurteilen und nicht zuletzt das Verurteilen, von uns selbst und auch anderen, wenn bestimmte Ansprüche nicht erfüllt sind. Wer abweicht von diesen Vorgaben hat scheinbar Probleme oder bekommt welche, das ist die Botschaft.

 

Schauen wir uns Menschen an, die auf allen möglichen Ebenen erfolgreich sind und waren und prüfen wir, ob sie tief in ihrem Selbst glücklich sind, können wir nicht selten erfahren, dass dem nicht so ist, trotz aller gegebenen, vermeintlichen Voraussetzungen. Sowohl unsere gesamte eigene Lebenserfahrung, als auch viele uns überlieferte Biographien, belegen, dass das persönliche Glück nichts ist, was wir uns durch solche Merkmale wie Ansehen, Erfolg und finanziellen Wohlstand sichern können.

 

Schauen wir uns beispielhaft das Leben von Robin Williams (1951-2014) an, ein begnadeter US-amerikanischer Schauspieler und Komiker, der aufgrund seiner außergewöhnlichen schauspielerischen Fähigkeiten, sowie seiner menschlichen Qualitäten und seiner Aura, Millionen von Menschen weltweit berühren und auch beglücken konnte. Es gibt nichts, was er sich zum Ziel gesetzt hatte, das er nicht erreicht hätte, seine gewonnen Preise und Ehrungen in seinem beruflichen Leben lassen keinen Wunsch unerfüllt. Dennoch war er über viele Jahre, trotz wiederkehrender, jahrelanger Phasen der Abstinenz, chronisch alkohol- und kokainabhängig, verbunden mit mehreren Phasen der Depression. Eine zuletzt diagnostizierte neuro-degenerative Erkrankung, ist nur als eine letzte zusätzliche Einschränkung zu bewerten. In Anbetracht der sich über Jahrzehnte erstreckenden Schwermütigkeit, erscheint sein Suizid 2014 als eine konsequente Folge eines tief empfundenen Zustands des Unglücks.

 

Beispiele dieser Art lassen sich unzählige aufzählen. Sie sollten uns nachdenklich machen und uns fragen lassen, welche Werte tatsächlich in unserem Leben an oberster Stelle stehen sollten, für was wir den größten Anteil unserer Energie und Zeit opfern möchten. Wie in einem anderen auf diese Seite aufgeführten Beitrag erwähnt, zeigen die Ergebnisse einer der längsten, über Jahrzehnte durchgeführten psychologischen Studie, dass das Leben inniger und tief gehender Beziehungen, der größte Stellenwert  zukommt, sowohl in der persönlichen Rückbetrachtung auf das eigene Leben als auch als Indikator für ein erfülltes, gesundes und auch erfolgreiches Leben. (siehe Beitrag auf dieser Seite Nr. 14)

 

Bezeichnenderweise konnte Robin Williams in einem seiner besten Filme (Good Will Hunting; 1997) in einer Szene einen Dialog führen, in welchem er auf die wesentlichen Dinge, die im Leben von Bedeutung sind, eingeht. (siehe das Video unten)

 

Zu 2. - Als zweiten wichtigen Faktor, der dazu beitragen kann, dass wir uns besser mit uns selbst und unseren Mitmenschen fühlen, können wir unsere allgegenwärtige Neigung benennen, mit Vergleichen und Bewertungen zu agieren, sowohl uns selbst als auch andere betreffend. Sind bestimmte Soll-Forderungen oder Erwartungen nicht erfüllt, neigen wir dazu unzufrieden und enttäuscht zu sein. Wenn die Note eine Zwei ist, ist es nicht selten ‚nur‘ eine Zwei, ist es der zweite Platz, dann ist es ‚nur‘ der zweite Platz, stehen wir nicht ganz vorne, dann stehen wir ‚nur’ in einer Reihe dahinter, haben wir nicht Einhundert von Einhundert Punkten erreicht, dann sind es ‚nur‘ weniger, wieviele auch immer. Hier zeigt sich, dass wir ganz offensichtlich sehr hohe Maßstäbe in uns tragen, umso unerträglicher für uns, wenn wir im Vergleich feststellen müssen, dass andere mehr erreicht haben.

 

Ebenso sind wir gebunden an bestimmte Vorgaben, denen wir uns pflichtet fühlen. Unterscheidet sich jemand in seinen Neigungen und seinem Geschmack von dem, was uns wichtig ist, neigen wir dazu mit Unverständnis, Ablehnung und vielleicht sogar mit Geringschätzung zu reagieren. Ohnehin kann uns alles Fremde und Andersartige suspekt erscheinen, so dass wir hier ebenfalls dazu neigen mit Ablehnung und Geringschätzung zu reagieren.

 

Auch diese Neigungen sind das Ergebnis einer langen Sozialisation, in welcher wir solche Maßstäbe des Vergleichs, der Bewertung und Verurteilung unmerklich verinnerlichen. Solche Haltungen, Gedanken und Gefühle sind mit einem beträchtlichen Ausmaß an negativer Energie verbunden, die uns bestimmt, in uns wirksam ist und sich auch nach Außen vermittelt. Wir tragen somit auf diese Weise zu einer ‚energetischen Verschmutzung‘ der Welt, in der wir leben bei. Auch sollte wir uns bewusst machen, dass die konsequente Steigerung einer Geringschätzung und Ablehnung, in einer Feindseligkeit bestehen kann.

 

Francis Galton (1822-1911), britischer Arzt und Naturforscher, einer der Väter der Eugenetik (Einfluss der Erbanlagen auf uns Menschen) und Entdecker des individuellen Fingerabdrucks, hat Ende des 19. Jahrhunderts einen berühmten Selbstversuch zur Wirkung der persönlichen Einstellung gemacht.

 

Vor seinem Morgenspaziergang stellte er sich ganz intensiv vor: „Ich bin der meist gehasste Mensch Englands!“ Er konzentrierte sich so lange auf diese ausgesprochen negative Vorstellung, bis er selbst davon überzeugt war und begab sich dann wie gewohnt auf den Weg. Während dieses Spaziergangs ereigneten sich einige Besonderheiten: Mehrere Passanten wichen Galton mit Gebärden der Abneigung aus; einige beschimpften ihn sogar; im Vorbeigehen wurde er von einem Hafenarbeiter mit dem Ellenbogen so stark gerempelt, dass er zu Boden fiel; als er an einem Droschkengaul vorüberging, schlug dieser aus, so dass Galton noch einmal zu Boden stürzte; es bildete sich daraufhin eine Menschenansammlung. Die Umherstehenden ergriffen sogar Partei für das Pferd. Daraufhin beschloss Galton, den Morgenspaziergang abzubrechen und flüchtete auf dem schnellsten Wege in seine Wohnung.

 

Diese Geschichte ist tatsächlich verbürgt und findet sich in etlichen englischen und amerikanischen Psychologiebüchern unter dem Titel ,Francis Galtons famous walk'. Dieser ‚famous walk‘ von Francis Galton veranschaulicht, was uns durch eine in vielen Kulturen bekannte Alltagsweisheit vermittelt wird, u.a. auch der Bibel bzw. dem Buddhismus zu entnehmen ist, „was wir sähen, ernten wir“ bzw. „was wir weggeben, kommt zu uns zurück“ (Karma). Insofern dürfen wir uns fragen, wie soll aus negativer Energie, die wir wegeben, etwas Positives entstehen?

 

Zu 3. - Als letzten Faktor, mit Hilfe dessen wir auf eine recht einfache Weise dafür zu sorgen können, dass wir von positiver Energie erfüllt werden, können wir die Dankbarkeit benennen. Auch hier handelt es sich um etwas, das nicht unbedingt unserem modernen Zeitgeist und unserer Kultur entspricht. Sind wir doch vielmehr darauf ausgerichtet uns mit dem zu beschäftigen, was uns fehlt und nicht so sehr mit dem, was wir haben. Auch hier ist der Vergleich von Bedeutung, der er offenbart, was uns scheinbar fehlt, wie z.B. ein besseres Aussehen, besserer Arbeitsplatz, besseres Einkommen, Zuhause, Umfeld, bessere Beziehungen usw. Offensichtlich können wir sehr schnell benennen, was uns alles fehlt, seltener jedoch sind wir uns bewusst darüber, was wir alles haben.

 

Dankbarkeit bedeutet, das wertzuschätzen, was wir bereits haben, was uns kennzeichnet und uns umgibt, ohne das Gefühl haben zu müssen, noch mehr erhalten zu wollen. Dankbarkeit ist mit einem Bewusstseinszustand verbunden, der dazu in der Lage ist, all das Positive, das Gegenwärtige und das bereits Erreichte zu erkennen. Fühlen wir uns in dieser Weise dankbar, können wir nicht zugleich erfüllt sein von negativen Gedanken und Gefühlen, negativer Energie. Insofern ist die Dankbarkeit eine sehr wirkungsvolle Alternative zum Ärger, Neid, zur Geringschätzung und auch Feindseligkeit.

 

In einer Studie (2016) über den Einfluss der Dankbarkeit auf die Beschaffenheit unseres Gehirns, berichtet der Psychologe Dr. Christian Jarrett von beeindruckenden Ergebnissen. Forscher der Indiana University machten ein Experiment mit 43 Personen, die wegen Ängsten oder Depressionen in Therapie waren. 22 von ihnen sollten in den ersten drei Wochen jeweils 20 Minuten lang einen Brief an jemandem schreiben, in dem sie ihre Dankbarkeit bekundeten. Ob sie diesen Brief abschickten oder nicht blieb ihnen überlassen. Die Kontrollgruppe verzichtete auf diese Übung. Drei Monate nach dem Ende der Therapie wurden alle Teilnehmer unter einen Hirn-Scanner gelegt.

 

Die Personen, die zuvor ihren Dankbarkeits-Brief geschrieben hatten, berichteten von mehr Dankbarkeit als die anderen und zeigten sogar Monate später im Gehirn-Scan mehr Dankbarkeitsbezogene Aktivitäten. Betroffen war davon auch jene Region, die für uns abschätzt, welche Auswirkungen unser eigenes Verhalten auf unsere Mitmenschen haben wird.

 

Die Erkenntnis aus dieser Studie legt nahe, Dankbarkeit in einer Analogie als Muskel zu betrachten, der trainiert werden kann. Je mehr Dankbarkeit zum Einsatz kommt, umso stärker bilden sich entsprechende Strukturen im Gehirn aus. Je mehr wir in unserem Alltag bewusst Dankbarkeit üben, umso stärker werden wir sie in Zukunft spontan empfinden und zum Ausdruck bringen. Auf diese Weise kann die mit ihr verbundene positive Energie in unsere Umgebung einfließen und ihrerseits positiv wirken. Je dankbarer wir uns fühlen, umso eher verhalten wir uns anderen gegenüber achtsam, zugewandt, wertschätzend und wohlwollend, was wiederum selbst bei anderen entsprechende Gefühle auslösen kann. Im Rahmen der Studie zeigte sich, dass noch Monate nach der kleinen Schreib-Übung das Gehirn darauf geeicht war, in besonderer Weise dankbar zu sein.

 

Wir wissen schon lange, dass das Bindeglied zwischen Körper und Seele unser Immunsystem ist, welches zur Abwehr aller möglichen, von innen oder außen kommender Krankheitserreger dient. Wenn wir über solche Dankbarkeitsbekundungen dazu beitragen können auch unser Immunsystem zu stärken, sollten wir uns des Wertes einer solchen Haltung umso bewusster sein.

 

Da wir alle die Möglichkeit haben, durch unsere eigenen Entscheidungen selbst zu bestimmen, welche Werte für uns oberste Priorität haben, wie sehr wir uns von negativen Gedanken bestimmen lassen und welchen Stellenwert wir der Dankbarkeit in unserem Leben geben wollen, liegt es ausschließlich an uns, die o.g. Empfehlungen umzusetzen. Der Gewinn an Lebensglück für uns selbst und unsere Mitmenschen kann beträchtlich sein.

 

 


10.07.2019

 

Zur Bedeutung des ersten Schrittes

Ein Sprichwort lautet: „Selbsterkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung.“ Im Alltag findet diese Redewendung meist dann ihre Anwendung, wenn wir einen Fehler begangen haben und aus diesem Fehler unsere lehrreichen Schlüsse ziehen sollten. Die geschichtliche Herkunft dieser Redewendung lässt sich nicht eindeutig benennen. Zum Einen wird sie mit dem griechischen Philosophen Sokrates (469-399 v. Chr.) in Verbindung gebracht, da in seinen Lehren die Selbsterkenntnis einen alles überragenden Stellenwert hatte. Zum Anderen kann sie auch dem tiefgründigen griechischen Philosophen Heraklit (550-489 v. Chr.) zugeschrieben werden, für den der Begriff ‚Logos‘ von größter Bedeutung war. 

 

Unter Logos verstand Heraklit nicht das, was wir mit Logik verbinden, i.S. eines Denkens, das auf dem Intellekt basiert. Logos war für Heraklit die Wahrheit selbst, eine Kraft und ein herrschendes Gesetz über den Kosmos und den Menschen. Logos ist verbunden mit einer Erkenntnis, die auf Wissen aufbaut, das existenziell erworben wurde, insofern authentisch ist. Es geht ihm nicht um ein intellektuelles Wissen, sondern um ein existentielles Wissen, welches über das bloße Verstehen hinausgeht und dazu führt, eine zugrunde liegende Wahrheit zu erkennen.

 

Dies ist eine sehr bedeutsame Unterscheidung, denn sie betrifft das Problem, welches sich in der täglichen Arbeit mit Menschen einstellt, die sich in einer psychotherapeutischen Erfahrung befinden. Hier wird in den meisten Fällen missverständlich davon ausgegangen, es genüge etwas auf Verstandesebene mit dem eigenen Intellekt zu begreifen bzw. nachzuvollziehen, um Veränderungen im eignen Denken, Erleben und Verhalten einzuleiten. Im Verständnis von Heraklit geht es nicht um ein solches intellektualisiertes Begreifen und Verstehen, sondern um ein erlebnismäßiges erfahren einer Wahrheit, im Hier und Jetzt, was mit einer ‚Bewusstheit‘ bzw. mit einem ‚Bewusstsein‘ verbunden ist. In gleicher Weise ist es das Anliegen einer analytischen Psychotherapie eine solche Bewusstheit herzustellen. Dort, wo zuvor das Unbewusste unser Denken, Fühlen und Verhalten bestimmt hat, sollte sich Bewusstheit einstellen, so dass wir nicht mehr unwillkürlich irgendwelchen verborgenen Strebungen ausgeliefert sind, sondern selbstbestimmt und bewusst entscheiden und handeln können.

 

Wenden wir dieses Verständnis auf das o.g. Sprichwort an, so wird deutlich, dass es bei der in der Redewendung angesprochenen Selbsterkenntnis um mehr geht, als nur einem intellektuellen Verstehen bzw. Begreifen. Mit dieser Redewendung ist zunächst das Erkennen eines bestimmten Zustandes des eigenen Seins verbunden („So bin ich.“), an welches sich die Frage anschließen kann, ob es Sinn macht so zu bleiben („Will ich so sein?“). In einem weiteren Schritt dieser Erkenntnis kann sich die Frage anschließen, was verändert werden könnte („Wie will ich sein?“). 

 

Diese jeweiligen Schritte sind mit einem sehr tief reichenden erlebnismäßigen, authentischen Verstehen verbunden, welches weit über das intellektuelle Begreifen hinausgeht. Ein derartiges Verstehen beinhaltet eine erlebnismäßige Dimension. In der Analogie könnten wir sagen, dass mit einer solchen Einsicht nicht nur unser Gehirn angesprochen ist, sondern auch unser Herz, welches einen größeren und direkteren Bezug zum unbewussten und intuitiven Erfassen mit einbezieht als es auf der intellektuellen bzw. verstandesmäßigen Ebene der Fall ist.

 

Wenn wir uns dieses bis jetzt ausgeführte, erweiterte Verständnis des Begriffs Erkenntnis näher bringen wollen, kann es hilfreich sein, den Begriff der ‚Einsicht‘ heranzuziehen. Auch dieser spielt in dem psychoanalytischen Prozess eine sehr große Rolle, denn bei allen Schritten der gemeinsamen psychotherapeutischen Arbeit geht es letztlich immer um die zu erlangende Einsicht. Aus dieser kann sich dann eine weiterführende Erkenntnis ableiten.

 

In diesem Verständnis ist Einsicht mehr als Erkenntnis, sie ist ursprünglicher, hat eine Nähe zu dem, was wir mit einem ‚Aha-Erlebnis‘, mit einer  ‚Erleuchtung‘ oder ‚Offenbarung‘ verbinden können. Diese Einsicht kann sich intuitiv vermitteln, somit mehr aus dem Herzen entspringen als dem Intellekt. Einsicht in diesem Verständnis, enthält immer auch ein Moment der Selbsterkenntnis und ist mit einer Erfahrung verbunden. Das angesprochene Aha-Erlebnis ist ein vom deutschen Psychologen Karl Bühler (1879-1963) geprägter Begriff aus der Psychologie. Er beschreibt das schlagartige Erkennen eines gesuchten, jedoch zuvor unbekannten Sinnzusammenhanges. In diesem Verständnis kann sich die Einsicht als Ergebnis eines vermeintlich vollendetem Erkenntnisprozesses einstellen, diesen jedoch auch als vorausgehendes intuitives Erfassen eines Zusammenhangs erst auslösen bzw. fortführen.

 

Die Einsicht bzw. das Erkennen (auch im Sinne der Selbst-Erkenntnis) steht immer im Zusammenhang mit der Beschäftigung und Auseinandersetzung mit einer Fragestellung bzw. einem Problem. Genau hierin besteht der Alltag der psychotherapeutischen Arbeit, in der fortlaufenden Auseinandersetzung mit bestehenden Problemen und den mit ihnen verbundenen Fragestellungen, sowie der sich daraus ableitenden Bemühung, Lösungen zu finden. Karl Duncker (1903-1940), deutscher Psychologe und Mitbegründer der Gestaltpsychologie, ging davon aus, dass es in der Phase der Beschäftigung mit einem Problem, zu kognitiven Umstrukturierungsprozessen kommt. In dieser Phase wird nachgedacht, sich etwas vorgestellt oder es werden Wahrnehmungs- und Gedächtnisinhalte kombiniert, so dass möglicherweise eine Idee oder Neuordnung von Wissen entsteht. Das Ergebnis kann das angesprochene ‚Aha-Erlebnis‘ sein, im Sinne einer tief gehenden Einsicht bzw. einer Erkenntnis im Verständnis von Heraklit (s.o.).

 

Nun sollten wir Menschen, wenn wir Probleme haben und diese in gleicher oder ähnlicher Weise stets wiederkehren, im eigenen Interessen bestrebt und bemüht sein, herauszufinden wodurch diese verursacht sein können und was wir in der Folge dieser Erkenntnis tun könnten um sie zu überwinden. Im Alltag zeigt sich jedoch etwas recht Paradoxes, insofern als zwar die Probleme mit all ihren Nachteilen und negativen Auswirkungen, benannt und u.U. auch präzise geschildert werden können, zugleich recht deutlich und schnell ein erheblicher Widerstand erkennbar wird, sich unter Einbeziehung einer selbstkritischen Befragung, mit den möglichen Ursachen auseinander zu setzen. 

 

An dieser Stelle haben wir es mit dem oben angesprochenen ‚ersten Schritt‘ der Selbsterkenntnis zu tun, den es zu vollziehen gilt. Der Vollzug dieses ersten Schrittes, ist die unablässige Voraussetzung zur Einleitung einer Veränderung und damit verbunden einer angestrebten Verbesserung der eigenen Lebensqualität. Also warum dieser Widerstand gegen diesen ersten Schritt? 

 

Wenn wir unter den wiederkehrenden Schwierigkeiten, Problemen und Konflikten in unserem Leben leiden, fühlen wir uns meist recht hilflos und ausgeliefert, ohne ein Wissen darüber zu haben, was wir tun könnten, um eine wünschenswerte Änderung herbeizuführen. Allein dieses Eingeständnis, aus eigener Kraft nicht weiter zu wissen, keinen Ausweg zu finden, können wir bewusst bzw. noch viel mehr unbewusst als eine Art ‚narzisstische‘ Kränkung erleben. 

 

Es ist nichts, was sich in Einklang mit unserem Wunsch- bzw. Ideal-Bild von uns selbst vereinbaren lässt und ebenso wenig ist es etwas, das sich im sozialen Kontext im Umgang mit anderen leicht vermitteln lässt. Denn an dieser Stelle, müssen wir befürchten, den allgemein gültigen Standards nicht gerecht werden zu können, die von Selbstbewusstsein, Selbstvertrauen, Selbstbestimmung, Unabhängigkeit und Eigenständigkeit gekennzeichnet sind. Stark sein ist angesagt, schwach sein, nicht weiter wissen, ist ein Makel.

 

Somit ist das Eingeständnis professionelle Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen, u.U. bereits etwas, das mit ‚Scham und Schande‘ verbunden ist. Haben wir uns notgedrungen zu dem Schritt entschieden uns helfen zu lassen, greift ein weiteres Bemühen eine ‚Ehrenrettung‘ zu vollziehen. Dies, insofern als wir, wenn wir uns schon auf eine psychotherapeutische Erfahrung einlassen, dann den Versuch unternehmen, alles was sich als Problem darstellt, durch die zurückliegenden oder aktuellen Umstände und/oder Personen in unserem Umfeld zu erklären versuchen. Mehr oder weniger hat sich zwischenzeitlich bewusst oder unbewusst eine ganz persönliche Überzeugung bzw. Theorie herausgebildet, wodurch das alles bedingt ist und wo die tatsächlichen Ursachen zu suchen sind. 

 

Dies kann sich im Fall von auch körperlichen Beschwerden auf unseren scheinbar ‚defekten‘ Körper beziehen, in der Folge von psychosomatischen oder rein psychischen Beschwerden auch auf die gegebenen Lebensumstände oder die darin relevanten Bezugspersonen (Partner, Eltern, Kinder, Verwandte, Freunde, Vorgesetzte, Arbeitskollegen etc.). Das entscheidende all dieser Erklärungsversuche ist, dass stets irgendwas oder irgendwer die Schuld daran trägt, jedoch nicht wir selbst, da wir doch Opfer sind.

 

Das Paradoxe besteht darin, so lange wir uns als Opfer begreifen, unverantwortlich und ohne eigenes Zutun, bleiben wir verständlicher Weise hilflos und ausgeliefert, können nichts verändern. Denn das, was es in diesem Verständnis zu verändern gäbe, liegt nicht an uns und in uns. 

 

Der vielleicht wesentliche Teil der psychotherapeutischen Arbeit in den ersten Monaten, manchmal sogar ersten Jahren einer analytischen Psychotherapie besteht somit darin, die Bereitschaft zu erarbeiten, von diesen bisher gültigen Erklärungsmodellen abzulassen und die Möglichkeit der eigenen Verursachung und der inzwischen eigenen Verantwortung an den bestehenden Problemen einzubeziehen. Es entsteht zeitweise der Eindruck als sollte sich mit ‚Händen und Füßen‘ gegen eine solche Möglichkeit, zur Wehr gesetzt werden. Auch hier, im Widerstand gegen solche Einsichten, dürfen wir vermuten, dass die damit verbundene narzisstische Kränkung eine große Rolle spielt.

 

Ist diese Einsicht in dem oben beschriebenen Sinn erreicht, können wir davon ausgehen, dass aufgrund der dann vollzogenen Selbsterkenntnis der erste Schritt zur Besserung vollzogen ist. Die sich dann ergebende weitere Arbeit wird auf diesem ersten Schritt aufbauen können und in möglichen verschiednen,  zukünftigen Versuchungen, in eine früheres Selbstverständnis zurückzufallen, helfen können, sich an dieser einmal gewonnen tiefen Einsicht erneut auszurichten.

 

Die oben besprochenen Widerstände gegen diesen ersten Schritt, die sich, wie bereits erwähnt u.U. über eine lange Zeit erstrecken können, lassen zeitweise die Hoffnung auf eine angestrebte Veränderung aufgeben. An diesen Stellen, wie an vielen anderen unseres Lebens auch, hilft es sich auf eine Lebensweisheit zu besinnen: „Steter Tropfen höhlt den Stein.“ Insofern lohnt es sich die Hoffnung nicht aufzugeben, die Mühe und Anstrengung auf sich zu nehmen. Es ist der ‚längere Atem‘, der zum Erfolg führt.

 


06.07.2019

 

Drei Säulen, die unser Leben bestimmen

Sofern wir uns in einem Zustand einer relativen Gesundheit befinden, sind wir bestrebt alles dazu beizutragen, uns wohl zu fühlen, in einem Zustand der inneren Zufriedenheit, des Ausgleichs, der Entspannung, wünschenswerter Weise gar des Glücks. Viele unserer alltäglichen Bemühungen sind darauf ausgerichtet, uns einem solchen Zustand anzunähern bzw. ihn, soweit es uns möglich ist, auch herzustellen. Die Voraussetzungen hierfür liegen in uns selbst und auch in den uns umgebenden Merkmalen unserer Lebenssituation. Hierzu gehören sowohl die Mitmenschen als auch die situativen Umstände, in denen wir uns befinden.

 

Haben wir das Glück und es geht uns gut, sowohl auf der körperlichen, als auch auf der seelischen und geistigen Ebene unseres Seins, möchten wir diesen Zustand aufrechterhalten. Da wir uns in diesem Zustand des Wohlgefühls befinden, werden wir sehr wahrscheinlich die ihn kennzeichnenden Merkmale wertschätzen und danach streben, sie so zu belassen. Pointiert formuliert können wir sagen, wir ‚lieben es‘ uns so zu fühlen. 

 

Ein solcher Zustand setzt im Allgemeinen eine Ausgewogenheit zwischen drei wesentlichen Säulen voraus, die unser ganzes Leben bestimmen. Befinden sich diese Säulen in einem relativen Zustand des Gleichgewichts untereinander, steht unser persönliches ‚Haus‘ auf einer guten und gesunden Grundlage. Diese drei Säulen, können wir in gewisser Weise als Stützpfeiler begreifen.

 

Die erste Säule, ohne dass mit dieser numerischen Auflistung eine Gewichtung bzw. Rangfolge verbunden wäre, ist die Säule, welche unsere ‚Arbeitsfähigkeit‘ repräsentiert. Mit dieser Säule ist unsere Fähigkeit verbunden, allen Anforderungen, Aufgaben und Verpflichtungen unseres Lebens bzw. unseres individuellen Alltags in angemessener Weise gerecht werden zu können. Dies betrifft sowohl unser privates als auch unser öffentliiches Leben, in dem wir als Familienmitglied, Ehepartner, Freund, oder auch Nachbar, Vereinsmitglied, Mitarbeiter, Angestellter oder Vorgesetzter existieren. In diesen unterschiedlichen, uns kennzeichnenden Rollen, haben wir den unterschiedlichsten Aufgaben, Anforderungen und Verpflichtungen gerecht zu werden. Erfüllen wir dies alles zu unserer eigenen Zufriedenheit und auch der relativen Zufriedenheit der Anderen, können wir uns diesbezüglich im Einklang mit uns selbst und unserem Umfeld fühlen. Wir können uns wohl fühlen, ausgeglichen und entspannt.

 

Verhält es sich nicht so, werden wir uns unwohl fühlen, uns mehr und mehr in einem Zustand innerer Anspannung wieder finden, möglicherweise im Konflikt mit uns selbst oder/und auch  mit anderen erleben. In diesem Fall sollten wir bestrebt sein alles dazu notwendige zu tun, um die Situation so weit zu verändern, damit wir den ersehnten Wunsch nach Wohlempfinden herstellen können. Die Diskrepanz zwischen einem gegebenen Ist-Zustand und dem erstrebten Soll-Zustand gilt es so stark zu reduzieren, dass die aus der Diskrepanz resultierende Spannung kein überdauerndes Unwohlsein mit sich bringt. 

 

Die Folge einer zeitüberdauernden Diskrepanz, mit einem entsprechenden Spannungszustand und dem damit verbundenen inneren und vielleicht auch äußeren Konflikt, kann in dem Entstehen von Symptomen bestehen, sowohl auf der körperlichen, als auch seelischen und geistigen Ebene. Unter Umständen könnte sich eine zunächst akute, später chronische psychosomatische Erkrankung entwickeln (Migräne, Tinnitus, Bluthochdruck, Magen-Darm-Erkrankung, Gelenkschmerzen, Hautallergien, Herz-und Kreislauferkrankungen, Lungenerkrankungen, usw.). 

 

Die zweite Säule, die in gleicher Weise bestimmend für unser ganzes Leben bzw. unseren täglichen Alltag ist, bezieht sich auf unsere ‚Liebesfähigkeit‘. Hiermit ist unsere Fähigkeit zu verstehen, uns auf wertschätzende, liebevolle, zärtliche, zugewandte und achtsame Verbindungen mit anderen Menschen einzulassen. Hierunter fallen sowohl unsere sehr privaten, intimen und nahen Beziehungen zu unseren Partnern, Familienmitgliedern und Freunden, als auch unsere Beziehungen zu Menschen in unserem alltäglichen öffentlichen Leben, im Rahmen unserer Arbeit, Freizeit oder auch der Begegnung von Menschen in irgendwelchen öffentlichen Räumen. 

 

Gelingt es uns warmherzige, innige, liebevolle und tief gehende Beziehungen mit uns nahe stehenden Menschen zu leben, werden wir uns aufgehoben fühlen können, Liebe geben und Liebe empfangen können. Wir werden die uns kennzeichnenden grundsätzlichen Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte weitgehend erfüllen können und auf diese Weise unserem Leben einen wichtigen Sinn verleihen können. Das, was uns Menschen vom frühesten Zeitpunkt unseres Lebens im Mutterleib kennzeichnet, ist die Verbindung mit einem anderen Menschen (der Mutter). Diese Verbindung steht für das in uns zu tiefst verankerte ‚Wir‘, nach dem wir in der Folge unserer individuellen lebensgeschichtlichen Entwicklung immer, mehr oder weniger ausgeprägt, streben werden. Biologischer-, physiologischer- und damit auch natürlicherweise finden wir Erfüllung nur in der Verwirklichung des Wir. Dies gilt für die intimste Beziehung zu einem Lebens-Partner, so wie auch für die wert- und respektvolle Beziehung zu jedem Menschen, dem wir in welcher Situation auch immer begegnen können. 

 

Auch bezüglich der Liebesfähigkeit können wir, aus welchen verursachenden Gründen auch immer, von dem gewünschten und erstrebten Zustand abweichen, so dass wir uns auch hier in einem Zustand geringerer oder größerer Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand befinden. Ist das der Fall, entsteht ebenfalls ein mehr oder weniger großes Gefühl der Unzufriedenheit, des Unwohlseins, bis hin zu einem subjektiv empfundenen Unglück. Auch hier kann die Folge in der Entstehung von allen möglichen psychosomatischen Krankheiten bestehen, einschließlich schwerer psychischer Erkrankungen im Sinne z.B. einer Depression, Angstzustände, Zwangserkrankungen, Suchterkrankungen, tief gehender Selbstwertprobleme.

 

Wie auch bei den aus der relativen Arbeitsunfähigkeit sich ergebenden Problemen, sind bei den Einschränkungen, die sich aus der relativen Liebesunfähigkeit ergeben, die Ursachen, möglicherweise in zeitlich nahe zurückliegenden Faktoren zu suchen oder aber auch durchaus (was wesentlich häufiger der Fall ist) in den biographisch zurückliegenden, kindlichen und frühkindlichen Erfahrungen. Je nach Schwere der Beeinträchtigungen kann es notwendig sein, auf eine professionelle Hilfe zurückzugreifen und sich einem psychotherapeutischen Prozess zu unterziehen.

 

Als letzte wesentliche Säule, die dazu beiträgt unserem Leben eine  ausgewogene, harmonische und damit gesunde Grundlage zu bieten, ist die Genussfähigkeit zu nennen. Hiermit ist unsere Fähigkeit gemeint, das Leben in all seinen schönen Facetten und Nuancen schätzen und annehmen zu können, sich dem genussvoll, mit Lust und vielleicht auch Leidenschaft hingeben zu können. Hier geht es auch um die Fähigkeit sich fallen zu lassen, in einem lustvollen Genießen baden zu können. Die Schönheiten auf allen Ebenen des Erlebens, bezogen auf alle uns Sinne, aufnehmen, zulassen und empfinden zu können, ist eine besondere Fähigkeit. Diese kommt an vielen Stellen unseres Alltags, der nicht selten erfüllt ist von Aufgaben, Anforderungen und Verpflichtungen (s. Arbeitsfähigkeit) häufig zu kurz und bleibt u.U. sogar ‚auf der Strecke‘. Sind wir in der Lage, Situationen und Gelegenheiten genussvoll zu leben, werden wir uns beschenkt fühlen, erfüllt, zu tiefst befriedigt. Die Natur bzw. unsere Biologie hat uns hierzu mit den entsprechenden Glückshormonen, die in unserem Körper produziert werden können, ausgestattet. Gelingt es uns diese zu aktivieren, fühlen wir uns nicht nur glücklich, sondern wir sorgen in einem umfassenden Sinn für unsere Gesundheit. Aus unzähligen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir inzwischen, wie sehr diese Zustände zu einer umfassenden Körper-Seele-Geist Gesundheit beitragen.

 

Gelingt es uns nicht, uns auf diese Ebene des Erlebens einzulassen, die Genussfähigkeit zu leben, werden wir ebenfalls mit den beeinträchtigenden und krankheitsinduzierenden Auswirkungen konfrontiert werden. Ein Leben, das keinen ausreichenden Platz für das Genießen hat, wird letztlich in allen Teilen bestroffen sein und durch Einschränkungen gekennzeichnet sein. Auch hier wird es zu schwer erträglichen Zuständen der Spannung kommen, verbunden mit den Diskrepanzen zwischen Ist- und Soll-Wert. Wie auch bei der Arbeitsfähigkeit und Liebesfähigkeit, wird es in der Folge hier darum gehen, Wege zu finden, die Spannung und die Diskrepanz zu reduzieren.

 

Wie aus den Ausführungen erkennbar ist, kann es in all diesen drei Bereichen unseres Lebens, der Arbeitsfähigkeit, Liebesfähigkeit und Genussfähigkeit zu Diskrepanzen kommen, verbunden mit dem Abweichen des Ist-Wertes von dem gewünschten Soll-Wert. Ist das der Fall, stellt sich stets die Frage, wie wir diese Abweichungen beheben können.

 

Wir können sowohl versuchen Veränderungen an den jeweiligen situativen Lebensumständen vorzunehmen, die zu einer möglichen Diskrepanz beitragen (z.B. Ortswechsel, Arbeitsplatzwechsel, Trennung etc.), zugleich oder auch alternativ können wir Veränderungen an uns selbst vornehmen. So kann es u.U. helfen, uns von bestimmten Ansprüchen und Erwartungen zu lösen, ebenso eine andere Sicht, ein verändertes Verständnis bzw. eine andere Deutung des Ganzen vorzunehmen, um den inneren und äußeren Konflikt zu reduzieren oder zu lösen (re-framing). 

 

Ziel darf es und sollte es sein, bezüglich dieser o.g. drei Säulen ein ausgewogenes Verhältnis herzustellen. Es wird kaum möglich und realistisch sein, eine weitgehende Gleichheit in deren Ausprägung anzustreben. Je nach Persönlichkeit und Charaktereigenschaften, werden diese Säulen unterschiedlich stark ausgeprägt sein, doch sollte keine überragend dominieren und ebenso keine vollkommen unterrepräsentiert sein. Probleme und Konflikte, in Verbindung mit negativen Empfindungen und möglichen körperlichen, seelischen und geistigen Beschwerden, können wir langfristig nur vermeiden, wenn es uns gelingt diese drei Säulen in einem ausgewogenen Verhältnis als Grundlage unseres Lebens zu haben.

 

Hierbei sollte es nicht darum gehen, hundertprozentige Lösungen zu finden. Eine solche Haltung wäre der Anlass für fortdauernde Unzufriedenheit mit sich selbst und auch mit anderen, da die Wirklichkeit dem Anspruch nach Vollkommenheit niemals gerecht werden kann. Viel sinnvoller, angemessener und empfehlenswerter erscheint eine Haltung der Toleranz, des Verständnisses, der Großzügigkeit und Nachsichtigkeit auch Abweichungen gegenüber, sofern diese sich in Grenzen halten.

 

Die Anerkennung sowohl der eigenen als auch der uns alle kennzeichnenden Unvollkommenheit, gibt uns viel mehr Freiheit und Wohlbefinden, da sie mit einem Frieden verbunden ist, den wir in uns selbst und auch mit anderen schließen und finden können. Zu lernen mit der Abweichung von einem angestrebten Soll zu leben, kann ein wichtiger und bedeutender Schritt sein, dem Wunsch ein klein wenig näher kommen zu können.

 

Im sog. ‚Gelassenheitsgebet‘, das vermutlich von dem US-Amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr verfasst wurde und große Verbreitung gefunden hat, heißt es in den ersten drei Zeilen: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden….“

 

Wie eine Lösung für eine bestehende, enttäuschende Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität aussehen kann, zeigt auch eine fernöstliche Geschichte. Ein indischer Bauer, kämpfte viele Jahre mit dem Unkraut in seinem Garten, bis er eines Tages, enttäuscht und frustriert aufgrund seines erfolglosen Kampfes, sich mit einem offiziellen Schreiben an seine Regierung wendete. Er schilderte sein Problem und bat, mit Hilfe der dort doch sicher vorhandenen Wissenschaftler und Fachleute, ihm eine Lösung zukommen zu lassen. Nach Monaten des Wartens kam schlussendlich ein offizielles Schreiben der Bezirksregierung, in dem man dem Bauern mitteilte, dass man nach vielen langen Erörterungen und Diskussionen in unterschiedlichen Zusammensetzungen und Behörden, nun glücklich sei, ihm eine Lösung präsentieren zu können. Die Lösung, die der Bauer im letzten Satz des Schreibens lesen konnte lautete: „Wir empfehlen Ihnen, lernen Sie im Frieden mit Ihrem Unkraut zu leben!“. 

 


04.07.2019

 

Der Mensch ist eine Ganzheit aus Körper, Seele und Geist. Was bedeutet das für die Transplantation eines Herzens?

Mit der Erkenntnis und dem Zugeständnis, das wir Menschen eine Ganzheit sind aus Körper, Seele und Geist, überwinden wir den uns von René Descartes (1596-1650), dem französischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler, auferlegten Dualismus, der eine Trennung von Körper und Geist postulierte. Für Descartes und seine bis zum heutigen Tag weltweit überall anzutreffenden Verfechter aus allen Gebieten der menschlichen Wissenschaft galt, dass es sich bei Körper und Geist um zwei vollkommen unterschiedliche, voneinander getrennte Einheiten bzw. Substanzen handele. Diese können in diesem Verständnis insofern unabhängig und losgelöst voneinander von Störungen oder Erkrankungen betroffen sein.  

 

Das Verständnis von Descartes bezogen auf den Menschen, findet sich in vergleichbarer Weise im Verständnis der ganzen Welt bei Isaac Newton (1642-1726), dem englischen Naturforscher, Theologen, Physiker und Mathematiker. Er war der Überzeugung, dass sich die Welt, wie eine Maschine, exakt mathematisch beschreiben ließe. Dies aufgrund von Beobachtung und Messung. Hierbei ging er von der Gewissheit aus, dass der Beobachter, unter Einhaltung gewisser Grundsätze und Voraussetzungen, bei seiner Beobachtung vollkommen unabhängig von dem Gegenstand der Beobachtung sei. Die Aussagen und Ergebnisse in Folge der Beobachtung, hätten somit durchaus den Anspruch auf Objektivität.

 

So wie wir spätestens seit den Erkenntnissen der psychosomatischen Medizin wissen, dass der Mensch sich nur als Ganzheit begreifen lässt, bei der eine betroffene Einheit (Körper, Seele, Geist) immer auch die anderen mit betrifft, wissen wir seit den Erkenntnissen der Quantenphysik, dass es nicht möglich ist, die Welt nach einem mechanistischen Weltbild zu begreifen. In diesem sollte es klare Zuordnungen und eindeutige kausale Verknüpfungen geben, die sich objektiv beschreiben lassen. Ganz im Gegenteil, dank der Quantenphysik wissen wir heute, dass alles mit allem verbunden ist und insofern auch der Beobachter mit dem Objekt seiner Beobachtung in Verbindung tritt und damit Einfluss auf das Ergebnis seiner Beobachtung nimmt (siehe Doppelspalt-Experiment).

 

Wenn wir diese heutige Sicht und das heutige Verständnis von uns Menschen und von der Welt in der wir leben, auf den medizinischen Eingriff einer Herztransplantation übertragen, können wir uns fragen, was passiert durch eine Transplantation? Geht es tatsächlich nur darum, dass ein krankes, nicht mehr zuverlässig, schlecht funktionierendes Organ durch ein anderes ersetzt wird? Vergleichbar dem Austausch eines defekten, wenn auch zentralen und damit wichtigen Teils in einer Maschine, was durchaus dem physikalischen Verständnis im Sinne von Isaac Newton entsprechend, so gedeutet werden könnte.

 

Aus der Quantenphysik wissen wir mittlerweile, dass wir eingebettet und umeben sind von einem elektromagnetischen Feld, dem sog. ‚Meer aller elektromagnetischen Möglichkeiten‘, in welchem alle Information in Form von Energie in Wellen bzw. Schwingungen gespeichert vorliegt. In diesem Feld nimmt alles auf der subatomaren bzw. Quantenebene seinen Anfang.

 

Betrachtet man ein Atom, so besteht es aus einem Atomkern und einer Atomhülle, die jeweils eine positive bzw. negative elektrische Ladung haben. Kommt es zum Zusammenschluss zweier Atome, bilden sie ein sog. Molekül. Im Bereich der Überlagerung der beiden Atome, in dem es zur Verbindung kommt, wird Information ausgetauscht. Aufgrund der gemeinsamen Information, teilen diese beiden Atome eine ähnliche Energie, die sich durch eine bestimmte Frequenz auszeichnet. Zugleich werden diese beiden Atome von einem unsichtbaren Energiefeld umgeben und zusammengehalten. 

 

Wir könnten das in der Analogie durchaus vergleichen, mit dem Zusammengehen zweier Menschen, z.B. im Rahmen einer Partnerschaft, bei der es vom Augenblick des Zusammenschlusses ebenfalls den gemeinsam geteilten Raum gibt, in dem Information und Energie geteilt wird. Dieser gemeinsame Raum ist ebenfalls durch gleichförmige Schwingungen gekennzeichnet. Für Außenstehende mag das zeitweise den Anschein haben, dass es gleichgültig ist, welchen von beiden Partnern man bzgl. eines Sachverhaltes befragen würde, es kämen gleich lautende Antworten. Auch eine auf diese Weise gekennzeichnete Beziehung, ist insofern von einem nicht sichtbaren energetischen Feld umgeben. 

 

Allein die Tatsache, dass sich diese beiden Menschen entschieden haben eine solche Verbindung im Sinne einer Partnerschaft einzugehen, setzt voraus, dass es zwischen beiden zu einer weitreichenden ‚Resonanz‘ bzw. Kohärenz gekommen ist. Dies bedeutet, die gleichschwingenden energetischen Wellen dieser beiden Menschen haben sich so sehr überlagert, ergänzt und gegenseitig verstärkt, dass daraus eine harmonische Verbindung entstanden ist.

 

Kehren wir auf die Ebene der Atome und Moleküle zurück, können wir feststellen, dass das unsichtbare Energiefeld, welches die Materie umgibt, dem aus den beiden Atomen entstandenen Molekül, ganz spezifische Eigenschaften sowie eine spezifische Form und Struktur gibt. Diese sind mit ganz bestimmten Informationen und Energien verbunden. Durch jedes weitere dazukommende Atom verändert sich die physikalische Eigenschaft des Moleküls. Weitere hinzukommende Atome verändern die chemische Verbindung fortlaufend und ebenso das unsichtbare, umgebende Energiefeld. Bei diesen Prozessen haben wir es mit etwas sehr Realem und Messbarem zu tun. 

 

Wenn es zu einer genügend großen Anzahl solcher chemischen Verbindungen gekommen ist, entsteht letztlich eine Zelle, die ebenfalls von einem Energiefeld umgeben ist und sich durch spezifische Merkmale der Information und Energie auszeichnet. Je geordneter die Frequenzen an Energie sind, die von diesen Zellen abgestrahlt werden, umso gesünder dürfen sie bezeichnet werden. In diesem Fall einer geordneten Frequenz von energetischen Schwingungen, sprechen wir von einer bestehenden Kohärenz bzw. Übereinstimmung. (Als Randnotiz sei angemerkt, dass der Austausch an Energie zwischen Zelle und dem umgebenden Energiefeld, schneller als mit Lichtgeschwindigkeit erfolgt, da er auf der sog. Quantenebene stattfindet.)

 

Der Vorgang des Zusammenschlusses wird weiter fortgeführt, so dass sich aus den Zellen Gewebe bilden, einschließlich eines Energie- und Informationsfeldes. Aus den Geweben, bildet sich ein Organ und aus dem Zusammenschluss der Organe, ein ganzes System mit vergleichbaren Kennzeichen und Merkmalen. Letztlich kommt es zur Vereinigung der Organ-Systeme zu einem ganzen Körper, mit dem ihn kennzeichnenden Energie- und Informationsfeld. 

 

Wie oben beschrieben, ist dieses umgebende Energiefeld voller Information, die hier gespeichert ist und weitergegeben werden kann bzw. sich in einem fortlaufenden Zustand des Austauschs befindet. Insofern können wir diesem energetischen Feld, auch die Funktion eines Informationsspeichers bzw. eines Gedächtnisses zusprechen. 

 

Wir können uns vor Augen führen, dass bei einer Transplantation eines Herzens, ein Organ übertragen wird, das aus Gewebe besteht, welches aus Zellen zusammengesetzt ist, auf der Grundlage von chemischen Verbindungen, die wiederum aus Molekülen bestehen, welche sich aus dem Zusammenschluss von Atomen gebildet haben. Aufgrund dessen können wir verstehen, dass im Fall einer Transplantation nicht nur ein sichtbares Organ entnommen und eingepflanzt wird, sondern auch die mit all den Bestandteilen verbundenen Information, sowie das jeweils damit verbundene Energiefeld. Wie wir gesehen haben, handelt es sich dabei um sehr konkrete, sehr spezifische und einzigartige Informations- und Energiefelder.

 

Zum besseren Verständnis ist es an dieser Stelle hilfreich und sinnvoll, sich an eine indianische Tradition zu erinnern, die der Schamane Bear Heart in seinem Buch ‚Der Wind ist meine Mutter‘ beschreibt. „Das, was in der Gesellschaft des Westens als ‚unbelebte Objekte‘ bezeichnet wird, Steine zum Beispiel, Schmuckstücke, Kleider, Möbelstücke und Gebäude, sind für unser Volk lebende Ganzheiten, weil sie aktive Energie enthalten. Wir nennen Steine ‚Felsmenschen‘…..Wenn man etwas Festes aus der Erde bekommt, einen Stein, einen Kristall oder sogar ein Schmuckstück, kennt man oft weder seine Geschichte, noch weiß man, welche Art von Energie es angereichert hat, deshalb sollte man das Stück vier Tage lang in der Erde vergraben und erst am fünften Tag wieder ausgraben - bis dahin ist die Energie gereinigt. Anschließend sollte man das Stück in die Hand nehmen und seine eigenen Energien hineinströmen lassen und es sich so zu eigen machen. Wenn man die Energie eines Textilgewebes reinigen will, muss man es vier Tage lang in die Sonne legen. So wird es rein.“

 

David Frawley, einer der einflussreichsten und anerkanntesten Lehrer der vedischen Weisheit, berichtet von einer vergleichbaren Achtsamkeit in der Lebenshaltung allem gegenüber, die sich in den über 5000 Jahre alten Veden bzw. Lehren des Yoga findet. In den dort aufgeführten Verhaltensprinzipien ist von Ahimsa ('nicht-verletzten') die Rede. Ahimsa bedeutet, „dass wir keinem lebendem Wesen schaden - nicht nur keinem Menschen, sondern auch nicht der Schöpfung insgesamt - nicht einmal einem Stein!“

 

Wenn wir uns das alles bewusst machen, dürfen wir uns fragen, was geschieht, wenn wir ein Organ wie das Herz einem verstorbenen Menschen entnehmen um es einem anderen Menschen als Ersatz für das eigene, geschädigte, nicht mehr funktionsfähige, einzusetzen? Wird die in den Zellen dieses Organs gespeicherte Information und Energie, die ganz spezifisch und kennzeichnend für diesen verstorbenen Menschen gewesen ist, ebenfalls transplantiert? Und wenn ja, welche Auswirkungen hat das?

 

Claire Sylvia, eine 47-jährige professionelle Tänzerin und Choreografin, war eine Transplantationspatientin, die im Jahr 1988 ihre Erfahrungen, in Folge der bei ihr vorgenommenen Herztransplantation in einem Buch veröffentlicht hat. Sie schildert darin, wie sie nach der Transplantation völlig fremde Charakterzüge und neue Vorlieben entwickelte. So entwickelte sie zunehmend Gelüste auf Chicken Nuggets, Pommes, Bier, grüne Paprika und Snicker-Riegel, was ihr zuvor überhaupt nicht schmeckte. In ihrer Persönlichkeit zeigte sie zunehmend mehr Züge von Durchsetzungsvermögen und Selbstvertrauen. Als sie von einem jungen Mann träumte, erkannte sie in ihm ihren Spender. Nach und nach entstand in ihr die Überzeugung, dass sie mit seinem Herzen auch einen Teil seiner Seele in sich aufgenommen hatte. Dies führte sie dazu, sich auf die Suche nach seiner Familie zu machen, um Klarheit zu gewinnen. Tatsächlich bestätigte sich aufgrund der Begegnung mit der Familie des damals 18-jährigen Spenders, dass es sich bei diesen Vorlieben und Eigenschaften und kennzeichnende Merkmale des Spenders handelte.

 

Dramatischer und ebenso überzeugend, ist die Geschichte eines 8-jährigen Mädchens, dem das Herz einer verstorbenen 10-jährigen transplantiert wurde. Nach der Transplantation des Herzens, entwickelte das Mädchen gehäuft Alpträume, in denen es sich bedroht fühlte, ermordet zu werden. Aufgrund der Schwere der Beeinträchtigung durch diese Alpträume, wurde eine ärztliche Behandlung eingeleitet. Nachdem zunächst die Inhalte der Träume als Ausdruck der eigenen Phantasie interpretiert wurden, zeigte sich im Verlauf der Nachforschungen, dass die Spenderin tatsächlich Opfer einer solchen gewaltsamen Tat geworden war. Aufgrund der detailreichen Träume und der genauen Angaben über Zeit und Ort des Verbrechens, sowie die Waffe des Täters und der ihn kennzeichnenden Merkmale, welche das Mädchens aufgrund ihrer inneren Bilder machen konnte, war es letztlich der Polizei möglich, den Täter zu identifizieren. Auf diesem Weg gelang es ihn nachträglich zu verhaften und zu verurteilen.

 

Dies sind stellvertretend nur zwei Fälle, die jedoch sehr anschaulich und eindrucksvoll vermitteln, wovon wir bei der Transplantation eines Organs ausgehen dürfen. Ganz offensichtlich wird mit dem Organ auch die Information und das dieses Organ kennzeichnende energetische Feld übertragen. Die Folge davon ist, dass der Empfänger dieses Organs, auf die in dessen energetischen Feld gespeicherte Information zurückgreifen kann bzw. diese vom Augenblick der Transplantation, einen Einfluss auf den Empfänger ausübt und somit nicht nur seinen Körper bestimmt, sondern in gleicher Weise seinen Geist und seine Seele. 

 

Aufgrund der uns heute vorliegenden wissenschaftlichen Befunde und den damit im Einklang befindlichen, uns überlieferten Gebräuche und Empfehlungen alter Kulturen, können wir feststellen, dass unsere Organe auf der Basis von Energie bzw. Information funktionieren. Bestimmend für ein Organ ist somit das jeweilige Energie- und Bewusstseinsfeld. 

 

Unser gesamter Körper, der sich aus diesen Organen und Organsystemen zusammensetzt, ist in gleicher Weise von einem unsichtbaren elektromagnetischen Energiefeld umgeben. Dieses konstituiert letztlich unser individuelles und damit einzigartiges Selbst, unsere ganz persönliche ‚elektromagnetische Signatur‘. Wie könnte diese bei der Transplantation eines Herzens nicht zugleich mit dem Organ übertragen werden?

 

Zur Beantwortung der in der Überschrift zu diesem Beitrag gestellten Frage, lässt sich insofern feststellen, auch im Fall der Transplantation eines Herzens sollten wir berücksichtigen, dass nicht nur ein Organ übertragen wird, sondern auch Anteile der Seele und des Geistes des Spenders.

 


30.06.2019

 

Brauchen wir Vorbilder?

Nelson Mandela (18.07.1918-05.12.2013) engagierte sich als führender südafrikanischer politischer Aktivist in einem mehrere Jahrzehnte dauernden Widerstand gegen die Apartheid. Von 1944 an engagierte er sich im African National Congress (ANC) um gegen die Rassendiskriminierung und die politische Gleichberechtigung aller Volksgruppen in Südafrika gegen die Vorherrschaft der Weißen zu kämpfen. Aufgrund dessen wurde er von 1963 bis 1990 über 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft gehalten. 

 

Trotz seiner langen Jahre der Gefangenschaft, blieb er der herausragende Vertreter und die Symbolfigur im Freiheitskampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit in Südafrika. Die erlittenen Demütigungen, Verletzungen und endlosen Versuche der Einschüchterung und Bedrohung, konnten ihm seine versöhnliche, wertschätzende und friedliebende Haltung, alle Menschen, ungeachtet von deren Hautfarbe, Rasse, Herkunft, Kultur und sozialen Status nicht nehmen. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde er 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes gewählt, was er bis 1999 blieb. Aufgrund seines Engagements für den alle Menschen verbindenden Frieden, erhielt er 1993 den Friedensnobelpreis und galt schon zu seinen Lebzeiten als politisches und moralisches Vorbild.

 

Geboren wurde er am Ufer eines Flusses in einem kleinen Dorf. In prophetischer Weitsicht hatte er von seinem Vater einen Vornamen erhalten (Rolihlahla), der in wörtlicher Übersetzung die Bedeutung hatte ‚Am Ast eines Baumes ziehen‘, was als gleichbedeutend mit ‚Unruhestifter‘ zu verstehen war. Die Familie gehörte zum Stamm der Xhosa, deren Rituale, Gebräuche und Sitten er verinnerlichte. Da sein Vater bereits früh verstarb, Mandela war gerade 9 Jahre alt, wurde er von einem Stammes-Oberhaupt adoptiert und erhielt nun einen Namen mit einer ebenfalls prophetischen Bedeutung ‚Gründer des Rates‘.

 

In seiner lesenswerten, detailreichen und mit 864 Seiten sehr umfangreichen Autobiographie („Der lange Weg zur Freiheit“) ist zu lesen, wie er bereits als Kind versuchte „Gegner zu bezwingen, ohne sie zu entehren“. Im Alter von 19 Jahren besuchte er eine methodistische Missionsschule, wo er ein Bewusstsein als Afrikaner entwickeln konnte, losgelöst von einem Stammes-Bewusstsein. Zwei Jahre später schrieb er sich im University College ein, wo er einige seiner späteren Wegbegleiter im Kampf gegen die Unterdrückung kennenlernte. Seine Studienfächer waren Englisch, Anthropologie, Politik und Römisch-Holländisches Recht. 

 

Nachdem er zunächst als Wachmann in einem Goldbergwerk gearbeitet hatte, nahm er später eine Ausbildungsstätte in einer Anwaltskanzlei an. Hier entwickelte er erstmals eine freundschaftliche Beziehung zu einem weißen jüdischen Kommunisten. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen und war neben seiner Arbeit auch als Schwergewichtsboxer unterwegs. Im Alter von 25 Jahren beendete er erfolgreich sein Fernstudium an der Universität of South Africa mit seinem Bachelor of Arts. Seinen graduierten Abschluss konnte er jedoch 6 Jahre später aufgrund seines politischen Engagements nicht machen. Aufgrund unzähliger Behinderungen und absichtlich auferlegter Hürden, vor und während der Jahre seiner Gefangenschaft, konnte er letztlich erst gegen Ende seiner Haftzeit 1989, sein Jura-Studium offiziell mit dem Bachelor of Law erfolgreich abschließen.

 

Sein Kampf gegen die politische, soziale und auch wirtschaftliche Unterdrückung begann er bereits in seinen jungen Jahren als Student. Nachdem 1948 Gesetze eingeführt wurden (Apartheid), mit denen die Vorherrschaft der Weißen festgeschrieben wurde und die Rassenzugehörigkeit aller Südafrikaner gekennzeichnet war, wurde sein Kampf umso intensiver. Bereits zu dieser Zeit war er bestimmt von der Idee des gewaltlosen Widerstands, wie ihn Mahatma Gandhi in Indien vertreten hatte. 1952 eröffnete er zusammen mit einem Weggefährten (Oliver Tambo) die erste von einem Schwarzen geführte Anwaltskanzlei in Südafrika. In den folgenden Jahren wurde er aufgrund seiner politischen Aktivität wiederholt verhaftet und mit einem Bann belegt, der seine Bewegungsfreiheit sowie seine Rechte stark einschränkte.

 

Obwohl er 1961 in einem langwierigen Prozess des Hochverrats freigesprochen wurde, musste er sich in den Untergrund begeben und als Gärtner und Chauffeur arbeiten. Aufgrund der immer schärfer werdenden Auseinandersetzungen mit den weißen Machthabern und der nun eskalierenden Gewalt, von deren Seite, kam Mandela zur Überzeugung, dass es notwendig sei, die Haltung des gewaltfreien Widerstandes zu überdenken und erklärte die Zeit der friedlichen Versuche  einer Umwälzung zunächst für beendet. In der Folge kam es zur Durchführung von unterschiedlichen Sabotageakten.

 

Nachdem Mandela 1962 erneut verhaftet worden war, wurde er in einem Prozess, in dem ihm kein Rechtsanwalt zugestanden wurde und er sich aufgrund dessen selbst verteidigen musste, zunächst zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1990 wurde von der New York Times veröffentlicht, dass die Informationen, die an die südafrikanischen Behörden gelangten und zur Verhaftung von Mandela führten, von der CIA kamen. 1964 wurde Mandela letztlich zusammen mit sieben anderen Mitstreitern zu einer lebenslangen Haft verurteilt. 

 

Obwohl im Verlauf der Jahre seiner Inhaftierung Mandela wiederholt das Angebot der Freilassung gemacht wurde, lehnte er es jeweils ab, da es an Bedingungen geknüpft war, die von den weißen Machthabern gestellt wurden. Demnach sollte Mandela u.a. bewirken, dass der African National Congress (ANC) seinen Kampf gegen das weiße Regime aufgeben sollte. Das jedoch wollte Mandela nicht akzeptieren. Trotz einer international zunehmenden Kampagne für seine Freilassung, blieb er weiter inhaftiert und erhielt in Gefangenschaft 1988 den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen.

 

Die amerikanische Regierung unter der Führung von Ronald Reagan, sowie die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher bezeichneten Mandela zur gleichen Zeit 1988 noch als Terroristen, aufgrund dessen er sich zusammen mit verschiedenen Kriminellen auf einer US-Watch List befand, von welcher er erst im Jahr 2008 von G.W. Bush gestrichen wurde.

 

Nachdem Mandela am 11.02.1990 nach 27 Jahren aus der Haft entlassen wurde, hielt er wenige Tage später vor 120.000 Zuhörern im FNB Stadion in Johannesburg eine Rede, in welcher er seine Politik der Versöhnung darstellte. Er rief darin alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben hatten zur Zusammenarbeit auf. Sein Ziel war es gemeinsam mit allen an einem „nichtrassistischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle“ zu arbeiten. Nach den ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 wurde Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt. 

 

In seiner Autobiographie ‚Der lange Weg zur Freiheit‘ schreibt Mandela:

„Während dieser langen, einsamen Jahre (der Inhaftierung) wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz…Ein Mensch, der einem anderen die Freiheit raubt, ist ein Gefangener des Hasses…Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermaßen ihrer Menschlichkeit beraubt. Als ich das Gefängnis verließ, war es meine Aufgabe, beide, den Unterdrücker und den Unterdrückten zu befreien…Denn um frei zu sein genügt es nicht, einfach nur die Ketten abzuwerfen, sondern man muss so leben, dass man die Freiheit des anderen respektiert und fördert.“

 

In beeindruckender Weise ist es in einem sehenswerten Spielfilm (‚Invictus’ siehe das Video unten) dem Regisseur Clint Eastwood gelungen, die Strahlkraft von Nelson Mandela zu vermitteln. Er führte anlässlich der Rugby Weltmeisterschaft in Südafrika 1995 seine südafrikanische Mannschaft zum Finale auf das Spielfeld. Die Mannschaft Südafrikas war relativ ‚chancenlos’ als Außenseiter in das Turnier gestartet. Doch Mandela selbst war voller Zuversicht und konnte der Mannschaft einen Glauben vermitteln, der so stark war, dass sie letztlich Weltmeister wurde. Rugby war der klassische Sport der Weißen. Mandela nutzte diese Gelegenheit, sowie die Weltmeisterschaft insgesamt, um allen Südafrikanern zu signalisieren, wir sind ein Volk und gehören alle zusammen, unabhängig von unserer Hautfarbe, der kulturellen Herkunft oder dem sozialen Status.

 

Die von Mandela in den Jahren seiner Präsidentschaft eingeleiteten und durchgeführten gesellschaftlichen Veränderungen betrafen alle Bereiche des Zusammenlebens und waren von großer Bedeutung, so z.B. die Bestimmung, wonach Kinder unter sechs Jahren, schwangere und stillende Mütter eine kostenlose Gesundheitsfürsorge zu erhalten hatten. Auch wurde die Strom- und Wasserversorgung für Millionen von Menschen sichergestellt, die bis dahin davon ausgegrenzt waren. 

 

Viele bedeutende internationale Persönlichkeiten aus allen Bereichen des Lebens, Politik, Wissenschaft, Kultur, Sport, Showgeschäft, welche die Gelegenheit hatten Nelson Mandela persönlich zu treffen und ihn kennenzulernen, berichteten in vergleichbarer und übereinstimmender Weise von seinem Charisma, seiner Bescheidenheit, Integrität und Authentizität. Er stand und steht unverändert, beispielhaft für die universellen Werte, die uns Menschen auf diesem Planeten vereinen sollten. Sein Wirken und seine Erfolge sind ein Beleg dafür, dass es sich lohnt, einen langen, beschwerlichen und auch leidvollen Weg auf sich zu nehmen, um ein ersehntes Ziel zu erreichen.  

 

In den langen Jahren seiner Gefangenschaft war es das Gedicht ‚Invictus‘ von William Ernest Henley (1849-1903), das ihm, auch in den dunklen Zeiten, stets Hoffnung, Zuversicht und Kraft gab. Die beiden letzten Zeilen dieses Gedichts sind von großer Bedeutung und gehören für mich zu den Grundlagen meiner Psychotherapeutischen Botschaft an die Menschen, die den Glauben an sich selbst verloren haben.

 

„Aus finst’rer Nacht, die mich umringt,

durch Dunkelheit mein ’Geist ich quäl’.

Ich dank’, welch’ Gott es geben mag,

dass unbezwung’n ist meine Seele.

 

Trotz Pein, die mir das Leben war,

man sah kein Zucken, sah kein Toben.

Des Schicksals Schläg’ in großer Schar.

Mein Haupt voll Blut, doch stets erhob’n.

 

Jenseits dies Orts voll Zorn und Tränen,

ragt auf der Alp der Schattenwelt.

Stets finden mich der Welt Hyänen.

Die Furcht an meinem Ich zerschellt.

 

Egal, wie schmal das Tor, wie groß,

wieviel Bestrafung ich auch zähl’.

Ich bin der Meister meines Los’.

Ich bin der Käpt’n meiner Seel’.

 

Zu Beginn dieses Beitrages steht die Frage, ob wir Vorbilder brauchen. Vorbilder können uns Orientierung sein, da wo wir keine Orientierung haben. Sie können uns Halt, Hoffnung, Zuversicht, Sicherheit, Kraft, Energie, Mut und Vertrauen geben, den Glauben an uns selbst, sowie an eine gute, vielleicht bessere, segensreiche Zukunft und damit auch ein besseres Leben im Hier und Jetzt. Wir alle brauchen solche Vorbilder, die Sehnsucht danach ist uns von Geburt an mitgegeben, sie ist wohl ein Teil unserer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung. Insofern dürfen wir dankbar sein, wenn wir einen solchen Menschen unter uns finden. Leider sind sie offensichtlich immer seltener anzutreffen, um so wichtiger scheint es mir, sich an den wenigen, die wir kennen auszurichten. Nelson Mandela ist für mich ein solches Vorbild.

 


27.06.2019

 

Was gibt uns die Meditation und das Yoga?

In Folge der Erkenntnisse aus der Quantenphysik, können wir inzwischen von einem ‚elektromagnetischen Feld‘ sprechen, das die gesamte Schöpfung kennzeichnet und ausfüllt. Mit anderen Worten können wir von dem ‚Meer aller Möglichkeiten‘ sprechen. Dieses Meer besteht aus Schwingungen (Wellen aus Energie) bzw. aus Information.

 

Was sind die Zugänge, die wir neben dem Forschen und den wissenschaftlichen Bemühungen v.a. auch im Rahmen dieser Quantenphysik haben, um Aufschlüsse über dieses unbestimmte, elektromagnetische Feld zu bekommen? Wie können wir eine Erfahrung ermöglichen, welche von einem Gefühl der Berührung und des Gewahr-Werdens dieses energetischen Feldes gekennzeichnet ist? 

 

Das Überschreiten bzw. das Durchschreiten der uns gegebenen Grenzen unserer materiellen Wirklichkeit, lässt sich anhand unterschiedlicher Wege vollziehen. Hierzu zählen Zustände der Trance, wie sie über bestimmte Rhythmen oder auch über die Einnahme bestimmter Substanzen ermöglicht werden, bzw. auch in Folge einer Hypnose. Ebenso jedoch ist es uns möglich über das Praktizieren der Meditation und des Yoga in eine Tiefe des  Bewusstseins zu kommen, die den Kontakt mit diesem Meer aller Möglichkeiten bietet.

 

In den letzten 20 Jahren wurden unzählige wissenschaftlich anspruchsvolle und z.T. originelle Studien und Untersuchungen zur Wirksamkeit der Meditation und des Yoga auf unser geistiges, seelisches und körperliches Wohlbefinden durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studien finden sich weltweit in den unterschiedlichsten Ländern der Erde.

 

So können wir inzwischen sagen, dass die Meditation Auswirkungen hat auf nahezu alle Organe unseres Körpers. Gehirn, Herz-Kreislaufsystem, Lungen, Stoffwechsel-Prozesse, Hormon-Haushalt, glatte und quer gestreifte Muskulatur, Knochen, Sinnesorgane, Immunsystem, Psyche und die Zellen einschließlich unseres Chromosomen-Satzes sind betroffen. MRT-Aufnahmen (Magnetresonanztomographie) haben gezeigt, dass regelmäßiges Meditieren, ganze Bereiche in unserem Gehirn verändert und damit unseren gesamten Organismus beeinflusst (siehe MRT-Bild unten). Eine der bekanntesten Formen der Meditation nennen wir ‚Achtsamkeitsmeditation‘. Diese hat sich weitgehend von ihren ursprünglich religiösen Wurzeln gelöst. Hier geht es darum, die Achtsamkeit auf die Vorgänge in unserem Inneren zu lenken, auf unsere tiefen Gefühle bzw. körperliche Empfindungen.  

 

Christophe André, Arzt an dem Centre Hospitalier Sainte-Anne in Paris, sagt: „Wir hören in unsere ganze Person hinein. Lauschen, was in unserem Körper geschieht, wie wir atmen, wie unsere Gedanken fließen, wie Geräusche auf uns wirken….Im Grunde sind wir unser eigener stiller Beobachter.“ Christophe André ist für seine zahlreichen Publikationen bekannt. Er war der erste Arzt in Europa, der die Meditation klinisch genutzt hat. In seiner Klinik in Paris setzt er seit vielen Jahren erfolgreich Meditation bei Patienten mit chronischen Depressionen und Angststörungen ein. Dort wird die Meditation neben der Pharmakotherapie und Psychotherapie als eine weitere, unterstützende Maßnahme verstanden. 

 

Inzwischen vorliegende internationale Studien zeigen, dass Personen, die bereits zwei schwere depressive Episoden erlebt haben, durch 20 Minuten Meditieren am Tag, ihr Rückfall-Risiko um 50 % reduzieren können. Verantwortlich für unsere Gefühle ist ein bestimmter Teil des lymbischen Systems unseres Gehirns, das den Namen Amygdala trägt. Diese Amygdala ist auch das Zentrum für unsere Angstgefühle. So zeigt sich bei Angstpatienten dort eine besonders hohe Aktivität. Werden Patienten ohne Meditationstraining mit Patienten verglichen, die ein bestimmtes 8-wöchiges Meditationstraining hatten, kommt es bzgl. der Angstreaktion bei Patienten mit dem Training zu deutlich weniger Aktivität in diesen Arealen des Gehirns. 

 

Ein weiteres Ergebnis des meditativen Prozesses ist die positive Auswirkung auf die sog. Neuroplastizität unseres Gehirns. Diese bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, in aktiver Weise Umbauprozesse i.S. der Erneuerung durchzuführen. Es ist nicht davon auszugehen, dass im Gehirn während der Meditation nichts geschieht. Ganz im Gegenteil, kommt es zu aktiven Prozessen des Umbaus in vielen Arealen.

 

Zu Beginn der Forschungsarbeiten zur Meditation, wurde diese v.a. von Psychologen und Psychiatern durchgeführt, zwischenzeitlich sind es Neurowissenschaftler, Immunologen, Kardiologen und auch Endokrinologen. Vielerorts werden Einführungskurse zur Meditation angeboten, in den USA bereits in über 200 Kliniken. Ausgangspunkt für die Erforschung der Meditation auf den Menschen, war das Center of Mindfullness in Medicine, Health Care and Society der University of Messechussets. 

 

Der Gründer dieses Center of Mindfullness, John Kabat-Zinn, wurde in den 70er Jahren, bei seinen Bemühungen, die moderne Medizin mit der Meditation zu verbinden, als ‚bekiffter Hippie‘ bezeichnet. Er entwickelte ein 8-wöchiges Anwendungsprogramm i.S. eines Schulungskonzepts, das inzwischen überall auf der Welt nahezu standardisiert zur Anwendung kommt.

 

In einer Studie von 2013 konnte Barbara Fredrickson, von der Universität North Carolina, belegen, dass die Kultivierung positiver Gedanken mittels der Meditation, unterschiedlichste positive Auswirkungen mit sich bringt. So steigert sich das eigene positive Wohlempfinden, die zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern sich, das eigene Nervensystem erfährt eine positive Beeinflussung und es kommt zu einer Fokussierung der Momente von Freude und Glück im Alltag.  

 

Bezüglich der Effekte der Meditation, wurde von Prof. Clifford Saron, Neurowissenschaftler der Universität in Kalifornien, ein sehr anspruchsvolles Forschungsprojekt durchgeführt. Dieses hatte zum Ziel zu prüfen, ob es möglich ist durch Meditation die Vorgänge innerhalb der menschlichen Zellen, auf der Ebene des Chromosomensatzes zu beeinflussen bzw. zu verändern. Hierzu wurden 2 Gruppen von je 30 Personen für 2 Monate in einem Haus in den Rocky Mountains in Meditation unterwiesen. Es wurden im Anschluss 15 verschiedene computerbasierte Aufgaben verabreicht, die es ermöglichten verschieden Aspekte der Regulierung von Emotionen abzufragen. 

 

Gegenstand der Beobachtung waren die sog. ‚Telomere‘, denen in gewisser Weise die Funktion einer biologischen ‚Schutzkappe‘ an den Enden der Chromosomen zukommt. Diese Telomere werden mit zunehmendem Alter immer kürzer und können somit ihre Funktion nur noch teilweise erfüllen. Sind diese Telomere zu kurz, kann sich die Zelle nicht mehr teilen und es wird kein neues Gewebe gebildet.

 

Zu Beginn und am Ende des 3-monatigen Meditationstrainings wurde die sog. Telomerase bestimmt. Dies ist ein Enzym, das die Telomer-Verkürzung verlangsamt. Die Ergebnisse zeigten, dass nach einem drei monatigen Meditieren, bereits ein Drittel mehr Telomerase im Blut vorliegt. 

 

Mit dieser Untersuchung wurde somit erstmals nachgewiesen, dass Meditation einen grundlegenden Mechanismus unserer Biologie beeinflussen kann, den Alterungsprozess von Zellen.

 

In gleicher Weise wie die Wirksamkeit der Meditation inzwischen in unzähligen Studien belegt wurde, verhält es sich mit der Wirksamkeit des Yoga. Seit 2016 gehört Yoga laut UNESCO zur repräsentativen Liste des ‚Immateriellen Kulturerbes der Menschheit‘. In der indischen Kultur hat Yoga immer schon eine bedeutende Rolle in den Bereichen der Gesundheit, Medizin, Bildung und Kunst. Beruhend auf dem ganzheitlichen Verständnis des Menschen bestehend aus Körper, Seele und Geist, zielt das Yoga auf die physischen, mentalen und spirituellen Kräfte des Menschen. Die angewandten Techniken bestehen in Körperübungen, Meditationen, Kontrollen der Atmung und auch in spirituellen Übungen.

 

Die positiven Auswirkungen des Yoga können wir auf allen Ebenen uns Menschen betreffend finden. Auf der physischen Ebene nimmt Yoga Einfluss auf den Blutdruck, die Herz- u. Lungenfunktion, den Magen-Darm-Trakt, die Beweglichkeit der Glieder, Energie und Ausdauer, Augen-Hand-Koordination, Reaktionsschnelligkeit, das Immunsystem, den Schlaf, die Muskulatur und das Körperbewusstsein. Auf der biochemischen Ebene senkt es die Stresshormon-Ausschüttung, den Glucose-Spiegel, das Cholesterin, erhöht die Anzahl der Lymphozyten (Immun-Abwehr) und des Hämoglobins und hilft bei der Regulation der Schilddrüsenhormone. Die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn steigt und die Lungenfunktion verbessert sich. 

 

Auf der psychischen Ebene kommt es zu einem Ansteigen der Stimmung, zur Reduktion von Stress, Angst und Depression. Zugleich zeigt sich eine Stärkung des Selbstbewusstseins, ein höheres Ausmaß an innerer Ausgeglichenheit und innerer Ruhe. Ebenso steigt das Ausmaß an Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und des Erinnerungsvermögens. In Folge dieser Effekte erhöht sich die soziale Kompetenz und die positive Einstellung zum Leben insgesamt verbessert sich, womit es letztlich zu einer umfassenden Erhöhung der allgemeinen Lebensqualität kommt.

 

Bereits bei Anfängern hat Yoga in kurzer Zeit eine positive Auswirkung. Es zeigt sich, dass diese in der Folge von einführenden Yoga Einheiten, bereits weniger Stress empfinden, statt dessen mehr Ausgeglichenheit und innere Ruhe.

 

Diese gesamten positiven Effekte des Yoga dürfen uns überzeugen und sprechen für sich. Allein aufgrund dieser weitgehenden positiven Auswirkungen auf unsere physische und psychische Verfassung, ist es ratsam sich dem Praktizieren des Yoga zu öffnen. Von noch weiterreichenden Auswirkungen ist die mit dem Yoga verbundene spirituelle Bereicherung. Dieser Fokus, welcher sich auf die spirituelle Ebene bezieht, dürfen wir bei den Yoga Angeboten, die wir heute an vielen Stellen unserer modernen, westlichen Gesellschaft finden, leider häufig vermissen.

 

Mark Whitwell, Autor und einer der weltweit bekanntesten, erfahrenen Yoga Lehrer aus Neuseeland, sagt hierzu: „Yoga ist abgetrennt worden von seiner großen Tradition….Es wurde in die Fitness Industrie integriert…es geht darum vorgegebenen Idealbildern zu genügen, die sich auf den Covers von Magazinen befinden….Tatsächlich jedoch geht es darum seinen Körper zu lieben, so wie der Körper seine eigene Atmung liebt… Wenn das gelingt ist es eine Liebesbeziehung…Die Einatmung liebt die Ausatmung..…Eine Anstrengung um einer Zielvorstellung zu genügen, die sich in der Zukunft befindet, ist kein Yoga.“

 

„Der Versuch irgendwo hinzugelangen, als sei man nicht irgendwo, als sei man nicht irgendwer, als sei man nicht ein Wunder der Schöpfung, ist kein Yoga…Wir sind die Kraft des Universums…in vollkommener Harmonie mit allem….So gibt es ein richtiges Yoga für jeden Menschen, gleichgültig wer dieser Mensch sein mag…Auf diese Weise Yoga zu praktizieren, bedeutet, die Kraft des Universums als wahr zu spüren…das hat etwas göttliches….Die umfassende Harmonie mit Allem zu spüren, das ist Yoga.“

 

Wenn wir erkennen können, dass wir über Meditation und Yoga in der Lage sind grundlegende physiologische, biologische, chemische und physikalische Prozesse zu beeinflussen bzw. zu initiieren, dürfen wir feststellen, dass wir mittels unseres Geistes über Materie bestimmen können. Hier deutet sich die von Mark Whitwell angesprochene ‚Kraft des Universums’ an. Im Einklang dazu steht die Feststellung von Max Planck, Physiker und Nobelpreisträger: „….Da es aber im ganzen Weltall weder eine intelligente noch eine ewige Kraft gibt, so müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten, intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund aller Materie! Nicht die sichtbare, aber vergängliche Materie ist das Reale, Wahre, Wirkliche, sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist ist das Wahre!“

 

Sowohl die Mediation als auch das Yoga bieten uns eine unschätzbare Gelegenheit, neben all den Möglichkeiten auf körperlicher und seelischer Ebene, den spirituellen Zugang zu dem Bereich des elektromagnetischen Feldes bzw. des Meeres der unbegrenzten Möglichkeiten zu bekommen. Es liegt ausschließlich an uns selbst, ob wir uns diesem öffnen.

 


25.06.2019

 

Zur Bedeutung der Körpersprache

Die erste reale Fernsehdebatte zwischen zwei politischen Repräsentanten fand am 26. September 1960, anlässlich des Präsidentschaftswahlkampfes zwischen dem republikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon und seinem demokratischen Kontrahenten John F. Kennedy statt. Beide Politiker standen sich in einer einstündigen Debatte in einem CBS-Studio in Chicago gegenüber. Obwohl Nixon der klare Favorit war, lag er in der Gunst der ca. 70 Millionen Zuschauer deutlich hinter Kennedy. Nixon hatte einen längeren Krankenhausaufenthalt hinter sich, hatte 14 kg abgenommen und war von den vielen Wahlkampfauftritten offensichtlich geschwächt, wirkte teilweise blass und kränklich. Zudem war er schlecht rasiert und schwitzte sichtbar. Im Gegensatz dazu wirkte Kennedy sonnengebräunt, frisch, dynamisch und voller Energie. Im Unterschied zu Nixon, der sich immer wieder an Kennedy wandte, blickte Kennedy entschlossen in die Kamera und sprach die Zuschauer direkt an.

 

Kennedy hatte die Tage zuvor seinen Fernsehauftritt mit professionellen Filmschaffenden geübt und geplant. So wählte er einen Anzug in dunkelblau, der ihn deutlich von dem Studiohintergrund abhob, währenddessen Nixon eher einen gräulich gefärbten Anzug trug, der die ihn kennzeichnende Blässe noch unterstrich. (s. das Video hierzu unten)

 

Das interessante Ergebnis dieser Debatte war, dass die Mehrheit der Radiozuhörer, Richard Nixon als Sieger der Debatte nannten. Die Zuschauer hingegen, die diese Debatte über das Fernsehen verfolgten, waren zur überwiegenden Mehrheit der Ansicht, dass John F. Kennedy die Debatte gewonnen hatte. Das spätere offizielle Wahlergebnis bestätigte diese Einschätzung.

 

Was war passiert? Wie konnte ein Ergebnis zustande kommen, das sowohl der Vorhersage widersprach als auch dem Eindruck, den die Zuhörer über das Radio hatten? Die Erklärung liegt ausschließlich in der Wirkung der nonverbalen Kommunikation, somit der Körpersprache.

 

Unter Körpersprache können wir alle Botschaften verstehen, die mitgeteilt bzw. von einer Person als Sender gesendet werden, ohne dass dafür ein Wort gesprochen wird bzw. eine sprachliche Mitteilung erfolgt. So ist allein schon unsere Erscheinung, unser Aussehen, welche Kleidung wir tragen, welche Frisur uns kennzeichnet und alle sonstigen zusätzlichen Attribute (Dekoratives) und Accessoires (Schmuck) eine Aussage über uns selbst und das Selbstverständnis, das wir haben. Es sind Botschaften, die sich ohne ein gesprochenes Wort vermitteln.

 

Diese nonverbalen Botschaften lösen sehr vieles in uns aus, was verbunden ist mit Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Sehnsüchten, Bedürfnissen, Zweifeln, Befürchtungen, Ängsten, etc. Wir erhalten Informationen über Status, Gesundheit, Krankheit, Pathologisches, Fähigkeiten, Kompetenzen, Persönlichkeitsmerkmale, etc.

 

Bestimmte Fragen, die sich uns im Kontakt mit jemandem stellen, den wir gerade erst kennen lernen, würden wir niemals offen aussprechen oder gar beantwortet haben wollen, in dem wir ganz offen nachfragen. Jedoch versuchen wir sie dennoch zu beantworten, in dem wir das als Information einbeziehen, was sich uns über das non-verbale Verhalten bzw. die Körpersprache vermittelt. „Sind Sie einfühlsam, aufrichtig und verlässlich?“ ist keine Frage, die wir an jemanden so richten würden, doch suchen wir im körpersprachlichen Ausdruck nach Hinweisen, die uns diese Fragen beantworten könnten.

 

Wir kennen alle dieses Vorgehen aus vielen alltäglichen Situationen, ob es der Kauf eines teuren Haushaltsgerätes ist, bei dem wir uns fragen, wie vertrauenswürdig der Verkäufer ist, die Einschätzung eines Handwerksmeisters, den wir beauftragen möchten, der Arzt, den wir erstmals aufsuchen, den potentiellen Partner, dem wir erstmals in einem Date begegnen, etc. In all diesen Situationen sind wir es gewöhnt, uns aufgrund der non-verbalen, körpersprachlichen Botschaften ein Bild zu machen, das uns Hinweise bietet, ‚wohin die Reise geht‘.

 

Lebensgeschichtlich haben wir alle zunächst über die Körpersprache gelernt uns zu orientieren, da wir zunächst keine Möglichkeit hatten uns verbal mitzuteilen und ebenso wenig in der Lage waren, verbale Botschaften zu verstehen. Zunächst waren es die Mimik, Gestik und die gesamte Körpersprache, einschließlich dem Tonfall der Stimme, die uns Orientierung bieten konnten. Erst später in unserer Entwicklung kam die Sprache als weitere zusätzliche Informationsquelle hinzu. 

 

Aufgrund dieser frühen Erfahrungen sind wir auch später in der Lage, intuitiv zu erkennen, ob die Körperhaltung signalisiert, „Du kannst dich vertrauensvoll an mich wenden“ oder ob sie bekundet „mit mir zu reden, macht wenig Sinn, ich habe keine Zeit“. Ein freundliches Gesicht, mit einem authentischen Lächeln und einer zugewandten Körperhaltung, löst etwas ganz anderes aus als eine zurückgelehnte Körperhaltung in Verbindung mit einem kritischen und distanzierten Blick.

 

Das Besondere bei der Körpersprache ist, dass es hier häufig auch kleine Details sind, die den Ausschlag geben. Spricht jemand und begleitet seine Ausführungen mit geschlossenen, nach unten zum Boden gerichteten Handflächen, hat es eine vollkommen andere Wirkung, als wenn jemand das Gleiche sagt, jedoch mit nach oben gerichteten, offenen Handflächen. In dem einen Fall entsteht Misstrauen, in dem anderen Vertrauen. Sind wir uns dessen bewusst, können wir erkennen, dass die Informationen, die wir über den Körper und das Nichtsprachliche erhalten, wesentlich aufschlussreicher und zuverlässiger sind als es die sprachlichen Mitteilungen sind. 

 

Das Beispiel, des Patienten, der beteuert offen und aufgeschlossen zu sein, in dem er zugleich eine geschlossene Körperhaltung einnimmt, mit überschlagenen Beinen und überkreuzten Armen, habe ich in einem vorangegangenen Beitrag schon genannt. Hier steht die körpersprachliche Botschaft im Widerspruch zur verbalen Äußerung. In einem solchen Fall tun wir gut daran, uns nach der non-verbalen Botschaft auszurichten, statt nach der verbalen Mitteilung. Worte haben einen sehr hohen Stellenwert, weshalb wir sehr genau und sehr achtsam sein sollten, in dem was wir sprachlich mitteilen, so wie auch bezogen auf das, was uns sprachlich mitgeteilt wird.

 

Dennoch können Worte niemals den gleichen Stellenwert einnehmen, wie non-verbale, körpersprachliche Botschaften. Wie sollten wir den Stellenwert, die Bedeutung und das Erleben, das mit einer Umarmung verbunden sein kann, gleichwertig mit Worten ersetzen wollen. Das ist unmöglich, aus guten Gründen. An dieser Stelle können wir uns erinnern an die Untersuchungsergebnisse von Harry Harlow (1905-1981) einem US-amerikanischen Psychologen und Verhaltensforscher, der in seinen bahnbrechenden Experimenten zum Sozialverhalten junger Rhesus-Affen, die Bedeutung des Körperkontaktes nachweisen konnte. (s. das Video hierzu unten)

 

In seinen Untersuchungen zeigte Harlow junge Affen, die ohne ihre Mutter in einen Käfig gesetzt wurden. Sie hatten die Wahl zwischen zwei Attrappen: einer aus Draht nachgebildeten, Milch spendenden „Ersatzmutter“ oder einer der gleichen Größe, die mit Stoff bespannt war und ebenfalls als „Ersatzmutter“ diente. Diese jedoch spendete keine Milch. Es zeigte sich, dass sich die kleinen Affen bei der Milchspenderin nur zur Nahrungsaufnahme aufhielten, zum Kuscheln gingen sie ansonsten jedoch zur stoffbespannten Attrappe, ebenso wenn sie sich bedroht fühlten und Schutz suchten.

 

Fragen wir danach, was in uns ein Wohlempfinden und was, ein Unwohlsein auslöst, können wir uns orientieren an dem, was uns lebensgeschichtlich geprägt und begleitet hat. So haben unsere Lippen vom frühesten Zeitpunkt unserer lebensgeschichtlichen Entwicklung an, eine sehr große Bedeutung. Diese Bedeutung begleitet uns durch unser ganzes restliches Leben, von der Mutterbrust bis zu allen Arten der Berührung, die wir in unserem späteren Leben über unsere Lippen erfahren. Allein über das Signal, welches sich uns durch unsere Lippen vermittelt, empfinden wir ein Gefühl des Wohlseins oder Unwohlseins. So haben viele Bewegungen, die wir mit unseren Lippen vollziehen u.U. einen kompensatorischen Charakter für das uns allen vertraute ursprüngliche Lutschen des Daumens. In einem gewissen Alter ziemt sich das nicht mehr, also beginnen wir je nach Situation und Befindlichkeit, auf unsere Lippen zu beißen, wenn auch nur sanft.

 

Auf diese Weise können wir auch viele kleine Gesten einordnen in das, was wir als Übersprung-Handlung definieren. Handlungen, die einen inneren Stress offenbaren, der sich in solchen kleinen Gesten oder Ausdrucksweisen der Mimik vermittelt. Wer kenn es nicht in Situationen, die mit einer erhöhten Anforderung verbunden sind, sich als Ausdruck der inneren Anspannung und dem tief verborgenen Wunsch, sich am liebsten verstecken zu wollen, kurz mit der Hand an die Nasenspitze zu fassen. Ebenso das kurze Zuhalten der Augen durch die Hand, die sich auf die Augen legt. Das tun wir immer dann, wenn uns etwas belastet, wir am liebsten die Augen davor verschließen möchten, es nicht wahrhaben möchten, weil es uns auf irgend eine Art belastet. Insofern bekunden wir mit dieser Geste das Bedürfnis nach einer Schutzreaktion. Wir möchten uns schützen.

 

Bemerkenswert ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass selbst Kinder, die blind geboren wurden und  keine Gelegenheit hatten diese Geste über die Beobachtung, im Sinne der Imitation bzw. Nachahmung, zu lernen, sich ebenfalls ihre Augen bedecken wenn sie sich unwohl fühlen, etwas hören, das mit einem Stress und etwas Unangenehmen verbunden ist. Auch solche Kinder verdecken mit ihrer Hand ihre Augen, nicht ihre Ohren. 

 

Insofern sehen wir an diesem Beispiel, dass wir es offenbar bei solchen non-verbalen Verhaltensweisen mit menschheits-geschichtlich festgelegten Mustern zu tun haben, die in uns, aufgrund unserer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung, fest angelegt sind. Diese Muster sind somit Millionen Jahre alt in uns als Spezies Mensch vorhanden. In vergleichbarer Weise kennen wir es, dass wir die Nase rümpfen, in Falten legen, als Ausdruck von etwas, das wir nicht mögen. 

 

Selbstdarstellungen auf Fotos bzw. Videos mit weit aufgerissenem Mund und Zeigen der Zähne, was als Ausdruck der Begeisterung verstanden werden soll, ist körpersprachlich als Ausdruck eines latent aggressiven Dominanz-Anspruchs zu interpretieren. Hier zeigt sich der Ausdruck eines unbewussten, archaisch in uns angelegten Musters, welches mit Macht, Kampfbereitschaft (Zubeißen), Drohgebärde und Aggressivität verbunden ist. Da die Körpersprache auch Botschaft unserer unbewussten Triebregungen ist, entzieht sich die tatsächlich zugrundeliegende Motivation einer solchen Mimik dem Bewusstsein.

 

Führen wir ein Gespräch und die Lippen des Zuhörers gehen, gegeneinander gepresst zur Seite oder verschließen sich zusammengepresst vollständig, können wir erkennen, dass keine Zustimmung vorliegt, statt dessen eine Ablehnung oder eine andere Sicht, ein anderes Verständnis von dem Besprochenen. Ebenso hat unser Hals eine große Bedeutung. Wir kennen es aus dem Tierreich, wo die tödlichen Angriffe sich häufig auf den Hals richten, durch das Beißen in den Hals. So können wir durch bestimmte Berührungen unseres Halses mit unseren Händen, in bestimmten Situationen der Verunsicherung und der Angst, signalisieren, dass wir uns schützen möchten, sozusagen unseren Hals vor einem Zubiss schützen wollen.

 

Auch unsere Hände spielen eine große Rolle in unsrem non-verbalen Verhalten und sind insofern eine große Quelle der verschlüsselten Botschaften. Wie oft schon hat es jeder erlebt, in Situationen der Unsicherheit, der Angst, des Unwohlseins, auch des schlechten Gewissens und der uns überkommenden Schuldgefühle, unsere Hände, genauer gesagt unsere Hand-Innenflächen aneinander zu reiben. Wir kennen alle das dazu passenden Sprichwort: „Ich wasche meine Hände in Unschuld.“ 

 

Eine wichtige Funktion unserer non-verbalen Kommunikation besteht darin Einfluss auszuüben. Diesen Einfluss üben wir überwiegend über das aus, was sich als die sichtbare Fassade von uns darstellt, die äußere Erscheinung. Zeichnet sich diese äußere Erscheinung durch Stimmigkeit, Souveränität, Glaubwürdigkeit und Authentizität aus, löst es bei unseren Mitmenschen angenehme Empfindungen aus. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass wir bereits im Alter von 6 Monaten schöne, harmonische, in sich stimmige Formen bevorzugen. Lächelnde, geneigte Gesichter, als Ausdruck von liebevoller Zuwendung, werden bevorzugt. Die Bevorzugung zur Seite geneigter, lächelnder Gesichter, bleibt auch im höheren Alter unverändert. Wir fühlen uns von non-verbal gezeigter Zuwendung angezogen und von gezeigter non-verbaler Zurückweisung abgestoßen. 

 

All dieses bisher Gesagte macht deutlich, wie sehr wir abhängig sind von den Signalen bzw. Botschaften, die wir über die Körpersprache, non-verbal erhalten. Sie können uns die entscheidenden Informationen liefern, um das Gesprochene, verbal Mitgeteilte, in seinem Wahrheitsgehalt zu bewerten. Je nach der Beschaffenheit dieser körpersprachlichen Botschaften, fühlen wir uns wohl oder schlecht, sind wir bereit uns auf eine Beziehung einzulassen oder nicht. 

 

Befinden wir uns im Gleichklang mit jemandem, fühlen wir uns sicher, aufgehoben und in einer positiven Schwingung, können wir erkennen, dass sich unsere körpersprachlichen Gesten annähern oder gar gleichen. Wir nehmen unmerklich die gleiche Körperhaltung ein, verwenden die gleichen Gesten und zeigen eine ähnliche Mimik. Es kommt zu einer erkennbaren positiven Resonanz im non-verbalen Verhalten. Auf diese Art entsteht eine Harmonie, die wir als in hohem Maße angenehm erleben. 

 

Dieses Phänomen der Resonanz beruht auf einem Gleichklang, der zur gegenseitigen Nachahmung führt. In unserem Gehirn befinden sich sog. Spiegelhormone, die es uns ermöglichen auf der Ebene des Gehirns, exakt die körpersprachlichen bzw. non-verbalen Signale, die wir wahrnehmen, nachzuahmen. D.h. dass wir in den entsprechenden Arealen unseres Gehirns, die gleichen Neuronen aktivieren, die zuständig sind, für die beobachteten Signale. 

 

Aufgrund dessen ist es sinnvoll und wichtig, im eigenen non-verbalen Verhalten, das zu zeigen, was wir uns auf der Seite unserer Mitmenschen wünschen. Je mehr wir Freundlichkeit und Zuwendung in unserer Körpersprache vermitteln, umso wahrscheinlicher wird sie zu uns in dem non-verbalen Verhalten der Anderen zurückkommen. Hierbei sollte es stets unser Anliegen sein, in authentischer Weise, unsere sprachlichen Mitteilungen und unsere non-verbalen, körpersprachlichen Botschaften, in einen Einklang zu bringen. Voraussetzung hierfür ist Aufrichtigkeit dem Selbst und dem Anderen gegenüber. Auch bzgl. der Körpersprache gilt, was wir weggeben kommt in gleicher Weise auf uns zurück. 

 

Wir dürfen uns bewusst sein - unser Körper kann nicht lügen!