Persönliches...

An dieser Stelle finden Sie persönliche Gedanken, Überlegungen und Anregungen mit unterschiedlichstem Inhalt, jedoch stets mit einem Bezug zu unserem Alltag.

 

Es handelt sich um eine Auswahl von Beiträgen. Die Gesamtheit der  bisher von mir verfassten Artikel finden Sie in den beiden Büchern mit dem Titel "Psychologie für den Alltag" (siehe unten).

 

PS: Es versteht sich von selbst, dass es sich bei allen aufgeführten Beiträgen ausschließlich um subjektive Gedanken, Überlegungen und Überzeugungen handelt.


Band 1 (52 Kapitel - 276 Seiten) - Erschienen Juli 2019


Band 2 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erschienen Oktober 2019


Band 3 (52 Kapitel - 310 Seiten) - Erschienen Dezember 2019


Band 2 (52 Kapitel - 318 Seiten)


Auswahl einiger Beiträge aus Band 1 und Band 2:

durch Anklicken kommen Sie direkt auf den Beitrag! -

(weitere Beiträge auf Blog Seite 1 (Klick hier) bzw.

Blog Seite 3 (Klick hier). 

 

(1) 28.09.2019

Die Brücke - der kürzeste Weg zum Anderen 

 

(2) 18.09.2019

Gedanken über die Bedeutung des Zuhörens

 

(3) 11.09.2019

Warum es sich mit Visionen besser leben lässt

  

(4) 01.09.2019

Dankbarkeit

       

(5) 22.07.2019

It takes two to tango

    

(6) 06.07.2019

Drei Säulen, die unser Leben bestimmen

 

(7) 04.07.2019

Der Mensch ist eine Ganzheit aus Körper, Seele und Geist. Was bedeutet das für die Transplantation eines Herzens?

 

(8) 30.06.2019

Brauchen wir Vorbilder?

   

(9) 27.06.2019

Was gibt uns die Meditation und das Yoga?

 

(10) 25.06.2019

Zur Bedeutung der Körpersprache



28.09.2019

 

1. Die Brücke - der kürzeste Weg zum Anderen

Der Sinn und Zweck von Brücken ist es eine Verbindung zwischen zwei getrennten Teilen herzustellen, worin auch immer diese beiden getrennten Teile bestehen mögen. Brücken sind insofern das konkrete, realisierte Symbol der Verbindung. Eine der ältesten archäologisch gesicherten Brücken stellt die prähistorische Holzbrücke Rapperswil-Hurden, die um das Jahr 1525 v. Chr. verschiede Siedlungen miteinander verband und über mehrere Jahrhunderte genutzt wurde. Beschaffen war sie überwiegend aus Holz, jedoch auch aus Stein. Brücken begleiten die Entwicklung der Menschheitsgeschichte von Beginn an.

 

Wenn eine Brücke notwendig ist, bedeutet es folgerichtig, dass vor der angestrebten Verbindung, eine Trennung vorliegt. Anhand der zu bauenden Brücke geht es darum diesen zunächst gegebenen Zustand der Trennung zu überwinden. Wobei die Trennung sich in sehr vielen Formen darstellen kann, ebenso wie die Verbindung. So können zwei Menschen, die sich zunächst persönlich nicht kennen, jedoch aus verschiedenen oder auch bestimmten Gründen voneinander wissen, sich dazu entschließen eine Verbindung aufzunehmen. Auch diese dann gewählte Form der Verbindung, über ein Schreiben, einen Anruf, eine Mail oder eine auf anderen Wegen vermittelte Botschaft, können wir im erweiterten Sinn als den Aufbau einer Brücke verstehen. Wir alle kennen die Ansage, am Telefon bzw. Handy, „bitte halten Sie die Verbindung“.

 

Ohne dass wir uns dessen bewusst sein mögen, ist die Verbindung über eine ‚Brücke‘ die erste Lebenserfahrung, die wir als Menschen auf dieser Erde machen. Wir alle haben den Zustand der Verbindung mit der Mutter - über die ‚Brücke‘ der Nabelschnur – erstreckt über einen in der Regel Neun-Monatigen Zeitraum erlebt. Diese Verbindung hat uns die existentielle Grundlage gesichert, um den Geburtsakt zu erleben, in dessen Folge die bis dahin besehende anatomische, physiologische und biologische Brücke in Form der Nabelschnur durchtrennt wird. Wir sollten davon ausgehen, dass diese lange Zeit der körperlichen Verbindung auch psychisch in uns Spuren gelegt hat und uns insofern auch – im Sinne einer Matrix – sensibilisiert hat für alle zukünftigen Verbindungen in unserem Leben. Somit sollten wir immer auch eine intuitive Reaktion spüren, wenn es um die Frage der Verbindung und der Brückenbildung geht. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, wir können davon ausgehen, dass wir davon geleitet werden.

 

Möglicherweise trägt diese uns allen innenwohnende lebensgeschichtliche Erfahrung dazu bei, dass wir mit dem Wort Brücke viele Symbole, Bilder und Metaphern verbinden. Sie faszinieren uns, ziehen unsere Aufmerksamkeit in einer Weise auf sich, die sich nur schwerlich allein mit dem Bauwerk bzw. dem Erscheinungsbild als solches, welches sie haben mag, erklären lässt. Nicht zufällig können wir die Beschäftigung mit der Brücke als Symbol der Verbindung auch in vielen Darstellungen der Kultur und der Kunst, ob in Bild, Schrift oder auch Ton wiederfinden. Die Brücke in ihrem Symbolgehalt scheint uns immer schon zu beschäftigen, sie ist in uns stets gegenwärtig. In Anbetracht unserer existentiellen Erfahrung mit ihr (Nabelschnur) sollte uns das nicht verwundern.

 

Eine wunderschöne Form der Anerkennung ihrer Bedeutung hat sie so z. B. in einem Song Text von Simon & Garfunkel bekommen:

 

 

(frei von mir übersetzt nach dem Original Text – Bridge Over Troubled Water)

 

 

„Wenn Du erschöpft bist, und dich ganz klein fühlst
Wenn Tränen in deinen Augen stehen 

Werde ich sie alle trocknen
Ich bin auf deiner Seite 

Wenn die Zeiten rau sind
Und Freunde nicht auffindbar sind
Werde ich mich wie eine Brücke über aufgewühltem Wasser
Hinlegen
Wie eine Brücke über aufgewühltem Wasser
Werde ich mich hinlegen

Wenn du niedergeschlagen und kaputt bist
Wenn Du auf der Straße stehst
Wenn der Abend so dunkel ist
Werde ich dich trösten
Ich werde dich unterstützen
Wenn die Dunkelheit kommt
Und der Schmerz überall ist
Werde ich mich wie eine Brücke über aufgewühltem Wasser
Hinlegen
Wie eine Brücke über aufgewühltem Wasser
Werde ich mich hinlegen


Segle weiter Silbermädchen
Segle vorbei
Jetzt ist deine große Zeit gekommen
All deine Träume werden wahr
Sieh wie sie leuchten
Wenn du einen Freund brauchst
Ich bin gleich hinter dir
Wie eine Brücke über aufgewühltes Wasser
Deine Seele beruhigen
Wie eine Brücke über aufgewühltes Wasser
Werde ich deine Seele beruhigen

 

 

Anhand dieses Textes in Verbindung mit der sehr schönen Musik können wir den symbolischen Stellenwert der Brücke erkennen. Auch im Rahmen meiner alltäglichen Arbeit mit Menschen, die meine psychotherapeutische Praxis besuchen, ist es immer wieder notwendig die Bedeutung der Brücke zwischen zwei oder auch mehreren Menschen zu thematisieren. Im Kontext des psychotherapeutischen Prozesses stellt sich diese Frage zunächst auch zwischen dem Patienten und dem Therapeuten. Denn auch hier ist es unerlässlich eine Brücke herzustellen, um eine Verbindung zwischen beiden möglich zu machen. Allein diese kann die Möglichkeit bieten, das Gefühl eines gemeinsamen Interesses und einer gemeinsamen Bereitschaft erzeugen, sich mit den anstehenden schwierigen Fragen zu beschäftigen. 

 

Ohne eine solche Brücke, kann es keine Einfühlung, kein Mitgefühl bzw. Empathie geben. Sie ist die Voraussetzung dafür. Tatsächlich kann es u. U. hilfreich sein, diese Brücke im Bewusstsein konkret, nahezu im Sinne einer Visualisierung und somit einem Bild miteinzubeziehen, denn es kann das Nachvollziehen dessen, was im anderen (hier im Fall des Patienten) vor sich geht möglich machen. Umso bedeutsamer ist dies, je fremder die berichteten und geschilderten Erlebnisinhalte dem eigenen Erleben sind. Dort, wo es aufgrund eines gegebenen Gleichklanges ohnehin zu einer sog. Resonanz (Mitschwingen) kommt, ist das bewusste Arbeiten mit dem Bild einer Brücke nicht notwendig. 

 

Im Rahmen der Arbeit mit hilfebedürftigen Menschen gilt es einen Grundsatz zu berücksichtigen, welcher lautet: „Man soll den Menschen dort abholen, wo er steht.“ Dies bedeutet, auf den Anderen zugehen, sich dort hinbewegen, wo er sich befindet, um ihn dort abzuholen. Es ist zeitweise auch für einen erfahrenen Helfer, erschreckend feststellen zu müssen, wie wenig ausgebildet diese Bereitschaft in Menschen vorhanden ist, den Weg über die Brücke zur anderen Seite auf sich zu nehmen. Eklatant sichtbar wird dies in Therapiesituationen, in denen es um die Schwierigkeiten und Konflikte einer Beziehung, Partnerschaft bzw. einer Ehe geht. Beide sind anwesend, haben den bekundeten Wunsch wieder zueinander zu finden und zugleich kreist jeder weitgehend ausschließlich um die eigenen Empfindungen, Gefühle und Überzeugungen. 

 

Das Vorgehen, nach welchem agiert wird, ist häufig von der Erwartungshaltung geprägt: „Wenn du dich veränderst und auf mich zugehst, dann kann ich mir vorstellen, es auch zu tun.“ Dies bedeutet nichts anderes, als dass zunächst der jeweils Andere ‚liefern‘ sollte. Nichts gemeinsam hat diese Haltung mit dem Hinweis, den wir aus dem christlichen Glauben kennen, wonach wir ernten, was wir säen. Ebenso vermittelt uns die Lehre des Karmas, dass das, was wir denken, sagen und tun, eine Auswirkung auf unser Leben und auch das Leben der Anderen hat. Nach Buddha gibt es eine Saat und eine Ernte, guter und böser Worte.

 

Die Bewusstheit, dass wir insofern selbst für unser eigenes Denken, Fühlen und Handeln verantwortlich sind und nicht der Mitmensch, mit dem wir uns in einer Beziehung, Partnerschaft oder Ehe befinden, sowie die Einsicht, dass wir selbst zunächst das geben sollten, was wir zurückbekommen möchten, ist eine notwendige Voraussetzung um eine heilbringende und wohltuende Verbindung herzustellen. In diesem Verständnis sollte die Bereitschaft sich entfalten können, die Brücke zum anderen zu überqueren, um eine Zeit lang bei ihm auf der anderen Seite zu verweilen. Lässt es sich dann fühlen und erkennen, was in ihm vor sich geht und ihn bestimmt, kann sich ein vollkommen verändertes Verständnis und Gefühl einstellen. Auf dieser Grundlage können wir den Weg auf der Brücke zurück zu uns selbst gehen und mit diesen neu gewonnenen Einsichten neu bewerten und entscheiden, wozu wir bereits sind.

 

Ohne Zweifel ist die Brücke, die wir zum anderen überschreiten können, der kürzeste Weg ihm näher zu kommen. 

 


18.09.2019

 

2. Gedanken über die Bedeutung des Zuhörens

„Wenn du redest wiederholst du nur, was du schon weißt. Aber wenn du zuhörst, lernst du vielleicht etwas Neues.“ (Dalai-Lama)

 

Diese Empfehlung von Dalai-Lama ist möglicherweise die Erklärung dafür, weshalb die meisten brillanten Köpfe, die Großes geleistet haben, häufig auch gute Zuhörer waren. Wer schon alles zu wissen glaubt, kann nicht viel dazu lernen. Was kann man in eine Tasse Tee, die voll ist, noch hineingießen? Es ist kein Platz mehr da, um noch etwas aufzunehmen.

 

Vermutlich ist vielen das Erlebnis vertraut, sich mit einem Menschen in einem Austausch zu befinden und im Verlauf des Gesprächs das Gefühl zu bekommen, dass der Gesprächspartner nicht wirklich bereit ist oder in der Lage ist, zu zuhören. Alles Gesagte wird nicht wirklich aufmerksam angenommen und verstanden, sondern mit gelangweiltem, vielleicht trotzigem Schweigen beantwortet oder in einer recht deutlichen Weise sehr schnell zurückgewiesen, richtiggestellt bzw. zum Anlass genommen in langen Ausführungen die eigenen Gedanken, Überzeugungen oder Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen. Im Verlauf der eignen Ausführungen, kann sich diese Reaktion schon durch die Körperhaltung und die Mimik des Gegenübers angedeutet haben, insofern diese abwesend, gelangweilt, desinteressiert, irritiert, ablehnend oder auch genervt wirkten. 

 

Schauen wir uns die Botschaften unserer modernen westlichen Welt an, die wir über alle Informtationskanäle vermittelt bekommen, können wir unschwer feststellen, dass der Selbstdarstellung an vielen Stellen und zu vielen Zeiten unseres Lebens eine herausragende Bedeutung zukommt. Mit dieser Selbstdarstellung verbunden ist die Notwendigkeit gegeben, sich zu erklären und mitzuteilen. In kaum zu übertreffender Weise dargestellt finden wir dies in den sozialen Netzwerken, wie Facebook, Instagram oder Twitter. Sich selbst darstellen, ist zum Selbstzweck geworden. Ob dies erfolgreich gelingt und verwirklicht ist, lässt sich in den jeweiligen Aufrufzahlen, Klicks und der Anzahl der sog. ‚Follower‘ dokumentieren und überprüfen.

 

Folgerichtig gibt es inzwischen im weltweiten Netz täglich neue, unzählige selbsternannte Coachs, Trainer und Ratgeber, die Kurse, Workshops und Ausbildungen anbieten, um zu vermitteln, wie man sich noch überzeugender präsentieren kann. Was zu berücksichtigen und was zu tun ist, um noch mehr zu begeistern und mitzureisen, um damit Menschen für sich und die eigenen Angebote und Anliegen zu gewinnen. Sich selbst und seine eigenen Anliegen zu promoten und auch zu verkaufen, ist die Botschaft, die es gilt optimal zu vermitteln. Wo finden wir im Gegenzug ein Angebot, i. S. eines Workshops oder eines Seminars, welches zum Inhalt das Lernen und Einüben eines besseren Zuhörens hätte?  

 

Im Rahmen meiner psychotherapeutischen Praxis lässt sich sehr gut erkennen, wie sehr der Erfolg des therapeutischen Prozesses von einem aufmerksamen gegenseitigen Zuhören abhängig ist. Sowohl der Psychotherapeut ist aufgerufen seinem Patienten sehr aufmerksam zu zuhören, als auch der Patient sinnvoller Weise die Interventionen seines Psychotherapeuten hören sollte. Dieses gegenseitige Zuhören ist – wie im Alltag – die Voraussetzung für eine hilfreiche, wünschenswerte und sinnvolle Zusammenarbeit. In besonderer Weise auffällig sind die negativen Auswirkungen eines nicht vorhandenen Zuhörens im Rahmen der Sitzungen von Paartherapien oder auch Familientherapien. In diesen Prozessen wird sehr deutlich, wie wenig die Beteiligten häufig in der Lage sind bzw. bereit sind, dem anderen (Ehefrau, Ehemann, Mutter, Vater, Tochter, Sohn) aufmerksam und interessiert zu zuhören. Das Bemühen wirklich verstehen zu wollen, was im anderen vor sich geht und warum, ist nicht erkennbar. Jeder ist stattdessen bestrebt, sich zu erklären, mitzuteilen und kund zu tun, was er denkt, wovon er überzeugt ist, wie es seiner Ansicht nach wirklich ist. Kaum vorhanden ist die Bereitschaft sowie die damit verbundene Einsicht zu zuhören, um besser verstehen zu können, was im anderen vor sich geht.

 

Auch im Alltag findet wirkliches Zuhören nur selten statt.  Als sei es mit einem schlechten Image verbunden, ist aktives und aufmerksames Zuhören nahezu ausgegrenzt. Sätze wie "Du hörst mir ja gar nicht zu", oder "Bei dir rede ich gegen eine Wand" belegen, dass Enttäuschung entsteht, wenn wir uns nicht gehört und unverstanden fühlen. Carl R. Rogers (1902-1987), US-amerikanischer Psychologe und Psychotherapeut sowie Entwickler der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie, hat ein vierstufen Modell des Hörens und Verstehens entworfen. Zunächst erfolgen das Wahrnehmen und Erkennen, dann das Zuordnen, gefolgt von dem Abwägen und Beurteilen und letztlich das Antworten. Sehr ähnlich ist das vierstufige WIBR-Modell von Lyman K. Steil (geb. 1938), US-amerikanischer Kommunikationsforscher, Verfasser des Buches ‚Effective Listening‘. Auch er veranschaulicht den Prozess des Zuhörens durch vier Phasen: Dem Wahrnehmen (W), welches das Hören der Worte, das Verstehen der Körpersprache und des Gesichtsausdrucks einschließt; die Interpretation (I) erfolgend auf der Grundlage der eigenen Überzeugungen und Erfahrungen; die Bewertung (B), im Sinne einer Annahme oder Ablehnung entlang der eigenen sowie der gesellschaftlichen Wertvorstellungen; die Reaktion (R), welche nach subjektiven Ermessen als angemessen gilt. Wie selten jedoch finden wir solche Phasen des Zuhörens in unserem alltäglichen Zusammenleben verwirklicht?

 

Im Rahmen der analytischen Psychotherapie, die mit einer sehr hohen Behandlungsfrequenz einhergeht (3-4 Sitzungen pro Woche), kann das aufmerksame Zuhören über das bewusste Hören der gesprochenen Worte weit hinausgehen. Es umfasst auch das Hören des Nicht-Ausgesprochenen, welches sich zwischen den Worten vermitteln mag oder auch nur atmosphärisch sich intuitiv erfassen lässt. Voraussetzung hierfür ist eine tiefergehende Verbindung mit dem Erleben des Patienten. Es sind die seltenen Momente, in denen das Unbewusste des Therapeuten in Kontakt tritt mit dem Unbewussten des Patienten. Aufgrund der Besonderheit dieser Situation und dem damit verbundenen sehr außergewöhnlichen Zuhörens, können wir hier von einem ‚Hören mit dem Dritten Ohr‘ sprechen. Auch diese Art des Zuhörens lässt sich üben, so dass sie in unserem Alltag Platz finden könnte.

 

Von großer Bedeutung für eine wünschenswerte gute alltägliche Kommunikation sind die Grundsätze, die Carl Rogers für die Vorgehensweise im Rahmen der sog. non-direktiven Gesprächsführung entwickelt hat. Hierbei geht es um das Vorliegen einer empathischen und offenen Grundhaltung, um ein authentisches und konkruentes (stimmiges) Auftreten und letztlich um eine Akzeptanz und positive Bewertung des Anderen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, ist eine sehr gute Grundlage für eine Verständigung gegeben. Wir können somit erkennen, dass das Zuhören keineswegs ein passiver Akt ist, sondern ein ebenso aktiver Prozess ist wie das Sprechen. Echtes Zuhören heißt nicht nur die akustische Aufnahme, sondern bedeutet auch das inhaltliche Begreifen des Gesagten. 

 

Johannes Fabrick (geb. 1958), ein österreichischer Filmregisseur und Drehbuchautor, meint zur Frage, warum wir so ungern zuhören: "Weil in unserem egozentrischen Leben Reden das vorrangige Mittel zur Selbstbestätigung geworden ist...Reden gibt uns das Gefühl, etwas zu bewirken, andere zu beeinflussen. Würden wir wirklich zuhören, verschwände unser Ego und übrig bliebe nur schöpferische Intelligenz. Davor fürchten wir uns." Ohne Zweifel beeinflusst die Schnelllebigkeit unserer Epoche auch unser alltägliches Kommunikationsverhalten. Das Ansehen gebührt dem Sprecher, der dadurch Initiative zeigt. Sehen wir die Diskussionsrunden im Fernsehen oder im Internet, können wir erkennen, dass es offenbar darum geht, unausgesprochen einen Kampf um die Redezeit zu führen. Das Reden und die Redezeit, sind an dieser Stelle auch ein Ausdruck von Macht und Stärke. Das Hören ist hingegen offenbar Symbol für Schwäche. Bezeichnenderweise und sicher nicht zufällig sind die Worte ‚Hören‘ und ‚Horchen‘ mit dem Begriff ‚Gehorchen‘ verwandt, was Ausdruck einer untergebenen Position ist. 

 

Somit ist es sinnvoll und notwendig die große Bedeutung eines aktiven, aufmerksamen und interessierten Zuhörens zu erkennen und zu vermitteln. Es ist wünschenswert den Stellenwert des Zuhörens einer angemessenen Aufwertung zu zuführen. Untersuchungen belegen, dass gute Zuhörer in Verhandlungen zu besseren Ergebnissen kommen als geschickte Rhetoriker. Ganz offensichtlich liegt es daran, dass sie aufgrund ihres besseren Zuhörens, besser einschätzen können, worauf es dem Verhandlungspartner ankommt, so dass sie ihr Vorgehen in der Verhandlung viel effektiver auch danach ausrichten können. 

 

Ebenso sind gute Zuhörer stets auch gute Fragensteller. Sie erkundigen sich, wenn sie etwas nicht verstanden haben und wiederholen es mit eigenen Worten. Wobei es nicht darum geht, Gesagtes nur dem Wort nach zu wiederholen, sondern das Bemühen zum Ausdruck zu bringen, den Anderen wirklich verstehen zu wollen, die Beweggründe, die in ihm vorliegen, kennenzulernen. Zuhören in einem solchen Sinn, ist ein deutlich erkennbarer Beleg für das Vorliegen einer emotionalen Intelligenz. Der ideale Zuhörer ist aufmerksam, hinterfragt und achtet auf Tonlage, Wortwahl und Körpersprache. Er nimmt die Informationen tatsächlich auf und kann sich noch lange an Gespräche erinnern, sowie auch das dadurch erworbene Wissen nutzen.

 

Anders verhält es sich mit Menschen, die nicht hinhören, sich nicht wirklich auf das Mitgeteilte einlassen können. Diese Menschen wirken eher abweisend, unhöflich und mit sich selbst beschäftigt. Ebenso schwierig verhält es sich mit Menschen, die nur oberflächlich zuhören und erkennen lassen, dass sie nur selektiv bereit sind zu zuhören, kaum Fragen stellen und vielmehr so tun ‚als ob‘ sie dem Gespräch folgen würden. Letztlich sind Gespräche wenig befriedigend mit Menschen, die solche Interaktionen, v. a. zum Schlagabtausch nutzen wollen. Stets geht es ihnen um das Argumentieren bzw. Rechthaben, nicht um das Zuhören. Sie bewerten fortlaufend und machen das Gespräch sehr schwierig. Rhetorisch sind diese Menschen sehr begabt, doch echtes Verstehen und Verständnis fehlt ihnen häufig weitgehend.

 

Die offenkundigen Schwierigkeiten, welche sich mit der fehlenden oder eingeschränkten Bereitschaft zum Zuhören verbinden, sind umso fragwürdiger, als ca. 85 Prozent dessen, was wir wissen, durch Zuhören erworben wurde.  Insofern ist ein aktives, interessiertes und aufmerksames Zuhören nicht nur für die Beziehung zu unseren Mitmenschen von großer Bedeutung, sondern auch für uns selbst, da es unserer eigenen Entwicklung zugutekommt. 

 

Um ein guter Zuhörer zu sein, können wir bestimmte hilfreiche Strategien nutzen, da sie uns das Zuhören erleichtern. So ist es sinnvoll sich auf das Gegenüber einzulassen, sich zu konzentrieren und dies durch die eigene Körperhaltung zu zeigen. Mit der eigenen Meinung sollten wir zurückhaltend umgehen. Bei Unklarheiten sollten wir nachfragen, auch aufkommende Pausen zulassen und aushalten können. Im Verlauf des Gesprächs ist es sinnvoll, stets auf die eigenen gefühlsmäßigen Reaktionen zu achten, da sie ein Hinweis geben können, wie das Gesagte zu werten ist. Dies bedeutet, dass gleichfalls sehr wichtig ist, in sich selbst hineinzuhören, um spüren und erfassen zu können, was in einem selbst als Gefühl, Regung, Phantasie, Gedanke oder Bedürfnis und Wunsch vorhanden ist. Das alles kann das Gespräch und dessen Verlauf wesentlich mitbestimmen. Umso wichtiger ist es sich all dessen bewusst zu sein. Auch sollten die Gefühle des Sprechenden erkannt und berücksichtigt werden. Der Austausch wird erleichtert, wenn wir durch unser nonverbales Verhalten erkennen lassen, dass wir dem Gespräch folgen und den Anderen nicht unterbrechen, sondern ihn ausreden lassen. Wichtig ist auch der Blickkontakt, der die Verbindung zum Sprechenden bekundet. Alles das, können wir als Ausdruck und Beleg einer erwünschten und tatsächlich gelebten Haltung der Achtsamkeit verstehen.

 

Der am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligte deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) sagte: „Wer aber seinem Bruder, seiner Schwester nicht mehr zuhören kann, der wird auch bald Gott nicht mehr zuhören, sondern er wird auch vor Gott immer nur reden.“

 

Um uns einer solchen Gefahr nicht auszusetzen, sollte jeder für sich selbst bemüht sein, eine ‚Kultur des guten Zuhörens‘ zu pflegen, damit sie als Gegenbewegung zur dominierenden ‚Kultur der Selbstdarstellung‘, wachsen, gedeihen und erblühen kann.

 


11.09.2019

 

3. Warum es sich mit Visionen besser leben lässt 

 

Am 11. Juni 1963 kündigte US-Präsident John F. Kennedy (1917-1963) in einer Fernsehansprache ein neues Bürgerrechtsgesetz an. Dieses sollte die bis dahin an vielen Orten noch geltende Rassentrennung abschaffen. In der Folge wurde der Leiter der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) von weißen Rassisten ermordet. Als Unterstützung für den von Kennedy geplanten Civil Rights Act trafen sechs der führenden Bürgerrechtsorganisationen die Vereinbarung, einen Protest Marsch auf Washington zu veranstalten. Es wurde die bis dahin größte Massendemonstration in den USA und war der historische Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung. Unter den 250.000 Menschen aus allen Teilen der USA, die teilnahmen, waren etwa ein Drittel Weiße. Es ging um die vollständige Gleichberechtigung der Afroamerikaner in allen Gesellschaftsbereichen. Martin Luther King (1929-2968) als Vorsitzender der Southern Christian Leadership Conference (SCLC), war als letzter einer langen Reihe von Rednern vorgesehen.  Vorgestellt wurde er von dem Mitveranstalter Asa Philip Randolph als der „moralische Anführer der Nation“. 

 

Heute wird die damals von Martin Luther King gehaltene Rede zu den Meisterwerken der Rhetorik gezählt (hier ein Auszug - s. Video untern):

 

„...Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.

 

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. 

 

Ich habe einen Traum heute...

 

Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie "Intervention" und "Annullierung der Rassenintegration" triefen ..., dass eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern. 

 

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauen Orte geglättet werden und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn offenbar werden wird, und alles Fleisch wird es sehen.

Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.

 

Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln.

Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden...“ (28.08.1963)

 

Im Jahr 1492 entdeckte Christoph Kolumbus (1451-1506), ein italienischer Seefahrer, das heutige Amerika, in dem er eine Insel der Bahamas erreichte. Auch wenn er nicht der erste war, da vor ihm bereits die Vorfahren der Indianer eingewandert waren, gilt er bis heute als maßgeblicher europäischer Entdecker Amerikas. Der ursprüngliche Plan von Kolumbus war es, nicht wie bis dahin üblich über eine Seeroute südostwärts um Afrika nach Indien zu gelangen, sondern, in dem er 1480 eine Idee des griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) aufgriff, über eine Westroute nach Ostasien zu gelangen. Aufgrund noch weiterer Hinweise, Berichte und Indizien, die er im Verlauf der Jahre sammelte, war er der Überzeugung, dass er mit Hilfe der Westwinde über den Atlantik nach Indien segeln könne. Nachdem die Eingaben und die Ersuchen von Kolumbus, diese Expedition mit der Unterstützung des spanischen, königlichen Hofes machen zu dürfen, über viele Jahre von verschiedenen offiziellen Kommissionen zurückgewiesen wurden, konnte er schließlich1492 eine Zusage erhalten und durfte sich mit seinem Segelschiff auf den Weg machen. 

 

1975 wurde ein von Freddie Mercury geschriebener Rock-Song aus einem Album (‚A Night at the Opera‘) ausgekoppelt und als Single mit dem Titel ‚Bohemian Rhapsody‘ veröffentlicht. Diese Komposition unterschied sich in vielerlei Hinsicht von den zu diesem Zeitpunkt erfolgreichen Titeln der Musikszene, u. a. durch den Einsatz klassischer Musikelemente, Opernpassagen und die sehr aufwendige und kostspielige Aufnahmetechnik in z. T. drei unterschiedlichen Tonstudios. So brauchte die Gruppe Queen allein für die Aufnahme des mehrstimmig gesungenen Wortes ‚Galileo‘ aus dem Songtext, drei Wochen Zeit, d. h. so viel wie damals für ein ganzes Album benötigt wurde. Als die Verantwortlichen der Plattenfirma das mit einer deutlichen Überlänge ausgestattet Stück hörten, äußerten sie starke Zweifel, an dem Erfolg. Aufgrund dessen wollten sie den gesamten Mittelteil der Komposition streichen, einschließlich der Opernpassagen. Ganz im Gegenteil zu diesen Befürchtungen jedoch, entwickelte sich der Song nach der Veröffentlichung am 31. Oktober 1975 sehr schnell zu einem weltweiten Erfolg und stand bereits am 23. November 1975 für neun Wochen auf dem ersten Platz der Charts in England. Bis zum heutigen Tag kommt dieser Komposition eine Ausnahmestelle in der Musikgeschichte der Rock-Musik zu. Diese Besonderheit hat auch zur Produktion der mit einem Oskar prämierten und ebenfalls sehr erfolgreichen Verfilmung (2018) mit dem Filmtitel ‚Bohemian Rhapsody‘ geführt.

 

Allen drei geschilderten sehr unteschiedlichen historischen Ereignissen, von Martin Luther King, über Christoph Kolumbus zu Freddie Mercury, ist gemeinsam, dass sie mit einer Vision verbunden waren. Ohne der aus dieser Vision entspringenden Kraft und Energie, wäre die Verwirklichung der jeweiligen Vorhaben wohl nicht möglich gewesen. Beispiele dieser Art gibt es im Verlauf unserer Menschheitsgeschichte unzählige, aus allen Bereichen unseres Lebens. Sie alle dokumentieren das Gleiche. Eine Vision kann die Grundlage dafür sein, scheinbar Unmögliches möglich werden zu lassen.

 

Der Begriff Vision leitet sich aus dem lateinischen ‚visio‘ ab und bedeutet Erscheinung bzw. Anblick. Er bezieht sich auf ein subjektives bildhaftes Erleben, das sich in der Vorstellung offenbart, jedoch nicht mit einer realen sinnlichen Wahrnehmung verbunden ist. Für denjenigen selbst, der eine Vision hat, kann diese bildliche Vorstellung durchaus Züge einer realen Erscheinung annehmen. Da sich solche Visionen bzgl. ihrer zeitlichen Dimension fast ausnahmslos auf die Zukunft beziehen, sind sie meist verbunden mit Vorstellungen, Plänen, Entwürfen, Vorhaben und Konzepten, deren Verwirklichung in der Zukunft liegt. Meist sind hiervon große Vorhaben betroffen, denen ein herausragender menschlicher, gesellschaftlicher bzw. geschichtlicher Stellenwert zukommt. Visionen stehen häufig in Verbindung mit Leidenschaft, Begeisterung und Hingabe, da deren Verwirklichung zunächst kaum möglich erscheint und häufig nur mit dem Überwinden von sehr vielen und auch großen Widerständen verbunden ist. 

 

Menschen, die sich von solchen Visionen bestimmen lassen, wird aufgrund der mit den Visionen verbundenen Kühnheit häufig das Etikett des ‚Träumers‘ zugeschrieben, da die Realisierung so abwegig erscheint. Mit einer negativen Konnotation ist der Begriff ‚visionnaire‘ in der französischen Sprache in seiner Wortbedeutung verbunden mit einem Träumer oder Phantasten. Im positiven Sinne der Wortbedeutung ist es ein Mensch, der weit in die Zukunft schaut und Herausragendes zu verwirklichen plant.

 

Interessanter Weise kennen wir alle für solche Visionen im Verlauf unserer lebensgeschichtlichen Entwicklung damit verbundene biologische Grundlagen. Diese bestehen zum einen darin, dass wir alle natürlicherweise nächtliche Träume haben, die während der sog. wiederholten nächtlichen Traumphasen (REM-Phasen - Rapit Eye Movement – Phasen) unseren Schlaf kennzeichnen. Im Rahmen dieser Träume sehen wir u. U. lebhaft Bilder, Szenen und Ereignisse, welche die gleichen körperlichen Prozesse auszulösen in der Lage sind (Herz-Kreislauf-Reaktionen, Verspannungen der Muskulatur, Ausschüttung von Stresshormonen, usw.) wie von uns ganz real erlebte Situationen. Zum anderen durchlaufen wir während unserer Kindheit ebenfalls natürlicherweise Phasen der Entwicklung, in denen die Phantasie und das Tagträumen, so stark sein können, dass damit sehr real anmutende bildhafte Vorstellungen verbunden sind. Zeitweise bekommen diese im kindlichen Erleben aufgrund dessen einen ganz realen Charakter, so dass die Trennung zwischen Phantasie und Wirklichkeit aufgehoben zu sein scheint. Wegen der in dieser frühen Kindheit noch nicht gegebenen vielfältigen Einschränkungen, welche durch Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen gegeben sind, kann sich die Kreativität und die Originalität des Denkens und der Phantasie umso mehr entfalten. In gleicher Weise findet sich diese Eigenschaft später bei den erwachsenen Visionären wieder. 

 

In Anbetracht dessen, tragen wir alle diese physiologischen Vorläufer von Visionen in uns. Carl Gustav Jung (1875-1961), schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, definierte die Vision als einen Vorgang, der wie ein Traum sei, aber sich im wachen Zustand vollziehe. Er verstand die Vision als Ausdruck von etwas, das aus dem Unbewussten neben die bewusste Wahrnehmung tritt. Für ihn war sie nichts anderes als ein ‚momentaner Einbruch eines unbewussten Inhaltes in die Kontinuität des Bewusstseins‘. Da Jung auch von der Existenz eines uns allen gegebenen kollektiven Unbewussten ausging, in welchem sich Inhalte der Menschheitsgeschichte finden lassen, können Visionen auch von solchen uns alle verbindenden Inhalten gekennzeichnet sein. 

 

Bedeutsam ist die Unterscheidung zwischen dem Formulieren und Festlegen von Zielen, seien sie noch so anspruchsvoll und hochgesteckt und dem Bestimmt-Sein von einer Vision. Ziele behalten sehr viel mehr einen Bezug zur Realität, da sie mit Vorhaben, Anliegen, Wünschen oder auch Sehnsüchten verbunden sind, welche sich mittelfristig oder auch langfristig realisieren lassen - auch wenn hohe Anforderungen und Ansprüche damit verbunden sind. Visionen hingegen gehen mit Inspirationen einher, die über das Alltägliche weit hinausgehen. Meist sind sie mit einer Kreation verbunden, bei der es darum geht, etwas Neues, möglicherweise bisher nie Dagewesenes zu schaffen. So sehr die Willensstärke bei dem Verfolgen von gesteckten Zielen nachlassen kann, u. U. je nach den zu überwindenden Schwierigkeiten und den sich einstellenden Problemen auch vollkommen erlöschen kann, so wenig ist das bei dem Vorliegen von Visionen der Fall. Hier ist das Ausmaß der Motivation und der mit ihren verbundenen antreibenden Kräften um ein Vielfaches größer. In Verbindung mit Visionen lassen sich sprichwörtliche ‚Berge versetzen‘, womit wir erkennen können, dass wir es hier mit einer ganz anderen Qualität des Erlebens zu tun haben. In der Vision wird Unmögliches möglich.

 

Es erinnert an die biblische Geschichte von David gegen Goliath. In dieser Geschichte taten sich die Philister an der Mittelmeer-Küste gegen die Israeliten besonders schwer. Der Vorkämpfer der Philister trat tagelang vor die eigenen Schlachtreihen und forderte einen Israeliten zum Zweikampf. Keiner traute sich gegen diesen kampferfahrenen Hünen, ausgestattet mit einer schweren Rüstung, anzutreten, bis schließlich der junge Hirte David hervortrat. Er verzichtete auf Schwert und Rüstung und erledigte Goliath mit einer einfachen Schleuder und einem Kieselstein.

 

„Wer nicht mehr träumt, hat aufgehört zu leben“ heißt es. In diesem Spruch finden wir den Hinweis auf die Bedeutung der Vision für unser Leben. In diesem Verständnis hat eine persönliche oder auch eine gemeinsame Vision von uns Menschen einen Bezug zur Sinngebung. Wir können aus ihr einen Sinn für unser Leben entnehmen. Auch Nelson Mandela (1918-2013), südafrikanischer Freiheitskämpfer und der erste schwarze Präsident Süd-Afrikas, hatte eine Vision. Diese verlieh ihm die Kraft nach 27 Jahren als politischer Gefangener ein Land der Apartheit (Rassentrennung) zu vereinen. 

 

Wir alle, ob bewusst oder unbewusst, dursten nach einer Vision, denn sie steht für eine Sinngebung in unserem Leben. Insofern sollten wir uns alle fragen, welche diese Vision für uns sein könnte. Finden wir sie und können wir sie benennen, jeder für sich, so kann sie unser Leben in einer ganz fundamentalen Weise positiv bestimmen und positiv verändern. Eine solche Vision kann dazu führen, dass wir unser persönliches, individuelles Sternenzelt, unter dem wir uns befinden und bewegen, neu ordnen können, so dass wir einen daraus sich ableitenden sinngebenden Weg erkennen können.  Dieser sollte dann ein guter Weg sein, auf dem es sich lohnt zu gehen. ;)

 


01.09.2019

 

4. Dankbarkeit

 

In ihrem letzten, bewegenden und sehenswerten Interview am 20. November 1995 äußere sich Lady Diana (1961-1997), erste Ehefrau des britischen Thronfolgers Charles, zu ihrer inneren Haltung der Dankbarkeit.: „…Ich würde gerne eine Königin der Herzen der Menschen sein. Aber ich sehe mich nicht als Königin dieses Landes. Ich denke sogar, dass viele Menschen nicht wollen, dass ich Königin werde. Wenn ich sage „viele Menschen“, meine ich das Establishment, in das ich hineingeheiratet habe. Denn sie haben beschlossen, dass ich ein Nichtsnutz bin. Weil ich Dinge anders angehe. Ich handle nicht nach einer Anleitung. Ich führe mit dem Herzen, nicht mit dem Kopf. Und das hat mir viel Ärger eingebracht, ich verstehe das. Aber irgendwer muss da raus gehen und die Menschen lieben und es zeigen...Ich bin hier um Gutes zu tun. Ich bin kein zerstörerischer Mensch…Ich denke jede starke Frau der Geschichte musste einen ähnlichen Weg gehen. Und ich glaube, es ist die Stärke, die für Unruhe sorgt. Ich war 15 Jahre in einer privilegierten Position. Und ich habe ein massives Wissen über Menschen und wie man kommuniziert. Das habe ich gelernt und das will ich nutzen. Ich denke die größte Sorge unter der die Menschen in dieser Zeit leiden, ist das Leiden sich nicht geliebt zu fühlen. Und ich weiß: Ich kann Liebe geben! Für eine Minute, eine halbe Stunde, einen Tag, einen Monat, aber ich kann sie geben und ich bin sehr glücklich darüber.“

 

Trotz der spürbaren Verletzungen, Zurückweisungen und Kränkungen, die sie in ihrem Umfeld der Royal Family aufgrund ihrer Andersartigkeit erleben musste (in deren Folge sie sehr früh schon selbstschädigende und bulimische Symptome entwickelte), ist ihrer Haltung ein tiefes Gefühl der Dankbarkeit zu entnehmen, welches ihr die Kraft verleiht, sich von positiven Empfindungen bestimmen zu lassen und sich anderen Menschen mit Hilfe, Zuneigung und Liebe zu zuwenden. In dieser Weise war sie ohne Zweifel ein Beispiel für die Kraft und positive Energie, welche aus der Dankbarkeit, zum Wohle anderer und auch sich selbst, entstehen kann.

 

Die heute an vielen universitären Stellen vertretene wissenschaftliche Erforschung der Dankbarkeit (sog. Dankbarkeitsforschung) geht auf den Beginn der 2000er Jahre zurück und ist insofern ein noch sehr junges Forschungsgebiet. Dies ist wohl auch dadurch bedingt, dass die Psychologie und Medizin es traditionell viel mehr gewohnt sind, negative Qualitäten unseres Seins zu untersuchen, als sich mit positiven zu befassen. Anders verhält es sich mit den Fragen zur Dankbarkeit im Rahmen der Religionen oder auch der philosophischen Diskussionen. Hier gibt es weit zurückreichende Abhandlungen darüber. In diesem Kontext der Betrachtung war es z. B. wichtig zu unterscheiden zwischen dem Gefühl der Dankbarkeit, welches ausschließlich positiv ist und dem Gefühl einer Dankesschuld, welches negativ empfunden wird. Letzteres ist verbunden mit dem Gefühl sich einer Verpflichtung stellen zu müssen, da es darum geht, eine zuvor erhaltene Hilfe auf irgendeine Art zu Vergüten. Insofern entspringt dieses Gefühl der Dankbarkeit dem Gewissen, im Gegensatz zum ersten, welches dem Herzen entspringt.

 

In allen Weltreligionen, wie der jüdischen, christlichen und islamischen spielt die Dankbarkeit eine große Rolle und wird in vielfältiger Weise und an unterschiedlichsten Stellen thematisiert. So z. B. ist Dankbarkeit für Martin Luther „Die wesentliche christliche Haltung“. Ebenso hat die Dankbarkeit im Hinduismus und auch im Buddhismus einen zentralen Stellenwert. Im Buddhismus ist z. B. der Buddhist angehalten stets dankbar gegenüber dem Leben, seinen Geschenken und abverlangten Opfern zu sein. Zugleich sieht der Buddhismus in der Dankbarkeit einen wesentlichen Weg aus dem Kreislauf der Schuld. Wobei es auch hier darum geht, sich von Herzen dieser Dankbarkeit verbunden zu fühlen und nicht aus Gewissensgründen.

 

Robert Emmons (geb. 1958), Psychologe und Michael McCullough (geb. 1965) führten Studien zur Dankbarkeit durch, in denen sie mit Dankbarkeitsinterventionen arbeiteten. So teilten sie in einer Studie 192 Teilnehmer in drei Gruppen. Eine Gruppe sollte über zehn Wochen in einem Tagebuch aufzeichnen, zu welchen Gelegenheiten sie Dankbarkeit empfanden. Die zweite Gruppe hingegen sollte beschreiben, was alles schlecht gelaufen sei und die dritte Gruppe sollte – soweit möglich – neutral ihre Erlebnisse beschreiben. Eine nachträgliche Befunderhebung zeigte, dass die Gruppe, welche ein Dankbarkeitstagebuch geführt hatte, mehr Optimismus zeigte, sich vitaler und lebensfroher fühlte. Vorher bestandene Symptome, wie Bauch- und Kopfschmerzen, Schwindel oder auch Muskelverspannungen hatten nachgelassen. Insgesamt hatte sich ihre körperliche Kondition deutlich verbessert und sie war sportlich aktiver als die Vergleichsgruppen. Auch kam es seltener zu Arztbesuchen.

 

Es ist davon auszugehen, dass positive Dankbarkeit sehr stark mit dem Wohlbefinden korreliert ist. Dies hat u. a. zur Folge, dass die sozialen Kontakte bzw. die persönlichen Beziehungen zu anderen Menschen deutlich davon profitieren. Dies zeigt sich in einer Verstärkung der sozialen Bindungen. Inzwischen können wir davon ausgehen, dass Dankbarkeit auch gegen Angst- und Panikstörungen wirkt, sowie auch gegen die Neigung zur Depression und zum Suchtverhalten. Die Qualität der Empfindungen, die mit Dankbarkeit verbunden ist, steht der Qualität negativer Gefühle in Verbindung mit Enttäuschung, Niedergeschlagenheit, Ärger, Wut und Aggression vollkommen entgegen, ist damit unvereinbar und schließt somit solche Gefühle aus.

 

In einer weiteren Studie zum Einfluss des Dankbarkeitsgefühls auf die Beschaffenheit des Herzes als Organ, konnte Paul J. Mills (geb. 1947), Arzt für Psychoneuroimmunologie und Psychosomatik, feststellen, dass die Dankbarkeit einen positiven Einfluss auf die Gesundheit des Herzens hat. In seiner Studie, an der 186 Männer und Frauen teilnahmen zeigte sich eine deutliche Linderung der Herzbeschwerden im Vergleich zu einer Kontrollgruppe. Bei der Gruppe mit Dankbarkeitsübungen sanken die Entzündungsmarker, bei gleichzeitiger Zunahme der sog. Herzfrequenzvariabilität (Anpassungsfähigkeit des Herzens). In einer weiteren Studie an der Indiana University konnte nachgewiesen werden, dass es aufgrund der Dankbarkeitsübungen zu messbaren neurobiologischen Veränderungen im Gehirnscan kommt. Es ist davon auszugehen, dass es bei dem Zusammenwirken von Dankbarkeit und Wohlbefinden zu sich gegenseitig verstärkenden positiven Effekten kommt, welche sich dann auf die gesamte körperliche, seelische und geistige Befindlichkeit positiv auswirkt.

 

Anhand der inzwischen vorliegenden Untersuchungen, können wir immer besser das Bild eines dankbaren Menschen zeichnen. So können dankbare Menschen mit ihrer Umgebung, ihrem persönlichen Wachstum besser umgehen. Sie finden mehr Sinn im Leben und ihr Selbstwertgefühl ist stärker. Sie kommen mit schwierigen Situationen besser zurecht, haben bessere Bewältigungsstrategien für Probleme, schlafen besser, da sie weniger negative, stattdessen mehr positive Gedanken vor dem Einschlafen haben. Dass Dankbarkeit einen direkten Einfluss auf das Sozialverhalten hat, zeigten die Studien, die sich mit der Spendenbereitschaft befassten. Hier konnte gezeigt werden, dass Dankbarkeit die Bereitschaft zum Spenden deutlich erhöht. Es fand sich eine positive Korrelation (Verbindung) zwischen der Dankbarkeit einerseits und der Bereitschaft zur Empathie, Großzügigkeit und Hilfsbereitschaft andererseits. Wir können feststellen, dass eine positiv empfundene Dankbarkeit in einer ganz grundlegenden Weise die Haltung des Gebens fördert.

 

Eine große Anzahl von Studien belegt den positiven Einfluss der Dankbarkeit auf diesen Aspekt unserer sozialen Kontakte. So z. B. gaben Stammgäste eines Restaurants mehr Trinkgeld, nachdem die Kellner auf die Rechnung deutlich lesbar „Danke“ geschrieben hatten.

 

Wenn wir uns all das vor Augen führen, können wir uns fragen, warum wir Dankbarkeit in unserem alltäglichen Leben relativ selten erleben, wenn sie doch ganz offensichtlich für unser Wohlbefinden, unsere Lebensqualität und unsere Glücksgefühle von so großer Bedeutung ist. Betrachten wir die Botschaften, die wir über unsere unterschiedlichen Medien (Internet, Fernsehen, Radio, Zeitschriften) erhalten, so können wir erkennen, dass v. a. Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse geweckt werden sollen. Dies verbunden mit der Botschaft, dass uns zu unserem Glück etwas oder auch Verschiedenes fehlt. So, wie es ist oder auch wir sind, ist es nicht gut, es könnte besser sein und dafür gilt es zu sorgen bzw. danach sollten wir streben – ist die Botschaft. Insofern können wir fragen, warum sollten wir uns dankbar fühlen, wenn wir doch erkennen müssen, dass uns zu unserem Glück etwas fehlt? Des weiteren werden wir stets aufgerufen zu vergleichen, um ebenfalls am Beispiel anderer feststellen zu müssen, dass es besser geht, was ebenfalls ein Gefühl der Insuffizienz weckt. Mit diesem Ganzen geht eine Fokussierung auf das Fehlende bzw. noch nicht Vorhandene oder Erworbene einher. Dies alles ist dazu angetan unsere Unzufriedenheit zu verstärken, statt unsere Dankbarkeit zu fördern.

 

Letztendlich ist es nichts Verwunderliches, wenn wir aus diesem Ganzen Ansprüche, Erwartungen oder auch Forderungen ableiten. Das liegt uns offensichtlich näher, als ein Gefühl der Dankbarkeit und Zufriedenheit. In unserem Alltag steht in der Folge davon viel mehr das Negative im Vordergrund. Wodurch wir dazu neigen die positiven Dinge und die Geschenke in unserem Leben zu übersehen. Zumal wir mit einer gewissen Selbstverständlichkeit auch dazu neigen das Gute, das uns widerfährt als normal zu deuten, umso mehr, wenn es sich wiederholt. Ein Bewusstsein für den entsprechenden Wert stellt sich in uns häufig erst dann ein, wenn wir etwas verlieren oder wenn die Gefahr besteht, dass es verloren geht.

 

Letztlich ist zu berücksichtigen, dass Dankbarkeit auch die Fähigkeit beinhaltet sich auf das, was uns umgibt und auf uns wirkt einzulassen, seien es bestimmte wertvolle Menschen und die Beziehung zu ihnen oder auch die gesamte Natur mit all ihren Erscheinungen. Wenn wir nicht in der Lage sind die Brücke zu überqueren und damit eine Verbindung herzustellen, wird es kaum möglich sein zu einem bestimmten Bewusstsein und Verständnis zu gelangen, aus welchem sich ein direkter Zugang zu einem tiefen Gefühl der Dankbarkeit ergibt, welches von Herzen kommt.

 

In einer Analogie wird die Dankbarkeit häufig mit einem Muskel verglichen. Wenn er nicht regelmäßig trainiert wird, neigt er dazu zu erschlaffen. So kann es eine sehr hilfreiche Übung sein als einem ersten Gefühl, den Tag mit Dankbarkeit zu beginnen. Die Tatsache feststellen zu können, relativ gesund zu sein, sich in einer privilegierten Lebenssituation zu befinden, umgeben zu sein von einem Frieden und einem relativen Wohlstand, mit möglicherweise wertvollen und bereichernden Beziehungen und ebenso einer Familie, sollte unser Bewusstsein bestimmen und uns auch Dankbarkeit empfinden lassen.

 

Eine konkrete Übung zur Dankbarkeit, bietet die sog. 5-Finger-Methode. Mit dem kleinen Finger verbunden sein soll, etwas, wofür wir im Leben zutiefst dankbar sein können („Für was bin ich zutiefst dankbar in meinem Leben?“); Der Ringfinger ist verbunden mit dem Gefühl, Menschen zu treffen, für die eine Zuneigung von Herzen da ist („Welche Menschen liebe ich?“); der Mittelfinger steht für die Frage, was heute noch getan werden kann, um zu helfen („Wem kann ich heute noch etwas Gutes zukommen lassen?“); Der Zeigefinger weist auf die schönen Dinge außerhalb von einem Selbst („Was von dem mich umgebenden in der Natur gefällt mir und beglückt mich?“); Letztlich geht es um den Daumen, der sich auf die eigenen Stärken bezieht („Zu welchen Stärken und Qualitäten kann ich mich bekennen?“). Das Bewusstsein, welches mit diesen Fragen einhergeht, kann zu unserem Wohlbefinden beitragen und uns glücklicher fühlen lassen, da es auch mit Dankbarkeit verbunden ist.

 

Wir sollten uns bewusst sein, dass Glück nicht notwendiger Weise mit Dankbarkeit verbunden sein muss, empfundene Dankbarkeit jedoch immer zum Glück und Wohlbefinden führt. Demzufolge können wir feststellen: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ Aufgrund dessen sollten wir jede sich uns alltäglich bietende Gelegenheit wahrnehmen, uns dankbar zu fühlen und diesem Gefühl auch Ausdruck verleihen, zumal wenn die Dankbarkeit mit anderen Menschen in Verbindung steht. Erst wenn sich eine Botschaft vermittelt, auf welchem Weg auch immer, können wir davon ausgehen, dass davon eine Wirkung ausgehen wird. Was hilft es insofern, wenn uns jemand sagt, dass er an uns gedacht hat, es uns aber auf keine Weise hat wissen oder spüren lassen. Positive Dankbarkeit, die dem Herzen entspringt, ist nichts Phantasiertes, sondern etwas sehr Reales, das sich vermittelt und erleben lässt.

 

Eine wichtige mütterliche Person in meinem Leben, mit der ich selbst sehr viel Dankbarkeit verbinde, sagte mir zu verschiedenen Gelegenheiten: „Luciano, wir sollten immer daran denken, dass es wichtiger ist, einem Menschen Blumen in seinem Leben zu geben, statt sie ihm zu spät auf sein Grab zu legen.“ 

 


22.07.2019

 

5. It takes two to tango

Einer der häufig von mir in den Psychotherapie-Stunden mit Patienten gebrauchten Sätze lautet „It takes two to tango!“. Er dient im Rahmen einer Spiegelung und Bewusstmachung dazu, Menschen mit der Tatsache zu konfrontieren, dass an der Art, dem Verlauf und dem Ergebnis einer Beziehung stets zwei Menschen beteiligt sind. Die vorangegangene Botschaft, welche den Schilderungen und Berichten auf Seiten des Patienten zu entnehmen ist, lautet sinngemäß jeweils, der Andere oder die Andere ist verantwortlich bzw. schuld an dem, was in und aus der Beziehung entstanden ist. Aus den Darstellungen wird ersichtlich, dass der Betroffene sich als ‚Opfer‘ sieht und versteht, das den Einwirkungen des ‚Täters‘ mehr oder weniger ausgeliefert war. 

 

Um ein Nachdenken und eine Besinnung einzuleiten, verwende ich dieses Bild bzw. diese Metapher, die sehr schnell verständlich macht, dass an dem Verlauf der Beziehung stets beide beteiligt sind und es keinesfalls nur das Ergebnis der Einwirkung von einem sein kann. 

 

Da ich dieses Bild schon viele Jahre anwende, muss ich aufrichtiger Weise eingestehen, dass ich der Überzeugung war, es handele sich um eine alte, weit in die Geschichte zurückreichende  bewährte Lebensweisheit aus dem amerikanischen Sprachgebrauch. Tatsächlich jedoch reicht dieses Bild nicht weiter zurück als in die 50er Jahre. Erst im Verlauf der weiteren Jahrzehnte erhielt es einen besonderen Stellenwert, i.S. einer Metapher, um die Botschaft nach einer gemeinsam zu tragenden Verantwortung für eine gegebene Realität deutlich zu machen.

 

Der Ursprung dieser uns jetzt zur Verfügung stehenden Lebensweisheit geht auf einen populären US-amerikanischen Schlager, komponiert von Al Hoffman und Dick Manning zurück, der 1952 u.a. von der Schauspielerin und Sängerin Pearl Bailey (1918-1990), interpretiert wurde. (siehe Video unten). 

 

Der Tango steht hier sinnbildlich für einen Tanz, bei dem zwei Beteiligte sich in einer Beziehung zueinander befinden, die mit einem Bewegungsablauf verbunden ist, welcher zeitweise gleichförmig ist, dann jedoch auch wieder gegensätzlich. In gleicher Weise kann das im übertragenen Sinn auf allen Ebenen des Zusammenwirkens von zwei Menschen der Fall sein. Stets befinden sie sich im Kontext ihrer Beziehung in einer gegenseitigen Wechselwirkung, abhängig voneinander und ebenso verbunden miteinander.

 

In den 80er Jahren hat u.a. der damalige US-amerikanische Präsident Ronald Reagan (1911-1981) im Rahmen einer politischen Stellungnahme, mit Hilfe dieser Analogie („it takes two to tango“) versucht das Verhältnis der USA zu Russland zu beschreiben. Spätestens von diesem Zeitpunkt an wurde diese Metapher wiederholt auch in vielen anderen Ländern benutzt um das Verhältnis von zwei Partnern zueinander zu beschreiben. Der sich auf viele Situationen des Lebens anbietende Bedeutungszusammenhang erschließt sich aus dem Wortlaut dieser Schlagerkomposition, in der es im Original u.a. heißt:

 

You can sail in a ship by yourself,

Take a nap or a nip by yourself.

You can get into debt on your own.

There are lots of things that you can do alone.

(But it)

Takes two to tango…etc.

 

Warum ist die in diesen Zeilen enthaltene Botschaft so bedeutsam und warum hat sich der Titel dieses Schlagers über die Jahrzehnte zu einer inzwischen weltweit anerkannten und in gleicher Weise benutzten Metapher etabliert? Sie bringt zum Ausdruck, dass Menschen, die sich in einer Beziehung befinden, in gleicher Weise verantwortlich dafür sind, was aus dieser Beziehung sowohl im positiven als auch im negativen Sinn entsteht. Seien es Probleme und Konflikte, oder auch bereichernde und positiv erfüllende Auswirkungen, immer sind beide Beteiligten betroffen und verantwortlich für den Verlauf und das Ergebnis.

 

Leider ist diese offensichtliche und auch sehr banale Erkenntnis in den Darlegungen, Erzählungen und Schilderungen von Seiten der Menschen, die über ihre Beziehungen sprechen, häufig als wünschenswertes Bewusstsein nicht vorhanden. Stattdessen vermittelt sich die Botschaft, wonach der oder die Betroffene, sich offensichtlich ausgeliefert und ohne eigenes Zutun in einer Beziehung erlebt. Der eigene Anteil wird demzufolge konsequenter Weise bestenfalls nur in einer Reaktion bzw. einem Reagieren gesehen. Die Aktion bzw. das Agieren geht im bewussten Erleben jeweils vom Anderen aus. Dies verbunden mit der Überzeugung, aufgrund dieser Abfolge doch nicht wirklich eine Wahl gehabt zu haben, anders reagieren zu können, als geschehen. 

 

Wir alle kennen solche Schilderungen aus unseren unterschiedlichen sozialen Kontakten in unserem Alltag. Das Bezeichnende und Paradoxe besteht darin, dass uns diese Einseitigkeit der Betrachtung bei anderen sehr deutlich und relativ schnell auffällt, bei uns selbst jedoch garnicht. Hier scheint uns das Bewusstsein für ein umfassendes Verständnis zu fehlen.

 

Insofern wird der eigene Anteil, im Sinne einer Verursachung, nicht gesehen, nicht erkannt und in das Verständnis der Situation oder des Prozesses nicht einbezogen. Bezüglich der Frage nach einer Schuld, ist damit ganz offensichtlich die sichere Überzeugung vorhanden, dass diese ganz auf der anderen Seite liegt.

 

Körpersprachlich kennen wir eine Geste, die diese Überzeugung und diese Art der Betrachtung ebenfalls zum Ausdruck bringt. Es ist der ausgestreckte Zeigefinger, der als Handzeichen dazu dient, den vermeintlichen Täter mental und emotional ‚dingfest‘ zu machen, darauf hinzuweisen, dass dieser die Verantwortung und die Schuld für ein bestimmtes Ereignis, Problem oder auch Unglück trägt. 

 

Gustav Heinemann (1899-1976), ehemaliger deutscher Bundespräsident hat in einer mutigen Fernsehansprache am 14. April 1968, nach den gewalttätigen Ausschreitungen gegen den Springer-Verlag, die dem Attentat auf Rudi Dutschke folgten gesagt: „Wer mit dem Zeigefinger allgemeiner Vorwürfe auf den oder die vermeintlichen Anstifter oder Drahtzieher zeigt, sollte daran denken, dass in der Hand mit dem ausgestreckten Zeigefinger zugleich drei andere Finger auf ihn selbst zurückweisen.“

 

Auch in diesem Bild ist der Aufruf enthalten, den eignen Anteil bzw. die eigenen Anteile an dem Geschehenen miteinzubeziehen und zu berücksichtigen. Die Schuld ausschließlich auf der anderen Seite zu sehen, wird dem wirklich Gegebenen nicht gerecht und führt dazu den eignen Anteil nicht anzuerkennen. 

 

Hier kann es auch hilfreich sein sich an eine Stelle in der Bibel zu erinnern, in der Folgendes berichtet wird: „Frühmorgens aber kam Jesus wieder in den Tempel, und alles Volk kam zu ihm, und er setzte sich und lehrte sie. Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, beim Ehebruch ergriffen, und stellten sie in die Mitte und sprachen zu ihm: Meister, diese Frau ist auf frischer Tat beim Ehebruch ergriffen worden. Mose hat uns im Gesetz geboten, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du? Das sagten sie aber, um ihn zu versuchen, auf dass sie etwas hätten, ihn zu verklagen. Aber Jesus bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde. Als sie ihn nun beharrlich so fragten, richtete er sich auf und sprach zu ihnen: Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie…“

 

So einleuchtend das bisher Gesagte klingen mag, so schwer ist es in der täglichen Realität der psychotherapeutischen Arbeit, Menschen dazu zu bewegen, die eigenen Anteile an den Entwicklungen im Rahmen ihrer unterschiedlichsten Beziehungen zu sehen. Mag es die Beziehung zum Partner betreffen, die zu den Eltern, Kindern, Verwanden, Freunden, Arbeitskollegen, zu Männern oder Frauen im Allgemeinen usw. Mit u.U. sehr starker Abwehr und erheblichen Widerständen, wird sich der Einbeziehung der eigenen Anteile entgegengesetzt und mit Hilfe des „Ja aber…“ (gleichbedeutend mit einem „Nein“) stets von Neuem auf die andere Seite verwiesen. Diese soll das Objekt der Betrachtung sein, nicht das eigene Selbst.

 

Diese Haltung erschwert verständlicher Weise den Prozess der Selbsterkenntnis und trägt nicht zur eignen Entwicklung bei. Im Gegenteil, es bedeutet ein Fixiert-Bleiben im eigenen Verständnis, was zugleich eine Voraussetzung dafür ist, dass sich die gleichen Konflikte und Probleme wiederholen werden. Diese Haltung ist umso unverständlicher, als der Betroffene selbst, aufgrund der sich in unterschiedlichen Beziehungen, mit unterschiedlichen Personen sich wiederholenden Konflikte erkennen sollte, dass es offensichtlich ein Muster ist, welches sich wiederholt. Die Konstante in diesem Prozess ist der Betroffenen selbst, insofern das, was geschieht, sich mit verschiednen Personen in gleicher Weise wiederholt.

 

Spätestens hier ist es ratsam innezuhalten und sich selbst zu befragen. Dies kann z.B. bei einem Mann zutreffen, wenn er feststellt, dass er wiederholt die gleiche enttäuschende und verletzende Erfahrung mit unterschiedlichen Frauen macht. In gleicher Weise kann es z.B. für eine Frau zutreffen, wenn sie erkennt, mit unterschiedlichen Männern in gleicher Weise Grenzüberschreitungen und Missachtung zu erleben. In beiden Fällen, wäre es sinnvoll und hilfreich, sich einer Untersuchung der eignen verursachenden Anteile zu öffnen. 

 

Wie an anderer Stelle dieses Blogs bereits erwähnt, sind wir nicht selten gefangen in Mustern, die aus der Kindheit oder frühen Jugend entstammen und mit bestimmten Wiederholungszwängen verbunden sind. Diese führen paradoxerweise dazu, dass wir Dinge tun, die in der Folge mit bewusst erlebtem Schmerz und Leid verbunden sind. Worin dennoch ein subjektiver Sinn eines solchen Vorgehens besteht, mag sich erst aus der Untersuchung bzw. Analyse erschließen. Denn erst dann kann es möglich sein, die unbewussten Anteile des Denkens, Erlebens und Verhaltens mit einzubeziehen. 

 

Dies könnte bei dem eben als Beispiel erwähnen Mann bedeuten, dass er sich bewusst wird und erkennt, in seinen Beziehungen mit bestimmten Frauen, die Hoffnung zu haben, endlich doch noch die Erfüllung der Wünsche und Sehnsüchte zu finden, die er in der Beziehung zu seiner Mutter nie gefunden hat. Aufgrund dessen muss er unbewusst in ‚zwanghafter‘ Weise Frauen nach dem Bild der eigenen Mutter suchen. 

 

Bei der erwähnten Frau könnte es bedeuten, endlich die in ihrem gesamten bisherigen Leben nie erlebte respektvolle Anerkennung und Zuwendung vom eigenen Vater zu erhalten, die sie so sehr ersehnt hat. Auch sie muss sich unbewusst in ‚zwanghafter‘ Weise auf Beziehungen mit Männern einlassen, die dem Bild des erlebten Vaters gleichen. So sehr sowohl dieser fiktive Mann als auch diese fiktive Frau in ihrer Kindheit tatsächlich ausgeliefert waren, sich zutreffend als Opfer erleben mussten, so wenig sind sie es heute. Denn jetzt tragen sie unbewusst ein ‚Drehbuch‘ in sich, nach dem sie agieren und i.S. eines Wiederholungszwanges mit bestimmen, was geschieht und insofern ihre Beziehungen mit gestalten.

 

Diese zugrundeliegende, unbewusste Psychodynamik zu erkennen, setzt die Bereitschaft voraus, in sich selbst hinein zu schauen, eine mögliche Verantwortung und Schuld für das Geschehene auch bei sich selbst als möglich zu zulassen.

 

Gnothi seauton, „Erkenne Dich selbst!“ ist eine von drei apollonischen Weisheiten aus dem antiken Heiligtum von Delphi. Die Inschriften wurden spätestens ab Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. an den Säulen der Vorhalle des Apollontempels in Delphi angebracht. Die Existenz dieser Inschriften ist aus antiken schriftlichen Quellen überliefert. Platon (427 – 347 v. Chr.) lässt seinen Schüler Sokrates (469 – 399 v. Chr.) über ihre Bedeutung referieren. Sokrates entwickelte daraus das Prinzip der Selbsterkenntnis, als Vorbedingung philosophischer Erkenntnis und Weisheit. Er sagt: „Mein Bester, vergiß nicht, dich selbst zu erkennen, und mache nicht den Fehler, den die meisten Menschen machen! Denn die meisten sind darauf aus, vor den Türen anderer zu kehren und kommen nicht dazu, vor ihrer eigenen zu kehren. Versäume also dieses ja nicht, sondern bemühe dich vielmehr, auf dich selbst zu achten….“

 

In diesem Sinn, sollten wir uns immer bewusst sein, „it takes two to tango!“

 


06.07.2019

 

6. Drei Säulen, die unser Leben bestimmen

Sofern wir uns in einem Zustand einer relativen Gesundheit befinden, sind wir bestrebt alles dazu beizutragen, uns wohl zu fühlen, in einem Zustand der inneren Zufriedenheit, des Ausgleichs, der Entspannung, wünschenswerter Weise gar des Glücks. Viele unserer alltäglichen Bemühungen sind darauf ausgerichtet, uns einem solchen Zustand anzunähern bzw. ihn, soweit es uns möglich ist, auch herzustellen. Die Voraussetzungen hierfür liegen in uns selbst und auch in den uns umgebenden Merkmalen unserer Lebenssituation. Hierzu gehören sowohl die Mitmenschen als auch die situativen Umstände, in denen wir uns befinden.

 

Haben wir das Glück und es geht uns gut, sowohl auf der körperlichen, als auch auf der seelischen und geistigen Ebene unseres Seins, möchten wir diesen Zustand aufrechterhalten. Da wir uns in diesem Zustand des Wohlgefühls befinden, werden wir sehr wahrscheinlich die ihn kennzeichnenden Merkmale wertschätzen und danach streben, sie so zu belassen. Pointiert formuliert können wir sagen, wir ‚lieben es‘ uns so zu fühlen. 

 

Ein solcher Zustand setzt im Allgemeinen eine Ausgewogenheit zwischen drei wesentlichen Säulen voraus, die unser ganzes Leben bestimmen. Befinden sich diese Säulen in einem relativen Zustand des Gleichgewichts untereinander, steht unser persönliches ‚Haus‘ auf einer guten und gesunden Grundlage. Diese drei Säulen, können wir in gewisser Weise als Stützpfeiler begreifen.

 

Die erste Säule, ohne dass mit dieser numerischen Auflistung eine Gewichtung bzw. Rangfolge verbunden wäre, ist die Säule, welche unsere ‚Arbeitsfähigkeit‘ repräsentiert. Mit dieser Säule ist unsere Fähigkeit verbunden, allen Anforderungen, Aufgaben und Verpflichtungen unseres Lebens bzw. unseres individuellen Alltags in angemessener Weise gerecht werden zu können. Dies betrifft sowohl unser privates als auch unser öffentliiches Leben, in dem wir als Familienmitglied, Ehepartner, Freund, oder auch Nachbar, Vereinsmitglied, Mitarbeiter, Angestellter oder Vorgesetzter existieren. In diesen unterschiedlichen, uns kennzeichnenden Rollen, haben wir den unterschiedlichsten Aufgaben, Anforderungen und Verpflichtungen gerecht zu werden. Erfüllen wir dies alles zu unserer eigenen Zufriedenheit und auch der relativen Zufriedenheit der Anderen, können wir uns diesbezüglich im Einklang mit uns selbst und unserem Umfeld fühlen. Wir können uns wohl fühlen, ausgeglichen und entspannt.

 

Verhält es sich nicht so, werden wir uns unwohl fühlen, uns mehr und mehr in einem Zustand innerer Anspannung wieder finden, möglicherweise im Konflikt mit uns selbst oder/und auch  mit anderen erleben. In diesem Fall sollten wir bestrebt sein alles dazu notwendige zu tun, um die Situation so weit zu verändern, damit wir den ersehnten Wunsch nach Wohlempfinden herstellen können. Die Diskrepanz zwischen einem gegebenen Ist-Zustand und dem erstrebten Soll-Zustand gilt es so stark zu reduzieren, dass die aus der Diskrepanz resultierende Spannung kein überdauerndes Unwohlsein mit sich bringt. 

 

Die Folge einer zeitüberdauernden Diskrepanz, mit einem entsprechenden Spannungszustand und dem damit verbundenen inneren und vielleicht auch äußeren Konflikt, kann in dem Entstehen von Symptomen bestehen, sowohl auf der körperlichen, als auch seelischen und geistigen Ebene. Unter Umständen könnte sich eine zunächst akute, später chronische psychosomatische Erkrankung entwickeln (Migräne, Tinnitus, Bluthochdruck, Magen-Darm-Erkrankung, Gelenkschmerzen, Hautallergien, Herz-und Kreislauferkrankungen, Lungenerkrankungen, usw.). 

 

Die zweite Säule, die in gleicher Weise bestimmend für unser ganzes Leben bzw. unseren täglichen Alltag ist, bezieht sich auf unsere ‚Liebesfähigkeit‘. Hiermit ist unsere Fähigkeit zu verstehen, uns auf wertschätzende, liebevolle, zärtliche, zugewandte und achtsame Verbindungen mit anderen Menschen einzulassen. Hierunter fallen sowohl unsere sehr privaten, intimen und nahen Beziehungen zu unseren Partnern, Familienmitgliedern und Freunden, als auch unsere Beziehungen zu Menschen in unserem alltäglichen öffentlichen Leben, im Rahmen unserer Arbeit, Freizeit oder auch der Begegnung von Menschen in irgendwelchen öffentlichen Räumen. 

 

Gelingt es uns warmherzige, innige, liebevolle und tief gehende Beziehungen mit uns nahe stehenden Menschen zu leben, werden wir uns aufgehoben fühlen können, Liebe geben und Liebe empfangen können. Wir werden die uns kennzeichnenden grundsätzlichen Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte weitgehend erfüllen können und auf diese Weise unserem Leben einen wichtigen Sinn verleihen können. Das, was uns Menschen vom frühesten Zeitpunkt unseres Lebens im Mutterleib kennzeichnet, ist die Verbindung mit einem anderen Menschen (der Mutter). Diese Verbindung steht für das in uns zu tiefst verankerte ‚Wir‘, nach dem wir in der Folge unserer individuellen lebensgeschichtlichen Entwicklung immer, mehr oder weniger ausgeprägt, streben werden. Biologischer-, physiologischer- und damit auch natürlicherweise finden wir Erfüllung nur in der Verwirklichung des Wir. Dies gilt für die intimste Beziehung zu einem Lebens-Partner, so wie auch für die wert- und respektvolle Beziehung zu jedem Menschen, dem wir in welcher Situation auch immer begegnen können. 

 

Auch bezüglich der Liebesfähigkeit können wir, aus welchen verursachenden Gründen auch immer, von dem gewünschten und erstrebten Zustand abweichen, so dass wir uns auch hier in einem Zustand geringerer oder größerer Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand befinden. Ist das der Fall, entsteht ebenfalls ein mehr oder weniger großes Gefühl der Unzufriedenheit, des Unwohlseins, bis hin zu einem subjektiv empfundenen Unglück. Auch hier kann die Folge in der Entstehung von allen möglichen psychosomatischen Krankheiten bestehen, einschließlich schwerer psychischer Erkrankungen im Sinne z.B. einer Depression, Angstzustände, Zwangserkrankungen, Suchterkrankungen, tief gehender Selbstwertprobleme.

 

Wie auch bei den aus der relativen Arbeitsunfähigkeit sich ergebenden Problemen, sind bei den Einschränkungen, die sich aus der relativen Liebesunfähigkeit ergeben, die Ursachen, möglicherweise in zeitlich nahe zurückliegenden Faktoren zu suchen oder aber auch durchaus (was wesentlich häufiger der Fall ist) in den biographisch zurückliegenden, kindlichen und frühkindlichen Erfahrungen. Je nach Schwere der Beeinträchtigungen kann es notwendig sein, auf eine professionelle Hilfe zurückzugreifen und sich einem psychotherapeutischen Prozess zu unterziehen.

 

Als letzte wesentliche Säule, die dazu beiträgt unserem Leben eine  ausgewogene, harmonische und damit gesunde Grundlage zu bieten, ist die Genussfähigkeit zu nennen. Hiermit ist unsere Fähigkeit gemeint, das Leben in all seinen schönen Facetten und Nuancen schätzen und annehmen zu können, sich dem genussvoll, mit Lust und vielleicht auch Leidenschaft hingeben zu können. Hier geht es auch um die Fähigkeit sich fallen zu lassen, in einem lustvollen Genießen baden zu können. Die Schönheiten auf allen Ebenen des Erlebens, bezogen auf alle uns Sinne, aufnehmen, zulassen und empfinden zu können, ist eine besondere Fähigkeit. Diese kommt an vielen Stellen unseres Alltags, der nicht selten erfüllt ist von Aufgaben, Anforderungen und Verpflichtungen (s. Arbeitsfähigkeit) häufig zu kurz und bleibt u.U. sogar ‚auf der Strecke‘. Sind wir in der Lage, Situationen und Gelegenheiten genussvoll zu leben, werden wir uns beschenkt fühlen, erfüllt, zu tiefst befriedigt. Die Natur bzw. unsere Biologie hat uns hierzu mit den entsprechenden Glückshormonen, die in unserem Körper produziert werden können, ausgestattet. Gelingt es uns diese zu aktivieren, fühlen wir uns nicht nur glücklich, sondern wir sorgen in einem umfassenden Sinn für unsere Gesundheit. Aus unzähligen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir inzwischen, wie sehr diese Zustände zu einer umfassenden Körper-Seele-Geist Gesundheit beitragen.

 

Gelingt es uns nicht, uns auf diese Ebene des Erlebens einzulassen, die Genussfähigkeit zu leben, werden wir ebenfalls mit den beeinträchtigenden und krankheitsinduzierenden Auswirkungen konfrontiert werden. Ein Leben, das keinen ausreichenden Platz für das Genießen hat, wird letztlich in allen Teilen bestroffen sein und durch Einschränkungen gekennzeichnet sein. Auch hier wird es zu schwer erträglichen Zuständen der Spannung kommen, verbunden mit den Diskrepanzen zwischen Ist- und Soll-Wert. Wie auch bei der Arbeitsfähigkeit und Liebesfähigkeit, wird es in der Folge hier darum gehen, Wege zu finden, die Spannung und die Diskrepanz zu reduzieren.

 

Wie aus den Ausführungen erkennbar ist, kann es in all diesen drei Bereichen unseres Lebens, der Arbeitsfähigkeit, Liebesfähigkeit und Genussfähigkeit zu Diskrepanzen kommen, verbunden mit dem Abweichen des Ist-Wertes von dem gewünschten Soll-Wert. Ist das der Fall, stellt sich stets die Frage, wie wir diese Abweichungen beheben können.

 

Wir können sowohl versuchen Veränderungen an den jeweiligen situativen Lebensumständen vorzunehmen, die zu einer möglichen Diskrepanz beitragen (z.B. Ortswechsel, Arbeitsplatzwechsel, Trennung etc.), zugleich oder auch alternativ können wir Veränderungen an uns selbst vornehmen. So kann es u.U. helfen, uns von bestimmten Ansprüchen und Erwartungen zu lösen, ebenso eine andere Sicht, ein verändertes Verständnis bzw. eine andere Deutung des Ganzen vorzunehmen, um den inneren und äußeren Konflikt zu reduzieren oder zu lösen (re-framing). 

 

Ziel darf es und sollte es sein, bezüglich dieser o.g. drei Säulen ein ausgewogenes Verhältnis herzustellen. Es wird kaum möglich und realistisch sein, eine weitgehende Gleichheit in deren Ausprägung anzustreben. Je nach Persönlichkeit und Charaktereigenschaften, werden diese Säulen unterschiedlich stark ausgeprägt sein, doch sollte keine überragend dominieren und ebenso keine vollkommen unterrepräsentiert sein. Probleme und Konflikte, in Verbindung mit negativen Empfindungen und möglichen körperlichen, seelischen und geistigen Beschwerden, können wir langfristig nur vermeiden, wenn es uns gelingt diese drei Säulen in einem ausgewogenen Verhältnis als Grundlage unseres Lebens zu haben.

 

Hierbei sollte es nicht darum gehen, hundertprozentige Lösungen zu finden. Eine solche Haltung wäre der Anlass für fortdauernde Unzufriedenheit mit sich selbst und auch mit anderen, da die Wirklichkeit dem Anspruch nach Vollkommenheit niemals gerecht werden kann. Viel sinnvoller, angemessener und empfehlenswerter erscheint eine Haltung der Toleranz, des Verständnisses, der Großzügigkeit und Nachsichtigkeit auch Abweichungen gegenüber, sofern diese sich in Grenzen halten.

 

Die Anerkennung sowohl der eigenen als auch der uns alle kennzeichnenden Unvollkommenheit, gibt uns viel mehr Freiheit und Wohlbefinden, da sie mit einem Frieden verbunden ist, den wir in uns selbst und auch mit anderen schließen und finden können. Zu lernen mit der Abweichung von einem angestrebten Soll zu leben, kann ein wichtiger und bedeutender Schritt sein, dem Wunsch ein klein wenig näher kommen zu können.

 

Im sog. ‚Gelassenheitsgebet‘, das vermutlich von dem US-Amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr verfasst wurde und große Verbreitung gefunden hat, heißt es in den ersten drei Zeilen: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden….“

 

Wie eine Lösung für eine bestehende, enttäuschende Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität aussehen kann, zeigt auch eine fernöstliche Geschichte. Ein indischer Bauer, kämpfte viele Jahre mit dem Unkraut in seinem Garten, bis er eines Tages, enttäuscht und frustriert aufgrund seines erfolglosen Kampfes, sich mit einem offiziellen Schreiben an seine Regierung wendete. Er schilderte sein Problem und bat, mit Hilfe der dort doch sicher vorhandenen Wissenschaftler und Fachleute, ihm eine Lösung zukommen zu lassen. Nach Monaten des Wartens kam schlussendlich ein offizielles Schreiben der Bezirksregierung, in dem man dem Bauern mitteilte, dass man nach vielen langen Erörterungen und Diskussionen in unterschiedlichen Zusammensetzungen und Behörden, nun glücklich sei, ihm eine Lösung präsentieren zu können. Die Lösung, die der Bauer im letzten Satz des Schreibens lesen konnte lautete: „Wir empfehlen Ihnen, lernen Sie im Frieden mit Ihrem Unkraut zu leben!“. 

 


04.07.2019

 

7. Der Mensch ist eine Ganzheit aus Körper, Seele und Geist. Was bedeutet das für die Transplantation eines Herzens?

Mit der Erkenntnis und dem Zugeständnis, das wir Menschen eine Ganzheit sind aus Körper, Seele und Geist, überwinden wir den uns von René Descartes (1596-1650), dem französischen Philosophen, Mathematiker und Naturwissenschaftler, auferlegten Dualismus, der eine Trennung von Körper und Geist postulierte. Für Descartes und seine bis zum heutigen Tag weltweit überall anzutreffenden Verfechter aus allen Gebieten der menschlichen Wissenschaft galt, dass es sich bei Körper und Geist um zwei vollkommen unterschiedliche, voneinander getrennte Einheiten bzw. Substanzen handele. Diese können in diesem Verständnis insofern unabhängig und losgelöst voneinander von Störungen oder Erkrankungen betroffen sein.  

 

Das Verständnis von Descartes bezogen auf den Menschen, findet sich in vergleichbarer Weise im Verständnis der ganzen Welt bei Isaac Newton (1642-1726), dem englischen Naturforscher, Theologen, Physiker und Mathematiker. Er war der Überzeugung, dass sich die Welt, wie eine Maschine, exakt mathematisch beschreiben ließe. Dies aufgrund von Beobachtung und Messung. Hierbei ging er von der Gewissheit aus, dass der Beobachter, unter Einhaltung gewisser Grundsätze und Voraussetzungen, bei seiner Beobachtung vollkommen unabhängig von dem Gegenstand der Beobachtung sei. Die Aussagen und Ergebnisse in Folge der Beobachtung, hätten somit durchaus den Anspruch auf Objektivität.

 

So wie wir spätestens seit den Erkenntnissen der psychosomatischen Medizin wissen, dass der Mensch sich nur als Ganzheit begreifen lässt, bei der eine betroffene Einheit (Körper, Seele, Geist) immer auch die anderen mit betrifft, wissen wir seit den Erkenntnissen der Quantenphysik, dass es nicht möglich ist, die Welt nach einem mechanistischen Weltbild zu begreifen. In diesem sollte es klare Zuordnungen und eindeutige kausale Verknüpfungen geben, die sich objektiv beschreiben lassen. Ganz im Gegenteil, dank der Quantenphysik wissen wir heute, dass alles mit allem verbunden ist und insofern auch der Beobachter mit dem Objekt seiner Beobachtung in Verbindung tritt und damit Einfluss auf das Ergebnis seiner Beobachtung nimmt (siehe Doppelspalt-Experiment).

 

Wenn wir diese heutige Sicht und das heutige Verständnis von uns Menschen und von der Welt in der wir leben, auf den medizinischen Eingriff einer Herztransplantation übertragen, können wir uns fragen, was passiert durch eine Transplantation? Geht es tatsächlich nur darum, dass ein krankes, nicht mehr zuverlässig, schlecht funktionierendes Organ durch ein anderes ersetzt wird? Vergleichbar dem Austausch eines defekten, wenn auch zentralen und damit wichtigen Teils in einer Maschine, was durchaus dem physikalischen Verständnis im Sinne von Isaac Newton entsprechend, so gedeutet werden könnte.

 

Aus der Quantenphysik wissen wir mittlerweile, dass wir eingebettet und umeben sind von einem elektromagnetischen Feld, dem sog. ‚Meer aller elektromagnetischen Möglichkeiten‘, in welchem alle Information in Form von Energie in Wellen bzw. Schwingungen gespeichert vorliegt. In diesem Feld nimmt alles auf der subatomaren bzw. Quantenebene seinen Anfang.

 

Betrachtet man ein Atom, so besteht es aus einem Atomkern und einer Atomhülle, die jeweils eine positive bzw. negative elektrische Ladung haben. Kommt es zum Zusammenschluss zweier Atome, bilden sie ein sog. Molekül. Im Bereich der Überlagerung der beiden Atome, in dem es zur Verbindung kommt, wird Information ausgetauscht. Aufgrund der gemeinsamen Information, teilen diese beiden Atome eine ähnliche Energie, die sich durch eine bestimmte Frequenz auszeichnet. Zugleich werden diese beiden Atome von einem unsichtbaren Energiefeld umgeben und zusammengehalten. 

 

Wir könnten das in der Analogie durchaus vergleichen, mit dem Zusammengehen zweier Menschen, z.B. im Rahmen einer Partnerschaft, bei der es vom Augenblick des Zusammenschlusses ebenfalls den gemeinsam geteilten Raum gibt, in dem Information und Energie geteilt wird. Dieser gemeinsame Raum ist ebenfalls durch gleichförmige Schwingungen gekennzeichnet. Für Außenstehende mag das zeitweise den Anschein haben, dass es gleichgültig ist, welchen von beiden Partnern man bzgl. eines Sachverhaltes befragen würde, es kämen gleich lautende Antworten. Auch eine auf diese Weise gekennzeichnete Beziehung, ist insofern von einem nicht sichtbaren energetischen Feld umgeben. 

 

Allein die Tatsache, dass sich diese beiden Menschen entschieden haben eine solche Verbindung im Sinne einer Partnerschaft einzugehen, setzt voraus, dass es zwischen beiden zu einer weitreichenden ‚Resonanz‘ bzw. Kohärenz gekommen ist. Dies bedeutet, die gleichschwingenden energetischen Wellen dieser beiden Menschen haben sich so sehr überlagert, ergänzt und gegenseitig verstärkt, dass daraus eine harmonische Verbindung entstanden ist.

 

Kehren wir auf die Ebene der Atome und Moleküle zurück, können wir feststellen, dass das unsichtbare Energiefeld, welches die Materie umgibt, dem aus den beiden Atomen entstandenen Molekül, ganz spezifische Eigenschaften sowie eine spezifische Form und Struktur gibt. Diese sind mit ganz bestimmten Informationen und Energien verbunden. Durch jedes weitere dazukommende Atom verändert sich die physikalische Eigenschaft des Moleküls. Weitere hinzukommende Atome verändern die chemische Verbindung fortlaufend und ebenso das unsichtbare, umgebende Energiefeld. Bei diesen Prozessen haben wir es mit etwas sehr Realem und Messbarem zu tun. 

 

Wenn es zu einer genügend großen Anzahl solcher chemischen Verbindungen gekommen ist, entsteht letztlich eine Zelle, die ebenfalls von einem Energiefeld umgeben ist und sich durch spezifische Merkmale der Information und Energie auszeichnet. Je geordneter die Frequenzen an Energie sind, die von diesen Zellen abgestrahlt werden, umso gesünder dürfen sie bezeichnet werden. In diesem Fall einer geordneten Frequenz von energetischen Schwingungen, sprechen wir von einer bestehenden Kohärenz bzw. Übereinstimmung. (Als Randnotiz sei angemerkt, dass der Austausch an Energie zwischen Zelle und dem umgebenden Energiefeld, schneller als mit Lichtgeschwindigkeit erfolgt, da er auf der sog. Quantenebene stattfindet.)

 

Der Vorgang des Zusammenschlusses wird weiter fortgeführt, so dass sich aus den Zellen Gewebe bilden, einschließlich eines Energie- und Informationsfeldes. Aus den Geweben, bildet sich ein Organ und aus dem Zusammenschluss der Organe, ein ganzes System mit vergleichbaren Kennzeichen und Merkmalen. Letztlich kommt es zur Vereinigung der Organ-Systeme zu einem ganzen Körper, mit dem ihn kennzeichnenden Energie- und Informationsfeld. 

 

Wie oben beschrieben, ist dieses umgebende Energiefeld voller Information, die hier gespeichert ist und weitergegeben werden kann bzw. sich in einem fortlaufenden Zustand des Austauschs befindet. Insofern können wir diesem energetischen Feld, auch die Funktion eines Informationsspeichers bzw. eines Gedächtnisses zusprechen. 

 

Wir können uns vor Augen führen, dass bei einer Transplantation eines Herzens, ein Organ übertragen wird, das aus Gewebe besteht, welches aus Zellen zusammengesetzt ist, auf der Grundlage von chemischen Verbindungen, die wiederum aus Molekülen bestehen, welche sich aus dem Zusammenschluss von Atomen gebildet haben. Aufgrund dessen können wir verstehen, dass im Fall einer Transplantation nicht nur ein sichtbares Organ entnommen und eingepflanzt wird, sondern auch die mit all den Bestandteilen verbundenen Information, sowie das jeweils damit verbundene Energiefeld. Wie wir gesehen haben, handelt es sich dabei um sehr konkrete, sehr spezifische und einzigartige Informations- und Energiefelder.

 

Zum besseren Verständnis ist es an dieser Stelle hilfreich und sinnvoll, sich an eine indianische Tradition zu erinnern, die der Schamane Bear Heart in seinem Buch ‚Der Wind ist meine Mutter‘ beschreibt. „Das, was in der Gesellschaft des Westens als ‚unbelebte Objekte‘ bezeichnet wird, Steine zum Beispiel, Schmuckstücke, Kleider, Möbelstücke und Gebäude, sind für unser Volk lebende Ganzheiten, weil sie aktive Energie enthalten. Wir nennen Steine ‚Felsmenschen‘…..Wenn man etwas Festes aus der Erde bekommt, einen Stein, einen Kristall oder sogar ein Schmuckstück, kennt man oft weder seine Geschichte, noch weiß man, welche Art von Energie es angereichert hat, deshalb sollte man das Stück vier Tage lang in der Erde vergraben und erst am fünften Tag wieder ausgraben - bis dahin ist die Energie gereinigt. Anschließend sollte man das Stück in die Hand nehmen und seine eigenen Energien hineinströmen lassen und es sich so zu eigen machen. Wenn man die Energie eines Textilgewebes reinigen will, muss man es vier Tage lang in die Sonne legen. So wird es rein.“

 

David Frawley, einer der einflussreichsten und anerkanntesten Lehrer der vedischen Weisheit, berichtet von einer vergleichbaren Achtsamkeit in der Lebenshaltung allem gegenüber, die sich in den über 5000 Jahre alten Veden bzw. Lehren des Yoga findet. In den dort aufgeführten Verhaltensprinzipien ist von Ahimsa ('nicht-verletzten') die Rede. Ahimsa bedeutet, „dass wir keinem lebendem Wesen schaden - nicht nur keinem Menschen, sondern auch nicht der Schöpfung insgesamt - nicht einmal einem Stein!“

 

Wenn wir uns das alles bewusst machen, dürfen wir uns fragen, was geschieht, wenn wir ein Organ wie das Herz einem verstorbenen Menschen entnehmen um es einem anderen Menschen als Ersatz für das eigene, geschädigte, nicht mehr funktionsfähige, einzusetzen? Wird die in den Zellen dieses Organs gespeicherte Information und Energie, die ganz spezifisch und kennzeichnend für diesen verstorbenen Menschen gewesen ist, ebenfalls transplantiert? Und wenn ja, welche Auswirkungen hat das?

 

Claire Sylvia, eine 47-jährige professionelle Tänzerin und Choreografin, war eine Transplantationspatientin, die im Jahr 1988 ihre Erfahrungen, in Folge der bei ihr vorgenommenen Herztransplantation in einem Buch veröffentlicht hat. Sie schildert darin, wie sie nach der Transplantation völlig fremde Charakterzüge und neue Vorlieben entwickelte. So entwickelte sie zunehmend Gelüste auf Chicken Nuggets, Pommes, Bier, grüne Paprika und Snicker-Riegel, was ihr zuvor überhaupt nicht schmeckte. In ihrer Persönlichkeit zeigte sie zunehmend mehr Züge von Durchsetzungsvermögen und Selbstvertrauen. Als sie von einem jungen Mann träumte, erkannte sie in ihm ihren Spender. Nach und nach entstand in ihr die Überzeugung, dass sie mit seinem Herzen auch einen Teil seiner Seele in sich aufgenommen hatte. Dies führte sie dazu, sich auf die Suche nach seiner Familie zu machen, um Klarheit zu gewinnen. Tatsächlich bestätigte sich aufgrund der Begegnung mit der Familie des damals 18-jährigen Spenders, dass es sich bei diesen Vorlieben und Eigenschaften und kennzeichnende Merkmale des Spenders handelte.

 

Dramatischer und ebenso überzeugend, ist die Geschichte eines 8-jährigen Mädchens, dem das Herz einer verstorbenen 10-jährigen transplantiert wurde. Nach der Transplantation des Herzens, entwickelte das Mädchen gehäuft Alpträume, in denen es sich bedroht fühlte, ermordet zu werden. Aufgrund der Schwere der Beeinträchtigung durch diese Alpträume, wurde eine ärztliche Behandlung eingeleitet. Nachdem zunächst die Inhalte der Träume als Ausdruck der eigenen Phantasie interpretiert wurden, zeigte sich im Verlauf der Nachforschungen, dass die Spenderin tatsächlich Opfer einer solchen gewaltsamen Tat geworden war. Aufgrund der detailreichen Träume und der genauen Angaben über Zeit und Ort des Verbrechens, sowie die Waffe des Täters und der ihn kennzeichnenden Merkmale, welche das Mädchens aufgrund ihrer inneren Bilder machen konnte, war es letztlich der Polizei möglich, den Täter zu identifizieren. Auf diesem Weg gelang es ihn nachträglich zu verhaften und zu verurteilen.

 

Dies sind stellvertretend nur zwei Fälle, die jedoch sehr anschaulich und eindrucksvoll vermitteln, wovon wir bei der Transplantation eines Organs ausgehen dürfen. Ganz offensichtlich wird mit dem Organ auch die Information und das dieses Organ kennzeichnende energetische Feld übertragen. Die Folge davon ist, dass der Empfänger dieses Organs, auf die in dessen energetischen Feld gespeicherte Information zurückgreifen kann bzw. diese vom Augenblick der Transplantation, einen Einfluss auf den Empfänger ausübt und somit nicht nur seinen Körper bestimmt, sondern in gleicher Weise seinen Geist und seine Seele. 

 

Aufgrund der uns heute vorliegenden wissenschaftlichen Befunde und den damit im Einklang befindlichen, uns überlieferten Gebräuche und Empfehlungen alter Kulturen, können wir feststellen, dass unsere Organe auf der Basis von Energie bzw. Information funktionieren. Bestimmend für ein Organ ist somit das jeweilige Energie- und Bewusstseinsfeld. 

 

Unser gesamter Körper, der sich aus diesen Organen und Organsystemen zusammensetzt, ist in gleicher Weise von einem unsichtbaren elektromagnetischen Energiefeld umgeben. Dieses konstituiert letztlich unser individuelles und damit einzigartiges Selbst, unsere ganz persönliche ‚elektromagnetische Signatur‘. Wie könnte diese bei der Transplantation eines Herzens nicht zugleich mit dem Organ übertragen werden?

 

Zur Beantwortung der in der Überschrift zu diesem Beitrag gestellten Frage, lässt sich insofern feststellen, auch im Fall der Transplantation eines Herzens sollten wir berücksichtigen, dass nicht nur ein Organ übertragen wird, sondern auch Anteile der Seele und des Geistes des Spenders.

 


30.06.2019

 

8. Brauchen wir Vorbilder?

Nelson Mandela (18.07.1918-05.12.2013) engagierte sich als führender südafrikanischer politischer Aktivist in einem mehrere Jahrzehnte dauernden Widerstand gegen die Apartheid. Von 1944 an engagierte er sich im African National Congress (ANC) um gegen die Rassendiskriminierung und die politische Gleichberechtigung aller Volksgruppen in Südafrika gegen die Vorherrschaft der Weißen zu kämpfen. Aufgrund dessen wurde er von 1963 bis 1990 über 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft gehalten. 

 

Trotz seiner langen Jahre der Gefangenschaft, blieb er der herausragende Vertreter und die Symbolfigur im Freiheitskampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit in Südafrika. Die erlittenen Demütigungen, Verletzungen und endlosen Versuche der Einschüchterung und Bedrohung, konnten ihm seine versöhnliche, wertschätzende und friedliebende Haltung, alle Menschen, ungeachtet von deren Hautfarbe, Rasse, Herkunft, Kultur und sozialen Status nicht nehmen. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde er 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes gewählt, was er bis 1999 blieb. Aufgrund seines Engagements für den alle Menschen verbindenden Frieden, erhielt er 1993 den Friedensnobelpreis und galt schon zu seinen Lebzeiten als politisches und moralisches Vorbild.

 

Geboren wurde er am Ufer eines Flusses in einem kleinen Dorf. In prophetischer Weitsicht hatte er von seinem Vater einen Vornamen erhalten (Rolihlahla), der in wörtlicher Übersetzung die Bedeutung hatte ‚Am Ast eines Baumes ziehen‘, was als gleichbedeutend mit ‚Unruhestifter‘ zu verstehen war. Die Familie gehörte zum Stamm der Xhosa, deren Rituale, Gebräuche und Sitten er verinnerlichte. Da sein Vater bereits früh verstarb, Mandela war gerade 9 Jahre alt, wurde er von einem Stammes-Oberhaupt adoptiert und erhielt nun einen Namen mit einer ebenfalls prophetischen Bedeutung ‚Gründer des Rates‘.

 

In seiner lesenswerten, detailreichen und mit 864 Seiten sehr umfangreichen Autobiographie („Der lange Weg zur Freiheit“) ist zu lesen, wie er bereits als Kind versuchte „Gegner zu bezwingen, ohne sie zu entehren“. Im Alter von 19 Jahren besuchte er eine methodistische Missionsschule, wo er ein Bewusstsein als Afrikaner entwickeln konnte, losgelöst von einem Stammes-Bewusstsein. Zwei Jahre später schrieb er sich im University College ein, wo er einige seiner späteren Wegbegleiter im Kampf gegen die Unterdrückung kennenlernte. Seine Studienfächer waren Englisch, Anthropologie, Politik und Römisch-Holländisches Recht. 

 

Nachdem er zunächst als Wachmann in einem Goldbergwerk gearbeitet hatte, nahm er später eine Ausbildungsstätte in einer Anwaltskanzlei an. Hier entwickelte er erstmals eine freundschaftliche Beziehung zu einem weißen jüdischen Kommunisten. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen und war neben seiner Arbeit auch als Schwergewichtsboxer unterwegs. Im Alter von 25 Jahren beendete er erfolgreich sein Fernstudium an der Universität of South Africa mit seinem Bachelor of Arts. Seinen graduierten Abschluss konnte er jedoch 6 Jahre später aufgrund seines politischen Engagements nicht machen. Aufgrund unzähliger Behinderungen und absichtlich auferlegter Hürden, vor und während der Jahre seiner Gefangenschaft, konnte er letztlich erst gegen Ende seiner Haftzeit 1989, sein Jura-Studium offiziell mit dem Bachelor of Law erfolgreich abschließen.

 

Sein Kampf gegen die politische, soziale und auch wirtschaftliche Unterdrückung begann er bereits in seinen jungen Jahren als Student. Nachdem 1948 Gesetze eingeführt wurden (Apartheid), mit denen die Vorherrschaft der Weißen festgeschrieben wurde und die Rassenzugehörigkeit aller Südafrikaner gekennzeichnet war, wurde sein Kampf umso intensiver. Bereits zu dieser Zeit war er bestimmt von der Idee des gewaltlosen Widerstands, wie ihn Mahatma Gandhi in Indien vertreten hatte. 1952 eröffnete er zusammen mit einem Weggefährten (Oliver Tambo) die erste von einem Schwarzen geführte Anwaltskanzlei in Südafrika. In den folgenden Jahren wurde er aufgrund seiner politischen Aktivität wiederholt verhaftet und mit einem Bann belegt, der seine Bewegungsfreiheit sowie seine Rechte stark einschränkte.

 

Obwohl er 1961 in einem langwierigen Prozess des Hochverrats freigesprochen wurde, musste er sich in den Untergrund begeben und als Gärtner und Chauffeur arbeiten. Aufgrund der immer schärfer werdenden Auseinandersetzungen mit den weißen Machthabern und der nun eskalierenden Gewalt, von deren Seite, kam Mandela zur Überzeugung, dass es notwendig sei, die Haltung des gewaltfreien Widerstandes zu überdenken und erklärte die Zeit der friedlichen Versuche  einer Umwälzung zunächst für beendet. In der Folge kam es zur Durchführung von unterschiedlichen Sabotageakten.

 

Nachdem Mandela 1962 erneut verhaftet worden war, wurde er in einem Prozess, in dem ihm kein Rechtsanwalt zugestanden wurde und er sich aufgrund dessen selbst verteidigen musste, zunächst zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1990 wurde von der New York Times veröffentlicht, dass die Informationen, die an die südafrikanischen Behörden gelangten und zur Verhaftung von Mandela führten, von der CIA kamen. 1964 wurde Mandela letztlich zusammen mit sieben anderen Mitstreitern zu einer lebenslangen Haft verurteilt. 

 

Obwohl im Verlauf der Jahre seiner Inhaftierung Mandela wiederholt das Angebot der Freilassung gemacht wurde, lehnte er es jeweils ab, da es an Bedingungen geknüpft war, die von den weißen Machthabern gestellt wurden. Demnach sollte Mandela u.a. bewirken, dass der African National Congress (ANC) seinen Kampf gegen das weiße Regime aufgeben sollte. Das jedoch wollte Mandela nicht akzeptieren. Trotz einer international zunehmenden Kampagne für seine Freilassung, blieb er weiter inhaftiert und erhielt in Gefangenschaft 1988 den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen.

 

Die amerikanische Regierung unter der Führung von Ronald Reagan, sowie die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher bezeichneten Mandela zur gleichen Zeit 1988 noch als Terroristen, aufgrund dessen er sich zusammen mit verschiedenen Kriminellen auf einer US-Watch List befand, von welcher er erst im Jahr 2008 von G.W. Bush gestrichen wurde.

 

Nachdem Mandela am 11.02.1990 nach 27 Jahren aus der Haft entlassen wurde, hielt er wenige Tage später vor 120.000 Zuhörern im FNB Stadion in Johannesburg eine Rede, in welcher er seine Politik der Versöhnung darstellte. Er rief darin alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben hatten zur Zusammenarbeit auf. Sein Ziel war es gemeinsam mit allen an einem „nichtrassistischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle“ zu arbeiten. Nach den ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 wurde Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt. 

 

In seiner Autobiographie ‚Der lange Weg zur Freiheit‘ schreibt Mandela:

„Während dieser langen, einsamen Jahre (der Inhaftierung) wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz…Ein Mensch, der einem anderen die Freiheit raubt, ist ein Gefangener des Hasses…Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermaßen ihrer Menschlichkeit beraubt. Als ich das Gefängnis verließ, war es meine Aufgabe, beide, den Unterdrücker und den Unterdrückten zu befreien…Denn um frei zu sein genügt es nicht, einfach nur die Ketten abzuwerfen, sondern man muss so leben, dass man die Freiheit des anderen respektiert und fördert.“

 

In beeindruckender Weise ist es in einem sehenswerten Spielfilm (‚Invictus’ siehe das Video unten) dem Regisseur Clint Eastwood gelungen, die Strahlkraft von Nelson Mandela zu vermitteln. Er führte anlässlich der Rugby Weltmeisterschaft in Südafrika 1995 seine südafrikanische Mannschaft zum Finale auf das Spielfeld. Die Mannschaft Südafrikas war relativ ‚chancenlos’ als Außenseiter in das Turnier gestartet. Doch Mandela selbst war voller Zuversicht und konnte der Mannschaft einen Glauben vermitteln, der so stark war, dass sie letztlich Weltmeister wurde. Rugby war der klassische Sport der Weißen. Mandela nutzte diese Gelegenheit, sowie die Weltmeisterschaft insgesamt, um allen Südafrikanern zu signalisieren, wir sind ein Volk und gehören alle zusammen, unabhängig von unserer Hautfarbe, der kulturellen Herkunft oder dem sozialen Status.

 

Die von Mandela in den Jahren seiner Präsidentschaft eingeleiteten und durchgeführten gesellschaftlichen Veränderungen betrafen alle Bereiche des Zusammenlebens und waren von großer Bedeutung, so z.B. die Bestimmung, wonach Kinder unter sechs Jahren, schwangere und stillende Mütter eine kostenlose Gesundheitsfürsorge zu erhalten hatten. Auch wurde die Strom- und Wasserversorgung für Millionen von Menschen sichergestellt, die bis dahin davon ausgegrenzt waren. 

 

Viele bedeutende internationale Persönlichkeiten aus allen Bereichen des Lebens, Politik, Wissenschaft, Kultur, Sport, Showgeschäft, welche die Gelegenheit hatten Nelson Mandela persönlich zu treffen und ihn kennenzulernen, berichteten in vergleichbarer und übereinstimmender Weise von seinem Charisma, seiner Bescheidenheit, Integrität und Authentizität. Er stand und steht unverändert, beispielhaft für die universellen Werte, die uns Menschen auf diesem Planeten vereinen sollten. Sein Wirken und seine Erfolge sind ein Beleg dafür, dass es sich lohnt, einen langen, beschwerlichen und auch leidvollen Weg auf sich zu nehmen, um ein ersehntes Ziel zu erreichen.  

 

In den langen Jahren seiner Gefangenschaft war es das Gedicht ‚Invictus‘ von William Ernest Henley (1849-1903), das ihm, auch in den dunklen Zeiten, stets Hoffnung, Zuversicht und Kraft gab. Die beiden letzten Zeilen dieses Gedichts sind von großer Bedeutung und gehören für mich zu den Grundlagen meiner Psychotherapeutischen Botschaft an die Menschen, die den Glauben an sich selbst verloren haben.

 

„Aus finst’rer Nacht, die mich umringt,

durch Dunkelheit mein ’Geist ich quäl’.

Ich dank’, welch’ Gott es geben mag,

dass unbezwung’n ist meine Seele.

 

Trotz Pein, die mir das Leben war,

man sah kein Zucken, sah kein Toben.

Des Schicksals Schläg’ in großer Schar.

Mein Haupt voll Blut, doch stets erhob’n.

 

Jenseits dies Orts voll Zorn und Tränen,

ragt auf der Alp der Schattenwelt.

Stets finden mich der Welt Hyänen.

Die Furcht an meinem Ich zerschellt.

 

Egal, wie schmal das Tor, wie groß,

wieviel Bestrafung ich auch zähl’.

Ich bin der Meister meines Los’.

Ich bin der Käpt’n meiner Seel’.

 

Zu Beginn dieses Beitrages steht die Frage, ob wir Vorbilder brauchen. Vorbilder können uns Orientierung sein, da wo wir keine Orientierung haben. Sie können uns Halt, Hoffnung, Zuversicht, Sicherheit, Kraft, Energie, Mut und Vertrauen geben, den Glauben an uns selbst, sowie an eine gute, vielleicht bessere, segensreiche Zukunft und damit auch ein besseres Leben im Hier und Jetzt. Wir alle brauchen solche Vorbilder, die Sehnsucht danach ist uns von Geburt an mitgegeben, sie ist wohl ein Teil unserer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung. Insofern dürfen wir dankbar sein, wenn wir einen solchen Menschen unter uns finden. Leider sind sie offensichtlich immer seltener anzutreffen, um so wichtiger scheint es mir, sich an den wenigen, die wir kennen auszurichten. Nelson Mandela ist für mich ein solches Vorbild.

 


27.06.2019

 

9. Was gibt uns die Meditation und das Yoga?

In Folge der Erkenntnisse aus der Quantenphysik, können wir inzwischen von einem ‚elektromagnetischen Feld‘ sprechen, das die gesamte Schöpfung kennzeichnet und ausfüllt. Mit anderen Worten können wir von dem ‚Meer aller Möglichkeiten‘ sprechen. Dieses Meer besteht aus Schwingungen (Wellen aus Energie) bzw. aus Information.

 

Was sind die Zugänge, die wir neben dem Forschen und den wissenschaftlichen Bemühungen v.a. auch im Rahmen dieser Quantenphysik haben, um Aufschlüsse über dieses unbestimmte, elektromagnetische Feld zu bekommen? Wie können wir eine Erfahrung ermöglichen, welche von einem Gefühl der Berührung und des Gewahr-Werdens dieses energetischen Feldes gekennzeichnet ist? 

 

Das Überschreiten bzw. das Durchschreiten der uns gegebenen Grenzen unserer materiellen Wirklichkeit, lässt sich anhand unterschiedlicher Wege vollziehen. Hierzu zählen Zustände der Trance, wie sie über bestimmte Rhythmen oder auch über die Einnahme bestimmter Substanzen ermöglicht werden, bzw. auch in Folge einer Hypnose. Ebenso jedoch ist es uns möglich über das Praktizieren der Meditation und des Yoga in eine Tiefe des  Bewusstseins zu kommen, die den Kontakt mit diesem Meer aller Möglichkeiten bietet.

 

In den letzten 20 Jahren wurden unzählige wissenschaftlich anspruchsvolle und z.T. originelle Studien und Untersuchungen zur Wirksamkeit der Meditation und des Yoga auf unser geistiges, seelisches und körperliches Wohlbefinden durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studien finden sich weltweit in den unterschiedlichsten Ländern der Erde.

 

So können wir inzwischen sagen, dass die Meditation Auswirkungen hat auf nahezu alle Organe unseres Körpers. Gehirn, Herz-Kreislaufsystem, Lungen, Stoffwechsel-Prozesse, Hormon-Haushalt, glatte und quer gestreifte Muskulatur, Knochen, Sinnesorgane, Immunsystem, Psyche und die Zellen einschließlich unseres Chromosomen-Satzes sind betroffen. MRT-Aufnahmen (Magnetresonanztomographie) haben gezeigt, dass regelmäßiges Meditieren, ganze Bereiche in unserem Gehirn verändert und damit unseren gesamten Organismus beeinflusst (siehe MRT-Bild unten). Eine der bekanntesten Formen der Meditation nennen wir ‚Achtsamkeitsmeditation‘. Diese hat sich weitgehend von ihren ursprünglich religiösen Wurzeln gelöst. Hier geht es darum, die Achtsamkeit auf die Vorgänge in unserem Inneren zu lenken, auf unsere tiefen Gefühle bzw. körperliche Empfindungen.  

 

Christophe André, Arzt an dem Centre Hospitalier Sainte-Anne in Paris, sagt: „Wir hören in unsere ganze Person hinein. Lauschen, was in unserem Körper geschieht, wie wir atmen, wie unsere Gedanken fließen, wie Geräusche auf uns wirken….Im Grunde sind wir unser eigener stiller Beobachter.“ Christophe André ist für seine zahlreichen Publikationen bekannt. Er war der erste Arzt in Europa, der die Meditation klinisch genutzt hat. In seiner Klinik in Paris setzt er seit vielen Jahren erfolgreich Meditation bei Patienten mit chronischen Depressionen und Angststörungen ein. Dort wird die Meditation neben der Pharmakotherapie und Psychotherapie als eine weitere, unterstützende Maßnahme verstanden. 

 

Inzwischen vorliegende internationale Studien zeigen, dass Personen, die bereits zwei schwere depressive Episoden erlebt haben, durch 20 Minuten Meditieren am Tag, ihr Rückfall-Risiko um 50 % reduzieren können. Verantwortlich für unsere Gefühle ist ein bestimmter Teil des lymbischen Systems unseres Gehirns, das den Namen Amygdala trägt. Diese Amygdala ist auch das Zentrum für unsere Angstgefühle. So zeigt sich bei Angstpatienten dort eine besonders hohe Aktivität. Werden Patienten ohne Meditationstraining mit Patienten verglichen, die ein bestimmtes 8-wöchiges Meditationstraining hatten, kommt es bzgl. der Angstreaktion bei Patienten mit dem Training zu deutlich weniger Aktivität in diesen Arealen des Gehirns. 

 

Ein weiteres Ergebnis des meditativen Prozesses ist die positive Auswirkung auf die sog. Neuroplastizität unseres Gehirns. Diese bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, in aktiver Weise Umbauprozesse i.S. der Erneuerung durchzuführen. Es ist nicht davon auszugehen, dass im Gehirn während der Meditation nichts geschieht. Ganz im Gegenteil, kommt es zu aktiven Prozessen des Umbaus in vielen Arealen.

 

Zu Beginn der Forschungsarbeiten zur Meditation, wurde diese v.a. von Psychologen und Psychiatern durchgeführt, zwischenzeitlich sind es Neurowissenschaftler, Immunologen, Kardiologen und auch Endokrinologen. Vielerorts werden Einführungskurse zur Meditation angeboten, in den USA bereits in über 200 Kliniken. Ausgangspunkt für die Erforschung der Meditation auf den Menschen, war das Center of Mindfullness in Medicine, Health Care and Society der University of Messechussets. 

 

Der Gründer dieses Center of Mindfullness, John Kabat-Zinn, wurde in den 70er Jahren, bei seinen Bemühungen, die moderne Medizin mit der Meditation zu verbinden, als ‚bekiffter Hippie‘ bezeichnet. Er entwickelte ein 8-wöchiges Anwendungsprogramm i.S. eines Schulungskonzepts, das inzwischen überall auf der Welt nahezu standardisiert zur Anwendung kommt.

 

In einer Studie von 2013 konnte Barbara Fredrickson, von der Universität North Carolina, belegen, dass die Kultivierung positiver Gedanken mittels der Meditation, unterschiedlichste positive Auswirkungen mit sich bringt. So steigert sich das eigene positive Wohlempfinden, die zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern sich, das eigene Nervensystem erfährt eine positive Beeinflussung und es kommt zu einer Fokussierung der Momente von Freude und Glück im Alltag.  

 

Bezüglich der Effekte der Meditation, wurde von Prof. Clifford Saron, Neurowissenschaftler der Universität in Kalifornien, ein sehr anspruchsvolles Forschungsprojekt durchgeführt. Dieses hatte zum Ziel zu prüfen, ob es möglich ist durch Meditation die Vorgänge innerhalb der menschlichen Zellen, auf der Ebene des Chromosomensatzes zu beeinflussen bzw. zu verändern. Hierzu wurden 2 Gruppen von je 30 Personen für 2 Monate in einem Haus in den Rocky Mountains in Meditation unterwiesen. Es wurden im Anschluss 15 verschiedene computerbasierte Aufgaben verabreicht, die es ermöglichten verschieden Aspekte der Regulierung von Emotionen abzufragen. 

 

Gegenstand der Beobachtung waren die sog. ‚Telomere‘, denen in gewisser Weise die Funktion einer biologischen ‚Schutzkappe‘ an den Enden der Chromosomen zukommt. Diese Telomere werden mit zunehmendem Alter immer kürzer und können somit ihre Funktion nur noch teilweise erfüllen. Sind diese Telomere zu kurz, kann sich die Zelle nicht mehr teilen und es wird kein neues Gewebe gebildet.

 

Zu Beginn und am Ende des 3-monatigen Meditationstrainings wurde die sog. Telomerase bestimmt. Dies ist ein Enzym, das die Telomer-Verkürzung verlangsamt. Die Ergebnisse zeigten, dass nach einem drei monatigen Meditieren, bereits ein Drittel mehr Telomerase im Blut vorliegt. 

 

Mit dieser Untersuchung wurde somit erstmals nachgewiesen, dass Meditation einen grundlegenden Mechanismus unserer Biologie beeinflussen kann, den Alterungsprozess von Zellen.

 

In gleicher Weise wie die Wirksamkeit der Meditation inzwischen in unzähligen Studien belegt wurde, verhält es sich mit der Wirksamkeit des Yoga. Seit 2016 gehört Yoga laut UNESCO zur repräsentativen Liste des ‚Immateriellen Kulturerbes der Menschheit‘. In der indischen Kultur hat Yoga immer schon eine bedeutende Rolle in den Bereichen der Gesundheit, Medizin, Bildung und Kunst. Beruhend auf dem ganzheitlichen Verständnis des Menschen bestehend aus Körper, Seele und Geist, zielt das Yoga auf die physischen, mentalen und spirituellen Kräfte des Menschen. Die angewandten Techniken bestehen in Körperübungen, Meditationen, Kontrollen der Atmung und auch in spirituellen Übungen.

 

Die positiven Auswirkungen des Yoga können wir auf allen Ebenen uns Menschen betreffend finden. Auf der physischen Ebene nimmt Yoga Einfluss auf den Blutdruck, die Herz- u. Lungenfunktion, den Magen-Darm-Trakt, die Beweglichkeit der Glieder, Energie und Ausdauer, Augen-Hand-Koordination, Reaktionsschnelligkeit, das Immunsystem, den Schlaf, die Muskulatur und das Körperbewusstsein. Auf der biochemischen Ebene senkt es die Stresshormon-Ausschüttung, den Glucose-Spiegel, das Cholesterin, erhöht die Anzahl der Lymphozyten (Immun-Abwehr) und des Hämoglobins und hilft bei der Regulation der Schilddrüsenhormone. Die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn steigt und die Lungenfunktion verbessert sich. 

 

Auf der psychischen Ebene kommt es zu einem Ansteigen der Stimmung, zur Reduktion von Stress, Angst und Depression. Zugleich zeigt sich eine Stärkung des Selbstbewusstseins, ein höheres Ausmaß an innerer Ausgeglichenheit und innerer Ruhe. Ebenso steigt das Ausmaß an Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und des Erinnerungsvermögens. In Folge dieser Effekte erhöht sich die soziale Kompetenz und die positive Einstellung zum Leben insgesamt verbessert sich, womit es letztlich zu einer umfassenden Erhöhung der allgemeinen Lebensqualität kommt.

 

Bereits bei Anfängern hat Yoga in kurzer Zeit eine positive Auswirkung. Es zeigt sich, dass diese in der Folge von einführenden Yoga Einheiten, bereits weniger Stress empfinden, statt dessen mehr Ausgeglichenheit und innere Ruhe.

 

Diese gesamten positiven Effekte des Yoga dürfen uns überzeugen und sprechen für sich. Allein aufgrund dieser weitgehenden positiven Auswirkungen auf unsere physische und psychische Verfassung, ist es ratsam sich dem Praktizieren des Yoga zu öffnen. Von noch weiterreichenden Auswirkungen ist die mit dem Yoga verbundene spirituelle Bereicherung. Dieser Fokus, welcher sich auf die spirituelle Ebene bezieht, dürfen wir bei den Yoga Angeboten, die wir heute an vielen Stellen unserer modernen, westlichen Gesellschaft finden, leider häufig vermissen.

 

Mark Whitwell, Autor und einer der weltweit bekanntesten, erfahrenen Yoga Lehrer aus Neuseeland, sagt hierzu: „Yoga ist abgetrennt worden von seiner großen Tradition….Es wurde in die Fitness Industrie integriert…es geht darum vorgegebenen Idealbildern zu genügen, die sich auf den Covers von Magazinen befinden….Tatsächlich jedoch geht es darum seinen Körper zu lieben, so wie der Körper seine eigene Atmung liebt… Wenn das gelingt ist es eine Liebesbeziehung…Die Einatmung liebt die Ausatmung..…Eine Anstrengung um einer Zielvorstellung zu genügen, die sich in der Zukunft befindet, ist kein Yoga.“

 

„Der Versuch irgendwo hinzugelangen, als sei man nicht irgendwo, als sei man nicht irgendwer, als sei man nicht ein Wunder der Schöpfung, ist kein Yoga…Wir sind die Kraft des Universums…in vollkommener Harmonie mit allem….So gibt es ein richtiges Yoga für jeden Menschen, gleichgültig wer dieser Mensch sein mag…Auf diese Weise Yoga zu praktizieren, bedeutet, die Kraft des Universums als wahr zu spüren…das hat etwas göttliches….Die umfassende Harmonie mit Allem zu spüren, das ist Yoga.“

 

Wenn wir erkennen können, dass wir über Meditation und Yoga in der Lage sind grundlegende physiologische, biologische, chemische und physikalische Prozesse zu beeinflussen bzw. zu initiieren, dürfen wir feststellen, dass wir mittels unseres Geistes über Materie bestimmen können. Hier deutet sich die von Mark Whitwell angesprochene ‚Kraft des Universums’ an. Im Einklang dazu steht die Feststellung von Max Planck, Physiker und Nobelpreisträger: „….Da es aber im ganzen Weltall weder eine intelligente noch eine ewige Kraft gibt, so müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten, intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund aller Materie! Nicht die sichtbare, aber vergängliche Materie ist das Reale, Wahre, Wirkliche, sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist ist das Wahre!“

 

Sowohl die Mediation als auch das Yoga bieten uns eine unschätzbare Gelegenheit, neben all den Möglichkeiten auf körperlicher und seelischer Ebene, den spirituellen Zugang zu dem Bereich des elektromagnetischen Feldes bzw. des Meeres der unbegrenzten Möglichkeiten zu bekommen. Es liegt ausschließlich an uns selbst, ob wir uns diesem öffnen.

 


25.06.2019

 

10. Zur Bedeutung der Körpersprache

Die erste reale Fernsehdebatte zwischen zwei politischen Repräsentanten fand am 26. September 1960, anlässlich des Präsidentschaftswahlkampfes zwischen dem republikanischen Vizepräsidenten Richard Nixon und seinem demokratischen Kontrahenten John F. Kennedy statt. Beide Politiker standen sich in einer einstündigen Debatte in einem CBS-Studio in Chicago gegenüber. Obwohl Nixon der klare Favorit war, lag er in der Gunst der ca. 70 Millionen Zuschauer deutlich hinter Kennedy. Nixon hatte einen längeren Krankenhausaufenthalt hinter sich, hatte 14 kg abgenommen und war von den vielen Wahlkampfauftritten offensichtlich geschwächt, wirkte teilweise blass und kränklich. Zudem war er schlecht rasiert und schwitzte sichtbar. Im Gegensatz dazu wirkte Kennedy sonnengebräunt, frisch, dynamisch und voller Energie. Im Unterschied zu Nixon, der sich immer wieder an Kennedy wandte, blickte Kennedy entschlossen in die Kamera und sprach die Zuschauer direkt an.

 

Kennedy hatte die Tage zuvor seinen Fernsehauftritt mit professionellen Filmschaffenden geübt und geplant. So wählte er einen Anzug in dunkelblau, der ihn deutlich von dem Studiohintergrund abhob, währenddessen Nixon eher einen gräulich gefärbten Anzug trug, der die ihn kennzeichnende Blässe noch unterstrich. (s. das Video hierzu unten)

 

Das interessante Ergebnis dieser Debatte war, dass die Mehrheit der Radiozuhörer, Richard Nixon als Sieger der Debatte nannten. Die Zuschauer hingegen, die diese Debatte über das Fernsehen verfolgten, waren zur überwiegenden Mehrheit der Ansicht, dass John F. Kennedy die Debatte gewonnen hatte. Das spätere offizielle Wahlergebnis bestätigte diese Einschätzung.

 

Was war passiert? Wie konnte ein Ergebnis zustande kommen, das sowohl der Vorhersage widersprach als auch dem Eindruck, den die Zuhörer über das Radio hatten? Die Erklärung liegt ausschließlich in der Wirkung der nonverbalen Kommunikation, somit der Körpersprache.

 

Unter Körpersprache können wir alle Botschaften verstehen, die mitgeteilt bzw. von einer Person als Sender gesendet werden, ohne dass dafür ein Wort gesprochen wird bzw. eine sprachliche Mitteilung erfolgt. So ist allein schon unsere Erscheinung, unser Aussehen, welche Kleidung wir tragen, welche Frisur uns kennzeichnet und alle sonstigen zusätzlichen Attribute (Dekoratives) und Accessoires (Schmuck) eine Aussage über uns selbst und das Selbstverständnis, das wir haben. Es sind Botschaften, die sich ohne ein gesprochenes Wort vermitteln.

 

Diese nonverbalen Botschaften lösen sehr vieles in uns aus, was verbunden ist mit Gedanken, Gefühlen, Wünschen, Sehnsüchten, Bedürfnissen, Zweifeln, Befürchtungen, Ängsten, etc. Wir erhalten Informationen über Status, Gesundheit, Krankheit, Pathologisches, Fähigkeiten, Kompetenzen, Persönlichkeitsmerkmale, etc.

 

Bestimmte Fragen, die sich uns im Kontakt mit jemandem stellen, den wir gerade erst kennen lernen, würden wir niemals offen aussprechen oder gar beantwortet haben wollen, in dem wir ganz offen nachfragen. Jedoch versuchen wir sie dennoch zu beantworten, in dem wir das als Information einbeziehen, was sich uns über das non-verbale Verhalten bzw. die Körpersprache vermittelt. „Sind Sie einfühlsam, aufrichtig und verlässlich?“ ist keine Frage, die wir an jemanden so richten würden, doch suchen wir im körpersprachlichen Ausdruck nach Hinweisen, die uns diese Fragen beantworten könnten.

 

Wir kennen alle dieses Vorgehen aus vielen alltäglichen Situationen, ob es der Kauf eines teuren Haushaltsgerätes ist, bei dem wir uns fragen, wie vertrauenswürdig der Verkäufer ist, die Einschätzung eines Handwerksmeisters, den wir beauftragen möchten, der Arzt, den wir erstmals aufsuchen, den potentiellen Partner, dem wir erstmals in einem Date begegnen, etc. In all diesen Situationen sind wir es gewöhnt, uns aufgrund der non-verbalen, körpersprachlichen Botschaften ein Bild zu machen, das uns Hinweise bietet, ‚wohin die Reise geht‘.

 

Lebensgeschichtlich haben wir alle zunächst über die Körpersprache gelernt uns zu orientieren, da wir zunächst keine Möglichkeit hatten uns verbal mitzuteilen und ebenso wenig in der Lage waren, verbale Botschaften zu verstehen. Zunächst waren es die Mimik, Gestik und die gesamte Körpersprache, einschließlich dem Tonfall der Stimme, die uns Orientierung bieten konnten. Erst später in unserer Entwicklung kam die Sprache als weitere zusätzliche Informationsquelle hinzu. 

 

Aufgrund dieser frühen Erfahrungen sind wir auch später in der Lage, intuitiv zu erkennen, ob die Körperhaltung signalisiert, „Du kannst dich vertrauensvoll an mich wenden“ oder ob sie bekundet „mit mir zu reden, macht wenig Sinn, ich habe keine Zeit“. Ein freundliches Gesicht, mit einem authentischen Lächeln und einer zugewandten Körperhaltung, löst etwas ganz anderes aus als eine zurückgelehnte Körperhaltung in Verbindung mit einem kritischen und distanzierten Blick.

 

Das Besondere bei der Körpersprache ist, dass es hier häufig auch kleine Details sind, die den Ausschlag geben. Spricht jemand und begleitet seine Ausführungen mit geschlossenen, nach unten zum Boden gerichteten Handflächen, hat es eine vollkommen andere Wirkung, als wenn jemand das Gleiche sagt, jedoch mit nach oben gerichteten, offenen Handflächen. In dem einen Fall entsteht Misstrauen, in dem anderen Vertrauen. Sind wir uns dessen bewusst, können wir erkennen, dass die Informationen, die wir über den Körper und das Nichtsprachliche erhalten, wesentlich aufschlussreicher und zuverlässiger sind als es die sprachlichen Mitteilungen sind. 

 

Das Beispiel, des Patienten, der beteuert offen und aufgeschlossen zu sein, in dem er zugleich eine geschlossene Körperhaltung einnimmt, mit überschlagenen Beinen und überkreuzten Armen, habe ich in einem vorangegangenen Beitrag schon genannt. Hier steht die körpersprachliche Botschaft im Widerspruch zur verbalen Äußerung. In einem solchen Fall tun wir gut daran, uns nach der non-verbalen Botschaft auszurichten, statt nach der verbalen Mitteilung. Worte haben einen sehr hohen Stellenwert, weshalb wir sehr genau und sehr achtsam sein sollten, in dem was wir sprachlich mitteilen, so wie auch bezogen auf das, was uns sprachlich mitgeteilt wird.

 

Dennoch können Worte niemals den gleichen Stellenwert einnehmen, wie non-verbale, körpersprachliche Botschaften. Wie sollten wir den Stellenwert, die Bedeutung und das Erleben, das mit einer Umarmung verbunden sein kann, gleichwertig mit Worten ersetzen wollen. Das ist unmöglich, aus guten Gründen. An dieser Stelle können wir uns erinnern an die Untersuchungsergebnisse von Harry Harlow (1905-1981) einem US-amerikanischen Psychologen und Verhaltensforscher, der in seinen bahnbrechenden Experimenten zum Sozialverhalten junger Rhesus-Affen, die Bedeutung des Körperkontaktes nachweisen konnte. (s. das Video hierzu unten)

 

In seinen Untersuchungen zeigte Harlow junge Affen, die ohne ihre Mutter in einen Käfig gesetzt wurden. Sie hatten die Wahl zwischen zwei Attrappen: einer aus Draht nachgebildeten, Milch spendenden „Ersatzmutter“ oder einer der gleichen Größe, die mit Stoff bespannt war und ebenfalls als „Ersatzmutter“ diente. Diese jedoch spendete keine Milch. Es zeigte sich, dass sich die kleinen Affen bei der Milchspenderin nur zur Nahrungsaufnahme aufhielten, zum Kuscheln gingen sie ansonsten jedoch zur stoffbespannten Attrappe, ebenso wenn sie sich bedroht fühlten und Schutz suchten.

 

Fragen wir danach, was in uns ein Wohlempfinden und was, ein Unwohlsein auslöst, können wir uns orientieren an dem, was uns lebensgeschichtlich geprägt und begleitet hat. So haben unsere Lippen vom frühesten Zeitpunkt unserer lebensgeschichtlichen Entwicklung an, eine sehr große Bedeutung. Diese Bedeutung begleitet uns durch unser ganzes restliches Leben, von der Mutterbrust bis zu allen Arten der Berührung, die wir in unserem späteren Leben über unsere Lippen erfahren. Allein über das Signal, welches sich uns durch unsere Lippen vermittelt, empfinden wir ein Gefühl des Wohlseins oder Unwohlseins. So haben viele Bewegungen, die wir mit unseren Lippen vollziehen u.U. einen kompensatorischen Charakter für das uns allen vertraute ursprüngliche Lutschen des Daumens. In einem gewissen Alter ziemt sich das nicht mehr, also beginnen wir je nach Situation und Befindlichkeit, auf unsere Lippen zu beißen, wenn auch nur sanft.

 

Auf diese Weise können wir auch viele kleine Gesten einordnen in das, was wir als Übersprung-Handlung definieren. Handlungen, die einen inneren Stress offenbaren, der sich in solchen kleinen Gesten oder Ausdrucksweisen der Mimik vermittelt. Wer kenn es nicht in Situationen, die mit einer erhöhten Anforderung verbunden sind, sich als Ausdruck der inneren Anspannung und dem tief verborgenen Wunsch, sich am liebsten verstecken zu wollen, kurz mit der Hand an die Nasenspitze zu fassen. Ebenso das kurze Zuhalten der Augen durch die Hand, die sich auf die Augen legt. Das tun wir immer dann, wenn uns etwas belastet, wir am liebsten die Augen davor verschließen möchten, es nicht wahrhaben möchten, weil es uns auf irgend eine Art belastet. Insofern bekunden wir mit dieser Geste das Bedürfnis nach einer Schutzreaktion. Wir möchten uns schützen.

 

Bemerkenswert ist an dieser Stelle zu erwähnen, dass selbst Kinder, die blind geboren wurden und  keine Gelegenheit hatten diese Geste über die Beobachtung, im Sinne der Imitation bzw. Nachahmung, zu lernen, sich ebenfalls ihre Augen bedecken wenn sie sich unwohl fühlen, etwas hören, das mit einem Stress und etwas Unangenehmen verbunden ist. Auch solche Kinder verdecken mit ihrer Hand ihre Augen, nicht ihre Ohren. 

 

Insofern sehen wir an diesem Beispiel, dass wir es offenbar bei solchen non-verbalen Verhaltensweisen mit menschheits-geschichtlich festgelegten Mustern zu tun haben, die in uns, aufgrund unserer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung, fest angelegt sind. Diese Muster sind somit Millionen Jahre alt in uns als Spezies Mensch vorhanden. In vergleichbarer Weise kennen wir es, dass wir die Nase rümpfen, in Falten legen, als Ausdruck von etwas, das wir nicht mögen. 

 

Selbstdarstellungen auf Fotos bzw. Videos mit weit aufgerissenem Mund und Zeigen der Zähne, was als Ausdruck der Begeisterung verstanden werden soll, ist körpersprachlich als Ausdruck eines latent aggressiven Dominanz-Anspruchs zu interpretieren. Hier zeigt sich der Ausdruck eines unbewussten, archaisch in uns angelegten Musters, welches mit Macht, Kampfbereitschaft (Zubeißen), Drohgebärde und Aggressivität verbunden ist. Da die Körpersprache auch Botschaft unserer unbewussten Triebregungen ist, entzieht sich die tatsächlich zugrundeliegende Motivation einer solchen Mimik dem Bewusstsein.

 

Führen wir ein Gespräch und die Lippen des Zuhörers gehen, gegeneinander gepresst zur Seite oder verschließen sich zusammengepresst vollständig, können wir erkennen, dass keine Zustimmung vorliegt, statt dessen eine Ablehnung oder eine andere Sicht, ein anderes Verständnis von dem Besprochenen. Ebenso hat unser Hals eine große Bedeutung. Wir kennen es aus dem Tierreich, wo die tödlichen Angriffe sich häufig auf den Hals richten, durch das Beißen in den Hals. So können wir durch bestimmte Berührungen unseres Halses mit unseren Händen, in bestimmten Situationen der Verunsicherung und der Angst, signalisieren, dass wir uns schützen möchten, sozusagen unseren Hals vor einem Zubiss schützen wollen.

 

Auch unsere Hände spielen eine große Rolle in unsrem non-verbalen Verhalten und sind insofern eine große Quelle der verschlüsselten Botschaften. Wie oft schon hat es jeder erlebt, in Situationen der Unsicherheit, der Angst, des Unwohlseins, auch des schlechten Gewissens und der uns überkommenden Schuldgefühle, unsere Hände, genauer gesagt unsere Hand-Innenflächen aneinander zu reiben. Wir kennen alle das dazu passenden Sprichwort: „Ich wasche meine Hände in Unschuld.“ 

 

Eine wichtige Funktion unserer non-verbalen Kommunikation besteht darin Einfluss auszuüben. Diesen Einfluss üben wir überwiegend über das aus, was sich als die sichtbare Fassade von uns darstellt, die äußere Erscheinung. Zeichnet sich diese äußere Erscheinung durch Stimmigkeit, Souveränität, Glaubwürdigkeit und Authentizität aus, löst es bei unseren Mitmenschen angenehme Empfindungen aus. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass wir bereits im Alter von 6 Monaten schöne, harmonische, in sich stimmige Formen bevorzugen. Lächelnde, geneigte Gesichter, als Ausdruck von liebevoller Zuwendung, werden bevorzugt. Die Bevorzugung zur Seite geneigter, lächelnder Gesichter, bleibt auch im höheren Alter unverändert. Wir fühlen uns von non-verbal gezeigter Zuwendung angezogen und von gezeigter non-verbaler Zurückweisung abgestoßen. 

 

All dieses bisher Gesagte macht deutlich, wie sehr wir abhängig sind von den Signalen bzw. Botschaften, die wir über die Körpersprache, non-verbal erhalten. Sie können uns die entscheidenden Informationen liefern, um das Gesprochene, verbal Mitgeteilte, in seinem Wahrheitsgehalt zu bewerten. Je nach der Beschaffenheit dieser körpersprachlichen Botschaften, fühlen wir uns wohl oder schlecht, sind wir bereit uns auf eine Beziehung einzulassen oder nicht. 

 

Befinden wir uns im Gleichklang mit jemandem, fühlen wir uns sicher, aufgehoben und in einer positiven Schwingung, können wir erkennen, dass sich unsere körpersprachlichen Gesten annähern oder gar gleichen. Wir nehmen unmerklich die gleiche Körperhaltung ein, verwenden die gleichen Gesten und zeigen eine ähnliche Mimik. Es kommt zu einer erkennbaren positiven Resonanz im non-verbalen Verhalten. Auf diese Art entsteht eine Harmonie, die wir als in hohem Maße angenehm erleben. 

 

Dieses Phänomen der Resonanz beruht auf einem Gleichklang, der zur gegenseitigen Nachahmung führt. In unserem Gehirn befinden sich sog. Spiegelhormone, die es uns ermöglichen auf der Ebene des Gehirns, exakt die körpersprachlichen bzw. non-verbalen Signale, die wir wahrnehmen, nachzuahmen. D.h. dass wir in den entsprechenden Arealen unseres Gehirns, die gleichen Neuronen aktivieren, die zuständig sind, für die beobachteten Signale. 

 

Aufgrund dessen ist es sinnvoll und wichtig, im eigenen non-verbalen Verhalten, das zu zeigen, was wir uns auf der Seite unserer Mitmenschen wünschen. Je mehr wir Freundlichkeit und Zuwendung in unserer Körpersprache vermitteln, umso wahrscheinlicher wird sie zu uns in dem non-verbalen Verhalten der Anderen zurückkommen. Hierbei sollte es stets unser Anliegen sein, in authentischer Weise, unsere sprachlichen Mitteilungen und unsere non-verbalen, körpersprachlichen Botschaften, in einen Einklang zu bringen. Voraussetzung hierfür ist Aufrichtigkeit dem Selbst und dem Anderen gegenüber. Auch bzgl. der Körpersprache gilt, was wir weggeben kommt in gleicher Weise auf uns zurück. 

 

Wir dürfen uns bewusst sein - unser Körper kann nicht lügen!