Persönliches...

An dieser Stelle finden Sie persönliche Gedanken, Überlegungen und Anregungen mit unterschiedlichstem Inhalt, jedoch stets mit einem Bezug zu unserem Alltag.

 

Es handelt sich um eine Auswahl von Beiträgen. Die Gesamtheit der  bisher von mir verfassten Artikel finden Sie in den beiden Büchern mit dem Titel "Psychologie für den Alltag" (siehe unten).

 

PS: Es versteht sich von selbst, dass es sich bei allen aufgeführten Beiträgen ausschließlich um subjektive Gedanken, Überlegungen und Überzeugungen handelt.


Band 1 (52 Kapitel - 304 Seiten) - Erschienen Juli 2019


Band 2 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erschienen Oktober 2019


Band 3 (52 Kapitel - 310 Seiten) - Erschienen Dezember 2019


Band 4 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erschienen Mai 2020


Band 'Auswahl' (52 Kapitel - 326 Seiten) - Erschienen September 2020


Das Ergebnis von 18 Monaten Arbeit - 'Psychologie für den Alltag' Band 1 - 4 (plus Band 'Auswahl').


Auswahl einiger Beiträge aus Band 2:

durch Anklicken kommen Sie direkt auf den Beitrag! -

(weitere Beiträge auf Blog Seite 1 (Klick hier) bzw.

Blog Seite 3 (Klick hier)Blog Seite 4 (Klick hier);

 

(1) 28.09.2019

Die Brücke - der kürzeste Weg zum Anderen 

 

(2) 18.09.2019

Gedanken über die Bedeutung des Zuhörens

 

(3) 11.09.2019

Warum es sich mit Visionen besser leben lässt

      

(4) 06.07.2019

Drei Säulen, die unser Leben bestimmen

 

 

(5) 30.06.2019

Brauchen wir Vorbilder?

   

(6) 27.06.2019

Was gibt uns die Meditation und das Yoga?

 



28.09.2019

 

1. Die Brücke - der kürzeste Weg zum Anderen

Der Sinn und Zweck von Brücken ist es eine Verbindung zwischen zwei getrennten Teilen herzustellen, worin auch immer diese beiden getrennten Teile bestehen mögen. Brücken sind insofern das konkrete, realisierte Symbol der Verbindung. Eine der ältesten archäologisch gesicherten Brücken stellt die prähistorische Holzbrücke Rapperswil-Hurden, die um das Jahr 1525 v. Chr. verschiede Siedlungen miteinander verband und über mehrere Jahrhunderte genutzt wurde. Beschaffen war sie überwiegend aus Holz, jedoch auch aus Stein. Brücken begleiten die Entwicklung der Menschheitsgeschichte von Beginn an.

 

Wenn eine Brücke notwendig ist, bedeutet es folgerichtig, dass vor der angestrebten Verbindung, eine Trennung vorliegt. Anhand der zu bauenden Brücke geht es darum diesen zunächst gegebenen Zustand der Trennung zu überwinden. Wobei die Trennung sich in sehr vielen Formen darstellen kann, ebenso wie die Verbindung. So können zwei Menschen, die sich zunächst persönlich nicht kennen, jedoch aus verschiedenen oder auch bestimmten Gründen voneinander wissen, sich dazu entschließen eine Verbindung aufzunehmen. Auch diese dann gewählte Form der Verbindung, über ein Schreiben, einen Anruf, eine Mail oder eine auf anderen Wegen vermittelte Botschaft, können wir im erweiterten Sinn als den Aufbau einer Brücke verstehen. Wir alle kennen die Ansage, am Telefon bzw. Handy, „bitte halten Sie die Verbindung“.

 

Ohne dass wir uns dessen bewusst sein mögen, ist die Verbindung über eine ‚Brücke‘ die erste Lebenserfahrung, die wir als Menschen auf dieser Erde machen. Wir alle haben den Zustand der Verbindung mit der Mutter - über die ‚Brücke‘ der Nabelschnur – erstreckt über einen in der Regel Neun-Monatigen Zeitraum erlebt. Diese Verbindung hat uns die existentielle Grundlage gesichert, um den Geburtsakt zu erleben, in dessen Folge die bis dahin besehende anatomische, physiologische und biologische Brücke in Form der Nabelschnur durchtrennt wird. Wir sollten davon ausgehen, dass diese lange Zeit der körperlichen Verbindung auch psychisch in uns Spuren gelegt hat und uns insofern auch – im Sinne einer Matrix – sensibilisiert hat für alle zukünftigen Verbindungen in unserem Leben. Somit sollten wir immer auch eine intuitive Reaktion spüren, wenn es um die Frage der Verbindung und der Brückenbildung geht. Ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht, wir können davon ausgehen, dass wir davon geleitet werden.

 

Möglicherweise trägt diese uns allen innenwohnende lebensgeschichtliche Erfahrung dazu bei, dass wir mit dem Wort Brücke viele Symbole, Bilder und Metaphern verbinden. Sie faszinieren uns, ziehen unsere Aufmerksamkeit in einer Weise auf sich, die sich nur schwerlich allein mit dem Bauwerk bzw. dem Erscheinungsbild als solches, welches sie haben mag, erklären lässt. Nicht zufällig können wir die Beschäftigung mit der Brücke als Symbol der Verbindung auch in vielen Darstellungen der Kultur und der Kunst, ob in Bild, Schrift oder auch Ton wiederfinden. Die Brücke in ihrem Symbolgehalt scheint uns immer schon zu beschäftigen, sie ist in uns stets gegenwärtig. In Anbetracht unserer existentiellen Erfahrung mit ihr (Nabelschnur) sollte uns das nicht verwundern.

 

Eine wunderschöne Form der Anerkennung ihrer Bedeutung hat sie so z. B. in einem Song Text von Simon & Garfunkel bekommen:

 

 

(frei von mir übersetzt nach dem Original Text – Bridge Over Troubled Water)

 

 

„Wenn Du erschöpft bist, und dich ganz klein fühlst
Wenn Tränen in deinen Augen stehen 

Werde ich sie alle trocknen
Ich bin auf deiner Seite 

Wenn die Zeiten rau sind
Und Freunde nicht auffindbar sind
Werde ich mich wie eine Brücke über aufgewühltem Wasser
Hinlegen
Wie eine Brücke über aufgewühltem Wasser
Werde ich mich hinlegen

Wenn du niedergeschlagen und kaputt bist
Wenn Du auf der Straße stehst
Wenn der Abend so dunkel ist
Werde ich dich trösten
Ich werde dich unterstützen
Wenn die Dunkelheit kommt
Und der Schmerz überall ist
Werde ich mich wie eine Brücke über aufgewühltem Wasser
Hinlegen
Wie eine Brücke über aufgewühltem Wasser
Werde ich mich hinlegen


Segle weiter Silbermädchen
Segle vorbei
Jetzt ist deine große Zeit gekommen
All deine Träume werden wahr
Sieh wie sie leuchten
Wenn du einen Freund brauchst
Ich bin gleich hinter dir
Wie eine Brücke über aufgewühltes Wasser
Deine Seele beruhigen
Wie eine Brücke über aufgewühltes Wasser
Werde ich deine Seele beruhigen

 

 

Anhand dieses Textes in Verbindung mit der sehr schönen Musik können wir den symbolischen Stellenwert der Brücke erkennen. Auch im Rahmen meiner alltäglichen Arbeit mit Menschen, die meine psychotherapeutische Praxis besuchen, ist es immer wieder notwendig die Bedeutung der Brücke zwischen zwei oder auch mehreren Menschen zu thematisieren. Im Kontext des psychotherapeutischen Prozesses stellt sich diese Frage zunächst auch zwischen dem Patienten und dem Therapeuten. Denn auch hier ist es unerlässlich eine Brücke herzustellen, um eine Verbindung zwischen beiden möglich zu machen. Allein diese kann die Möglichkeit bieten, das Gefühl eines gemeinsamen Interesses und einer gemeinsamen Bereitschaft erzeugen, sich mit den anstehenden schwierigen Fragen zu beschäftigen. 

 

Ohne eine solche Brücke, kann es keine Einfühlung, kein Mitgefühl bzw. Empathie geben. Sie ist die Voraussetzung dafür. Tatsächlich kann es u. U. hilfreich sein, diese Brücke im Bewusstsein konkret, nahezu im Sinne einer Visualisierung und somit einem Bild miteinzubeziehen, denn es kann das Nachvollziehen dessen, was im anderen (hier im Fall des Patienten) vor sich geht möglich machen. Umso bedeutsamer ist dies, je fremder die berichteten und geschilderten Erlebnisinhalte dem eigenen Erleben sind. Dort, wo es aufgrund eines gegebenen Gleichklanges ohnehin zu einer sog. Resonanz (Mitschwingen) kommt, ist das bewusste Arbeiten mit dem Bild einer Brücke nicht notwendig. 

 

Im Rahmen der Arbeit mit hilfebedürftigen Menschen gilt es einen Grundsatz zu berücksichtigen, welcher lautet: „Man soll den Menschen dort abholen, wo er steht.“ Dies bedeutet, auf den Anderen zugehen, sich dort hinbewegen, wo er sich befindet, um ihn dort abzuholen. Es ist zeitweise auch für einen erfahrenen Helfer, erschreckend feststellen zu müssen, wie wenig ausgebildet diese Bereitschaft in Menschen vorhanden ist, den Weg über die Brücke zur anderen Seite auf sich zu nehmen. Eklatant sichtbar wird dies in Therapiesituationen, in denen es um die Schwierigkeiten und Konflikte einer Beziehung, Partnerschaft bzw. einer Ehe geht. Beide sind anwesend, haben den bekundeten Wunsch wieder zueinander zu finden und zugleich kreist jeder weitgehend ausschließlich um die eigenen Empfindungen, Gefühle und Überzeugungen. 

 

Das Vorgehen, nach welchem agiert wird, ist häufig von der Erwartungshaltung geprägt: „Wenn du dich veränderst und auf mich zugehst, dann kann ich mir vorstellen, es auch zu tun.“ Dies bedeutet nichts anderes, als dass zunächst der jeweils Andere ‚liefern‘ sollte. Nichts gemeinsam hat diese Haltung mit dem Hinweis, den wir aus dem christlichen Glauben kennen, wonach wir ernten, was wir säen. Ebenso vermittelt uns die Lehre des Karmas, dass das, was wir denken, sagen und tun, eine Auswirkung auf unser Leben und auch das Leben der Anderen hat. Nach Buddha gibt es eine Saat und eine Ernte, guter und böser Worte.

 

Die Bewusstheit, dass wir insofern selbst für unser eigenes Denken, Fühlen und Handeln verantwortlich sind und nicht der Mitmensch, mit dem wir uns in einer Beziehung, Partnerschaft oder Ehe befinden, sowie die Einsicht, dass wir selbst zunächst das geben sollten, was wir zurückbekommen möchten, ist eine notwendige Voraussetzung um eine heilbringende und wohltuende Verbindung herzustellen. In diesem Verständnis sollte die Bereitschaft sich entfalten können, die Brücke zum anderen zu überqueren, um eine Zeit lang bei ihm auf der anderen Seite zu verweilen. Lässt es sich dann fühlen und erkennen, was in ihm vor sich geht und ihn bestimmt, kann sich ein vollkommen verändertes Verständnis und Gefühl einstellen. Auf dieser Grundlage können wir den Weg auf der Brücke zurück zu uns selbst gehen und mit diesen neu gewonnenen Einsichten neu bewerten und entscheiden, wozu wir bereits sind.

 

Ohne Zweifel ist die Brücke, die wir zum anderen überschreiten können, der kürzeste Weg ihm näher zu kommen. 

 


18.09.2019

 

2. Gedanken über die Bedeutung des Zuhörens

„Wenn du redest wiederholst du nur, was du schon weißt. Aber wenn du zuhörst, lernst du vielleicht etwas Neues.“ (Dalai-Lama)

 

Diese Empfehlung von Dalai-Lama ist möglicherweise die Erklärung dafür, weshalb die meisten brillanten Köpfe, die Großes geleistet haben, häufig auch gute Zuhörer waren. Wer schon alles zu wissen glaubt, kann nicht viel dazu lernen. Was kann man in eine Tasse Tee, die voll ist, noch hineingießen? Es ist kein Platz mehr da, um noch etwas aufzunehmen.

 

Vermutlich ist vielen das Erlebnis vertraut, sich mit einem Menschen in einem Austausch zu befinden und im Verlauf des Gesprächs das Gefühl zu bekommen, dass der Gesprächspartner nicht wirklich bereit ist oder in der Lage ist, zu zuhören. Alles Gesagte wird nicht wirklich aufmerksam angenommen und verstanden, sondern mit gelangweiltem, vielleicht trotzigem Schweigen beantwortet oder in einer recht deutlichen Weise sehr schnell zurückgewiesen, richtiggestellt bzw. zum Anlass genommen in langen Ausführungen die eigenen Gedanken, Überzeugungen oder Erfahrungen zum Ausdruck zu bringen. Im Verlauf der eignen Ausführungen, kann sich diese Reaktion schon durch die Körperhaltung und die Mimik des Gegenübers angedeutet haben, insofern diese abwesend, gelangweilt, desinteressiert, irritiert, ablehnend oder auch genervt wirkten. 

 

Schauen wir uns die Botschaften unserer modernen westlichen Welt an, die wir über alle Informtationskanäle vermittelt bekommen, können wir unschwer feststellen, dass der Selbstdarstellung an vielen Stellen und zu vielen Zeiten unseres Lebens eine herausragende Bedeutung zukommt. Mit dieser Selbstdarstellung verbunden ist die Notwendigkeit gegeben, sich zu erklären und mitzuteilen. In kaum zu übertreffender Weise dargestellt finden wir dies in den sozialen Netzwerken, wie Facebook, Instagram oder Twitter. Sich selbst darstellen, ist zum Selbstzweck geworden. Ob dies erfolgreich gelingt und verwirklicht ist, lässt sich in den jeweiligen Aufrufzahlen, Klicks und der Anzahl der sog. ‚Follower‘ dokumentieren und überprüfen.

 

Folgerichtig gibt es inzwischen im weltweiten Netz täglich neue, unzählige selbsternannte Coachs, Trainer und Ratgeber, die Kurse, Workshops und Ausbildungen anbieten, um zu vermitteln, wie man sich noch überzeugender präsentieren kann. Was zu berücksichtigen und was zu tun ist, um noch mehr zu begeistern und mitzureisen, um damit Menschen für sich und die eigenen Angebote und Anliegen zu gewinnen. Sich selbst und seine eigenen Anliegen zu promoten und auch zu verkaufen, ist die Botschaft, die es gilt optimal zu vermitteln. Wo finden wir im Gegenzug ein Angebot, i. S. eines Workshops oder eines Seminars, welches zum Inhalt das Lernen und Einüben eines besseren Zuhörens hätte?  

 

Im Rahmen meiner psychotherapeutischen Praxis lässt sich sehr gut erkennen, wie sehr der Erfolg des therapeutischen Prozesses von einem aufmerksamen gegenseitigen Zuhören abhängig ist. Sowohl der Psychotherapeut ist aufgerufen seinem Patienten sehr aufmerksam zu zuhören, als auch der Patient sinnvoller Weise die Interventionen seines Psychotherapeuten hören sollte. Dieses gegenseitige Zuhören ist – wie im Alltag – die Voraussetzung für eine hilfreiche, wünschenswerte und sinnvolle Zusammenarbeit. In besonderer Weise auffällig sind die negativen Auswirkungen eines nicht vorhandenen Zuhörens im Rahmen der Sitzungen von Paartherapien oder auch Familientherapien. In diesen Prozessen wird sehr deutlich, wie wenig die Beteiligten häufig in der Lage sind bzw. bereit sind, dem anderen (Ehefrau, Ehemann, Mutter, Vater, Tochter, Sohn) aufmerksam und interessiert zu zuhören. Das Bemühen wirklich verstehen zu wollen, was im anderen vor sich geht und warum, ist nicht erkennbar. Jeder ist stattdessen bestrebt, sich zu erklären, mitzuteilen und kund zu tun, was er denkt, wovon er überzeugt ist, wie es seiner Ansicht nach wirklich ist. Kaum vorhanden ist die Bereitschaft sowie die damit verbundene Einsicht zu zuhören, um besser verstehen zu können, was im anderen vor sich geht.

 

Auch im Alltag findet wirkliches Zuhören nur selten statt.  Als sei es mit einem schlechten Image verbunden, ist aktives und aufmerksames Zuhören nahezu ausgegrenzt. Sätze wie "Du hörst mir ja gar nicht zu", oder "Bei dir rede ich gegen eine Wand" belegen, dass Enttäuschung entsteht, wenn wir uns nicht gehört und unverstanden fühlen. Carl R. Rogers (1902-1987), US-amerikanischer Psychologe und Psychotherapeut sowie Entwickler der klientenzentrierten Gesprächspsychotherapie, hat ein vierstufen Modell des Hörens und Verstehens entworfen. Zunächst erfolgen das Wahrnehmen und Erkennen, dann das Zuordnen, gefolgt von dem Abwägen und Beurteilen und letztlich das Antworten. Sehr ähnlich ist das vierstufige WIBR-Modell von Lyman K. Steil (geb. 1938), US-amerikanischer Kommunikationsforscher, Verfasser des Buches ‚Effective Listening‘. Auch er veranschaulicht den Prozess des Zuhörens durch vier Phasen: Dem Wahrnehmen (W), welches das Hören der Worte, das Verstehen der Körpersprache und des Gesichtsausdrucks einschließt; die Interpretation (I) erfolgend auf der Grundlage der eigenen Überzeugungen und Erfahrungen; die Bewertung (B), im Sinne einer Annahme oder Ablehnung entlang der eigenen sowie der gesellschaftlichen Wertvorstellungen; die Reaktion (R), welche nach subjektiven Ermessen als angemessen gilt. Wie selten jedoch finden wir solche Phasen des Zuhörens in unserem alltäglichen Zusammenleben verwirklicht?

 

Im Rahmen der analytischen Psychotherapie, die mit einer sehr hohen Behandlungsfrequenz einhergeht (3-4 Sitzungen pro Woche), kann das aufmerksame Zuhören über das bewusste Hören der gesprochenen Worte weit hinausgehen. Es umfasst auch das Hören des Nicht-Ausgesprochenen, welches sich zwischen den Worten vermitteln mag oder auch nur atmosphärisch sich intuitiv erfassen lässt. Voraussetzung hierfür ist eine tiefergehende Verbindung mit dem Erleben des Patienten. Es sind die seltenen Momente, in denen das Unbewusste des Therapeuten in Kontakt tritt mit dem Unbewussten des Patienten. Aufgrund der Besonderheit dieser Situation und dem damit verbundenen sehr außergewöhnlichen Zuhörens, können wir hier von einem ‚Hören mit dem Dritten Ohr‘ sprechen. Auch diese Art des Zuhörens lässt sich üben, so dass sie in unserem Alltag Platz finden könnte.

 

Von großer Bedeutung für eine wünschenswerte gute alltägliche Kommunikation sind die Grundsätze, die Carl Rogers für die Vorgehensweise im Rahmen der sog. non-direktiven Gesprächsführung entwickelt hat. Hierbei geht es um das Vorliegen einer empathischen und offenen Grundhaltung, um ein authentisches und konkruentes (stimmiges) Auftreten und letztlich um eine Akzeptanz und positive Bewertung des Anderen. Sind diese Voraussetzungen erfüllt, ist eine sehr gute Grundlage für eine Verständigung gegeben. Wir können somit erkennen, dass das Zuhören keineswegs ein passiver Akt ist, sondern ein ebenso aktiver Prozess ist wie das Sprechen. Echtes Zuhören heißt nicht nur die akustische Aufnahme, sondern bedeutet auch das inhaltliche Begreifen des Gesagten. 

 

Johannes Fabrick (geb. 1958), ein österreichischer Filmregisseur und Drehbuchautor, meint zur Frage, warum wir so ungern zuhören: "Weil in unserem egozentrischen Leben Reden das vorrangige Mittel zur Selbstbestätigung geworden ist...Reden gibt uns das Gefühl, etwas zu bewirken, andere zu beeinflussen. Würden wir wirklich zuhören, verschwände unser Ego und übrig bliebe nur schöpferische Intelligenz. Davor fürchten wir uns." Ohne Zweifel beeinflusst die Schnelllebigkeit unserer Epoche auch unser alltägliches Kommunikationsverhalten. Das Ansehen gebührt dem Sprecher, der dadurch Initiative zeigt. Sehen wir die Diskussionsrunden im Fernsehen oder im Internet, können wir erkennen, dass es offenbar darum geht, unausgesprochen einen Kampf um die Redezeit zu führen. Das Reden und die Redezeit, sind an dieser Stelle auch ein Ausdruck von Macht und Stärke. Das Hören ist hingegen offenbar Symbol für Schwäche. Bezeichnenderweise und sicher nicht zufällig sind die Worte ‚Hören‘ und ‚Horchen‘ mit dem Begriff ‚Gehorchen‘ verwandt, was Ausdruck einer untergebenen Position ist. 

 

Somit ist es sinnvoll und notwendig die große Bedeutung eines aktiven, aufmerksamen und interessierten Zuhörens zu erkennen und zu vermitteln. Es ist wünschenswert den Stellenwert des Zuhörens einer angemessenen Aufwertung zu zuführen. Untersuchungen belegen, dass gute Zuhörer in Verhandlungen zu besseren Ergebnissen kommen als geschickte Rhetoriker. Ganz offensichtlich liegt es daran, dass sie aufgrund ihres besseren Zuhörens, besser einschätzen können, worauf es dem Verhandlungspartner ankommt, so dass sie ihr Vorgehen in der Verhandlung viel effektiver auch danach ausrichten können. 

 

Ebenso sind gute Zuhörer stets auch gute Fragensteller. Sie erkundigen sich, wenn sie etwas nicht verstanden haben und wiederholen es mit eigenen Worten. Wobei es nicht darum geht, Gesagtes nur dem Wort nach zu wiederholen, sondern das Bemühen zum Ausdruck zu bringen, den Anderen wirklich verstehen zu wollen, die Beweggründe, die in ihm vorliegen, kennenzulernen. Zuhören in einem solchen Sinn, ist ein deutlich erkennbarer Beleg für das Vorliegen einer emotionalen Intelligenz. Der ideale Zuhörer ist aufmerksam, hinterfragt und achtet auf Tonlage, Wortwahl und Körpersprache. Er nimmt die Informationen tatsächlich auf und kann sich noch lange an Gespräche erinnern, sowie auch das dadurch erworbene Wissen nutzen.

 

Anders verhält es sich mit Menschen, die nicht hinhören, sich nicht wirklich auf das Mitgeteilte einlassen können. Diese Menschen wirken eher abweisend, unhöflich und mit sich selbst beschäftigt. Ebenso schwierig verhält es sich mit Menschen, die nur oberflächlich zuhören und erkennen lassen, dass sie nur selektiv bereit sind zu zuhören, kaum Fragen stellen und vielmehr so tun ‚als ob‘ sie dem Gespräch folgen würden. Letztlich sind Gespräche wenig befriedigend mit Menschen, die solche Interaktionen, v. a. zum Schlagabtausch nutzen wollen. Stets geht es ihnen um das Argumentieren bzw. Rechthaben, nicht um das Zuhören. Sie bewerten fortlaufend und machen das Gespräch sehr schwierig. Rhetorisch sind diese Menschen sehr begabt, doch echtes Verstehen und Verständnis fehlt ihnen häufig weitgehend.

 

Die offenkundigen Schwierigkeiten, welche sich mit der fehlenden oder eingeschränkten Bereitschaft zum Zuhören verbinden, sind umso fragwürdiger, als ca. 85 Prozent dessen, was wir wissen, durch Zuhören erworben wurde.  Insofern ist ein aktives, interessiertes und aufmerksames Zuhören nicht nur für die Beziehung zu unseren Mitmenschen von großer Bedeutung, sondern auch für uns selbst, da es unserer eigenen Entwicklung zugutekommt. 

 

Um ein guter Zuhörer zu sein, können wir bestimmte hilfreiche Strategien nutzen, da sie uns das Zuhören erleichtern. So ist es sinnvoll sich auf das Gegenüber einzulassen, sich zu konzentrieren und dies durch die eigene Körperhaltung zu zeigen. Mit der eigenen Meinung sollten wir zurückhaltend umgehen. Bei Unklarheiten sollten wir nachfragen, auch aufkommende Pausen zulassen und aushalten können. Im Verlauf des Gesprächs ist es sinnvoll, stets auf die eigenen gefühlsmäßigen Reaktionen zu achten, da sie ein Hinweis geben können, wie das Gesagte zu werten ist. Dies bedeutet, dass gleichfalls sehr wichtig ist, in sich selbst hineinzuhören, um spüren und erfassen zu können, was in einem selbst als Gefühl, Regung, Phantasie, Gedanke oder Bedürfnis und Wunsch vorhanden ist. Das alles kann das Gespräch und dessen Verlauf wesentlich mitbestimmen. Umso wichtiger ist es sich all dessen bewusst zu sein. Auch sollten die Gefühle des Sprechenden erkannt und berücksichtigt werden. Der Austausch wird erleichtert, wenn wir durch unser nonverbales Verhalten erkennen lassen, dass wir dem Gespräch folgen und den Anderen nicht unterbrechen, sondern ihn ausreden lassen. Wichtig ist auch der Blickkontakt, der die Verbindung zum Sprechenden bekundet. Alles das, können wir als Ausdruck und Beleg einer erwünschten und tatsächlich gelebten Haltung der Achtsamkeit verstehen.

 

Der am Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligte deutsche Theologe Dietrich Bonhoeffer (1906-1945) sagte: „Wer aber seinem Bruder, seiner Schwester nicht mehr zuhören kann, der wird auch bald Gott nicht mehr zuhören, sondern er wird auch vor Gott immer nur reden.“

 

Um uns einer solchen Gefahr nicht auszusetzen, sollte jeder für sich selbst bemüht sein, eine ‚Kultur des guten Zuhörens‘ zu pflegen, damit sie als Gegenbewegung zur dominierenden ‚Kultur der Selbstdarstellung‘, wachsen, gedeihen und erblühen kann.

 


11.09.2019

 

3. Warum es sich mit Visionen besser leben lässt 

 

Am 11. Juni 1963 kündigte US-Präsident John F. Kennedy (1917-1963) in einer Fernsehansprache ein neues Bürgerrechtsgesetz an. Dieses sollte die bis dahin an vielen Orten noch geltende Rassentrennung abschaffen. In der Folge wurde der Leiter der National Association for the Advancement of Colored People (NAACP) von weißen Rassisten ermordet. Als Unterstützung für den von Kennedy geplanten Civil Rights Act trafen sechs der führenden Bürgerrechtsorganisationen die Vereinbarung, einen Protest Marsch auf Washington zu veranstalten. Es wurde die bis dahin größte Massendemonstration in den USA und war der historische Höhepunkt der Bürgerrechtsbewegung. Unter den 250.000 Menschen aus allen Teilen der USA, die teilnahmen, waren etwa ein Drittel Weiße. Es ging um die vollständige Gleichberechtigung der Afroamerikaner in allen Gesellschaftsbereichen. Martin Luther King (1929-2968) als Vorsitzender der Southern Christian Leadership Conference (SCLC), war als letzter einer langen Reihe von Rednern vorgesehen.  Vorgestellt wurde er von dem Mitveranstalter Asa Philip Randolph als der „moralische Anführer der Nation“. 

 

Heute wird die damals von Martin Luther King gehaltene Rede zu den Meisterwerken der Rhetorik gezählt (hier ein Auszug - s. Video untern):

 

„...Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.

Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Gerechtigkeit verwandelt.

 

Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilen wird. 

 

Ich habe einen Traum heute...

 

Ich habe einen Traum, dass eines Tages in Alabama mit seinen bösartigen Rassisten, mit seinem Gouverneur, von dessen Lippen Worte wie "Intervention" und "Annullierung der Rassenintegration" triefen ..., dass eines Tages genau dort in Alabama kleine schwarze Jungen und Mädchen die Hände schütteln mit kleinen weißen Jungen und Mädchen als Brüdern und Schwestern. 

 

Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt wird. Die rauen Orte geglättet werden und die unebenen Orte begradigt werden. Und die Herrlichkeit des Herrn offenbar werden wird, und alles Fleisch wird es sehen.

Das ist unsere Hoffnung. Mit diesem Glauben kehre ich in den Süden zurück.

 

Mit diesem Glauben werde ich fähig sein, aus dem Berg der Verzweiflung einen Stein der Hoffnung zu hauen. Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, die schrillen Missklänge in unserer Nation in eine wunderbare Symphonie der Brüderlichkeit zu verwandeln.

Mit diesem Glauben werden wir fähig sein, zusammen zu arbeiten, zusammen zu beten, zusammen zu kämpfen, zusammen ins Gefängnis zu gehen, zusammen für die Freiheit aufzustehen, in dem Wissen, dass wir eines Tages frei sein werden...“ (28.08.1963)

 

Im Jahr 1492 entdeckte Christoph Kolumbus (1451-1506), ein italienischer Seefahrer, das heutige Amerika, in dem er eine Insel der Bahamas erreichte. Auch wenn er nicht der erste war, da vor ihm bereits die Vorfahren der Indianer eingewandert waren, gilt er bis heute als maßgeblicher europäischer Entdecker Amerikas. Der ursprüngliche Plan von Kolumbus war es, nicht wie bis dahin üblich über eine Seeroute südostwärts um Afrika nach Indien zu gelangen, sondern, in dem er 1480 eine Idee des griechischen Philosophen Aristoteles (384-322 v. Chr.) aufgriff, über eine Westroute nach Ostasien zu gelangen. Aufgrund noch weiterer Hinweise, Berichte und Indizien, die er im Verlauf der Jahre sammelte, war er der Überzeugung, dass er mit Hilfe der Westwinde über den Atlantik nach Indien segeln könne. Nachdem die Eingaben und die Ersuchen von Kolumbus, diese Expedition mit der Unterstützung des spanischen, königlichen Hofes machen zu dürfen, über viele Jahre von verschiedenen offiziellen Kommissionen zurückgewiesen wurden, konnte er schließlich1492 eine Zusage erhalten und durfte sich mit seinem Segelschiff auf den Weg machen. 

 

1975 wurde ein von Freddie Mercury geschriebener Rock-Song aus einem Album (‚A Night at the Opera‘) ausgekoppelt und als Single mit dem Titel ‚Bohemian Rhapsody‘ veröffentlicht. Diese Komposition unterschied sich in vielerlei Hinsicht von den zu diesem Zeitpunkt erfolgreichen Titeln der Musikszene, u. a. durch den Einsatz klassischer Musikelemente, Opernpassagen und die sehr aufwendige und kostspielige Aufnahmetechnik in z. T. drei unterschiedlichen Tonstudios. So brauchte die Gruppe Queen allein für die Aufnahme des mehrstimmig gesungenen Wortes ‚Galileo‘ aus dem Songtext, drei Wochen Zeit, d. h. so viel wie damals für ein ganzes Album benötigt wurde. Als die Verantwortlichen der Plattenfirma das mit einer deutlichen Überlänge ausgestattet Stück hörten, äußerten sie starke Zweifel, an dem Erfolg. Aufgrund dessen wollten sie den gesamten Mittelteil der Komposition streichen, einschließlich der Opernpassagen. Ganz im Gegenteil zu diesen Befürchtungen jedoch, entwickelte sich der Song nach der Veröffentlichung am 31. Oktober 1975 sehr schnell zu einem weltweiten Erfolg und stand bereits am 23. November 1975 für neun Wochen auf dem ersten Platz der Charts in England. Bis zum heutigen Tag kommt dieser Komposition eine Ausnahmestelle in der Musikgeschichte der Rock-Musik zu. Diese Besonderheit hat auch zur Produktion der mit einem Oskar prämierten und ebenfalls sehr erfolgreichen Verfilmung (2018) mit dem Filmtitel ‚Bohemian Rhapsody‘ geführt.

 

Allen drei geschilderten sehr unteschiedlichen historischen Ereignissen, von Martin Luther King, über Christoph Kolumbus zu Freddie Mercury, ist gemeinsam, dass sie mit einer Vision verbunden waren. Ohne der aus dieser Vision entspringenden Kraft und Energie, wäre die Verwirklichung der jeweiligen Vorhaben wohl nicht möglich gewesen. Beispiele dieser Art gibt es im Verlauf unserer Menschheitsgeschichte unzählige, aus allen Bereichen unseres Lebens. Sie alle dokumentieren das Gleiche. Eine Vision kann die Grundlage dafür sein, scheinbar Unmögliches möglich werden zu lassen.

 

Der Begriff Vision leitet sich aus dem lateinischen ‚visio‘ ab und bedeutet Erscheinung bzw. Anblick. Er bezieht sich auf ein subjektives bildhaftes Erleben, das sich in der Vorstellung offenbart, jedoch nicht mit einer realen sinnlichen Wahrnehmung verbunden ist. Für denjenigen selbst, der eine Vision hat, kann diese bildliche Vorstellung durchaus Züge einer realen Erscheinung annehmen. Da sich solche Visionen bzgl. ihrer zeitlichen Dimension fast ausnahmslos auf die Zukunft beziehen, sind sie meist verbunden mit Vorstellungen, Plänen, Entwürfen, Vorhaben und Konzepten, deren Verwirklichung in der Zukunft liegt. Meist sind hiervon große Vorhaben betroffen, denen ein herausragender menschlicher, gesellschaftlicher bzw. geschichtlicher Stellenwert zukommt. Visionen stehen häufig in Verbindung mit Leidenschaft, Begeisterung und Hingabe, da deren Verwirklichung zunächst kaum möglich erscheint und häufig nur mit dem Überwinden von sehr vielen und auch großen Widerständen verbunden ist. 

 

Menschen, die sich von solchen Visionen bestimmen lassen, wird aufgrund der mit den Visionen verbundenen Kühnheit häufig das Etikett des ‚Träumers‘ zugeschrieben, da die Realisierung so abwegig erscheint. Mit einer negativen Konnotation ist der Begriff ‚visionnaire‘ in der französischen Sprache in seiner Wortbedeutung verbunden mit einem Träumer oder Phantasten. Im positiven Sinne der Wortbedeutung ist es ein Mensch, der weit in die Zukunft schaut und Herausragendes zu verwirklichen plant.

 

Interessanter Weise kennen wir alle für solche Visionen im Verlauf unserer lebensgeschichtlichen Entwicklung damit verbundene biologische Grundlagen. Diese bestehen zum einen darin, dass wir alle natürlicherweise nächtliche Träume haben, die während der sog. wiederholten nächtlichen Traumphasen (REM-Phasen - Rapit Eye Movement – Phasen) unseren Schlaf kennzeichnen. Im Rahmen dieser Träume sehen wir u. U. lebhaft Bilder, Szenen und Ereignisse, welche die gleichen körperlichen Prozesse auszulösen in der Lage sind (Herz-Kreislauf-Reaktionen, Verspannungen der Muskulatur, Ausschüttung von Stresshormonen, usw.) wie von uns ganz real erlebte Situationen. Zum anderen durchlaufen wir während unserer Kindheit ebenfalls natürlicherweise Phasen der Entwicklung, in denen die Phantasie und das Tagträumen, so stark sein können, dass damit sehr real anmutende bildhafte Vorstellungen verbunden sind. Zeitweise bekommen diese im kindlichen Erleben aufgrund dessen einen ganz realen Charakter, so dass die Trennung zwischen Phantasie und Wirklichkeit aufgehoben zu sein scheint. Wegen der in dieser frühen Kindheit noch nicht gegebenen vielfältigen Einschränkungen, welche durch Wissen, Kenntnisse und Erfahrungen gegeben sind, kann sich die Kreativität und die Originalität des Denkens und der Phantasie umso mehr entfalten. In gleicher Weise findet sich diese Eigenschaft später bei den erwachsenen Visionären wieder. 

 

In Anbetracht dessen, tragen wir alle diese physiologischen Vorläufer von Visionen in uns. Carl Gustav Jung (1875-1961), schweizer Psychiater und Begründer der analytischen Psychologie, definierte die Vision als einen Vorgang, der wie ein Traum sei, aber sich im wachen Zustand vollziehe. Er verstand die Vision als Ausdruck von etwas, das aus dem Unbewussten neben die bewusste Wahrnehmung tritt. Für ihn war sie nichts anderes als ein ‚momentaner Einbruch eines unbewussten Inhaltes in die Kontinuität des Bewusstseins‘. Da Jung auch von der Existenz eines uns allen gegebenen kollektiven Unbewussten ausging, in welchem sich Inhalte der Menschheitsgeschichte finden lassen, können Visionen auch von solchen uns alle verbindenden Inhalten gekennzeichnet sein. 

 

Bedeutsam ist die Unterscheidung zwischen dem Formulieren und Festlegen von Zielen, seien sie noch so anspruchsvoll und hochgesteckt und dem Bestimmt-Sein von einer Vision. Ziele behalten sehr viel mehr einen Bezug zur Realität, da sie mit Vorhaben, Anliegen, Wünschen oder auch Sehnsüchten verbunden sind, welche sich mittelfristig oder auch langfristig realisieren lassen - auch wenn hohe Anforderungen und Ansprüche damit verbunden sind. Visionen hingegen gehen mit Inspirationen einher, die über das Alltägliche weit hinausgehen. Meist sind sie mit einer Kreation verbunden, bei der es darum geht, etwas Neues, möglicherweise bisher nie Dagewesenes zu schaffen. So sehr die Willensstärke bei dem Verfolgen von gesteckten Zielen nachlassen kann, u. U. je nach den zu überwindenden Schwierigkeiten und den sich einstellenden Problemen auch vollkommen erlöschen kann, so wenig ist das bei dem Vorliegen von Visionen der Fall. Hier ist das Ausmaß der Motivation und der mit ihren verbundenen antreibenden Kräften um ein Vielfaches größer. In Verbindung mit Visionen lassen sich sprichwörtliche ‚Berge versetzen‘, womit wir erkennen können, dass wir es hier mit einer ganz anderen Qualität des Erlebens zu tun haben. In der Vision wird Unmögliches möglich.

 

Es erinnert an die biblische Geschichte von David gegen Goliath. In dieser Geschichte taten sich die Philister an der Mittelmeer-Küste gegen die Israeliten besonders schwer. Der Vorkämpfer der Philister trat tagelang vor die eigenen Schlachtreihen und forderte einen Israeliten zum Zweikampf. Keiner traute sich gegen diesen kampferfahrenen Hünen, ausgestattet mit einer schweren Rüstung, anzutreten, bis schließlich der junge Hirte David hervortrat. Er verzichtete auf Schwert und Rüstung und erledigte Goliath mit einer einfachen Schleuder und einem Kieselstein.

 

„Wer nicht mehr träumt, hat aufgehört zu leben“ heißt es. In diesem Spruch finden wir den Hinweis auf die Bedeutung der Vision für unser Leben. In diesem Verständnis hat eine persönliche oder auch eine gemeinsame Vision von uns Menschen einen Bezug zur Sinngebung. Wir können aus ihr einen Sinn für unser Leben entnehmen. Auch Nelson Mandela (1918-2013), südafrikanischer Freiheitskämpfer und der erste schwarze Präsident Süd-Afrikas, hatte eine Vision. Diese verlieh ihm die Kraft nach 27 Jahren als politischer Gefangener ein Land der Apartheit (Rassentrennung) zu vereinen. 

 

Wir alle, ob bewusst oder unbewusst, dursten nach einer Vision, denn sie steht für eine Sinngebung in unserem Leben. Insofern sollten wir uns alle fragen, welche diese Vision für uns sein könnte. Finden wir sie und können wir sie benennen, jeder für sich, so kann sie unser Leben in einer ganz fundamentalen Weise positiv bestimmen und positiv verändern. Eine solche Vision kann dazu führen, dass wir unser persönliches, individuelles Sternenzelt, unter dem wir uns befinden und bewegen, neu ordnen können, so dass wir einen daraus sich ableitenden sinngebenden Weg erkennen können.  Dieser sollte dann ein guter Weg sein, auf dem es sich lohnt zu gehen. ;)

 


06.07.2019

 

4. Drei Säulen, die unser Leben bestimmen

Sofern wir uns in einem Zustand einer relativen Gesundheit befinden, sind wir bestrebt alles dazu beizutragen, uns wohl zu fühlen, in einem Zustand der inneren Zufriedenheit, des Ausgleichs, der Entspannung, wünschenswerter Weise gar des Glücks. Viele unserer alltäglichen Bemühungen sind darauf ausgerichtet, uns einem solchen Zustand anzunähern bzw. ihn, soweit es uns möglich ist, auch herzustellen. Die Voraussetzungen hierfür liegen in uns selbst und auch in den uns umgebenden Merkmalen unserer Lebenssituation. Hierzu gehören sowohl die Mitmenschen als auch die situativen Umstände, in denen wir uns befinden.

 

Haben wir das Glück und es geht uns gut, sowohl auf der körperlichen, als auch auf der seelischen und geistigen Ebene unseres Seins, möchten wir diesen Zustand aufrechterhalten. Da wir uns in diesem Zustand des Wohlgefühls befinden, werden wir sehr wahrscheinlich die ihn kennzeichnenden Merkmale wertschätzen und danach streben, sie so zu belassen. Pointiert formuliert können wir sagen, wir ‚lieben es‘ uns so zu fühlen. 

 

Ein solcher Zustand setzt im Allgemeinen eine Ausgewogenheit zwischen drei wesentlichen Säulen voraus, die unser ganzes Leben bestimmen. Befinden sich diese Säulen in einem relativen Zustand des Gleichgewichts untereinander, steht unser persönliches ‚Haus‘ auf einer guten und gesunden Grundlage. Diese drei Säulen, können wir in gewisser Weise als Stützpfeiler begreifen.

 

Die erste Säule, ohne dass mit dieser numerischen Auflistung eine Gewichtung bzw. Rangfolge verbunden wäre, ist die Säule, welche unsere ‚Arbeitsfähigkeit‘ repräsentiert. Mit dieser Säule ist unsere Fähigkeit verbunden, allen Anforderungen, Aufgaben und Verpflichtungen unseres Lebens bzw. unseres individuellen Alltags in angemessener Weise gerecht werden zu können. Dies betrifft sowohl unser privates als auch unser öffentliiches Leben, in dem wir als Familienmitglied, Ehepartner, Freund, oder auch Nachbar, Vereinsmitglied, Mitarbeiter, Angestellter oder Vorgesetzter existieren. In diesen unterschiedlichen, uns kennzeichnenden Rollen, haben wir den unterschiedlichsten Aufgaben, Anforderungen und Verpflichtungen gerecht zu werden. Erfüllen wir dies alles zu unserer eigenen Zufriedenheit und auch der relativen Zufriedenheit der Anderen, können wir uns diesbezüglich im Einklang mit uns selbst und unserem Umfeld fühlen. Wir können uns wohl fühlen, ausgeglichen und entspannt.

 

Verhält es sich nicht so, werden wir uns unwohl fühlen, uns mehr und mehr in einem Zustand innerer Anspannung wieder finden, möglicherweise im Konflikt mit uns selbst oder/und auch  mit anderen erleben. In diesem Fall sollten wir bestrebt sein alles dazu notwendige zu tun, um die Situation so weit zu verändern, damit wir den ersehnten Wunsch nach Wohlempfinden herstellen können. Die Diskrepanz zwischen einem gegebenen Ist-Zustand und dem erstrebten Soll-Zustand gilt es so stark zu reduzieren, dass die aus der Diskrepanz resultierende Spannung kein überdauerndes Unwohlsein mit sich bringt. 

 

Die Folge einer zeitüberdauernden Diskrepanz, mit einem entsprechenden Spannungszustand und dem damit verbundenen inneren und vielleicht auch äußeren Konflikt, kann in dem Entstehen von Symptomen bestehen, sowohl auf der körperlichen, als auch seelischen und geistigen Ebene. Unter Umständen könnte sich eine zunächst akute, später chronische psychosomatische Erkrankung entwickeln (Migräne, Tinnitus, Bluthochdruck, Magen-Darm-Erkrankung, Gelenkschmerzen, Hautallergien, Herz-und Kreislauferkrankungen, Lungenerkrankungen, usw.). 

 

Die zweite Säule, die in gleicher Weise bestimmend für unser ganzes Leben bzw. unseren täglichen Alltag ist, bezieht sich auf unsere ‚Liebesfähigkeit‘. Hiermit ist unsere Fähigkeit zu verstehen, uns auf wertschätzende, liebevolle, zärtliche, zugewandte und achtsame Verbindungen mit anderen Menschen einzulassen. Hierunter fallen sowohl unsere sehr privaten, intimen und nahen Beziehungen zu unseren Partnern, Familienmitgliedern und Freunden, als auch unsere Beziehungen zu Menschen in unserem alltäglichen öffentlichen Leben, im Rahmen unserer Arbeit, Freizeit oder auch der Begegnung von Menschen in irgendwelchen öffentlichen Räumen. 

 

Gelingt es uns warmherzige, innige, liebevolle und tief gehende Beziehungen mit uns nahe stehenden Menschen zu leben, werden wir uns aufgehoben fühlen können, Liebe geben und Liebe empfangen können. Wir werden die uns kennzeichnenden grundsätzlichen Bedürfnisse, Wünsche und Sehnsüchte weitgehend erfüllen können und auf diese Weise unserem Leben einen wichtigen Sinn verleihen können. Das, was uns Menschen vom frühesten Zeitpunkt unseres Lebens im Mutterleib kennzeichnet, ist die Verbindung mit einem anderen Menschen (der Mutter). Diese Verbindung steht für das in uns zu tiefst verankerte ‚Wir‘, nach dem wir in der Folge unserer individuellen lebensgeschichtlichen Entwicklung immer, mehr oder weniger ausgeprägt, streben werden. Biologischer-, physiologischer- und damit auch natürlicherweise finden wir Erfüllung nur in der Verwirklichung des Wir. Dies gilt für die intimste Beziehung zu einem Lebens-Partner, so wie auch für die wert- und respektvolle Beziehung zu jedem Menschen, dem wir in welcher Situation auch immer begegnen können. 

 

Auch bezüglich der Liebesfähigkeit können wir, aus welchen verursachenden Gründen auch immer, von dem gewünschten und erstrebten Zustand abweichen, so dass wir uns auch hier in einem Zustand geringerer oder größerer Diskrepanz zwischen Ist- und Soll-Zustand befinden. Ist das der Fall, entsteht ebenfalls ein mehr oder weniger großes Gefühl der Unzufriedenheit, des Unwohlseins, bis hin zu einem subjektiv empfundenen Unglück. Auch hier kann die Folge in der Entstehung von allen möglichen psychosomatischen Krankheiten bestehen, einschließlich schwerer psychischer Erkrankungen im Sinne z.B. einer Depression, Angstzustände, Zwangserkrankungen, Suchterkrankungen, tief gehender Selbstwertprobleme.

 

Wie auch bei den aus der relativen Arbeitsunfähigkeit sich ergebenden Problemen, sind bei den Einschränkungen, die sich aus der relativen Liebesunfähigkeit ergeben, die Ursachen, möglicherweise in zeitlich nahe zurückliegenden Faktoren zu suchen oder aber auch durchaus (was wesentlich häufiger der Fall ist) in den biographisch zurückliegenden, kindlichen und frühkindlichen Erfahrungen. Je nach Schwere der Beeinträchtigungen kann es notwendig sein, auf eine professionelle Hilfe zurückzugreifen und sich einem psychotherapeutischen Prozess zu unterziehen.

 

Als letzte wesentliche Säule, die dazu beiträgt unserem Leben eine  ausgewogene, harmonische und damit gesunde Grundlage zu bieten, ist die Genussfähigkeit zu nennen. Hiermit ist unsere Fähigkeit gemeint, das Leben in all seinen schönen Facetten und Nuancen schätzen und annehmen zu können, sich dem genussvoll, mit Lust und vielleicht auch Leidenschaft hingeben zu können. Hier geht es auch um die Fähigkeit sich fallen zu lassen, in einem lustvollen Genießen baden zu können. Die Schönheiten auf allen Ebenen des Erlebens, bezogen auf alle uns Sinne, aufnehmen, zulassen und empfinden zu können, ist eine besondere Fähigkeit. Diese kommt an vielen Stellen unseres Alltags, der nicht selten erfüllt ist von Aufgaben, Anforderungen und Verpflichtungen (s. Arbeitsfähigkeit) häufig zu kurz und bleibt u.U. sogar ‚auf der Strecke‘. Sind wir in der Lage, Situationen und Gelegenheiten genussvoll zu leben, werden wir uns beschenkt fühlen, erfüllt, zu tiefst befriedigt. Die Natur bzw. unsere Biologie hat uns hierzu mit den entsprechenden Glückshormonen, die in unserem Körper produziert werden können, ausgestattet. Gelingt es uns diese zu aktivieren, fühlen wir uns nicht nur glücklich, sondern wir sorgen in einem umfassenden Sinn für unsere Gesundheit. Aus unzähligen wissenschaftlichen Untersuchungen wissen wir inzwischen, wie sehr diese Zustände zu einer umfassenden Körper-Seele-Geist Gesundheit beitragen.

 

Gelingt es uns nicht, uns auf diese Ebene des Erlebens einzulassen, die Genussfähigkeit zu leben, werden wir ebenfalls mit den beeinträchtigenden und krankheitsinduzierenden Auswirkungen konfrontiert werden. Ein Leben, das keinen ausreichenden Platz für das Genießen hat, wird letztlich in allen Teilen bestroffen sein und durch Einschränkungen gekennzeichnet sein. Auch hier wird es zu schwer erträglichen Zuständen der Spannung kommen, verbunden mit den Diskrepanzen zwischen Ist- und Soll-Wert. Wie auch bei der Arbeitsfähigkeit und Liebesfähigkeit, wird es in der Folge hier darum gehen, Wege zu finden, die Spannung und die Diskrepanz zu reduzieren.

 

Wie aus den Ausführungen erkennbar ist, kann es in all diesen drei Bereichen unseres Lebens, der Arbeitsfähigkeit, Liebesfähigkeit und Genussfähigkeit zu Diskrepanzen kommen, verbunden mit dem Abweichen des Ist-Wertes von dem gewünschten Soll-Wert. Ist das der Fall, stellt sich stets die Frage, wie wir diese Abweichungen beheben können.

 

Wir können sowohl versuchen Veränderungen an den jeweiligen situativen Lebensumständen vorzunehmen, die zu einer möglichen Diskrepanz beitragen (z.B. Ortswechsel, Arbeitsplatzwechsel, Trennung etc.), zugleich oder auch alternativ können wir Veränderungen an uns selbst vornehmen. So kann es u.U. helfen, uns von bestimmten Ansprüchen und Erwartungen zu lösen, ebenso eine andere Sicht, ein verändertes Verständnis bzw. eine andere Deutung des Ganzen vorzunehmen, um den inneren und äußeren Konflikt zu reduzieren oder zu lösen (re-framing). 

 

Ziel darf es und sollte es sein, bezüglich dieser o.g. drei Säulen ein ausgewogenes Verhältnis herzustellen. Es wird kaum möglich und realistisch sein, eine weitgehende Gleichheit in deren Ausprägung anzustreben. Je nach Persönlichkeit und Charaktereigenschaften, werden diese Säulen unterschiedlich stark ausgeprägt sein, doch sollte keine überragend dominieren und ebenso keine vollkommen unterrepräsentiert sein. Probleme und Konflikte, in Verbindung mit negativen Empfindungen und möglichen körperlichen, seelischen und geistigen Beschwerden, können wir langfristig nur vermeiden, wenn es uns gelingt diese drei Säulen in einem ausgewogenen Verhältnis als Grundlage unseres Lebens zu haben.

 

Hierbei sollte es nicht darum gehen, hundertprozentige Lösungen zu finden. Eine solche Haltung wäre der Anlass für fortdauernde Unzufriedenheit mit sich selbst und auch mit anderen, da die Wirklichkeit dem Anspruch nach Vollkommenheit niemals gerecht werden kann. Viel sinnvoller, angemessener und empfehlenswerter erscheint eine Haltung der Toleranz, des Verständnisses, der Großzügigkeit und Nachsichtigkeit auch Abweichungen gegenüber, sofern diese sich in Grenzen halten.

 

Die Anerkennung sowohl der eigenen als auch der uns alle kennzeichnenden Unvollkommenheit, gibt uns viel mehr Freiheit und Wohlbefinden, da sie mit einem Frieden verbunden ist, den wir in uns selbst und auch mit anderen schließen und finden können. Zu lernen mit der Abweichung von einem angestrebten Soll zu leben, kann ein wichtiger und bedeutender Schritt sein, dem Wunsch ein klein wenig näher kommen zu können.

 

Im sog. ‚Gelassenheitsgebet‘, das vermutlich von dem US-Amerikanischen Theologen Reinhold Niebuhr verfasst wurde und große Verbreitung gefunden hat, heißt es in den ersten drei Zeilen: „Gott, gib mir die Gelassenheit, Dinge hinzunehmen, die ich nicht ändern kann, den Mut, Dinge zu ändern, die ich ändern kann, und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden….“

 

Wie eine Lösung für eine bestehende, enttäuschende Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität aussehen kann, zeigt auch eine fernöstliche Geschichte. Ein indischer Bauer, kämpfte viele Jahre mit dem Unkraut in seinem Garten, bis er eines Tages, enttäuscht und frustriert aufgrund seines erfolglosen Kampfes, sich mit einem offiziellen Schreiben an seine Regierung wendete. Er schilderte sein Problem und bat, mit Hilfe der dort doch sicher vorhandenen Wissenschaftler und Fachleute, ihm eine Lösung zukommen zu lassen. Nach Monaten des Wartens kam schlussendlich ein offizielles Schreiben der Bezirksregierung, in dem man dem Bauern mitteilte, dass man nach vielen langen Erörterungen und Diskussionen in unterschiedlichen Zusammensetzungen und Behörden, nun glücklich sei, ihm eine Lösung präsentieren zu können. Die Lösung, die der Bauer im letzten Satz des Schreibens lesen konnte lautete: „Wir empfehlen Ihnen, lernen Sie im Frieden mit Ihrem Unkraut zu leben!“. 

 


30.06.2019

 

5. Brauchen wir Vorbilder?

Nelson Mandela (18.07.1918-05.12.2013) engagierte sich als führender südafrikanischer politischer Aktivist in einem mehrere Jahrzehnte dauernden Widerstand gegen die Apartheid. Von 1944 an engagierte er sich im African National Congress (ANC) um gegen die Rassendiskriminierung und die politische Gleichberechtigung aller Volksgruppen in Südafrika gegen die Vorherrschaft der Weißen zu kämpfen. Aufgrund dessen wurde er von 1963 bis 1990 über 27 Jahre als politischer Gefangener in Haft gehalten. 

 

Trotz seiner langen Jahre der Gefangenschaft, blieb er der herausragende Vertreter und die Symbolfigur im Freiheitskampf gegen Unterdrückung und soziale Ungerechtigkeit in Südafrika. Die erlittenen Demütigungen, Verletzungen und endlosen Versuche der Einschüchterung und Bedrohung, konnten ihm seine versöhnliche, wertschätzende und friedliebende Haltung, alle Menschen, ungeachtet von deren Hautfarbe, Rasse, Herkunft, Kultur und sozialen Status nicht nehmen. Nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis wurde er 1994 zum ersten schwarzen Präsidenten seines Landes gewählt, was er bis 1999 blieb. Aufgrund seines Engagements für den alle Menschen verbindenden Frieden, erhielt er 1993 den Friedensnobelpreis und galt schon zu seinen Lebzeiten als politisches und moralisches Vorbild.

 

Geboren wurde er am Ufer eines Flusses in einem kleinen Dorf. In prophetischer Weitsicht hatte er von seinem Vater einen Vornamen erhalten (Rolihlahla), der in wörtlicher Übersetzung die Bedeutung hatte ‚Am Ast eines Baumes ziehen‘, was als gleichbedeutend mit ‚Unruhestifter‘ zu verstehen war. Die Familie gehörte zum Stamm der Xhosa, deren Rituale, Gebräuche und Sitten er verinnerlichte. Da sein Vater bereits früh verstarb, Mandela war gerade 9 Jahre alt, wurde er von einem Stammes-Oberhaupt adoptiert und erhielt nun einen Namen mit einer ebenfalls prophetischen Bedeutung ‚Gründer des Rates‘.

 

In seiner lesenswerten, detailreichen und mit 864 Seiten sehr umfangreichen Autobiographie („Der lange Weg zur Freiheit“) ist zu lesen, wie er bereits als Kind versuchte „Gegner zu bezwingen, ohne sie zu entehren“. Im Alter von 19 Jahren besuchte er eine methodistische Missionsschule, wo er ein Bewusstsein als Afrikaner entwickeln konnte, losgelöst von einem Stammes-Bewusstsein. Zwei Jahre später schrieb er sich im University College ein, wo er einige seiner späteren Wegbegleiter im Kampf gegen die Unterdrückung kennenlernte. Seine Studienfächer waren Englisch, Anthropologie, Politik und Römisch-Holländisches Recht. 

 

Nachdem er zunächst als Wachmann in einem Goldbergwerk gearbeitet hatte, nahm er später eine Ausbildungsstätte in einer Anwaltskanzlei an. Hier entwickelte er erstmals eine freundschaftliche Beziehung zu einem weißen jüdischen Kommunisten. Er lebte in ärmlichen Verhältnissen und war neben seiner Arbeit auch als Schwergewichtsboxer unterwegs. Im Alter von 25 Jahren beendete er erfolgreich sein Fernstudium an der Universität of South Africa mit seinem Bachelor of Arts. Seinen graduierten Abschluss konnte er jedoch 6 Jahre später aufgrund seines politischen Engagements nicht machen. Aufgrund unzähliger Behinderungen und absichtlich auferlegter Hürden, vor und während der Jahre seiner Gefangenschaft, konnte er letztlich erst gegen Ende seiner Haftzeit 1989, sein Jura-Studium offiziell mit dem Bachelor of Law erfolgreich abschließen.

 

Sein Kampf gegen die politische, soziale und auch wirtschaftliche Unterdrückung begann er bereits in seinen jungen Jahren als Student. Nachdem 1948 Gesetze eingeführt wurden (Apartheid), mit denen die Vorherrschaft der Weißen festgeschrieben wurde und die Rassenzugehörigkeit aller Südafrikaner gekennzeichnet war, wurde sein Kampf umso intensiver. Bereits zu dieser Zeit war er bestimmt von der Idee des gewaltlosen Widerstands, wie ihn Mahatma Gandhi in Indien vertreten hatte. 1952 eröffnete er zusammen mit einem Weggefährten (Oliver Tambo) die erste von einem Schwarzen geführte Anwaltskanzlei in Südafrika. In den folgenden Jahren wurde er aufgrund seiner politischen Aktivität wiederholt verhaftet und mit einem Bann belegt, der seine Bewegungsfreiheit sowie seine Rechte stark einschränkte.

 

Obwohl er 1961 in einem langwierigen Prozess des Hochverrats freigesprochen wurde, musste er sich in den Untergrund begeben und als Gärtner und Chauffeur arbeiten. Aufgrund der immer schärfer werdenden Auseinandersetzungen mit den weißen Machthabern und der nun eskalierenden Gewalt, von deren Seite, kam Mandela zur Überzeugung, dass es notwendig sei, die Haltung des gewaltfreien Widerstandes zu überdenken und erklärte die Zeit der friedlichen Versuche  einer Umwälzung zunächst für beendet. In der Folge kam es zur Durchführung von unterschiedlichen Sabotageakten.

 

Nachdem Mandela 1962 erneut verhaftet worden war, wurde er in einem Prozess, in dem ihm kein Rechtsanwalt zugestanden wurde und er sich aufgrund dessen selbst verteidigen musste, zunächst zu fünf Jahren Haft verurteilt. 1990 wurde von der New York Times veröffentlicht, dass die Informationen, die an die südafrikanischen Behörden gelangten und zur Verhaftung von Mandela führten, von der CIA kamen. 1964 wurde Mandela letztlich zusammen mit sieben anderen Mitstreitern zu einer lebenslangen Haft verurteilt. 

 

Obwohl im Verlauf der Jahre seiner Inhaftierung Mandela wiederholt das Angebot der Freilassung gemacht wurde, lehnte er es jeweils ab, da es an Bedingungen geknüpft war, die von den weißen Machthabern gestellt wurden. Demnach sollte Mandela u.a. bewirken, dass der African National Congress (ANC) seinen Kampf gegen das weiße Regime aufgeben sollte. Das jedoch wollte Mandela nicht akzeptieren. Trotz einer international zunehmenden Kampagne für seine Freilassung, blieb er weiter inhaftiert und erhielt in Gefangenschaft 1988 den Menschenrechtspreis der Vereinten Nationen.

 

Die amerikanische Regierung unter der Führung von Ronald Reagan, sowie die damalige britische Premierministerin Margaret Thatcher bezeichneten Mandela zur gleichen Zeit 1988 noch als Terroristen, aufgrund dessen er sich zusammen mit verschiedenen Kriminellen auf einer US-Watch List befand, von welcher er erst im Jahr 2008 von G.W. Bush gestrichen wurde.

 

Nachdem Mandela am 11.02.1990 nach 27 Jahren aus der Haft entlassen wurde, hielt er wenige Tage später vor 120.000 Zuhörern im FNB Stadion in Johannesburg eine Rede, in welcher er seine Politik der Versöhnung darstellte. Er rief darin alle Menschen, die die Apartheid aufgegeben hatten zur Zusammenarbeit auf. Sein Ziel war es gemeinsam mit allen an einem „nichtrassistischen, geeinten und demokratischen Südafrika mit allgemeinen, freien Wahlen und Stimmrecht für alle“ zu arbeiten. Nach den ersten freien Wahlen in Südafrika 1994 wurde Mandela zum ersten schwarzen Präsidenten gewählt. 

 

In seiner Autobiographie ‚Der lange Weg zur Freiheit‘ schreibt Mandela:

„Während dieser langen, einsamen Jahre (der Inhaftierung) wurde aus meinem Hunger nach Freiheit für mein eigenes Volk der Hunger nach Freiheit aller Völker, ob weiß oder schwarz…Ein Mensch, der einem anderen die Freiheit raubt, ist ein Gefangener des Hasses…Der Unterdrückte und der Unterdrücker sind gleichermaßen ihrer Menschlichkeit beraubt. Als ich das Gefängnis verließ, war es meine Aufgabe, beide, den Unterdrücker und den Unterdrückten zu befreien…Denn um frei zu sein genügt es nicht, einfach nur die Ketten abzuwerfen, sondern man muss so leben, dass man die Freiheit des anderen respektiert und fördert.“

 

In beeindruckender Weise ist es in einem sehenswerten Spielfilm (‚Invictus’ siehe das Video unten) dem Regisseur Clint Eastwood gelungen, die Strahlkraft von Nelson Mandela zu vermitteln. Er führte anlässlich der Rugby Weltmeisterschaft in Südafrika 1995 seine südafrikanische Mannschaft zum Finale auf das Spielfeld. Die Mannschaft Südafrikas war relativ ‚chancenlos’ als Außenseiter in das Turnier gestartet. Doch Mandela selbst war voller Zuversicht und konnte der Mannschaft einen Glauben vermitteln, der so stark war, dass sie letztlich Weltmeister wurde. Rugby war der klassische Sport der Weißen. Mandela nutzte diese Gelegenheit, sowie die Weltmeisterschaft insgesamt, um allen Südafrikanern zu signalisieren, wir sind ein Volk und gehören alle zusammen, unabhängig von unserer Hautfarbe, der kulturellen Herkunft oder dem sozialen Status.

 

Die von Mandela in den Jahren seiner Präsidentschaft eingeleiteten und durchgeführten gesellschaftlichen Veränderungen betrafen alle Bereiche des Zusammenlebens und waren von großer Bedeutung, so z.B. die Bestimmung, wonach Kinder unter sechs Jahren, schwangere und stillende Mütter eine kostenlose Gesundheitsfürsorge zu erhalten hatten. Auch wurde die Strom- und Wasserversorgung für Millionen von Menschen sichergestellt, die bis dahin davon ausgegrenzt waren. 

 

Viele bedeutende internationale Persönlichkeiten aus allen Bereichen des Lebens, Politik, Wissenschaft, Kultur, Sport, Showgeschäft, welche die Gelegenheit hatten Nelson Mandela persönlich zu treffen und ihn kennenzulernen, berichteten in vergleichbarer und übereinstimmender Weise von seinem Charisma, seiner Bescheidenheit, Integrität und Authentizität. Er stand und steht unverändert, beispielhaft für die universellen Werte, die uns Menschen auf diesem Planeten vereinen sollten. Sein Wirken und seine Erfolge sind ein Beleg dafür, dass es sich lohnt, einen langen, beschwerlichen und auch leidvollen Weg auf sich zu nehmen, um ein ersehntes Ziel zu erreichen.  

 

In den langen Jahren seiner Gefangenschaft war es das Gedicht ‚Invictus‘ von William Ernest Henley (1849-1903), das ihm, auch in den dunklen Zeiten, stets Hoffnung, Zuversicht und Kraft gab. Die beiden letzten Zeilen dieses Gedichts sind von großer Bedeutung und gehören für mich zu den Grundlagen meiner Psychotherapeutischen Botschaft an die Menschen, die den Glauben an sich selbst verloren haben.

 

„Aus finst’rer Nacht, die mich umringt,

durch Dunkelheit mein ’Geist ich quäl’.

Ich dank’, welch’ Gott es geben mag,

dass unbezwung’n ist meine Seele.

 

Trotz Pein, die mir das Leben war,

man sah kein Zucken, sah kein Toben.

Des Schicksals Schläg’ in großer Schar.

Mein Haupt voll Blut, doch stets erhob’n.

 

Jenseits dies Orts voll Zorn und Tränen,

ragt auf der Alp der Schattenwelt.

Stets finden mich der Welt Hyänen.

Die Furcht an meinem Ich zerschellt.

 

Egal, wie schmal das Tor, wie groß,

wieviel Bestrafung ich auch zähl’.

Ich bin der Meister meines Los’.

Ich bin der Käpt’n meiner Seel’.

 

Zu Beginn dieses Beitrages steht die Frage, ob wir Vorbilder brauchen. Vorbilder können uns Orientierung sein, da wo wir keine Orientierung haben. Sie können uns Halt, Hoffnung, Zuversicht, Sicherheit, Kraft, Energie, Mut und Vertrauen geben, den Glauben an uns selbst, sowie an eine gute, vielleicht bessere, segensreiche Zukunft und damit auch ein besseres Leben im Hier und Jetzt. Wir alle brauchen solche Vorbilder, die Sehnsucht danach ist uns von Geburt an mitgegeben, sie ist wohl ein Teil unserer menschheitsgeschichtlichen Entwicklung. Insofern dürfen wir dankbar sein, wenn wir einen solchen Menschen unter uns finden. Leider sind sie offensichtlich immer seltener anzutreffen, um so wichtiger scheint es mir, sich an den wenigen, die wir kennen auszurichten. Nelson Mandela ist für mich ein solches Vorbild.

 


27.06.2019

 

6. Was gibt uns die Meditation und das Yoga?

In Folge der Erkenntnisse aus der Quantenphysik, können wir inzwischen von einem ‚elektromagnetischen Feld‘ sprechen, das die gesamte Schöpfung kennzeichnet und ausfüllt. Mit anderen Worten können wir von dem ‚Meer aller Möglichkeiten‘ sprechen. Dieses Meer besteht aus Schwingungen (Wellen aus Energie) bzw. aus Information.

 

Was sind die Zugänge, die wir neben dem Forschen und den wissenschaftlichen Bemühungen v.a. auch im Rahmen dieser Quantenphysik haben, um Aufschlüsse über dieses unbestimmte, elektromagnetische Feld zu bekommen? Wie können wir eine Erfahrung ermöglichen, welche von einem Gefühl der Berührung und des Gewahr-Werdens dieses energetischen Feldes gekennzeichnet ist? 

 

Das Überschreiten bzw. das Durchschreiten der uns gegebenen Grenzen unserer materiellen Wirklichkeit, lässt sich anhand unterschiedlicher Wege vollziehen. Hierzu zählen Zustände der Trance, wie sie über bestimmte Rhythmen oder auch über die Einnahme bestimmter Substanzen ermöglicht werden, bzw. auch in Folge einer Hypnose. Ebenso jedoch ist es uns möglich über das Praktizieren der Meditation und des Yoga in eine Tiefe des  Bewusstseins zu kommen, die den Kontakt mit diesem Meer aller Möglichkeiten bietet.

 

In den letzten 20 Jahren wurden unzählige wissenschaftlich anspruchsvolle und z.T. originelle Studien und Untersuchungen zur Wirksamkeit der Meditation und des Yoga auf unser geistiges, seelisches und körperliches Wohlbefinden durchgeführt. Die Ergebnisse dieser Studien finden sich weltweit in den unterschiedlichsten Ländern der Erde.

 

So können wir inzwischen sagen, dass die Meditation Auswirkungen hat auf nahezu alle Organe unseres Körpers. Gehirn, Herz-Kreislaufsystem, Lungen, Stoffwechsel-Prozesse, Hormon-Haushalt, glatte und quer gestreifte Muskulatur, Knochen, Sinnesorgane, Immunsystem, Psyche und die Zellen einschließlich unseres Chromosomen-Satzes sind betroffen. MRT-Aufnahmen (Magnetresonanztomographie) haben gezeigt, dass regelmäßiges Meditieren, ganze Bereiche in unserem Gehirn verändert und damit unseren gesamten Organismus beeinflusst (siehe MRT-Bild unten). Eine der bekanntesten Formen der Meditation nennen wir ‚Achtsamkeitsmeditation‘. Diese hat sich weitgehend von ihren ursprünglich religiösen Wurzeln gelöst. Hier geht es darum, die Achtsamkeit auf die Vorgänge in unserem Inneren zu lenken, auf unsere tiefen Gefühle bzw. körperliche Empfindungen.  

 

Christophe André, Arzt an dem Centre Hospitalier Sainte-Anne in Paris, sagt: „Wir hören in unsere ganze Person hinein. Lauschen, was in unserem Körper geschieht, wie wir atmen, wie unsere Gedanken fließen, wie Geräusche auf uns wirken….Im Grunde sind wir unser eigener stiller Beobachter.“ Christophe André ist für seine zahlreichen Publikationen bekannt. Er war der erste Arzt in Europa, der die Meditation klinisch genutzt hat. In seiner Klinik in Paris setzt er seit vielen Jahren erfolgreich Meditation bei Patienten mit chronischen Depressionen und Angststörungen ein. Dort wird die Meditation neben der Pharmakotherapie und Psychotherapie als eine weitere, unterstützende Maßnahme verstanden. 

 

Inzwischen vorliegende internationale Studien zeigen, dass Personen, die bereits zwei schwere depressive Episoden erlebt haben, durch 20 Minuten Meditieren am Tag, ihr Rückfall-Risiko um 50 % reduzieren können. Verantwortlich für unsere Gefühle ist ein bestimmter Teil des lymbischen Systems unseres Gehirns, das den Namen Amygdala trägt. Diese Amygdala ist auch das Zentrum für unsere Angstgefühle. So zeigt sich bei Angstpatienten dort eine besonders hohe Aktivität. Werden Patienten ohne Meditationstraining mit Patienten verglichen, die ein bestimmtes 8-wöchiges Meditationstraining hatten, kommt es bzgl. der Angstreaktion bei Patienten mit dem Training zu deutlich weniger Aktivität in diesen Arealen des Gehirns. 

 

Ein weiteres Ergebnis des meditativen Prozesses ist die positive Auswirkung auf die sog. Neuroplastizität unseres Gehirns. Diese bezeichnet die Fähigkeit des Gehirns, in aktiver Weise Umbauprozesse i.S. der Erneuerung durchzuführen. Es ist nicht davon auszugehen, dass im Gehirn während der Meditation nichts geschieht. Ganz im Gegenteil, kommt es zu aktiven Prozessen des Umbaus in vielen Arealen.

 

Zu Beginn der Forschungsarbeiten zur Meditation, wurde diese v.a. von Psychologen und Psychiatern durchgeführt, zwischenzeitlich sind es Neurowissenschaftler, Immunologen, Kardiologen und auch Endokrinologen. Vielerorts werden Einführungskurse zur Meditation angeboten, in den USA bereits in über 200 Kliniken. Ausgangspunkt für die Erforschung der Meditation auf den Menschen, war das Center of Mindfullness in Medicine, Health Care and Society der University of Messechussets. 

 

Der Gründer dieses Center of Mindfullness, John Kabat-Zinn, wurde in den 70er Jahren, bei seinen Bemühungen, die moderne Medizin mit der Meditation zu verbinden, als ‚bekiffter Hippie‘ bezeichnet. Er entwickelte ein 8-wöchiges Anwendungsprogramm i.S. eines Schulungskonzepts, das inzwischen überall auf der Welt nahezu standardisiert zur Anwendung kommt.

 

In einer Studie von 2013 konnte Barbara Fredrickson, von der Universität North Carolina, belegen, dass die Kultivierung positiver Gedanken mittels der Meditation, unterschiedlichste positive Auswirkungen mit sich bringt. So steigert sich das eigene positive Wohlempfinden, die zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern sich, das eigene Nervensystem erfährt eine positive Beeinflussung und es kommt zu einer Fokussierung der Momente von Freude und Glück im Alltag.  

 

Bezüglich der Effekte der Meditation, wurde von Prof. Clifford Saron, Neurowissenschaftler der Universität in Kalifornien, ein sehr anspruchsvolles Forschungsprojekt durchgeführt. Dieses hatte zum Ziel zu prüfen, ob es möglich ist durch Meditation die Vorgänge innerhalb der menschlichen Zellen, auf der Ebene des Chromosomensatzes zu beeinflussen bzw. zu verändern. Hierzu wurden 2 Gruppen von je 30 Personen für 2 Monate in einem Haus in den Rocky Mountains in Meditation unterwiesen. Es wurden im Anschluss 15 verschiedene computerbasierte Aufgaben verabreicht, die es ermöglichten verschieden Aspekte der Regulierung von Emotionen abzufragen. 

 

Gegenstand der Beobachtung waren die sog. ‚Telomere‘, denen in gewisser Weise die Funktion einer biologischen ‚Schutzkappe‘ an den Enden der Chromosomen zukommt. Diese Telomere werden mit zunehmendem Alter immer kürzer und können somit ihre Funktion nur noch teilweise erfüllen. Sind diese Telomere zu kurz, kann sich die Zelle nicht mehr teilen und es wird kein neues Gewebe gebildet.

 

Zu Beginn und am Ende des 3-monatigen Meditationstrainings wurde die sog. Telomerase bestimmt. Dies ist ein Enzym, das die Telomer-Verkürzung verlangsamt. Die Ergebnisse zeigten, dass nach einem drei monatigen Meditieren, bereits ein Drittel mehr Telomerase im Blut vorliegt. 

 

Mit dieser Untersuchung wurde somit erstmals nachgewiesen, dass Meditation einen grundlegenden Mechanismus unserer Biologie beeinflussen kann, den Alterungsprozess von Zellen.

 

In gleicher Weise wie die Wirksamkeit der Meditation inzwischen in unzähligen Studien belegt wurde, verhält es sich mit der Wirksamkeit des Yoga. Seit 2016 gehört Yoga laut UNESCO zur repräsentativen Liste des ‚Immateriellen Kulturerbes der Menschheit‘. In der indischen Kultur hat Yoga immer schon eine bedeutende Rolle in den Bereichen der Gesundheit, Medizin, Bildung und Kunst. Beruhend auf dem ganzheitlichen Verständnis des Menschen bestehend aus Körper, Seele und Geist, zielt das Yoga auf die physischen, mentalen und spirituellen Kräfte des Menschen. Die angewandten Techniken bestehen in Körperübungen, Meditationen, Kontrollen der Atmung und auch in spirituellen Übungen.

 

Die positiven Auswirkungen des Yoga können wir auf allen Ebenen uns Menschen betreffend finden. Auf der physischen Ebene nimmt Yoga Einfluss auf den Blutdruck, die Herz- u. Lungenfunktion, den Magen-Darm-Trakt, die Beweglichkeit der Glieder, Energie und Ausdauer, Augen-Hand-Koordination, Reaktionsschnelligkeit, das Immunsystem, den Schlaf, die Muskulatur und das Körperbewusstsein. Auf der biochemischen Ebene senkt es die Stresshormon-Ausschüttung, den Glucose-Spiegel, das Cholesterin, erhöht die Anzahl der Lymphozyten (Immun-Abwehr) und des Hämoglobins und hilft bei der Regulation der Schilddrüsenhormone. Die Sauerstoffzufuhr zum Gehirn steigt und die Lungenfunktion verbessert sich. 

 

Auf der psychischen Ebene kommt es zu einem Ansteigen der Stimmung, zur Reduktion von Stress, Angst und Depression. Zugleich zeigt sich eine Stärkung des Selbstbewusstseins, ein höheres Ausmaß an innerer Ausgeglichenheit und innerer Ruhe. Ebenso steigt das Ausmaß an Konzentrationsfähigkeit, Aufmerksamkeit und des Erinnerungsvermögens. In Folge dieser Effekte erhöht sich die soziale Kompetenz und die positive Einstellung zum Leben insgesamt verbessert sich, womit es letztlich zu einer umfassenden Erhöhung der allgemeinen Lebensqualität kommt.

 

Bereits bei Anfängern hat Yoga in kurzer Zeit eine positive Auswirkung. Es zeigt sich, dass diese in der Folge von einführenden Yoga Einheiten, bereits weniger Stress empfinden, statt dessen mehr Ausgeglichenheit und innere Ruhe.

 

Diese gesamten positiven Effekte des Yoga dürfen uns überzeugen und sprechen für sich. Allein aufgrund dieser weitgehenden positiven Auswirkungen auf unsere physische und psychische Verfassung, ist es ratsam sich dem Praktizieren des Yoga zu öffnen. Von noch weiterreichenden Auswirkungen ist die mit dem Yoga verbundene spirituelle Bereicherung. Dieser Fokus, welcher sich auf die spirituelle Ebene bezieht, dürfen wir bei den Yoga Angeboten, die wir heute an vielen Stellen unserer modernen, westlichen Gesellschaft finden, leider häufig vermissen.

 

Mark Whitwell, Autor und einer der weltweit bekanntesten, erfahrenen Yoga Lehrer aus Neuseeland, sagt hierzu: „Yoga ist abgetrennt worden von seiner großen Tradition….Es wurde in die Fitness Industrie integriert…es geht darum vorgegebenen Idealbildern zu genügen, die sich auf den Covers von Magazinen befinden….Tatsächlich jedoch geht es darum seinen Körper zu lieben, so wie der Körper seine eigene Atmung liebt… Wenn das gelingt ist es eine Liebesbeziehung…Die Einatmung liebt die Ausatmung..…Eine Anstrengung um einer Zielvorstellung zu genügen, die sich in der Zukunft befindet, ist kein Yoga.“

 

„Der Versuch irgendwo hinzugelangen, als sei man nicht irgendwo, als sei man nicht irgendwer, als sei man nicht ein Wunder der Schöpfung, ist kein Yoga…Wir sind die Kraft des Universums…in vollkommener Harmonie mit allem….So gibt es ein richtiges Yoga für jeden Menschen, gleichgültig wer dieser Mensch sein mag…Auf diese Weise Yoga zu praktizieren, bedeutet, die Kraft des Universums als wahr zu spüren…das hat etwas göttliches….Die umfassende Harmonie mit Allem zu spüren, das ist Yoga.“

 

Wenn wir erkennen können, dass wir über Meditation und Yoga in der Lage sind grundlegende physiologische, biologische, chemische und physikalische Prozesse zu beeinflussen bzw. zu initiieren, dürfen wir feststellen, dass wir mittels unseres Geistes über Materie bestimmen können. Hier deutet sich die von Mark Whitwell angesprochene ‚Kraft des Universums’ an. Im Einklang dazu steht die Feststellung von Max Planck, Physiker und Nobelpreisträger: „….Da es aber im ganzen Weltall weder eine intelligente noch eine ewige Kraft gibt, so müssen wir hinter dieser Kraft einen bewussten, intelligenten Geist annehmen. Dieser Geist ist der Urgrund aller Materie! Nicht die sichtbare, aber vergängliche Materie ist das Reale, Wahre, Wirkliche, sondern der unsichtbare, unsterbliche Geist ist das Wahre!“

 

Sowohl die Mediation als auch das Yoga bieten uns eine unschätzbare Gelegenheit, neben all den Möglichkeiten auf körperlicher und seelischer Ebene, den spirituellen Zugang zu dem Bereich des elektromagnetischen Feldes bzw. des Meeres der unbegrenzten Möglichkeiten zu bekommen. Es liegt ausschließlich an uns selbst, ob wir uns diesem öffnen.