Persönliches....

An dieser Stelle finden Sie persönliche Gedanken, Überlegungen und Anregungen mit unterschiedlichstem Inhalt, jedoch stets mit einem Bezug zu unserem Alltag.

 

Es handelt sich um eine Auswahl von Beiträgen. Die Gesamtheit der bisher von mir verfassten Artikel finden Sie in den beiden Büchern mit dem Titel "Psychologie für den Alltag" (siehe unten).

 

PS: Es versteht sich von selbst, dass es sich bei allen aufgeführten Beiträgen ausschließlich um subjektive Gedanken, Überlegungen und Überzeugungen handelt.

 


Band 1 (52 Kapitel - 276 Seiten) - Erschienen Juli 2019


Band 2 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erscheint Ende Oktober 2019



18.06.2019

 

Eine wesentliche Ursache für tägliches Unglück - das Vergleichen

In einer neueren holländischen Studie stellten Forscher fest, dass Nachbarn, die Tür an Tür mit Menschen lebten, die aufgrund eines Lotteriegewinns sich u.a. auch ein neues Auto leisteten, mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit in den ersten sechs Monaten nach dem Lotteriegewinn dieser Nachbarn, ebenfalls ein neues Auto kauften. 

 

In einer Studie der Stanford University in Kalifornien, stellten Psychologen fest, dass befragte Personen dazu neigen, das Ausmaß der Freude ihrer Mitmenschen, welche diese in ihrem Leben verspürten, deutlich zu überschätzen. Auch zeigte sich, dass Studenten, die sehr viel ihrer Zeit auf Facebook verbrachten, dazu neigten zu glauben, dass es ihren Freunden generell deutlich besser gehe als ihnen selbst. 

 

Aufgrund verschiedener inzwischen vorliegender Untersuchungen, wissen wir,  je häufiger sich Menschen in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Google+, Twitter oder auch den unterschiedlichsten Datingwebseiten aufhalten, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, sich mit sich selbst, dem eigenen Leben und der eigenen Entwicklung schlecht zu fühlen. Es besteht in der Folge, durch die bewusst oder auch unbewusst angestellten Vergleiche, die Neigung das eigene Leben als monoton, langweilig und uninteressant zu definieren. Hiermit verbunden ist eine zunehmende Unzufriedenheit, innere Anspannung, Enttäuschung, Trauer bis hin zu depressiven Stimmungen, verbunden mit dem Stellen von Sinnfragen bezogen auf das eigene Leben.

 

Tatsächlich können wir, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Bedeutung der sozialen Netzwerke in unserem Alltag, erkennen, dass das Anstellen von Vergleichen eine immer wichtiger werdende Ursache von persönlichem Unglück ist. War es früher der Vergleich mit dem nahen Umfeld, der ebenfalls schon für viele deutlich negative Auswirkungen haben konnte, so ist es heute der weltweite Vergleich, der keine Grenzen kennt und die sichere Grundlage für Unzufriedenheit und Unglück bietet. Der damit verbundenen Versuchung des Vergleichs, ist kaum zu widerstehen. 

 

Ohne große Mühe, können wir über die verschiedenen Foren jemanden finden, dem es vermeintlich viel besser geht, der innerhalb kürzester Zeit, beruflich und privat viel mehr erreicht hat, obwohl er vielleicht oder angeblich doch schlechtere Voraussetzungen hatte. Auf diese Weise können wir unseren Irrglauben, dass es ohnehin alle oder die meisten viel besser haben als wir selbst, pflegen und uns in unserem offensichtlichen Unglück leidend schlecht fühlen.

 

Inzwischen gibt es nicht wenige Menschen auf diesen verschiedenen Kanälen, die sich uns gern als Vorbilder anbieten, uns helfen möchten uns aus unserer ‚Not‘ zu befreien, natürlich gegen Bezahlung. Bei genauer Betrachtung appellieren sie oft unverhohlen an unsere ohnehin vorhandene Neigung zu Selbstzweifeln und Selbstkritik, die uns fragen lässt, ob wir uns denn mit dem, was wir haben, wie wir leben und wer wir sind, wirklich zufrieden sein können und wollen. Die Werbung gibt uns vor, wenn auch auf humorvolle Art, worauf es ankommt: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ (s.u. das Video dazu).

 

Die Botschaft, die vermittelt wird und die wir verinnerlichen sollen lautet, „da geht doch so viel mehr, also warum nicht den Versuch wagen und ein entsprechendes ‚Coaching‘ , einen entsprechenden Kurs, Workshop oder ein entsprechendes Programm buchen“. Der Vergleich mit denen, die das alles schon absolviert haben, inzwischen sehr erfolgreich, zufrieden und glücklich sind, wird uns in allen Farben, Schattierungen, Bildern und Darstellungen vorgeführt. Wir sollen und dürfen uns vergleichen und fragen, ob wir uns nicht in gleicher Weise ‚weiter entwickeln‘ möchten.

 

Es besteht eine große Sehnsucht nach einer schnellen und umfassenden Erfüllung der eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse. Zugleich haben wir die Hoffnung auf die Möglichkeit, anhand der suggerierten Lösungsvorschläge, einen Weg gefunden zu haben. Die erkennbaren Hinweise auf die Fragwürdigkeit dieser Angebote werden häufig außer acht gelassen, verleugnet, verdrängt, abgespalten oder auch als unbedeutend in ihrem Stellenwert bagatellisiert.

 

Der Vergleich mit anderen wirft die Frage auf, warum man sich dem gemeinsam gelebten ‚Hype‘ verschließen sollte, mit der Gefahr sich als jemand, der die Gelegenheit nicht wahrgenommen hat eine Chance zu ergreifen. Es könnte sein, sich in der Folge als zurückgeblieben, isoliert und gescheitert wieder zu finden. Dann lieber ein Teil der ‚Community‘ sein, die scheinbar der Zeit vorauseilt und die Erfüllung  der persönlichen Träume verspricht.

 

Diese Art der Betrachtung wirft die Frage auf, wie sehr wir noch ‚geerdet‘ sind, wie sehr wir noch tief verwurzelt Kontakt zum Boden haben, auf dem wir stehen. Wenn es als Ergebnis der angestellten Vergleiche v.a. darum geht abzuheben, zu fliegen, zu schweben, den eigenen Träumen, Wünschen und Sehnsüchten gerecht zu werden. Wie sehr stehen wir dann noch mit unseren alltäglichen Aufgaben im Einklang? Entspricht es denn tatsächlich unserer individuellen Erfüllung und unserem individuellen Glück, dem nachzustreben, was andere uns vorleben und als erstrebenswert und wertvoll vermitteln wollen?

 

Aus einer sehr kreativen und einfühlsamen Untersuchung der Psychologin Kiley Hamlin in einer Studie der Yale Universität wissen wir, dass Säuglinge im Alter von 6 Monaten noch durch ein ganz ausgeprägtes ethisches Verhalten gekennzeichnet sind, welches mit Gefühlen des Vergleichs, der Rivalität oder des Neids nicht in Verbindung steht. Sehr schnell jedoch im Verlauf des ersten Jahres kommt es bereits zu einer Abschwächung dieser mitgebrachten inneren Haltung. Somit können wir bereits in diesem frühen Alter die ersten Spuren der Sozialisation erkennen, die aus den Vergleichen mit anderen ableitend, ganz andere Neigungen im Erleben und Verhalten hervorrufen.

 

Der weitere Verlauf dieser Sozialisation über den Kindergarten, die Grundschule, die weiterführenden Schulen, Lehre, Studium und Beruf, sowie den Freizeitbereich und unser privates Leben, bieten uns fortlaufend, geradezu ununterbrochen die Möglichkeit zu vergleichen. Tatsächlich werden wir darauf konditioniert es zu tun. Wir sollen es tun, um aus diesen Vergleichen die notwendigen, für unser weiteres Leben wichtigen Schlüsse zu ziehen. 

 

Die möglicher Weise mit diesen Vergleichen ursprünglich verbundenen Anliegen, eine Motivation zu stärken, Energien zu mobilisieren, Förderliches und Hilfreiches für die eigene Entwicklung zu bewirken, gehen schnell verloren und machen negativen Selbst- und Fremd-Affirmationen Platz. Stets steht das eigene Selbst-Vertrauen, Selbst-Wertgefühl, Selbst-Bewusstsein auf einem Prüfstand und ebenso werden andere Menschen bemessen, bewertet und beurteilt nach Vergleichswerten. 

 

Es darf nicht sein wie es ist, wir dürfen nicht sein wie wir sind, andere dürfen nicht sein wie sie sind, sondern erst der Vergleich scheint eine berechtigte, legitime, existenzielle Grundlage zu schaffen.

 

Fritz Perls (1893-1970), ein Psychiater, Psychotherapeut, Psychoanalytiker  und Mitbegründer der Gestalttherapie, hat in seinem 'Gestaltgebet' eine Alternative zu unserem fortlaufenden Vergleichen formuliert. Gelingt uns die Umsetzung seiner darin bekundeten Botschaft, könnten wir uns aus dem Unglück, das mit dem Vergleichen verbunden ist, befreien und ein vielleicht besseres und gesünderes Leben führen:

 

(Fritz Perls im Original)

 

„I do my thing,

and you do your thing.

I am not in this world

to live up to your expectations.

And you are not in this world

to live up to mine.

 

You are you,

and I am I.

 

And - if by chance - we find each other,

it’s beautiful.

If not, it can’t be helped.“

 

 

Weitere Gestalt-Sätze von Fritz Perls, die uns den Weg weisen, uns von dem Vergleichen zu befreien:

 

"Sei so wie du bist

und lerne,

wer du bist

und wie du bist.

Vergiss für einen Moment

oder zwei,

was du tun solltest,

und entdecke,

was du gerade tust.

 

Riskiere ein wenig,

wenn es dir möglich ist.

 

Fühle deine eigenen Gefühle.

Rede mit deinen eigenen Worten.

 

Denke deine eigenen Gedanken.

 

Sei du selbst.

 

Entdecke.

 

Lass den Plan für dich

 

aus dir selbst erwachsen."

 


17.06.2019

 

Können Verletzungen heilsam sein?

Kintsugi ist ein Begriff aus dem japanischen und beschreibt eine traditionelle japanische Reparaturmethode für Keramik. Die Einfachheit und die Wertschätzung der Fehlerhaftigkeit stehen im Zentrum der Anschauung eines ästhetischen Prinzips der Teezeremonie aus dem Japan des 16. Jahrhunderts. Auf diesem Hintergrund entwickelte sich Kintsugi, die Kunst bei der es darum geht, zerbrochene Keramik anhand von Goldverbindungen zu reparieren. Auf diese Weise werden die durch den Bruch entstandenen Makel hervorgehoben, wodurch eine neue Schönheit entsteht. Diese neu entstandene Schönheit übertrifft die ursprüngliche Schönheit der betreffenden Keramik, so dass das, was sich zunächst als Nachteil, Schaden oder Bruch darstellte, die Voraussetzung für die neu entstandene Schönheit wurde (s. Bilder unten).

 

Wie verhält es sich mit uns, wenn wir Verletzungen, Kränkungen und Schäden erleiden? Zunächst haben wir das Gefühl, dass uns etwas verloren geht oder verloren gegangen ist. Etwas, das wir als heil empfunden haben mögen, ist nicht mehr vorhanden, vielleicht sind sogar Narben und Wunden zurückgeblieben, die uns von da an kennzeichnen. Macht uns das weniger wertvoll als wir es zuvor waren, bevor wir die Verletzung, Kränkung oder den Schaden erlitten haben? Oder ist es uns, wie im Kintsugi möglich, das, was uns widerfahren ist, zu vergolden, es zu einem wertvolleren, besseren und gar schöneren Teil von uns selbst werden zu lassen?

 

Im Allgemeinen neigen wir dazu, uns von unseren Wünschen, Sehnsüchten und auch unseren Ansprüchen leiten zu lassen, wir messen uns daran. Je weiter wir uns davon entfernen, umso enttäuschter sind wir, fühlen uns traurig, vielleicht auch hilflos. In gleicher Weise verhält es sich mit Verletzungen und Kränkungen, die wir erleiden. Wir fühlen uns beschädigt, beginnen u.U. an uns zu zweifeln, fragen uns, ob das, was uns zugestoßen ist, mit einer dauerhaften schmerzhaften, vielleicht nicht zu überwindenden Einschränkung verbunden bleibt. Letztlich sind wir immer dann von solchen Gedanken und Empfindungen betroffen, wenn wir etwas erleben, das wir als negativ deuten und bewerten. Somit stellt sich in diesem Zusammenhang die grundsätzliche Frage, wie wir mit allem Negativen, das uns zustoßen kann umgehen. 

 

Die Gefahr, der wir ausgeliefert sein können, besteht darin, dass wir auf die uns widerfahrene negative Energie, im Sinne der Resonanz, ebenfalls mit einer von uns ausgehenden negativen Energie reagieren. Hierbei kann sich diese von uns ausgehende negative Energie gleich und direkt gegen uns selbst wenden (Selbst-Ablehnung, Selbst-Entwertung, Selbst-Bestrafung, etc.) oder aber auf Umwegen zu uns zurückkehren, nachdem wir sie zunächst nach außen, aufgrund aggressiver oder feindseliger Regungen auf andere gerichtet haben (i.S. des Karma bzw. im christlichen Verständnis, was wir sähen ernten wir).

 

Die Herausforderung für uns besteht insofern darin, ob es uns zunächst gelingen kann, auf das, was wir als negativ, verletzend, kränkend und beschädigend erleben, nicht mit einer negativen Energie zu reagieren. Hier kann uns die allgemeine Lebenserfahrung durchaus helfen, in dem wir uns bewusst machen, dass in allem, was zunächst negativ erscheint, auch etwas enthalten ist, was wir für unsere geistige, seelische, körperliche und auch spirituelle Entwicklung als bereichernd erleben können. 

 

Hier gibt es eine Fülle von autobiographischen Berichten uns bekannter Menschen und Persönlichkeiten, die genau davon erzählen. In diesen Schilderungen ist stets zu erkennen, wie sehr sie in der Entwicklung ihrer Persönlichkeit von dem profitierten, was auch für sie selbst zunächst mit Schmerz und Leid verbunden war. Es mag für Außenstehende, die solche tief einschneidenden Erlebnisse nie gemacht haben, kaum vorstellbar und glaubhaft klingen, dass gerade diese bereichernd gewirkt haben können, doch besteht kein Anlass an der Glaubwürdigkeit solcher wiederkehrend gleich lautender Berichte und Darstellungen zu zweifeln. 

 

Die bildhafte Veranschaulichung anhand der Kunst des Kintsugi kann uns veranschaulichen, welcher positive Prozess sich nach dem Erleben solcher Ereignisse in uns vollziehen und zu welchem Ergebnis er führen kann. Ebenso wie im Kintsugi, können wir den Versuch unternehmen, unsere geistigen, seelischen und vielleicht auch körperlichen Wunden zu vergolden. Betten wir uns in unserem Verständnis der Schöpfung ein, in die Einsicht und Erkenntnis, dass alles, was geschieht einen Sinn haben mag, der letztlich etwas Gutes in sich trägt, können wir das Hadern, die Traurigkeit und stellenweise vielleicht auch die Neigung zur Verbitterung aufgeben, um Vertrauen, Zuversicht und Hoffnung zu gewinnen. 

 

Je mehr wir versuchen uns innerlich aufzulehnen, das Geschehene abzulehnen, zu verleugnen oder zu bekämpfen, es nicht annehmen wollen und nicht bereit sind, damit einen inneren Frieden zu schließen, um so weniger können wir davon profitieren und das Nützliche und Positive darin für uns entdecken. In dem Augenblick, in dem wir zutiefst in der Lage sind, es in Demut anzunehmen, als etwas das zu unserem Leben gehört und einen tiefen Sinn haben mag, kann sich unser Leben in einen deutlich spürbaren Sinn zum Positiven verändern. Wir wenden damit das zunächst Schmerzhafte, in etwas Gutes, Inspirierendes, das uns bereichert. Zugleich können wir, von da an auch inspirierend und bereichernd für andere Menschen sein. Wir sind in der Lage, die uns dann erfüllende positive Energie weiter zu geben. 

 

Werfen wir vom Ufer einen Stein in ein ruhendes Wasser, können wir sehen, wie sich die Wellen kreisförmig ausbreiten und zu immer größer werdenden Kreisen die energetischen Schwingungen weiterleiten. Ebenso verhält es sich mit dem, wozu wir in der Lage sind, wenn wir die in uns dann entstandenen positiven Schwingungen nach außen abgeben. Jede Entwicklung von uns selbst ist in gewisser Weise jeweils verbunden mit einer Neu-Schöpfung von uns selbst, wir bewegen uns auf ein verändertes und neues Niveau unseres Seins zu.  Ein fernöstliches Sprichwort lautet, „wir können niemals den Fuß zweimal an der gleichen Stelle in ein fließendes Wasser stellen“. Es beschreibt den Prozess, in dem wir uns befinden, einen Prozess der lebenslangen Weiterentwicklung und Veränderung. Wir können niemals an eine gleiche Stelle unserer zurückliegenden Entwicklung zurück kehren. 

 

Im physiologischen und biologischen Prozess unseres körperlichen Seins finden wir die Entsprechung, insofern als wir wissen, dass durchschnittlich im zeitlichen Verlauf von 7 Jahren, sämtliche Zellen unseres Körpers durch neue ausgetauscht werden, wobei der Austausch bei einigen Zellen kürzere Zeit in Anspruch nimmt, bei anderen längere. In diesem fortlaufenden Wandel, in dem wir uns alle befinden, können wir das unfassbare Ausmaß an Potential entdecken, welches es uns ermöglicht, aus zunächst schmerzlichen, verletzenden und kränkenden Erlebnissen, das Positive abzuleiten. Das ermöglicht es uns, in der verbleibenden Lebenszeit, uns auf ein nächstes, höheres und wohl auch wertvolleres Niveau unserer persönlichen Entwicklung zu heben.

 

Stellvertretend für andere, kann uns diesbezüglich die Autobiographie von Nelson Mandela („Der lange Weg zur Freiheit“) eine Hilfe sein. Er beschreibt darin letztlich seinen langen, über 28 Jahre der Gefangenschaft dauernden Weg im Umgang mit all den erlebten Verletzungen, Kränkungen und Demütigungen. Wir erhalten einen tiefen Einblick in seine Gedanken, seine Gefühle und Überzeugungen. Letztich ist es ihm gelungen, getragen von den tief in ihm verankerten friedvollen, wertschätzenden und positiven Energien, einen Prozess des ‚Kintsugi‘ zu durchlaufen und die vielen Narben und Wunden einer ‚Vergoldung‘ zu zuführen, zum Nutzen von Millionen von Menschen und damit auch seiner selbst.

 

In solchen Vorbildern können wir Inspiration finden und uns ermutigt sehen, den Versuch zu unternehmen, in gleicher Weise mit den schmerzhaften Ereignissen in unserem Leben umzugehen. Gelingt uns das, können wir zu einem besseres, vielleicht neuen Leben gelangen.  

 


14.06.2019

 

Gut für sich sorgen

Wie in verschiedenen auf dieser Seite aufgeführten Beiträgen bereits erwähnt, sollten wir Menschen uns verstehen als Ganzheit, bestehend aus Körper, Seele und Geist. Sofern ein Teil betroffen ist, sind auch die anderen beiden Teile mitbetroffen. Es ist realistischer Weise nicht denkbar und entspricht nicht unserer Alltags- und Lebenserfahrung, dass z.B. der Körper eine Einschränkung, Behinderung oder Krankheit erleidet und nicht zugleich auch unsere Seele und unser Geist davon betroffen wären. Insofern dürfen wir uns hier gern an die Aussage des Begründers der wissenschaftlichen Psychosomatik, Thure von Uexküll, erinnern, der sagte, dass es keine Krankheit gibt, die nicht psychosomatisch zu begreifen ist.

 

Diese Art der ganzheitlichen Betrachtung entspricht nicht dem, womit wir von klein auf konfrontiert sind und was wir vom Kindergarten, über die Grundschule, die weiterführenden Schulen, in der Leere oder dem Studium als wünschenswertes Vorgehen vermittelt bekommen. Im Rahmen unserer Sozialisation wird uns fortlaufend die Differenzierung, Aufteilung und Fokussierung auf Teilbereiche als erstrebenswert vermittelt. Das Wissen und die damit verbundenen Lehrinhalte beziehen sich zunehmend auf Spezialbereiche, die es zu erforschen und beherrschen gilt. Das Verbindende ist nicht der Schwerpunkt unseres Interesses, sondern das Besondere, Geteilte und Getrennte.

 

Wenn wir in unserer westlichen Kultur Untersuchungen und Betrachtungen anstellen, verwenden wir in der Analogie gesprochen vorzugsweise eine Taschenlampe um Licht in das Dunkel zu bringen. Der Vorteil dieser Art der Beleuchtung liegt darin, dass es möglich ist sehr scharf zu fokussieren, einen konkreten Bereich jeweils sehr hell und deutlich auszuleuchten. Der Nachteil ist, dass das, was sich außerhalb des Fokus befindet, nicht sichtbar ist, da es vollkommen im Dunkeln liegt.

 

In einem ganzheitlichen Ansatz der Betrachtung und Untersuchung, wie er vielmehr dem fernöstlichen Zugang entspricht, verwenden wir in der Analogie gesprochen, eine Kerze zum Ausleuchten um Licht in das Dunkel zu bringen. Der Vorteil der Kerze ist, dass sie ein gleichmäßiges Licht in das Dunkel bringt, so dass wir einen kaum merklichen Übergang in die Randbereiche haben und dadurch u.U. bestehende Zusammenhänge viel besser erkennen können. Der Nachteil besteht darin, dass auch die Mitte nicht wirklich klar, deutlich und hell ausgeleuchtet ist, somit auch wichtige Details und kennzeichnende Merkmale verloren gehen bzw. übersehen werden können.

 

Angetrieben sind wir in unserem Bemühen Antworten zu finden, sei diese Suche in der Analogie durch die Taschenlampe oder die Kerze bestimmt, in den meisten Fällen von unserem Geist und unserer Seele. Unser Körper folgt und leistet uns dabei die notwenige Hilfe. Hierbei laufen wir Gefahr, dass wir die Anliegen und Bedürfnisse unseres Körpers vernachlässigen bzw. auch übersehen. Wir vergessen u.U. ihm die notwendige Entspannung und Regeneration zukommen zu lassen, die er braucht. Ist dem so, bleibt ihm nichts anderes übrig, als uns dies über bestimmte Symptome bzw. Beschwerden mitzuteilen. 

 

Im Allgemeinen belasten wir ihn dann in der Folge mit negativen Zuschreibungen, in dem wir ihn als schwach, krank oder nicht belastbar bezeichnen. Dass die zum Ausdruck gebrachten Symptome und Beschwerden ein Beleg einer gesunden Reaktion auf ein möglicher Weise krankhaftes Verhalten sind, beziehen wir nicht mit ein. Tun wir es doch, können wir erkennen, dass der Körper uns über die Symptome die Botschaft mitteilt, dass das, was  wir tun, nicht sinnvoll und gesund ist. 

 

Tatsächlich setzt ein wirkungsvolles Arbeiten, wie immer dieses aussehen mag und welches Ziel und Anliegen auch immer damit verbunden sein mag, einen gesunden, entspannten und im relativen Wohlgefühl befindlichen Körper voraus. Dieses körperliche Wohlbefinden ist eine Grundlage, auf der wir alles weitere aufbauen können. Hierzu bedarf der Körper genügender Phasen der Entspannung, Erholung, der Sauerstoff- und Nahrungszufuhr.

 

Lernen wir auf unseren Körper feinfühlig zu hören, in uns hinein zu spüren, können wir u.U. viel mehr und viel früher auch erkennen und wahrnehmen, was uns gut tut bzw. was uns schadet. Diese besondere Hinwendung zu unserer Körperlichkeit erfordert Übung und entspricht nicht dem, was uns in unserer Sozialisation vermittelt wird. In dieser spielt ganz offensichtlich der Kopf, insbesondere das Gehirn, mit unserem Intellekt und allen unseren geistigen Fähigkeiten eine ungleich größere Rolle.

 

Insofern scheint es wichtig, entgegen dem, was uns vermittelt wird und wurde, uns bewusst unserem Körper zu zuwenden, um ihn aus einer zeitüberdauernden Anspannung und Belastung herauszunehmen und ihm bewusst die Möglichkeit zur Entspannung zu geben. In diesem Kontext ist es sinnvoll zu wissen auf welche Weise wir das wirkungsvoll leisten können.

 

Hier können uns, neben den selbstverständlichen Pausen und Auszeiten, verschiedene Techniken helfen, wie das Autogene Training, ein bewusstes Anspannen und sofortiges Entspannen von Muskelgruppen (Progressive-Muskel-Relaxation) oder auch die Musik, hier insbesondere Mantras. Diesen wird eine spirituelle Kraft zugesprochen, die sich durch wiederholtes Rezitieren manifestieren soll (s.u. das Video von Krishna Das, Grammy Award Preisträger 2013). Ich kann mich der Wirkung dieser Mantras nicht entziehen, weshalb ich sie mir meist morgens zum Einstieg in den Tag gönne. ;)

 

Immer größere Bedeutung hat in den letzten 20 Jahren die Meditation, als Möglichkeit zur tiefen Entspannung erhalten. Hierzu wurden weltweit unzählige wissenschaftlich anspruchsvolle und z.T. originelle Studien und Untersuchungen zur Wirksamkeit der Meditation auf unser geistiges, seelisches und körperliches Wohlbefinden durchgeführt. Auswirkungen hat die Meditation auf nahezu alle Organe unseres Körpers, Gehirn, Herz-Kreislaufsystem, Lungen, Stoffwechsel-Prozesse, Hormon-Haushalt, glatte und quer gestreifte Muskulatur, Knochen, Sinnesorgane, Immunsystem, Psyche und die Zellen einschließlich unseres Chromosomen-Satzes. Insofern können wir über eine solche Meditation unserem Körper die Entspannung und das Wohlbefinden geben, das er benötigt um uns dann erneut die notwendige Spannung zu vermitteln.

 

Jedoch selbst in einem Zustand der Spannung, Anspannung und Fokussierung können wir einen wesentlichen Anteil aus der Phase der Erholung und Entspannung berücksichtigen und nutzen. Sind wir angespannt ist es häufig damit verbunden, dass wir in Gedanken und in unserem Erleben bereits der Zeit voraus sind, d.h. wir sind nicht bei dem Schritt, den wir gerade tun, sondern schon beim nächsten oder übernächsten.

 

In der Entspannung, wie z.B. der Meditation, sind wir idealer Weise im Hier und im Jetzt. Genau das, können wir auch im Zustand der Anspannung und Leistung tun, im Hier und Jetzt sein, geistig und seelisch jeweils an der Stelle unserer Aufmerksamkeit bzw. Achtsamkeit, an der wir uns gerade befinden. Tun wir das, können wir feststellen, dass wir noch viel wirkungsvoller und effektiver sein können, auch in Phasen der Anspannung und Fokussierung.

 

Übertragen wir diese Gedanken auf unser gesamtes Leben, können wir uns fragen, ob wir als Mensch leben sollten um Leistung zu erbringen und zu arbeiten, oder arbeiten sollten um zu leben. Eine Frage, die auch in der Parabel von Heinrich Böll zum Ausdruck kommt, die er 1963 veröffentlich hat. Auch in dieser Parabel geht es um Entspannung und Leistung. 

 

In einem kleinen Mittelmeerhafen liegt ein ärmlich gekleideter Fischer in seinem Boot und döst. Es kommt ein gut gekleideter Tourist daher, macht ein paar Fotos, schenkt dem Mann eine Zigarette und beginnt ein Gespräch. Wie viele Fische er denn heute gefangen habe, fragt der Tourist den Fischer. Nicht allzu viele, antwortet der Fischer. Aber er sei mit seinem Fang durchaus zufrieden. 

 

Der Tourist erzählt ihm daraufhin enthusiastisch, was der Fischer nicht alles erreichen könnte, wenn er noch einmal aufs Meer hinausfahre, mehr Fische fangen und mehr verdienen würde. Er könnte Karriere machen, von dem Geld ein zweites Fischerboot kaufen, andere Fischer einstellen und noch mehr Geld verdienen.  Schließlich würde er so reich werden, dass er sich bequem zur Ruhe setzen und am Strand dösen könne. 

 

Der Fischer erwidert milde lächelnd: „Das kann ich doch jetzt schon“.

 


11.06.2019

 

Zur Bedeutung des Innehalten

Jeder Wahrnehmung anhand unserer Sinnesorgane, sowohl unserer bewussten, physiologischen fünf Sinnesorgane (Sehen, Hören, Tasten, Schmecken u. Riechen), als auch unseres sog. sechsten unbewussten Sinnes, im Sinne einer Anmutung bzw. eines intuitiven Erfassens, folgt eine ganz persönliche, subjektive Verarbeitung und Deutung dieser Wahrnehmung.

 

Jede dieser Deutungen bzw. Interpretationen ist abhängig von den bereits in uns abgelegten persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Insofern kann die Deutung des gleichen Reizes oder Ereignisses, je nach Erfahrungsinhalt des biographischen Hintergrundes, sehr unterschiedlich sein. Mit der jeweiligen Deutung sind im Allgemeinen ganz konkrete emotionale Reaktionen verbunden. Somit kommt es in der Folge der Deutung zum Entstehen eines bestimmten Gefühls. 

 

Das letzte Glied in der Kette der Reaktionen auf einen Reiz bzw. auf ein wahrgenommenes Ereignis ist nach dem entstandenen Gefühl, die Verhaltensbereitschaft bzw. ein konkretes Verhalten, im Sinne einer ganz konkreten Handlung. 

 

Im alltäglichen Ablauf sind uns diese verschiedenen Elemente des Ablaufs in Folge einer Wahrnehmung selten bewusst, so dass wir häufig davon ausgehen, dass wir in direkter Weise auf einen Reiz bzw. ein wahrgenommenes Ereignis mit einem bestimmten Verhalten reagiert haben. Dass dem eine Deutung und ein Gefühl vorausgeht entzieht sich nicht selten unserem Bewusstsein. 

 

Da die Zellen in unserem Körper über Wiederholung lernen, d.h. über Konditionierung, funktionieren wir als Körper-, Seele- und Geist-Einheit überwiegend in Form von Automatismen und reflexartigen Reaktionen, ohne Zutun unserer bewussten Entscheidung. Wir können davon ausgehen, dass 95 % unseres Verhaltens, unserer Überzeugungen und Gedanken, sowie der emotionalen Reaktionen von unbewussten, in uns abgelegten Programmen bestimmt werden. Diese Fähigkeit dient der Ökonomie und Effektivität unseres Verhaltens.

 

In diesem Sinne bewegen wir uns in gewisser Weise in einem Circulus Vitiosus, in dem gleiche Wahrnehmungen zu gleichen Gedanken führen, mit gleichen gefühlsmäßigen Reaktionen, was ein gleiches Verhalten bedingt, welches wiederum zu gleichen Erfahrungen führt, aus denen wiederum gleiche Gefühle entstehen mit einer immer gleichen Realität. Somit können wir feststellen, dass wir neuropsychologisch, neurophysiologisch und neurobiologisch gesehen, arbeiten und funktionieren nach dem Muster eines Computerprogramms.

 

Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass wir ca. 60-70.000 Gedanken pro Tag denken, von denen ca. 90% die gleichen sind, die wir bereits einen Tag zuvor gedacht haben. Sofern diese Gedanken unser Leben bestimmen, bestimmen die gleichen Gedanken unsere wiederkehrend gleichen Entscheidungen.

 

Wollen wir einen solchen Circulus Vitiosus durchbrechen, müssen wir über neues Lernen neue synaptische Verbindungen unserer Neurone herstellen. So können wir neue Muster schaffen, die mit neuen Gedanken, Gefühlen, Verhalten und Entscheidungen verbunden sind. Erst dann entsteht in uns und um uns eine neue Realität.

 

In dieser Weise neue Wege des Deuten, emotionalen und verhaltensmäßigen Reagieren und damit eine neue Realität zu schaffen, ist sehr schwierig. Dem entgegen stehen die bisher so lange schon wirksamen Automatismen, die nahezu reflexartig ablaufen, ohne unser bewusstes Zutun.

 

Jeder Trainer irgendeiner Sportart, wird es wohl stets vorziehen jemandem die jeweilige Sportart von Grund auf beizubringen, als jemanden, der diese Sportart schon lange ausübt dazu bringen, die bisherigen falschen Bewegungsabläufe gegen neue, sinnvolle und richtige austauschen zu wollen. Es ist viel leichter von Beginn an etwas aufzubauen, als bereits bestehende alte, nicht erwünschte Muster und Automatismen zu beseitigen, um die neuen zu implantieren.

 

Wir alle kennen aus unserem Alltag solche Erlebnisse und Erfahrungen, in denen wir zunächst in einer automatisierten Weise reagiert haben, dann jedoch nach Überlegung ein Bedauern oder gar eine Beschämung aufgrund unserer spontanen Reaktion empfunden haben. 

 

Ein ganz entscheidender Schutz vor einer solchen automatisierten Reaktion, verbunden mit dem Zulassen eines alten Musters, welches wir im Anschluss bereuen, kann für uns darin bestehen, wenn wir uns verpflichten vor jeder Deutung und gefühlsmäßigen Reaktion, verbunden mit einem Verhalten, Innezuhalten und zu Verweilen, um zu prüfen, wie wir mit der Wahrnehmung umgehen möchten.

 

Während diesem Innehalten, geht es darum, bewusst nichts zu tun, außer in uns selbst zu prüfen, in dem wir in uns hinein hören und versuchen zu verstehen, was aufgrund der Wahrnehmung alles in uns wachgerufen wird. Das erst kann uns u.U. erkennen lassen, dass unterschiedliche Möglichkeiten gegeben sind, dein Reiz oder das Ereignis zu deuten. 

 

Eine Mitarbeiterin einer Behörde, die sich in hohem Maße überlastet fühlte und sich verpflichtet sah, bei jedem einkommenden Anruf, der mit einer Anfrage bzw. Bitte verbunden war, sofort zu reagieren, war der Überzeugung, würde sie das nicht tun, könnte man ihr Vorwürfe machen. Hierin bestand ihre persönliche Deutung der Situation. Die Empfehlung nicht mehr sofort zu reagieren, sondern einen Moment Innezuhalten, um dann in einer standardisierten Weise zu sagen, „Ich werde mir gern Gedanken dazu machen und Ihnen sobald es geht Bescheid geben“ , veränderte den automatisierten Ablauf und ermöglichte es ein neues, wünschenswertes und sinnvolles Muster zu schaffen.

 

Aufgrund dessen war es möglich eine neue Deutung vorzunehmen, verbunden mit einem anderen Gefühl und einem neuen Verhalten, sowie einem anderen Erlebnis. Die Auswirkung auf das Empfinden sich selbst gegenüber, war erkennbar mit einer viel größeren Zufriedenheit und deutlich weniger Stress verbunden.

 

Somit sehen wir, dass das Innehalten uns viele Türen öffnen kann zu ganz neuen Erlebnisqualitäten, in Verbindung mit ebenso neuen Entscheidungen. Die in unserer Entwicklungsgeschichte ursprünglich angelegte Automatik unseres Reagierens, hat uns ohne Zweifel in vielen Gefahrensituationen das Überleben gesichert, so wenn es darum ging, uns vor einem Raubtier zu schützen und wir auf eine Flucht- und Kampfreaktion angewiesen waren. Unsere heutigen sozialen Alltagssituationen haben jedoch in den allermeisten Fällen nichts mit solchen Gefahrensituationen zu tun, so dass es wesentlich sinnvoller erscheint innezuhalten und zu prüfen, welche Reaktion angemessen ist.

 

Durch das Innehalten versetzen wir uns in die Lage, einen inneren Dialog mit uns selbst zu führen. Wir können das tun, was in einem anderen Beitrag (s.u.) hier bereits als Ausdruck einer ‚Therapeutischen Ich-Spaltung‘ dargelegt wurde. Wir schulen damit unsere bewusste und achtsame Wahrnehmung unseren inneren Prozessen des Denkens, Deuten  gefühlsmäßigen Reagieren und den in uns angelegten Verhaltensmustern gegenüber. 

 

Entscheidend bei diesem Innehalten, verbunden mit dem inneren Dialog, im Sinne einer Therapeutischen Ich-Spaltung ist, dass dies in einer zugewandten, verständnisvollen, wohlwollenden und liebevollen Weise uns selbst gegenüber geschieht. Letztlich werden wir dadurch kompetenter sowohl im Umgang mit uns selbst als auch im Umgang mit anderen. 

 


08.06.2019

 

Was sind die wichtigsten Faktoren im Leben, die für Wohlbefinden und Glück verantwortlich sind?

Machen wir uns bewusst, von welch großer Bedeutung für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden positive Energien sind, können wir uns fragen, welches die entscheidenden Faktoren in unserem Leben sind, die mit positiven Energien verbunden sind.

 

In der wohl ältesten Längsschnitt-Untersuchung der psychologischen Forschung wurde dieser Frage nachgegangen. Es wurde der Versuch unternommen die wesentlichen Faktoren für ein ‚gutes Leben' zu identifizieren.

 

Vor die Frage gestellt, in welche Bereiche und Teile unseres Lebens wir sinnvoller Weise unsere Zeit und unsere Energie investieren sollten, beantworteten 80 % einer befragten Untersuchungs-Population, dass das bedeutendste Ziel darin bestehe, Reichtum und Wohlstand zu erwerben. Weitere 50 % dieser befragten Population sagte, dass ein weiteres wichtiges Ziel darin bestünde, berühmt zu werden. Ganz offensichtlich sind diese Ziele dafür verantwortlich weshalb viele Menschen mit viel Einsatz, Energie und Zeit ihre Arbeit verrichten. 

 

Um der Frage nachzugehen, welche Ziele, Umstände, Ereignisse und Entwicklungen nachweislich tatsächlich entscheidend für einen bestimmten Lebensweg waren, wurde eine Vielzahl von Menschen über den Verlauf ihres gesamten Lebens beobachtet. In diesem Zusammenhang wurde eine Vielfalt von verschiedenen Dimensionen ihres Lebens erfasst und dokumentiert. Die sog. 'Harvard-Studie über die Entwicklung Erwachsener', ist wohl die zeitlich längste Untersuchung über die Entwicklung im Erwachsenen-Leben, die je durchgeführt wurde.

 

In dieser Studie wurde über bislang 75 Jahre das Leben von 724 Männern verfolgt. In jährlichen Abständen wurden Befragungen zu deren Familienleben, Arbeit und Gesundheit durchgeführt. Die Schwierigkeiten solche Studien über einen so langen Zeitraum durchzuführen, liegen häufig im Schwund der Probanden, den fehlenden Geldmittel oder aber auch dem nachlassenden Engagement und der Unbeständigkeit der Untersucher. Im Fall der Harvard Studie konnte die Fortführung der Untersuchung über mehrere Generationen von Untersuchern sicher gestellt werden. Von den ursprünglich 724 untersuchten Männer sind heute 60 noch am Leben und nehmen trotz ihres Alters von über 90 Jahren, unverändert an dieser Studie teil. Zwischenzeitlich schließt die Untersuchung über 2000 Kinder dieser Männer ein. 

 

Mit dem Beginn der Studie 1938, wurde das Leben von zwei Gruppen von Männern untersucht. Wobei die erste Gruppe zu einem Zeitpunkt in die Untersuchung aufgenommen wurde, als sie sich im zweiten Jahr ihres Harvard-Studiums befand. Die zweite Gruppe von ausgewählten jungen Männern, sollte aus den ärmsten und am meisten benachteiligten Familien bestimmter Viertel von Boston kommen. Die Untersuchung wurde anhand von Interviews, Befragungen der Eltern und Hausbesuchen durchgeführt. Aus diesen jungen Männern wurden Erwachsene Männer, die später u.a. als Fabrikarbeiter, Maurer, Anwälte und Ärzte tätig waren.  Die persönlichen Entwicklungen war sehr unterschiedlich. So verfielen u.a. einige dem Alkohol, andere entwickelten eine Schizophrenie. Während dessen die Männer aus der zweiten Gruppe, aus den Armenviertel von Boston wiederholt nachfragten, warum deren Leben für eine Studie so relevant sei, wurde diese Frage von der Harvard Gruppe nie gestellt. Vor ca. 10 Jahren wurden letztlich auch die Ehefrauen in die Studie aufgenommen.

 

Die Aufschlüsse und Erkenntnisse, die aus den Tausenden der zwischenzeitlich gesammelten und vorliegenden Daten gezogen werden können, liefern keine Bezüge über Reichtum und Ruhm, so wie es aufgrund der oben erwähnten Befragung zu erwarten wäre. Die unzweifelhaft jedoch wichtigste Erkenntnis aus der Studie ist, dass es 'gute zwischenmenschliche Beziehungen' waren, die für das Glück, Wohlbefinden und die Gesundheit der untersuchten Männer verantwortlich sind.

 

Es zeigt sich, dass Menschen, die eine starke Verbindung haben, zu ihrer Familie, zu Freunden und zu einer Gemeinschaft, glücklicher, gesünder und länger leben. Ist das nicht der Fall, kommt es häufiger zu Erkrankungen und früherem Tod. In Anbetracht dieser Erkenntnisse, erscheint die Tatsache, dass ein großer Prozentsatz der Bevölkerung vieler Länder angibt, sich einsam zu fühlen, um so schwerwiegender zu sein. 

 

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus dieser Studie ist, dass es nicht auf das Vorhandensein einer konkreten Partnerschaft ankommt oder auch die Anzahl der Freunde und Bekannten. Entscheidend ist vielmehr die Qualität der gelebten Beziehungen. Die  vorliegenden Befunde belegen, dass solche, als gut erlebten Beziehungen, wohltuend und beschützend sein können für die eigene seelische, geistige und körperliche Gesundheit. Ebenso schädlich hingegen wirken sich offensichtlich schwierige und konflikthafte Beziehungen auf das eigene Leben aus.  

 

Berücksichtigt man alle erfassten Parameter, so zeigt sich, dass es im Alter von 50 Jahren v.a. das Ausmaß der Zufriedenheit und die Qualität der gelebten Beziehungen war, die den verlässlichsten Voraussage-Wert lieferten bzgl. einer zu erwartenden gesunden und glücklichen Lebensspanne. Die Tatsache, sich in glücklichen Beziehungen zu befinden ermöglicht es, sowohl die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens als auch gesundheitliche Probleme wesentlich besser zu handhaben. 

 

Anhand dieser Harvard Studie konnte zugleich nachgewiesen werden, dass glückliche Beziehungen gar auf die Morphologie unseres Gehirns einen positiven und schützenden Effekt ausüben. So sind z.B. unterschiedliche intellektuelle Funktionen des Gehirns bei diesen Menschen länger und besser erhalten als bei der Vergleichsgruppe, die nicht durch solche gelebten Beziehungen gekennzeichnet war.

 

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1835-1910) sagte bezogen auf unser Leben: „Wir haben keine Zeit, das Leben ist zu kurz für Streitigkeiten, Entschuldigungen, Sodbrennen und Abrechnungen. Da ist nur Zeit für die Liebe, ... nur dafür.“

 


05.06.2019

 

Die Kunst der Medizin heute

 

In den letzten Jahrzehnten können wir immer mehr und deutlicher erkennen, welche unfassbaren Fortschritte die medizinische Wissenschaft gemacht hat. Bernhard Naunyn (1839-1925), ein deutscher Internist und Hochschullehrer war bereits zu seiner Zeit der Überzeugung, „Medizin muss Wissenschaft sein, oder sie wird nicht sein“. Führen wir uns die Vielzahl der Fortschritte in der Diagnostik und Therapie, alle möglichen Krankheiten betreffend, vor Augen, scheint die medizinische Wissenschaft diesem Anspruch durchaus gerecht geworden zu sein. 

 

Betrachten wir uns den Aufbau eines Medizinstudiums heute, sehen wir, dass auch das gesamte Studium diesem Anspruch, Medizin als Wissenschaft zu verstehen, die auf Forschung, Diagnostik, Therapie, Epidemiologie und Statistik beruht, gerecht zu werden sucht. Gleich zu Beginn liegt der Schwerpunkt auf einem naturwissenschaftlichen Ansatz, der die Physik, Chemie, Biologie und Anatomie des Menschen fokussiert, dies mit allen neuen Methoden der Technik und des Labors. Objekt der Betrachtung ist der Mensch als ein System gut oder schlecht funktionierender Organe und einer dem zu Grunde liegenden Biochemie. 

 

Bezeichnender Weise ist der erste konkrete Kontakt mit dem Menschen in den ersten Semestern beschränkt auf die detaillierte Sektion eines toten Menschen im Rahmen des Anatomie Kurses. Mit diesem ersten intensiven Kontakt, sieht sich der Medizinstudent einem, aufgrund des starken abstoßenden Formaldehyd, leblosen bzw. seelenlosen Körper gegenüber, den es nun nach allen Regeln der Kunst zu sezieren gilt. Die natürliche Abwehr und der Widerstand gegenüber diesem Formaldehyd-Körper lässt sich dann häufig nur überwinden, in dem es zur Verdrängung der Tatsache kommt, es mit einem einstmals lebendigen menschlichen Wesen zu tun zu haben.

 

Aus der Gestaltpsychologie kennen wir den Satz, wonach die Gestalt bzw. das Ganze mehr ist als nur die Summe der Teile. Übertragen auf die Medizin und das Medizin-Studium würde das bedeuten, anzuerkennen, dass auch der Mensch nicht nur aus gut oder schlecht funktionierenden Organen und der entsprechenden Biochemie besteht. Sondern auch eine Ganzheit darstellt, die sich zusammensetzt aus Körper, Seele und Geist. Dem frühen Erwerb im Studium von allen möglichen Labor- und technischen Verfahren, steht keine vergleichbare Lerneinheit gegenüber, in der es um den einfühlenden, sensiblen Umgang mit einem Patienten geht, mit dem auch ausführlich und eingehend gesprochen werden kann und dem ebenso auch achtsam zugehört werden kann.

 

Die Entwicklung, fort vom Patienten, hin zur Technik, lässt sich im alltäglichen Kontakt zwischen Arzt und Patient, sowohl in den Kliniken als auch leider in der ambulanten Versorgung im Rahmen der ärztlichen Praxis finden. In vielen Fällen, wird dem ausführlichen Gespräch kaum Zeit und Raum gegeben, körperliche Untersuchungen mit Hilfe des Abtasten, Klopfen und Abhören werden nur noch selten angewendet. Die Berührung des Patienten kann sich u.U. auf das Hand-Geben bei der Begrüßung und Verabschiedung beschränken. Statt dessen kommt es sehr schnell und früh schon im Verlauf der Untersuchung zum Einsatz von Labor und Technik. Je aufwendiger die eingesetzte Technik umso gewichtiger und aussagekräftiger scheinen sodann die Befunde. 

 

Gefördert wird diese Vorgehensweise durch ein Gesundheitssystem, das ganz entsprechend der Marktwirtschaft ausgerichtet ist, wobei es um Ökonomie und auch Gewinnmaximierung geht. Hinter diesem Gesundheitssystem dürfen wir konkrete privatwirtschaftliche Unternehmen und Aktiengesellschaften erkennen, die fortlaufend neue Medikamente, Tests, Untersuchungsverfahren und anzuwendende Techniken auf den Markt bringen.

 

Somit ist für viele Menschen kaum noch zu erkennen und zu unterscheiden, wo es sich um eine sinnvolle Erneuerung handelt oder eine Prozedur zur Sicherung und Steigerung einer weiteren Geldquelle. Tatsächlich hat es den Anschein, als sei die Krankheit im Rahmen einer solchen ‚Vermarktungslogik‘  inzwischen zu einer ‚Ware‘ geworden und der Mensch als Patient, zu einem 'Konsumenten', der entscheiden soll, was er sich, wo und wann, leisten möchte. 

 

Wie könnte oder sollte ein Gesundheitssystem, das in dieser Weise in den wirtschaftlichen Kreislauf eingebunden ist, fürsorglich im Interesse des Patienten agieren? Wie lässt sich Fürsorge mit Profitstreben in Einklang bringen? Diesem Gegensatz sehen sich viele in der Klinik tätige Ärzte ausgesetzt, wenn sie aus fürsorglichen Erwägungen einen Patienten noch in der Klinik belassen möchten, ihn jedoch aus ökonomischen Überlegungen entlassen müssen, um einen neuen Patienten aufzunehmen, mit dem sich die zu erwirtschaftenden Zahlen anheben lassen. Es scheint in unserem Bewusstsein nicht wirklich präsent zu sein, dass hinter allem, was wir in einer Klinik oder Praxis an Gegenständlichem antreffen können, eine Firma, ein Unternehmen bzw. gar eine Aktiengesellschaft steht, deren primäres Interesse nicht der Versorgung gilt, sondern dem Erwirtschaften von Gewinn.

 

Einher hiermit geht eine fortlaufende Zunahme der administrativen Aufgaben und Verpflichtungen, die dazu führen, dass ein immer größer werdender Anteil der Zeit des Arztes und des Pflegepersonals, für das Ausfüllen von Formblättern, Fragebögen und Statistischen Werten verwandt wird. Im Ergebnis sitzt der Arzt dann in vielen Fällen länger und intensiver vor seinem PC als dem Patienten gegenüber. Und auch hier finden wir ein Wort, das viel schöner klingt, als das, was es tatsächlich bewirkt, 'Qualitätsmanagement'. Worin besteht die Qualität, wenn damit immer weniger Zeit für die Beziehung zum Patienten verbleibt?

 

Die Zeit und Mühe, die darauf verwendet werden könnte, die Fähigkeit für den Aufbau der zwischenmenschlichen Beziehung zu nutzten bzw. die Anteilnahme im Sinne der Achtsamkeit und Empathie zu kultivieren, wird immer geringer bzw. ist kaum noch vorhanden. Wurde sie doch auch im vorangegangenen Medizin-Studium nicht umfassend fokussiert und berücksichtigt.

 

In gleicher Weise, in der uns vermittelt wird, dass es offensichtlich nur eine Frage der Zeit ist, bis die medizinische Wissenschaft auf alles eine Antwort findet, können wir in der Haltung bei nicht wenigen Ärzten den gleichen Anspruch erkennen, alles mit einer Diagnose versehen zu können, einer angemessenen Behandlung zukommen zu lassen und entsprechende Prognosen stellen zu können. Ein solcher Arzt erlebt sich dann u.U. auch als derjenige der ‚heilt‘, nicht als derjenige der in aller Demut nur die Bedingungen schafft, damit Heilung über die Körper-Seele-Geist Einheit natürlicher Weise stattfinden kann.

 

Wie sehr hilfreich und wirkungsvoll ganz grundsätzliche, natürliche, einfache und kostenfreie Elemente in der Versorgung von kranken Menschen sind, zeigen die inzwischen zahlreich vorliegenden Studien, die belegen, dass kurze zugewandte Berührungen beim Puls-, Blutdruck- und Fiebermessen, bereits eine positive Auswirkung auf Komplikationsrate, Liegezeiten und Entlassungszeitpunkte haben.

 

In einer diesbezüglich aufschlussreichen Untersuchung ging Sigwart Ulrich (Zeitschrift: Science) der Frage nach, ob es nach einer Gallenoperation bezüglich des postoperativen Verlaufs einen Unterschied macht, wenn das Fenster des Krankenzimmers auf einen Parkplatz oder einen Wald ausgerichtet ist. Die Ergebnisse waren eindeutig, insofern als die Patienten, deren Krankenzimmer eine Aussicht auf Bäume hatten sich signifikant schneller erholten. Sie benötigten eine geringere Dosis an Schmerzmitteln, die Wunden heilten schneller und sie wurden im Vergleich zur anderen Gruppe, deren Krankenzimmer auf einen Parkplatz ausgerichtet war, früher entlassen. 

 

Machen wir uns all das Ausgeführte bewusst, dürfen wir fragen, ob die ärztliche Kunst und Versorgung ihren ursprünglichen Ansprüchen noch gerecht werden kann. Ist es denn überhaupt möglich diesen Ansprüchen gerecht zu werden, wenn von der gegebenen Ganzheit aus Körper/Seele/Geist, die uns als Mensch kennzeichnet, in Folge der sich immer mehr ausdehnenden 'Apparate-Medizin', die Beachtung weitgehend ausschließlich auf den Körper gelegt wird? Kann eine solche Medizin, die die Seele und den Geist vernachlässigt oder gar ausschließt, sinnvoll sein?

 

Wie steht es mit der Aussage im Eid des Hippokrates (Arztgelöbnis), wonach jeder Arzt, Verordnungen treffen soll „zu Nutz und Frommen der Kranken, nach bestem Vermögen und Urteil…diese bewahren (wird) vor Schaden und willkürlichem Unrecht.“

 


02.06.2019

 

Gedanken zum Unbewussten und zur Intuition 

 

Befassen wir uns mit unserer bewussten Wahrnehmung, sollten wir einbeziehen von welch großer Bedeutung die Einflüsse unseres Unbewussten auf unser Denken, Fühlen und Verhalten sind. Sigmund Freud, der uns den Stellenwert des dynamischen Unbewussten in vielen seiner Schriften deutlich gemacht hat, war der Überzeugung, dass wir mit unserem Bewusstsein bestenfalls die Spitze des Eisbergs beanspruchen können. Den Rest des Eisbergs, der sich unter der Wasseroberfläche befindet, macht unser Unbewusstes aus. 

 

In diesem Unbewussten dürfen wir alle möglichen Erfahrungen, Erlebnisse, Vorstellungen, Gedanken, Wünsche, Phantasien und Regungen vermuten, die im Verlaufe unserer Entwicklung, aus unterschiedlichen Gründen, u.a. durch Verdrängung und Abspaltung aus dem Bewusstsein eliminiert wurden und nun dort abgelegt sind.

 

Es beinhaltet jedoch nicht nur Vergangenes bzw. Zurückliegendes, auch Aktuelles, zeitlich Gegenwärtiges, das mit dem bewussten Erleben, Denken, Fühlen, nicht in Übereinstimmung zu  bringen ist. Alles, was Spannungen und innere Konflikte auslösen könnte, kann hier seinen dauerhaften Platz finden.

 

Beziehen wir die Überzeugung von C.G. Jung (bis zum Bruch 1912, früher Unterstützer von S. Freud) mit ein, dann befindet sich zusätzlich in dem Unbewussten auch all das, was im Verlaufe der Menschheitsgeschichte einer kollektiven Verdrängung anheim gefallen ist. Jung spricht hier von Archetypen, die als universell vorhandene Strukturen der Seele aller Menschen zu begreifen sind. Dies vollkommen unabhängig von deren Geschichte und Kultur. Solche Archetypen beziehen sich v.a. auf Mythen, Märchen und Bilder in unseren Vorstellungen, die universell auf unserem Planeten verbreitet sind und zu allen Zeiten anzutreffen waren. 

 

Diese wirken aus dem sog. kollektiven Unbewussten in gleicher Weise auf unser Denken, Fühlen, Empfinden, Verhalten und unsere Entscheidungen, wie es unser individuelles Unbewusstes tut. Auch die den Menschen kennzeichnende Neigung sich eine Religion zu suchen, in der er sich aufgehoben fühlt, verstand Jung als Ausdruck einer ursprünglichen, archetypischen Manifestation eines kollektiven Unbewussten. Hier bekundet sich seiner Ansicht nach auch die Sehnsucht, nach einer transzendentalen bzw. spirituellen Dimension im Menschen.

 

Eine weitere sehr eng mit dem Unbewussten verbundene bzw. möglicherweise gar aus ihr entspringende, uns kennzeichnende Erlebnisqualität, ist die Intuition. Mit ihr bezeichnen wir im Allgemeinen die Fähigkeit ohne gedankliche, bewusste Prozesse der Betrachtung, Analyse und Bewertung, zu Erkenntnissen, Einsichten, Empfindungen und Entscheidungen zu gelangen. 

 

Diese Akte der Intuition sind meist zunächst nicht begründbar und ableitbar, sie erschließen sich auf eine nahezu ‚magische‘ bzw. ‚geheimnisvolle‘ Art und finden häufig erst im weiteren Verlauf der Ereignisse eine Bestätigung oder Relativierung. In vielen Bereichen unserer sozialen Wirklichkeit spielt die Intuition eine immer bedeutendere Rolle, weshalb in diesem Zusammenhang häufig auch von der Intuition als Ausdruck einer emotionalen Intelligenz gesprochen wird. Diese wird im Vergleich der Geschlechter häufig eher bei den Frauen angesiedelt als bei den Männern („weibliche Intuition“). 

 

Wenn wir von einer ganzheitlichen Wahrnehmung im Sinne der ‚guten Gestalt‘ sprechen, dürfen wir davon ausgehen, dass auch die Intuition viel mehr mit einem ganzheitlichen Erfassen, Spüren und Wahrnehmen verbunden ist, als mit einem analytischen, folgerichtigen Betrachten, Erkennen und Wahrnehmen. In diesem Zusammenhang sprechen wir häufig von dem ‚Bauch-Gefühl‘, von einer ‚Anmutung‘ bzw. davon, dass das Herz ‚spricht‘. 

 

Alles das sind Hinweise auf die mit dem Phänomen der Intuition verbundene Dimension der ‚Leibhaftigkeit‘ der Wahrnehmung. Die Intuition wird auch als Ausdruck des 6. Sinnes bezeichnet. In einer weiteren Sinnes-Analogie kann man von einem Sehen mit dem ‚dritten Auge‘ bzw. Hören mit dem ‚dritten Ohr‘ sprechen.

 

Das Hören mit dem dritten Ohr bezieht sich u.a. auf die Eigenschaft des Psychotherapeuten, auch mit Hilfe seines eigenen Unbewussten in Resonanz mit dem Unbewussten des Patienten zu treten, um somit intuitiv dessen Botschaften zu empfangen. Das Verwenden des dritten Auges, bezieht sich auf die Fähigkeit, anhand des Energiezentrums im sog. ‚Stirnchakra‘ zur Erkenntnis und Intuition zu gelangen. Mit Hilfe dieses dritten Auges soll die in uns allen angelegte Fähigkeit der sensitiven Wahrnehmung gefördert werden. Auf diese Weise soll das Tor zur Spiritualität und zur Weisheit geöffnet werden.

 

Sowohl die Fähigkeit mit den dritten Ohr zu hören als auch die Fähigkeit mit dem dritten Auge zu sehen, können wir schulen, in dem wir unseren unbewussten und intuitiven Regungen Aufmerksamkeit und Bedeutung verleihen. Dies erfordert, dass wir bereit sind inne zu halten, uns die Zeit nehmen zu spüren, zu fühlen, zu empfinden, achtsam unseren inneren Regungen gegenüber zu sein. Letztlich ist es eine Fähigkeit, die uns natürlicher Weise gegeben ist, deren Einsatz und Verwendung wir jedoch üben sollten.

 

 


01.06.2019

 

"Ja, aber" / "Eigentlich"

Wussten Sie schon, dass „ja, aber...“ und „eigentlich,....“ verwandt sind miteinander?


Wir haben es hier mit zwei Beispielen zu tun, dessen was unseren sprachlichen Alltag und damit unsere Beziehungen in allen Bereichen des Lebens wesentlich mitbestimmt. Und dies leider häufig nicht unbedingt in einem positiven Sinne, insofern als es zur Klarheit, Eindeutigkeit und Verlässlichkeit einer Botschaft beitragen würde. Ganz im Gegenteil.

Eine Zustimmung ist ein ‚Ja‘. Ein ‚Ja, aber‘ ist – bezogen auf eine vorangegangene Aussage oder Frage – nur die vorgetäuschte Zustimmung, die sich bei genauer Betrachtung in der Folge in ein ‚nein‘ bzw. eine Zurückweisung des Gesagten verwandelt.


„Ja, ich stimme zu,...aber ...“ und nun wird dargelegt, warum die Zustimmung so doch nicht erfolgt oder erfolgen wird, es kommt letztlich zu einer Zurückweisung des Gesagten, ohne dass dies in aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht wird. Tatsächlich soll der Eindruck einer grundsätzlichen Zustimmung erzeugt werden, welche jedoch nicht gegeben ist.

In gleicher Weise verhält es sich mit dem Wort ‚eigentlich‘. Es wird eine Aussage getroffen, „eigentlich bin ich....“, die sich durch diese Formulierung auf einen Zustand beruft, der im Hier und Jetzt nicht gegeben ist, sondern unter Umständen nur eine Fiktion, ein Wunsch oder eine Hoffnung ist, bestenfalls zu irgendeinem anderen Zeitpunkt zutrifft, aber eben nicht im Hier und Jetzt des Erlebten. Hier wird letztlich unausgesprochen die Erwartung vermittelt, man solle sich nicht nach dem real Geschehenen oder Erlebten richten, sondern nach dem, sprachlich zum Ausdruck gebrachten, ‚Eigentlich-Zustand‘. Ebenso könnte der Anspruch lauten, „Beurteile mich nicht nach dem, was ich tue oder getan haben, sondern nach dem, was ich dir sage.“

Sowohl ein ‚ja, aber..‘ als auch ein ‚eigentlich..‘ beansprucht somit, dass etwas Gültigkeit haben soll, was im Augenblick der Aussage, gar nicht zutrifft bzw. nicht gegeben ist.

Nach was, sollten wir uns im Alltag richten? Nach dem Gesprochenen oder dem tatsächlich Erlebten, das sich uns im Verhalten und in Handlungen im Hier und Jetzt vermittelt?

Ich muss in solchen Augenblicken, in denen ich mit solchen Aussagen konfrontiert bin, assoziativ immer auch an einen Spruch eines Indianerhäuptlings denken, der sagte: „Weißer Mann redet mit gespaltener Zunge!“ In unserem Kulturkreis kennen wir die Analogie des Predigers, der öffentlich von der Kanzel Wasser predigt, heimlich jedoch den Wein trinkt (Heinrich Heine - Versepos Deutschland).

Im Rahmen meiner psychotherapeutischen Arbeit bin ich nahezu fortlaufend mit diesem Widerspruch konfrontiert. Hier ist es häufig nur gegen einen großen Widerstand bzw. eine starke Abwehr der Betroffenen / des Betroffenen möglich, die gegebene Problematik zu vermitteln und aufzuzeigen, wie wenig hilfreich ein solches Muster und Vorgehen im eigenen Leben letztlich ist.

 

Sind wir in der Lage ganz offen ‚Nein‘ zu sagen, uns zu einer abweichenden oder auch ablehnenden Haltung zu bekennen, laufen wir zwar Gefahr uns in einer Auseinandersetzung wieder zu finden, doch ist dies mit einem gänzlich anderen Selbstverständnis verbunden. Es bietet sich uns die Möglichkeit, unsere Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit in viel deutlicherer Weise zu leben, zum Ausdruck zu bringen und auch zu festigen. 

 

In gleicher Weise verhält es sich mit der Bekenntnis zu dem, was tatsächlich gegeben ist, unser non-verbales bzw. verbales Verhalten und unsere Handlungen betreffend, ohne uns auf einen vermeintlichen, ‚eigentlich‘ gültigen Seins-Zustand zu berufen. Auch hier geht es um die Anerkennung einer uns kennzeichnenden Realität, die Ausdruck einer Selbstbestimmung sein kann. Auch hier kann dies bedeuten sich in einer dann folgenden Auseinandersetzung wieder zu finden. In dieser jedoch haben wir die Möglichkeit uns in aufrichtiger Weise, uns zu uns selbst zu bekennen, einschließlich möglicher Fehler und Unzulänglichkeiten, die uns kennzeichnen. Tun wir das, sind wir authentisch und wahrhaftig.

 

 

Wünschenswert und sinnvoll ist die Ausrichtung des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns nach unserem ‚realen‘ Selbst, somit nicht nach dem, was wir als ‚Ideal-Bild‘ von uns Selbst in uns tragen. Letzteres kann uns eine innere Orientierung sein, bezogen auf das, was wir noch verwirklichen wollen. Als real gegeben, sollten wir es jedoch erst beanspruchen, wenn es sich in unserem Leben konkret, für uns selbst und für andere, als bestimmend und konkret erlebbar manifestiert hat.

 


25.05.2019

 

Verbundenheit als Urerlebnis von uns allen

(oder über das Verhältnis des Ich zum Wir)

Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstverständnis etc. - in all diesen Worten finden wir das Wort ‚Selbst‘, denn es geht um das Selbst. 

 

Es sind Worte, welche den Bezug zu uns selbst als bewusst und unbewusst wahrnehmendem, fühlendem und erlebendem Wesen herstellen. Insofern setzt ein solches Konzept des Selbst immer schon auch ein empfundenes und erlebtes Ich voraus. Das Ich in Verbindung mit dem Bewusstsein über das Ich vermittelt uns das Erleben eines Selbst. Wir können erkennen, dass das Ich nicht das Bewusstsein ist, sondern dass es dieses verwendet bzw. benutzt im Sinne der Erkenntnis und Einsicht. 

 

Das Ich als solches entsteht und bildet sich nach und nach aus in der Auseinandersetzung mit der Umwelt bzw. den Anderen. Ohne deren Rückmeldungen könnte in uns kein Konzept des Ichs entstehen. Somit ist das soziale Gegenüber und der Austausch mit diesem, die Voraussetzung für die Entstehung einer Ich-Abgrenzung. Aus dieser Wechselwirkung zwischen dem Anderen und dem eigenen Erleben kann sich das Ich konstituieren, welches dann in Verbindung mit unserem Bewusstsein das Selbst ausbildet.

 

Was ist nun die ursprünglichste in uns angelegte Erfahrung? Ist es das Bewusstsein, das Ich oder gar das Selbst? 

 

Sowohl phylogenetisch (menschheitsgeschichtlich) als auch ontogenetisch (idividual-entwicklungsgeschichtlich) ist der Ursprung des Lebens zu sehen in der Verbindung. Allein in der Verbindung von Samen und Eizelle können wir die Entstehung des Lebens erkennen. 

Aus dieser Verbindung leitet sich die pränatale (vorgeburtliche) Entwicklung des Einzelnen ab, aus dem nach der Geburt und nach der Trennung vom Mutterleib das Ich bzw. das Selbst entstehen kann. 

 

Insofern können wir als die ursprüngliche und erste Erfahrung als lebendes Etwas die Erfahrung der Verbundenheit im Mutterleib bezeichnen. Die Erfahrung dieser Verbundenheit in einem ‚Wir’ geht der Entstehung des ‚Ich‘ und des ‚Selbst‘ voraus und ist somit erlebnismäßig wesentlich tiefer in uns verankert. Es ist die Matrix, die wir in uns tragen und die allem zu Grunde liegt.

 

In vielen der heute im sozialen Netz und vielen Publikationen zu findenden scheinbar spirituellen Botschaften, lässt sich erkennen, dass das Bestreben der Entdeckung, Entwicklung, Entfaltung und Ausgestaltung des eignen Selbst als höchstes anzustrebendes Ziel benannt wird. Es wird nicht selten der Eindruck erweckt, als handele es sich hiermit um das höchst mögliche Gut der individuellen geistig-seelisch-spirituellen Entwicklung, gemäß dem Sokrates häufig zugesprochenen Ausspruch „Erkenne dich selbst!“. (Dieser Spruch stand über einem Eingang des Apollo-Tempels von Delphi und galt als Imperativ des Gottes Apollo.)

 

Sokrates hierzu: „Der Grund davon, mein  Freund,  ist  dieser:  Ich  vermag  noch  nicht  gemäß  dem  delphischen  Spruche  mich  selbst  zu  erkennen. Lächerlich  aber  scheint  es  mir,  solange  man  dies  nicht  kennt,  das  Fremde  zu  erforschen.  Darum  laß  ich  jenen Dingen  ihren  Lauf  und  nehme  den  Glauben  über  sie  an,  wie  er  dem  Brauche  entspricht,  und  erforsche,  wie  ich eben  sagte,  nicht  jene,  sondern  mich  selbst,  ob  ich  etwa  ein  Untier  bin,  verschlungener  und  aufgeblasener  als Typhoni , oder ein milderes und einfacheres Geschöpf, das ein göttliches und gebändigtes Schicksal von Natur erlost hat……“

 

(Platon: "Phaidros oder Vom Schönen")

 

Sokrates würdigt an dieser Stelle nicht das Selbst als das höchste anzustrebende und anzuerkennende Ziel einer spirituellen Entwicklung sondern ruft vielmehr dazu auf, zunächst den Blick auf sich selbst zu werfen im Sinne einer Erforschung, Selbstreflexion und Selbsterkenntnis die Voraussetzung zu schaffen, sich dem Fremden zu zuwenden um dieses Fremde zu erforschen, zu erkennen und zu verstehen.

 

Der Aufruf im Sinne Sokrates zu einem solchen „Erkenne dich selbst!“ ist vergleichbar der Anforderung einer Reise der Selbstreflexion bzw. Selbsterfahrung im Rahmen einer analytischen Psychotherapie bzw. Selbst-Erfahrung.

 

Wir dürfen davon ausgehen, dass im Verlaufe dieser Reise der Entdeckung des eigenen Selbst, sich die Tür öffnet zu der ursprünglich in uns niedergelegten, tief verankerten Erfahrung der Verbundenheit, unserer Matrix. Diese Erfahrung der Verbundenheit können wir als die höchste anzustrebende Erkenntnis und Erlebnisqualität bezeichnen. In der Sanskrit-Bezeichnung steht das Wort Yoga für die Verbindung. Im hinduistischen Sinne ist es die Verbindung der individuellen Seele mit dem universellen Geist.

 

Verstehen wir die Verbindung als Ausdruck des Wir, so können wir erkennen, dass das Wir von weit größerer Bedeutung ist als es das Ich bzw. das Selbst sein kann.

 

Das Ganze kann niemals kleiner sein als ein Teil bzw. ein Teil kann niemals größer sein als das Ganze. So viel zum Verhältnis des ‚Ich‘ zum ‚Wir‘….;)

 


18.05.2019

 

Es tut mir leid, ich hatte keine Zeit

 

Menschen vermitteln millionenfach täglich diese Botschaft „Es tut mir leid, ich hatte keine Zeit“ oder auch „Es tut mir leid, aber ich habe keine Zeit.“
Im Rahmen meiner langjährigen psychotherapeutischen Praxis gehört es zu den Grundlagen des Prozesses der Selbsterkenntnis, an diesen Stellen zu fragen: 
 
„Was meinen Sie damit, Sie hatten bzw. haben keine Zeit?“
Im weiteren Verlauf der Betrachtung zeigt sich dann in nahezu allen Fällen, dass sich hinter dieser Feststellung ein passives Selbstverständnis verbirgt, abhängig, ausgeliefert und ohne Entscheidungsmöglichkeit zu sein. Seien es Umstände, Verantwortungen, Verpflichtungen, Aufgaben, Vorhaben oder auch Beziehungen, alles lässt sich als Rechtfertigung und Begründung anführen, warum man bzgl. eines Inhaltes oder auch einer Beziehung keine Zeit hat oder hatte.
Die Formulierung als solche „ich habe keine Zeit“ impliziert bereits eine passive Haltung. Etwas haben oder nicht haben, bedeutet nicht etwas tun, es ist ein Zustand, der gegeben ist oder auch nicht, jedoch kein Zustand, den man erzeugt bzw. der geschaffen wird, was mit einer Aktivität verbunden wäre.
Im weiteren Verlauf der Selbstbetrachtung im Rahmen einer Psychotherapie zeigt sich, dass diese Menschen in Wirklichkeit damit bekunden, dass sie sich diese Zeit nicht nehmen, dass an dieser Stelle ihres Lebens, es die Wichtigkeit, die Bedeutung oder den Wert nicht hat. Natürlich kann und darf das auch so sein, nur stellt sich dann die Frage, warum sich auf die scheinbar fehlende Zeit berufen wird.
„Es tut mir leid, ich hatte oder habe keine Zeit“ bedeutet an dieser Stelle, ich bin nicht verantwortlich für mein Tun oder Nicht-Tun. Sich und dem Gegenüber einzugestehen, dass es die subjektive Wichtigkeit oder Bedeutung nicht hat, ist damit verbunden, die Verantwortung für das eigene Tun oder Nicht-Tun zu übernehmen. Es könnte etwas offensichtlich werden, was in dieser Weise nicht gezeigt oder kommuniziert werden sollte. Im Rahmen einer Beziehung könnte es zur Folge haben, sich mit der Frage des Gegenüber konfrontiert zu sehen, „Wieso bedeute ich dir so wenig?“ bzw. „Warum habe ich diese Wichtigkeit nicht für dich?“. Ohne Zweifel unangenehme Fragen, welche die Einleitung zu einem schwierigen oder gar problematischen Austausch sein könnten.
Bei konkreter und genauer Betrachtung des täglichen Zeitablaufs, offenbart sich in fast allen Fällen, dass es sehr wohl Zeiten und Momente innerhalb eines Tages, mehrerer Tage oder einer Woche gibt, welche zur Verfügung stünden, würden wir sie als solche erkennen. In zurück liegenden Jahren war es v.a. das Fernsehen, welches vorhandene Zeiten ‚schluckte‘, die dann nicht mehr zur Verfügung standen. In unserer heutigen Zeit ist das Internet an diese Stelle getreten. Unzählige Untersuchungen belegen inzwischen wieviele Minuten und Stunden Millionen von Menschen täglich bzw. wöchentlich in den sozialen Netzwerken verbringen. 
Sitzt man in einem Wartezimmer bei einem Arzt, in dem sich zeitgleich 10 Menschen befinden, kann man u.U. erleben, dass 8 von diesen 10, mit gesenktem Kopf auf ihr Smartphone schauen. Fährt man an einer Bushaltestelle vorbei, an der sich eine Gruppe von wartenden Menschen befindet, lässt sich u.U. ebenfalls wahrnehmen, dass die Mehrheit mit ihrem Smartphone befasst ist.
Die Arbeit am eigenen Selbst im Rahmen einer Psychotherapie zeigt, dass die kritische Auseinandersetzung mit dem subjektiven Umgang der eigenen Zeit durchaus mit erheblichen Widerständen und mit einer spürbaren Abwehr verbunden ist. Könnte sich als Ergebnis der Selbstbefragung doch zeigen, dass es gilt die Verantwortung für die eigene Zeit zu übernehmen. Dies bedeutet, sich damit zugleich nicht mehr als Opfer der Zeiteinteilung zu definieren, sondern als aktiver Gestalter, aufgrund eigener Entscheidungen, Gewichtungen und Präferenzen.
Welche Folgen hat dies für die in unserer heutigen Zeit so sehr propagierte Dimension der Achtsamkeit? Kann man achtsam sein, wenn man keine Zeit hat? Selbstverständlich nicht, denn Achtsamkeit setzt Zeit voraus. Wir können sie nur  empfinden und einem Inhalt oder einem Anderen zukommen lassen, wenn wir uns die Zeit dazu nehmen. Achtsamkeit ist in dieser Weise vergleichbar mit unseren Sinnesorganen, die nur dann ihre Wirksamkeit entfalten können, wenn wir uns die Zeit nehmen, einen Reiz auf unsere Sinnesorgane wirken zu lassen. 
 
Spüren, Fühlen, Empfinden, Erfassen, Aufnehmen, alles das ist damit verbunden, dass wir uns die Zeit dazu ‚nehmen'. Tun wir das nicht, weil wir ‚scheinbar‘ keine Zeit ‚haben‘, geht vieles, was unser Leben bereichern kann verloren. Es entzieht sich unserem Erleben. Nicht nur für uns selbst bedeutet es dann eine Verarmung, sondern auch für unsere Beziehungen zu Menschen, die wir möglicherweise gar nicht missen möchten. Und doch sind wir aufgrund einer nicht gelebten Achtsamkeit, in Verbindung mit der uns nicht ‚genommenen' Zeit, der Gefahr ausgeliefert, selbstverschuldet auch Beziehungen zu gefährden. 
 
Wir sind nicht Opfer der Zeit, wir ‚gestalten' die Zeit, es liegt an uns selbst, zu entscheiden und zu bestimmen, wie wir mit der Zeit umgehen - trotz aller Verpflichtungen, Verantwortungen und Aufgaben. 
Wir sind diesbezüglich so wenig Opfer, wie an vielen anderen Stellen unseres Lebens auch. Die Frage ist nur, ob wir uns dessen bewusst sind. Auch bezüglich der Zeit gilt das Lebensmotiv von Nelson Mandela, das er dem Gedicht INVICTUS von William Ernest Henley entnommen hat.
„Ich bin der Meister meines Schicksals, ich bin der Kapitän auf meinem Boot.“ 
Insofern gilt in gleicher Weise bzgl. der Zeit: „Ich bestimme, was mir wichtig ist, wann und wofür ich mir die Zeit nehme.“
Ein ‚Geschenk‘ und damit Ergebnis meiner eigenen langjährigen Lehranalyse war es, das erkannt zu haben. Von da an konnte ich selbst es so empfinden und lebe es nun leibhaftig seit vielen Jahren - obwohl ich sehr viele Verpflichtungen und Aufgaben, im beruflichen und privaten Leben hatte und habe, denen ich täglich gerecht werden wollte und will. 
 
Dennoch ist mir stets bewusst, dass ich selbst entscheide, was mir wichtig ist und mit welchem Wert es für mich verbunden ist. Somit kann ich mit aller Gelassenheit sagen:
 
„Ich bin kein Opfer meiner Zeit, ich bin der Gestalter meiner Zeit!!“.
An dieser Stelle, wie auch an vielen anderen Stellen unseres Lebens,
haben wir somit die Möglichkeit uns aus einer 'Opfer'-Haltung herauszulösen, um alternativ das Selbstverständnis eines aktiven, kreativen, schöpferischen und selbstbestimmten Gestalters unserer eigenen Wirklichkeit, unserer eigenen Zeit zu entfalten. Die Folge ist ein Gewinn an Lebensqualität für uns selbst und auch unsere Beziehung zu allem uns Umgebenden, einschließlich unserer Beziehungen zu anderen Menschen.