Persönliches....

An dieser Stelle finden Sie persönliche Gedanken, Überlegungen und Anregungen mit unterschiedlichstem Inhalt, jedoch stets mit einem Bezug zu unserem Alltag.

 

Es handelt sich um eine Auswahl von Beiträgen. Die Gesamtheit der bisher von mir verfassten Artikel finden Sie in den beiden Büchern mit dem Titel "Psychologie für den Alltag" (siehe unten).

 

PS: Es versteht sich von selbst, dass es sich bei allen aufgeführten Beiträgen ausschließlich um subjektive Gedanken, Überlegungen und Überzeugungen handelt.

 


Band 1 (52 Kapitel - 304 Seiten) - Erschienen Juli 2019


Band 2 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erschienen Oktober 2019


Band 3 (52 Kapitel - 310 Seiten) - Erschienen Dezember 2019


Band 4 (52 Kapitel - 318 Seiten) - Erschienen Mai 2020


Band 'Auswahl' (52 Kapitel - 326 Seiten) - Erschienen September 2020


Das Ergebnis von 18 Monaten Arbeit - 'Psychologie für den Alltag' Band 1 - 4 (plus Band 'Auswahl').



18.06.2019

 

Eine wesentliche Ursache für tägliches Unglück - das Vergleichen

In einer neueren holländischen Studie stellten Forscher fest, dass Nachbarn, die Tür an Tür mit Menschen lebten, die aufgrund eines Lotteriegewinns sich u.a. auch ein neues Auto leisteten, mit signifikant höherer Wahrscheinlichkeit in den ersten sechs Monaten nach dem Lotteriegewinn dieser Nachbarn, ebenfalls ein neues Auto kauften. 

 

In einer Studie der Stanford University in Kalifornien, stellten Psychologen fest, dass befragte Personen dazu neigen, das Ausmaß der Freude ihrer Mitmenschen, welche diese in ihrem Leben verspürten, deutlich zu überschätzen. Auch zeigte sich, dass Studenten, die sehr viel ihrer Zeit auf Facebook verbrachten, dazu neigten zu glauben, dass es ihren Freunden generell deutlich besser gehe als ihnen selbst. 

 

Aufgrund verschiedener inzwischen vorliegender Untersuchungen, wissen wir,  je häufiger sich Menschen in den sozialen Netzwerken wie Facebook, Instagram, Google+, Twitter oder auch den unterschiedlichsten Datingwebseiten aufhalten, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, sich mit sich selbst, dem eigenen Leben und der eigenen Entwicklung schlecht zu fühlen. Es besteht in der Folge, durch die bewusst oder auch unbewusst angestellten Vergleiche, die Neigung das eigene Leben als monoton, langweilig und uninteressant zu definieren. Hiermit verbunden ist eine zunehmende Unzufriedenheit, innere Anspannung, Enttäuschung, Trauer bis hin zu depressiven Stimmungen, verbunden mit dem Stellen von Sinnfragen bezogen auf das eigene Leben.

 

Tatsächlich können wir, nicht zuletzt wegen der zunehmenden Bedeutung der sozialen Netzwerke in unserem Alltag, erkennen, dass das Anstellen von Vergleichen eine immer wichtiger werdende Ursache von persönlichem Unglück ist. War es früher der Vergleich mit dem nahen Umfeld, der ebenfalls schon für viele deutlich negative Auswirkungen haben konnte, so ist es heute der weltweite Vergleich, der keine Grenzen kennt und die sichere Grundlage für Unzufriedenheit und Unglück bietet. Der damit verbundenen Versuchung des Vergleichs, ist kaum zu widerstehen. 

 

Ohne große Mühe, können wir über die verschiedenen Foren jemanden finden, dem es vermeintlich viel besser geht, der innerhalb kürzester Zeit, beruflich und privat viel mehr erreicht hat, obwohl er vielleicht oder angeblich doch schlechtere Voraussetzungen hatte. Auf diese Weise können wir unseren Irrglauben, dass es ohnehin alle oder die meisten viel besser haben als wir selbst, pflegen und uns in unserem offensichtlichen Unglück leidend schlecht fühlen.

 

Inzwischen gibt es nicht wenige Menschen auf diesen verschiedenen Kanälen, die sich uns gern als Vorbilder anbieten, uns helfen möchten uns aus unserer ‚Not‘ zu befreien, natürlich gegen Bezahlung. Bei genauer Betrachtung appellieren sie oft unverhohlen an unsere ohnehin vorhandene Neigung zu Selbstzweifeln und Selbstkritik, die uns fragen lässt, ob wir uns denn mit dem, was wir haben, wie wir leben und wer wir sind, wirklich zufrieden sein können und wollen. Die Werbung gibt uns vor, wenn auch auf humorvolle Art, worauf es ankommt: „Mein Haus, mein Auto, mein Boot“ (s.u. das Video dazu).

 

Die Botschaft, die vermittelt wird und die wir verinnerlichen sollen lautet, „da geht doch so viel mehr, also warum nicht den Versuch wagen und ein entsprechendes ‚Coaching‘ , einen entsprechenden Kurs, Workshop oder ein entsprechendes Programm buchen“. Der Vergleich mit denen, die das alles schon absolviert haben, inzwischen sehr erfolgreich, zufrieden und glücklich sind, wird uns in allen Farben, Schattierungen, Bildern und Darstellungen vorgeführt. Wir sollen und dürfen uns vergleichen und fragen, ob wir uns nicht in gleicher Weise ‚weiter entwickeln‘ möchten.

 

Es besteht eine große Sehnsucht nach einer schnellen und umfassenden Erfüllung der eigenen Wünsche, Sehnsüchte und Bedürfnisse. Zugleich haben wir die Hoffnung auf die Möglichkeit, anhand der suggerierten Lösungsvorschläge, einen Weg gefunden zu haben. Die erkennbaren Hinweise auf die Fragwürdigkeit dieser Angebote werden häufig außer acht gelassen, verleugnet, verdrängt, abgespalten oder auch als unbedeutend in ihrem Stellenwert bagatellisiert.

 

Der Vergleich mit anderen wirft die Frage auf, warum man sich dem gemeinsam gelebten ‚Hype‘ verschließen sollte, mit der Gefahr sich als jemand, der die Gelegenheit nicht wahrgenommen hat eine Chance zu ergreifen. Es könnte sein, sich in der Folge als zurückgeblieben, isoliert und gescheitert wieder zu finden. Dann lieber ein Teil der ‚Community‘ sein, die scheinbar der Zeit vorauseilt und die Erfüllung  der persönlichen Träume verspricht.

 

Diese Art der Betrachtung wirft die Frage auf, wie sehr wir noch ‚geerdet‘ sind, wie sehr wir noch tief verwurzelt Kontakt zum Boden haben, auf dem wir stehen. Wenn es als Ergebnis der angestellten Vergleiche v.a. darum geht abzuheben, zu fliegen, zu schweben, den eigenen Träumen, Wünschen und Sehnsüchten gerecht zu werden. Wie sehr stehen wir dann noch mit unseren alltäglichen Aufgaben im Einklang? Entspricht es denn tatsächlich unserer individuellen Erfüllung und unserem individuellen Glück, dem nachzustreben, was andere uns vorleben und als erstrebenswert und wertvoll vermitteln wollen?

 

Aus einer sehr kreativen und einfühlsamen Untersuchung der Psychologin Kiley Hamlin in einer Studie der Yale Universität wissen wir, dass Säuglinge im Alter von 6 Monaten noch durch ein ganz ausgeprägtes ethisches Verhalten gekennzeichnet sind, welches mit Gefühlen des Vergleichs, der Rivalität oder des Neids nicht in Verbindung steht. Sehr schnell jedoch im Verlauf des ersten Jahres kommt es bereits zu einer Abschwächung dieser mitgebrachten inneren Haltung. Somit können wir bereits in diesem frühen Alter die ersten Spuren der Sozialisation erkennen, die aus den Vergleichen mit anderen ableitend, ganz andere Neigungen im Erleben und Verhalten hervorrufen.

 

Der weitere Verlauf dieser Sozialisation über den Kindergarten, die Grundschule, die weiterführenden Schulen, Lehre, Studium und Beruf, sowie den Freizeitbereich und unser privates Leben, bieten uns fortlaufend, geradezu ununterbrochen die Möglichkeit zu vergleichen. Tatsächlich werden wir darauf konditioniert es zu tun. Wir sollen es tun, um aus diesen Vergleichen die notwendigen, für unser weiteres Leben wichtigen Schlüsse zu ziehen. 

 

Die möglicher Weise mit diesen Vergleichen ursprünglich verbundenen Anliegen, eine Motivation zu stärken, Energien zu mobilisieren, Förderliches und Hilfreiches für die eigene Entwicklung zu bewirken, gehen schnell verloren und machen negativen Selbst- und Fremd-Affirmationen Platz. Stets steht das eigene Selbst-Vertrauen, Selbst-Wertgefühl, Selbst-Bewusstsein auf einem Prüfstand und ebenso werden andere Menschen bemessen, bewertet und beurteilt nach Vergleichswerten. 

 

Es darf nicht sein wie es ist, wir dürfen nicht sein wie wir sind, andere dürfen nicht sein wie sie sind, sondern erst der Vergleich scheint eine berechtigte, legitime, existenzielle Grundlage zu schaffen.

 

Fritz Perls (1893-1970), ein Psychiater, Psychotherapeut, Psychoanalytiker  und Mitbegründer der Gestalttherapie, hat in seinem 'Gestaltgebet' eine Alternative zu unserem fortlaufenden Vergleichen formuliert. Gelingt uns die Umsetzung seiner darin bekundeten Botschaft, könnten wir uns aus dem Unglück, das mit dem Vergleichen verbunden ist, befreien und ein vielleicht besseres und gesünderes Leben führen:

 

(Fritz Perls im Original)

 

„I do my thing,

and you do your thing.

I am not in this world

to live up to your expectations.

And you are not in this world

to live up to mine.

 

You are you,

and I am I.

 

And - if by chance - we find each other,

it’s beautiful.

If not, it can’t be helped.“

 

 

Weitere Gestalt-Sätze von Fritz Perls, die uns den Weg weisen, uns von dem Vergleichen zu befreien:

 

"Sei so wie du bist

und lerne,

wer du bist

und wie du bist.

Vergiss für einen Moment

oder zwei,

was du tun solltest,

und entdecke,

was du gerade tust.

 

Riskiere ein wenig,

wenn es dir möglich ist.

 

Fühle deine eigenen Gefühle.

Rede mit deinen eigenen Worten.

 

Denke deine eigenen Gedanken.

 

Sei du selbst.

 

Entdecke.

 

Lass den Plan für dich

 

aus dir selbst erwachsen."

 


11.06.2019

 

Zur Bedeutung des Innehalten

Jeder Wahrnehmung anhand unserer Sinnesorgane, sowohl unserer bewussten, physiologischen fünf Sinnesorgane (Sehen, Hören, Tasten, Schmecken u. Riechen), als auch unseres sog. sechsten unbewussten Sinnes, im Sinne einer Anmutung bzw. eines intuitiven Erfassens, folgt eine ganz persönliche, subjektive Verarbeitung und Deutung dieser Wahrnehmung.

 

Jede dieser Deutungen bzw. Interpretationen ist abhängig von den bereits in uns abgelegten persönlichen Erfahrungen und Erlebnissen. Insofern kann die Deutung des gleichen Reizes oder Ereignisses, je nach Erfahrungsinhalt des biographischen Hintergrundes, sehr unterschiedlich sein. Mit der jeweiligen Deutung sind im Allgemeinen ganz konkrete emotionale Reaktionen verbunden. Somit kommt es in der Folge der Deutung zum Entstehen eines bestimmten Gefühls. 

 

Das letzte Glied in der Kette der Reaktionen auf einen Reiz bzw. auf ein wahrgenommenes Ereignis ist nach dem entstandenen Gefühl, die Verhaltensbereitschaft bzw. ein konkretes Verhalten, im Sinne einer ganz konkreten Handlung. 

 

Im alltäglichen Ablauf sind uns diese verschiedenen Elemente des Ablaufs in Folge einer Wahrnehmung selten bewusst, so dass wir häufig davon ausgehen, dass wir in direkter Weise auf einen Reiz bzw. ein wahrgenommenes Ereignis mit einem bestimmten Verhalten reagiert haben. Dass dem eine Deutung und ein Gefühl vorausgeht entzieht sich nicht selten unserem Bewusstsein. 

 

Da die Zellen in unserem Körper über Wiederholung lernen, d.h. über Konditionierung, funktionieren wir als Körper-, Seele- und Geist-Einheit überwiegend in Form von Automatismen und reflexartigen Reaktionen, ohne Zutun unserer bewussten Entscheidung. Wir können davon ausgehen, dass 95 % unseres Verhaltens, unserer Überzeugungen und Gedanken, sowie der emotionalen Reaktionen von unbewussten, in uns abgelegten Programmen bestimmt werden. Diese Fähigkeit dient der Ökonomie und Effektivität unseres Verhaltens.

 

In diesem Sinne bewegen wir uns in gewisser Weise in einem Circulus Vitiosus, in dem gleiche Wahrnehmungen zu gleichen Gedanken führen, mit gleichen gefühlsmäßigen Reaktionen, was ein gleiches Verhalten bedingt, welches wiederum zu gleichen Erfahrungen führt, aus denen wiederum gleiche Gefühle entstehen mit einer immer gleichen Realität. Somit können wir feststellen, dass wir neuropsychologisch, neurophysiologisch und neurobiologisch gesehen, arbeiten und funktionieren nach dem Muster eines Computerprogramms.

 

Aus der Gehirnforschung wissen wir, dass wir ca. 60-70.000 Gedanken pro Tag denken, von denen ca. 90% die gleichen sind, die wir bereits einen Tag zuvor gedacht haben. Sofern diese Gedanken unser Leben bestimmen, bestimmen die gleichen Gedanken unsere wiederkehrend gleichen Entscheidungen.

 

Wollen wir einen solchen Circulus Vitiosus durchbrechen, müssen wir über neues Lernen neue synaptische Verbindungen unserer Neurone herstellen. So können wir neue Muster schaffen, die mit neuen Gedanken, Gefühlen, Verhalten und Entscheidungen verbunden sind. Erst dann entsteht in uns und um uns eine neue Realität.

 

In dieser Weise neue Wege des Deuten, emotionalen und verhaltensmäßigen Reagieren und damit eine neue Realität zu schaffen, ist sehr schwierig. Dem entgegen stehen die bisher so lange schon wirksamen Automatismen, die nahezu reflexartig ablaufen, ohne unser bewusstes Zutun.

 

Jeder Trainer irgendeiner Sportart, wird es wohl stets vorziehen jemandem die jeweilige Sportart von Grund auf beizubringen, als jemanden, der diese Sportart schon lange ausübt dazu bringen, die bisherigen falschen Bewegungsabläufe gegen neue, sinnvolle und richtige austauschen zu wollen. Es ist viel leichter von Beginn an etwas aufzubauen, als bereits bestehende alte, nicht erwünschte Muster und Automatismen zu beseitigen, um die neuen zu implantieren.

 

Wir alle kennen aus unserem Alltag solche Erlebnisse und Erfahrungen, in denen wir zunächst in einer automatisierten Weise reagiert haben, dann jedoch nach Überlegung ein Bedauern oder gar eine Beschämung aufgrund unserer spontanen Reaktion empfunden haben. 

 

Ein ganz entscheidender Schutz vor einer solchen automatisierten Reaktion, verbunden mit dem Zulassen eines alten Musters, welches wir im Anschluss bereuen, kann für uns darin bestehen, wenn wir uns verpflichten vor jeder Deutung und gefühlsmäßigen Reaktion, verbunden mit einem Verhalten, Innezuhalten und zu Verweilen, um zu prüfen, wie wir mit der Wahrnehmung umgehen möchten.

 

Während diesem Innehalten, geht es darum, bewusst nichts zu tun, außer in uns selbst zu prüfen, in dem wir in uns hinein hören und versuchen zu verstehen, was aufgrund der Wahrnehmung alles in uns wachgerufen wird. Das erst kann uns u.U. erkennen lassen, dass unterschiedliche Möglichkeiten gegeben sind, dein Reiz oder das Ereignis zu deuten. 

 

Eine Mitarbeiterin einer Behörde, die sich in hohem Maße überlastet fühlte und sich verpflichtet sah, bei jedem einkommenden Anruf, der mit einer Anfrage bzw. Bitte verbunden war, sofort zu reagieren, war der Überzeugung, würde sie das nicht tun, könnte man ihr Vorwürfe machen. Hierin bestand ihre persönliche Deutung der Situation. Die Empfehlung nicht mehr sofort zu reagieren, sondern einen Moment Innezuhalten, um dann in einer standardisierten Weise zu sagen, „Ich werde mir gern Gedanken dazu machen und Ihnen sobald es geht Bescheid geben“ , veränderte den automatisierten Ablauf und ermöglichte es ein neues, wünschenswertes und sinnvolles Muster zu schaffen.

 

Aufgrund dessen war es möglich eine neue Deutung vorzunehmen, verbunden mit einem anderen Gefühl und einem neuen Verhalten, sowie einem anderen Erlebnis. Die Auswirkung auf das Empfinden sich selbst gegenüber, war erkennbar mit einer viel größeren Zufriedenheit und deutlich weniger Stress verbunden.

 

Somit sehen wir, dass das Innehalten uns viele Türen öffnen kann zu ganz neuen Erlebnisqualitäten, in Verbindung mit ebenso neuen Entscheidungen. Die in unserer Entwicklungsgeschichte ursprünglich angelegte Automatik unseres Reagierens, hat uns ohne Zweifel in vielen Gefahrensituationen das Überleben gesichert, so wenn es darum ging, uns vor einem Raubtier zu schützen und wir auf eine Flucht- und Kampfreaktion angewiesen waren. Unsere heutigen sozialen Alltagssituationen haben jedoch in den allermeisten Fällen nichts mit solchen Gefahrensituationen zu tun, so dass es wesentlich sinnvoller erscheint innezuhalten und zu prüfen, welche Reaktion angemessen ist.

 

Durch das Innehalten versetzen wir uns in die Lage, einen inneren Dialog mit uns selbst zu führen. Wir können das tun, was in einem anderen Beitrag (s.u.) hier bereits als Ausdruck einer ‚Therapeutischen Ich-Spaltung‘ dargelegt wurde. Wir schulen damit unsere bewusste und achtsame Wahrnehmung unseren inneren Prozessen des Denkens, Deuten  gefühlsmäßigen Reagieren und den in uns angelegten Verhaltensmustern gegenüber. 

 

Entscheidend bei diesem Innehalten, verbunden mit dem inneren Dialog, im Sinne einer Therapeutischen Ich-Spaltung ist, dass dies in einer zugewandten, verständnisvollen, wohlwollenden und liebevollen Weise uns selbst gegenüber geschieht. Letztlich werden wir dadurch kompetenter sowohl im Umgang mit uns selbst als auch im Umgang mit anderen. 

 


08.06.2019

 

Was sind die wichtigsten Faktoren im Leben, die für Wohlbefinden und Glück verantwortlich sind?

Machen wir uns bewusst, von welch großer Bedeutung für unsere Gesundheit und unser Wohlbefinden positive Energien sind, können wir uns fragen, welches die entscheidenden Faktoren in unserem Leben sind, die mit positiven Energien verbunden sind.

 

In der wohl ältesten Längsschnitt-Untersuchung der psychologischen Forschung wurde dieser Frage nachgegangen. Es wurde der Versuch unternommen die wesentlichen Faktoren für ein ‚gutes Leben' zu identifizieren.

 

Vor die Frage gestellt, in welche Bereiche und Teile unseres Lebens wir sinnvoller Weise unsere Zeit und unsere Energie investieren sollten, beantworteten 80 % einer befragten Untersuchungs-Population, dass das bedeutendste Ziel darin bestehe, Reichtum und Wohlstand zu erwerben. Weitere 50 % dieser befragten Population sagte, dass ein weiteres wichtiges Ziel darin bestünde, berühmt zu werden. Ganz offensichtlich sind diese Ziele dafür verantwortlich weshalb viele Menschen mit viel Einsatz, Energie und Zeit ihre Arbeit verrichten. 

 

Um der Frage nachzugehen, welche Ziele, Umstände, Ereignisse und Entwicklungen nachweislich tatsächlich entscheidend für einen bestimmten Lebensweg waren, wurde eine Vielzahl von Menschen über den Verlauf ihres gesamten Lebens beobachtet. In diesem Zusammenhang wurde eine Vielfalt von verschiedenen Dimensionen ihres Lebens erfasst und dokumentiert. Die sog. 'Harvard-Studie über die Entwicklung Erwachsener', ist wohl die zeitlich längste Untersuchung über die Entwicklung im Erwachsenen-Leben, die je durchgeführt wurde.

 

In dieser Studie wurde über bislang 75 Jahre das Leben von 724 Männern verfolgt. In jährlichen Abständen wurden Befragungen zu deren Familienleben, Arbeit und Gesundheit durchgeführt. Die Schwierigkeiten solche Studien über einen so langen Zeitraum durchzuführen, liegen häufig im Schwund der Probanden, den fehlenden Geldmittel oder aber auch dem nachlassenden Engagement und der Unbeständigkeit der Untersucher. Im Fall der Harvard Studie konnte die Fortführung der Untersuchung über mehrere Generationen von Untersuchern sicher gestellt werden. Von den ursprünglich 724 untersuchten Männer sind heute 60 noch am Leben und nehmen trotz ihres Alters von über 90 Jahren, unverändert an dieser Studie teil. Zwischenzeitlich schließt die Untersuchung über 2000 Kinder dieser Männer ein. 

 

Mit dem Beginn der Studie 1938, wurde das Leben von zwei Gruppen von Männern untersucht. Wobei die erste Gruppe zu einem Zeitpunkt in die Untersuchung aufgenommen wurde, als sie sich im zweiten Jahr ihres Harvard-Studiums befand. Die zweite Gruppe von ausgewählten jungen Männern, sollte aus den ärmsten und am meisten benachteiligten Familien bestimmter Viertel von Boston kommen. Die Untersuchung wurde anhand von Interviews, Befragungen der Eltern und Hausbesuchen durchgeführt. Aus diesen jungen Männern wurden Erwachsene Männer, die später u.a. als Fabrikarbeiter, Maurer, Anwälte und Ärzte tätig waren.  Die persönlichen Entwicklungen war sehr unterschiedlich. So verfielen u.a. einige dem Alkohol, andere entwickelten eine Schizophrenie. Während dessen die Männer aus der zweiten Gruppe, aus den Armenviertel von Boston wiederholt nachfragten, warum deren Leben für eine Studie so relevant sei, wurde diese Frage von der Harvard Gruppe nie gestellt. Vor ca. 10 Jahren wurden letztlich auch die Ehefrauen in die Studie aufgenommen.

 

Die Aufschlüsse und Erkenntnisse, die aus den Tausenden der zwischenzeitlich gesammelten und vorliegenden Daten gezogen werden können, liefern keine Bezüge über Reichtum und Ruhm, so wie es aufgrund der oben erwähnten Befragung zu erwarten wäre. Die unzweifelhaft jedoch wichtigste Erkenntnis aus der Studie ist, dass es 'gute zwischenmenschliche Beziehungen' waren, die für das Glück, Wohlbefinden und die Gesundheit der untersuchten Männer verantwortlich sind.

 

Es zeigt sich, dass Menschen, die eine starke Verbindung haben, zu ihrer Familie, zu Freunden und zu einer Gemeinschaft, glücklicher, gesünder und länger leben. Ist das nicht der Fall, kommt es häufiger zu Erkrankungen und früherem Tod. In Anbetracht dieser Erkenntnisse, erscheint die Tatsache, dass ein großer Prozentsatz der Bevölkerung vieler Länder angibt, sich einsam zu fühlen, um so schwerwiegender zu sein. 

 

Eine weitere wichtige Erkenntnis aus dieser Studie ist, dass es nicht auf das Vorhandensein einer konkreten Partnerschaft ankommt oder auch die Anzahl der Freunde und Bekannten. Entscheidend ist vielmehr die Qualität der gelebten Beziehungen. Die  vorliegenden Befunde belegen, dass solche, als gut erlebten Beziehungen, wohltuend und beschützend sein können für die eigene seelische, geistige und körperliche Gesundheit. Ebenso schädlich hingegen wirken sich offensichtlich schwierige und konflikthafte Beziehungen auf das eigene Leben aus.  

 

Berücksichtigt man alle erfassten Parameter, so zeigt sich, dass es im Alter von 50 Jahren v.a. das Ausmaß der Zufriedenheit und die Qualität der gelebten Beziehungen war, die den verlässlichsten Voraussage-Wert lieferten bzgl. einer zu erwartenden gesunden und glücklichen Lebensspanne. Die Tatsache, sich in glücklichen Beziehungen zu befinden ermöglicht es, sowohl die Schwierigkeiten des alltäglichen Lebens als auch gesundheitliche Probleme wesentlich besser zu handhaben. 

 

Anhand dieser Harvard Studie konnte zugleich nachgewiesen werden, dass glückliche Beziehungen gar auf die Morphologie unseres Gehirns einen positiven und schützenden Effekt ausüben. So sind z.B. unterschiedliche intellektuelle Funktionen des Gehirns bei diesen Menschen länger und besser erhalten als bei der Vergleichsgruppe, die nicht durch solche gelebten Beziehungen gekennzeichnet war.

 

Der amerikanische Schriftsteller Mark Twain (1835-1910) sagte bezogen auf unser Leben: „Wir haben keine Zeit, das Leben ist zu kurz für Streitigkeiten, Entschuldigungen, Sodbrennen und Abrechnungen. Da ist nur Zeit für die Liebe, ... nur dafür.“

 


02.06.2019

 

Gedanken zum Unbewussten und zur Intuition 

 

Befassen wir uns mit unserer bewussten Wahrnehmung, sollten wir einbeziehen von welch großer Bedeutung die Einflüsse unseres Unbewussten auf unser Denken, Fühlen und Verhalten sind. Sigmund Freud, der uns den Stellenwert des dynamischen Unbewussten in vielen seiner Schriften deutlich gemacht hat, war der Überzeugung, dass wir mit unserem Bewusstsein bestenfalls die Spitze des Eisbergs beanspruchen können. Den Rest des Eisbergs, der sich unter der Wasseroberfläche befindet, macht unser Unbewusstes aus. 

 

In diesem Unbewussten dürfen wir alle möglichen Erfahrungen, Erlebnisse, Vorstellungen, Gedanken, Wünsche, Phantasien und Regungen vermuten, die im Verlaufe unserer Entwicklung, aus unterschiedlichen Gründen, u.a. durch Verdrängung und Abspaltung aus dem Bewusstsein eliminiert wurden und nun dort abgelegt sind.

 

Es beinhaltet jedoch nicht nur Vergangenes bzw. Zurückliegendes, auch Aktuelles, zeitlich Gegenwärtiges, das mit dem bewussten Erleben, Denken, Fühlen, nicht in Übereinstimmung zu  bringen ist. Alles, was Spannungen und innere Konflikte auslösen könnte, kann hier seinen dauerhaften Platz finden.

 

Beziehen wir die Überzeugung von C.G. Jung (bis zum Bruch 1912, früher Unterstützer von S. Freud) mit ein, dann befindet sich zusätzlich in dem Unbewussten auch all das, was im Verlaufe der Menschheitsgeschichte einer kollektiven Verdrängung anheim gefallen ist. Jung spricht hier von Archetypen, die als universell vorhandene Strukturen der Seele aller Menschen zu begreifen sind. Dies vollkommen unabhängig von deren Geschichte und Kultur. Solche Archetypen beziehen sich v.a. auf Mythen, Märchen und Bilder in unseren Vorstellungen, die universell auf unserem Planeten verbreitet sind und zu allen Zeiten anzutreffen waren. 

 

Diese wirken aus dem sog. kollektiven Unbewussten in gleicher Weise auf unser Denken, Fühlen, Empfinden, Verhalten und unsere Entscheidungen, wie es unser individuelles Unbewusstes tut. Auch die den Menschen kennzeichnende Neigung sich eine Religion zu suchen, in der er sich aufgehoben fühlt, verstand Jung als Ausdruck einer ursprünglichen, archetypischen Manifestation eines kollektiven Unbewussten. Hier bekundet sich seiner Ansicht nach auch die Sehnsucht, nach einer transzendentalen bzw. spirituellen Dimension im Menschen.

 

Eine weitere sehr eng mit dem Unbewussten verbundene bzw. möglicherweise gar aus ihr entspringende, uns kennzeichnende Erlebnisqualität, ist die Intuition. Mit ihr bezeichnen wir im Allgemeinen die Fähigkeit ohne gedankliche, bewusste Prozesse der Betrachtung, Analyse und Bewertung, zu Erkenntnissen, Einsichten, Empfindungen und Entscheidungen zu gelangen. 

 

Diese Akte der Intuition sind meist zunächst nicht begründbar und ableitbar, sie erschließen sich auf eine nahezu ‚magische‘ bzw. ‚geheimnisvolle‘ Art und finden häufig erst im weiteren Verlauf der Ereignisse eine Bestätigung oder Relativierung. In vielen Bereichen unserer sozialen Wirklichkeit spielt die Intuition eine immer bedeutendere Rolle, weshalb in diesem Zusammenhang häufig auch von der Intuition als Ausdruck einer emotionalen Intelligenz gesprochen wird. Diese wird im Vergleich der Geschlechter häufig eher bei den Frauen angesiedelt als bei den Männern („weibliche Intuition“). 

 

Wenn wir von einer ganzheitlichen Wahrnehmung im Sinne der ‚guten Gestalt‘ sprechen, dürfen wir davon ausgehen, dass auch die Intuition viel mehr mit einem ganzheitlichen Erfassen, Spüren und Wahrnehmen verbunden ist, als mit einem analytischen, folgerichtigen Betrachten, Erkennen und Wahrnehmen. In diesem Zusammenhang sprechen wir häufig von dem ‚Bauch-Gefühl‘, von einer ‚Anmutung‘ bzw. davon, dass das Herz ‚spricht‘. 

 

Alles das sind Hinweise auf die mit dem Phänomen der Intuition verbundene Dimension der ‚Leibhaftigkeit‘ der Wahrnehmung. Die Intuition wird auch als Ausdruck des 6. Sinnes bezeichnet. In einer weiteren Sinnes-Analogie kann man von einem Sehen mit dem ‚dritten Auge‘ bzw. Hören mit dem ‚dritten Ohr‘ sprechen.

 

Das Hören mit dem dritten Ohr bezieht sich u.a. auf die Eigenschaft des Psychotherapeuten, auch mit Hilfe seines eigenen Unbewussten in Resonanz mit dem Unbewussten des Patienten zu treten, um somit intuitiv dessen Botschaften zu empfangen. Das Verwenden des dritten Auges, bezieht sich auf die Fähigkeit, anhand des Energiezentrums im sog. ‚Stirnchakra‘ zur Erkenntnis und Intuition zu gelangen. Mit Hilfe dieses dritten Auges soll die in uns allen angelegte Fähigkeit der sensitiven Wahrnehmung gefördert werden. Auf diese Weise soll das Tor zur Spiritualität und zur Weisheit geöffnet werden.

 

Sowohl die Fähigkeit mit den dritten Ohr zu hören als auch die Fähigkeit mit dem dritten Auge zu sehen, können wir schulen, in dem wir unseren unbewussten und intuitiven Regungen Aufmerksamkeit und Bedeutung verleihen. Dies erfordert, dass wir bereit sind inne zu halten, uns die Zeit nehmen zu spüren, zu fühlen, zu empfinden, achtsam unseren inneren Regungen gegenüber zu sein. Letztlich ist es eine Fähigkeit, die uns natürlicher Weise gegeben ist, deren Einsatz und Verwendung wir jedoch üben sollten.

 

 


01.06.2019

 

"Ja, aber" / "Eigentlich"

Wussten Sie schon, dass „ja, aber...“ und „eigentlich,....“ verwandt sind miteinander?


Wir haben es hier mit zwei Beispielen zu tun, dessen was unseren sprachlichen Alltag und damit unsere Beziehungen in allen Bereichen des Lebens wesentlich mitbestimmt. Und dies leider häufig nicht unbedingt in einem positiven Sinne, insofern als es zur Klarheit, Eindeutigkeit und Verlässlichkeit einer Botschaft beitragen würde. Ganz im Gegenteil.

Eine Zustimmung ist ein ‚Ja‘. Ein ‚Ja, aber‘ ist – bezogen auf eine vorangegangene Aussage oder Frage – nur die vorgetäuschte Zustimmung, die sich bei genauer Betrachtung in der Folge in ein ‚nein‘ bzw. eine Zurückweisung des Gesagten verwandelt.


„Ja, ich stimme zu,...aber ...“ und nun wird dargelegt, warum die Zustimmung so doch nicht erfolgt oder erfolgen wird, es kommt letztlich zu einer Zurückweisung des Gesagten, ohne dass dies in aller Deutlichkeit zum Ausdruck gebracht wird. Tatsächlich soll der Eindruck einer grundsätzlichen Zustimmung erzeugt werden, welche jedoch nicht gegeben ist.

In gleicher Weise verhält es sich mit dem Wort ‚eigentlich‘. Es wird eine Aussage getroffen, „eigentlich bin ich....“, die sich durch diese Formulierung auf einen Zustand beruft, der im Hier und Jetzt nicht gegeben ist, sondern unter Umständen nur eine Fiktion, ein Wunsch oder eine Hoffnung ist, bestenfalls zu irgendeinem anderen Zeitpunkt zutrifft, aber eben nicht im Hier und Jetzt des Erlebten. Hier wird letztlich unausgesprochen die Erwartung vermittelt, man solle sich nicht nach dem real Geschehenen oder Erlebten richten, sondern nach dem, sprachlich zum Ausdruck gebrachten, ‚Eigentlich-Zustand‘. Ebenso könnte der Anspruch lauten, „Beurteile mich nicht nach dem, was ich tue oder getan haben, sondern nach dem, was ich dir sage.“

Sowohl ein ‚ja, aber..‘ als auch ein ‚eigentlich..‘ beansprucht somit, dass etwas Gültigkeit haben soll, was im Augenblick der Aussage, gar nicht zutrifft bzw. nicht gegeben ist.

Nach was, sollten wir uns im Alltag richten? Nach dem Gesprochenen oder dem tatsächlich Erlebten, das sich uns im Verhalten und in Handlungen im Hier und Jetzt vermittelt?

Ich muss in solchen Augenblicken, in denen ich mit solchen Aussagen konfrontiert bin, assoziativ immer auch an einen Spruch eines Indianerhäuptlings denken, der sagte: „Weißer Mann redet mit gespaltener Zunge!“ In unserem Kulturkreis kennen wir die Analogie des Predigers, der öffentlich von der Kanzel Wasser predigt, heimlich jedoch den Wein trinkt (Heinrich Heine - Versepos Deutschland).

Im Rahmen meiner psychotherapeutischen Arbeit bin ich nahezu fortlaufend mit diesem Widerspruch konfrontiert. Hier ist es häufig nur gegen einen großen Widerstand bzw. eine starke Abwehr der Betroffenen / des Betroffenen möglich, die gegebene Problematik zu vermitteln und aufzuzeigen, wie wenig hilfreich ein solches Muster und Vorgehen im eigenen Leben letztlich ist.

 

Sind wir in der Lage ganz offen ‚Nein‘ zu sagen, uns zu einer abweichenden oder auch ablehnenden Haltung zu bekennen, laufen wir zwar Gefahr uns in einer Auseinandersetzung wieder zu finden, doch ist dies mit einem gänzlich anderen Selbstverständnis verbunden. Es bietet sich uns die Möglichkeit, unsere Eigenständigkeit, Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit in viel deutlicherer Weise zu leben, zum Ausdruck zu bringen und auch zu festigen. 

 

In gleicher Weise verhält es sich mit der Bekenntnis zu dem, was tatsächlich gegeben ist, unser non-verbales bzw. verbales Verhalten und unsere Handlungen betreffend, ohne uns auf einen vermeintlichen, ‚eigentlich‘ gültigen Seins-Zustand zu berufen. Auch hier geht es um die Anerkennung einer uns kennzeichnenden Realität, die Ausdruck einer Selbstbestimmung sein kann. Auch hier kann dies bedeuten sich in einer dann folgenden Auseinandersetzung wieder zu finden. In dieser jedoch haben wir die Möglichkeit uns in aufrichtiger Weise, uns zu uns selbst zu bekennen, einschließlich möglicher Fehler und Unzulänglichkeiten, die uns kennzeichnen. Tun wir das, sind wir authentisch und wahrhaftig.

 

 

Wünschenswert und sinnvoll ist die Ausrichtung des eigenen Denkens, Fühlens und Handelns nach unserem ‚realen‘ Selbst, somit nicht nach dem, was wir als ‚Ideal-Bild‘ von uns Selbst in uns tragen. Letzteres kann uns eine innere Orientierung sein, bezogen auf das, was wir noch verwirklichen wollen. Als real gegeben, sollten wir es jedoch erst beanspruchen, wenn es sich in unserem Leben konkret, für uns selbst und für andere, als bestimmend und konkret erlebbar manifestiert hat.

 


25.05.2019

 

Verbundenheit als Urerlebnis von uns allen

(oder über das Verhältnis des Ich zum Wir)

Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Selbstvertrauen, Selbstbewusstsein, Selbstverständnis etc. - in all diesen Worten finden wir das Wort ‚Selbst‘, denn es geht um das Selbst. 

 

Es sind Worte, welche den Bezug zu uns selbst als bewusst und unbewusst wahrnehmendem, fühlendem und erlebendem Wesen herstellen. Insofern setzt ein solches Konzept des Selbst immer schon auch ein empfundenes und erlebtes Ich voraus. Das Ich in Verbindung mit dem Bewusstsein über das Ich vermittelt uns das Erleben eines Selbst. Wir können erkennen, dass das Ich nicht das Bewusstsein ist, sondern dass es dieses verwendet bzw. benutzt im Sinne der Erkenntnis und Einsicht. 

 

Das Ich als solches entsteht und bildet sich nach und nach aus in der Auseinandersetzung mit der Umwelt bzw. den Anderen. Ohne deren Rückmeldungen könnte in uns kein Konzept des Ichs entstehen. Somit ist das soziale Gegenüber und der Austausch mit diesem, die Voraussetzung für die Entstehung einer Ich-Abgrenzung. Aus dieser Wechselwirkung zwischen dem Anderen und dem eigenen Erleben kann sich das Ich konstituieren, welches dann in Verbindung mit unserem Bewusstsein das Selbst ausbildet.

 

Was ist nun die ursprünglichste in uns angelegte Erfahrung? Ist es das Bewusstsein, das Ich oder gar das Selbst? 

 

Sowohl phylogenetisch (menschheitsgeschichtlich) als auch ontogenetisch (idividual-entwicklungsgeschichtlich) ist der Ursprung des Lebens zu sehen in der Verbindung. Allein in der Verbindung von Samen und Eizelle können wir die Entstehung des Lebens erkennen. 

Aus dieser Verbindung leitet sich die pränatale (vorgeburtliche) Entwicklung des Einzelnen ab, aus dem nach der Geburt und nach der Trennung vom Mutterleib das Ich bzw. das Selbst entstehen kann. 

 

Insofern können wir als die ursprüngliche und erste Erfahrung als lebendes Etwas die Erfahrung der Verbundenheit im Mutterleib bezeichnen. Die Erfahrung dieser Verbundenheit in einem ‚Wir’ geht der Entstehung des ‚Ich‘ und des ‚Selbst‘ voraus und ist somit erlebnismäßig wesentlich tiefer in uns verankert. Es ist die Matrix, die wir in uns tragen und die allem zu Grunde liegt.

 

In vielen der heute im sozialen Netz und vielen Publikationen zu findenden scheinbar spirituellen Botschaften, lässt sich erkennen, dass das Bestreben der Entdeckung, Entwicklung, Entfaltung und Ausgestaltung des eignen Selbst als höchstes anzustrebendes Ziel benannt wird. Es wird nicht selten der Eindruck erweckt, als handele es sich hiermit um das höchst mögliche Gut der individuellen geistig-seelisch-spirituellen Entwicklung, gemäß dem Sokrates häufig zugesprochenen Ausspruch „Erkenne dich selbst!“. (Dieser Spruch stand über einem Eingang des Apollo-Tempels von Delphi und galt als Imperativ des Gottes Apollo.)

 

Sokrates hierzu: „Der Grund davon, mein  Freund,  ist  dieser:  Ich  vermag  noch  nicht  gemäß  dem  delphischen  Spruche  mich  selbst  zu  erkennen. Lächerlich  aber  scheint  es  mir,  solange  man  dies  nicht  kennt,  das  Fremde  zu  erforschen.  Darum  laß  ich  jenen Dingen  ihren  Lauf  und  nehme  den  Glauben  über  sie  an,  wie  er  dem  Brauche  entspricht,  und  erforsche,  wie  ich eben  sagte,  nicht  jene,  sondern  mich  selbst,  ob  ich  etwa  ein  Untier  bin,  verschlungener  und  aufgeblasener  als Typhoni , oder ein milderes und einfacheres Geschöpf, das ein göttliches und gebändigtes Schicksal von Natur erlost hat……“

 

(Platon: "Phaidros oder Vom Schönen")

 

Sokrates würdigt an dieser Stelle nicht das Selbst als das höchste anzustrebende und anzuerkennende Ziel einer spirituellen Entwicklung sondern ruft vielmehr dazu auf, zunächst den Blick auf sich selbst zu werfen im Sinne einer Erforschung, Selbstreflexion und Selbsterkenntnis die Voraussetzung zu schaffen, sich dem Fremden zu zuwenden um dieses Fremde zu erforschen, zu erkennen und zu verstehen.

 

Der Aufruf im Sinne Sokrates zu einem solchen „Erkenne dich selbst!“ ist vergleichbar der Anforderung einer Reise der Selbstreflexion bzw. Selbsterfahrung im Rahmen einer analytischen Psychotherapie bzw. Selbst-Erfahrung.

 

Wir dürfen davon ausgehen, dass im Verlaufe dieser Reise der Entdeckung des eigenen Selbst, sich die Tür öffnet zu der ursprünglich in uns niedergelegten, tief verankerten Erfahrung der Verbundenheit, unserer Matrix. Diese Erfahrung der Verbundenheit können wir als die höchste anzustrebende Erkenntnis und Erlebnisqualität bezeichnen. In der Sanskrit-Bezeichnung steht das Wort Yoga für die Verbindung. Im hinduistischen Sinne ist es die Verbindung der individuellen Seele mit dem universellen Geist.

 

Verstehen wir die Verbindung als Ausdruck des Wir, so können wir erkennen, dass das Wir von weit größerer Bedeutung ist als es das Ich bzw. das Selbst sein kann.

 

Das Ganze kann niemals kleiner sein als ein Teil bzw. ein Teil kann niemals größer sein als das Ganze. So viel zum Verhältnis des ‚Ich‘ zum ‚Wir‘….;)