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(1) 11.07.2019

Warum beschäftigen wir uns im Yoga mit Götterfiguren des Hinduismus, wie z.B. der Gottheit 'Shiva'? 



11.07.2019

 

Warum beschäftigen wir uns im Yoga mit Götterfiguren des Hinduismus, wie z.B. der Gottheit 'Shiva'? 

Wer heute Yoga praktiziert, insbesondere diejenigen, die Yoga lehren, kommt früher oder später mit Aspekten der indisch / hinduistischen Kultur in Berührung.

 

Die einzelnen Körper-Haltungen, die wir einnehmen, heißen „Asanas“, die Atemübungen „Prana-Yama“, Handhaltungen „Mudras“, Gesänge in der Yoga-Tradition „Mantras". Viele Yogastile haben für westliche Ohren fremd klingende Namen, Ashtanga-Yoga, Vinyasa-Yoga, Kriya-Yoga, Kundalini-Yoga etc.

 

Die meisten dieser Begriffe haben Ihre Wurzeln in einer Jahrtausende alten Sprache aus dem südasiatischen Raum, dem Sanskrit.  Viele dieser Sanskrit Begriffe führen uns, wenn wir uns darauf einlassen, neben der anregenden exotischen Ausstrahlung mehr erfahren wollen, in Ihrer Bedeutung weiter hinein in eine faszinierende, zu Beginn fremde Welt, voller Traditionen, Ritualen, Göttern. Wenn wir nach Übersetzungen einzelner Worte und Sätze suchen, fällt auf, dass es kein leichtes Unterfangen ist und wir viele unterschiedliche Interpretationen finden können.

 

Ähnlich verhält es sich mit dem Hinduismus und seiner Götterwelt.  Der Hinduismus ist nicht wirklich vergleichbar mit den anderen großen monotheistischen Religionen. Er hat keinen direkten Begründer, sondern ist in einem Zeitraum von ca. 3000 Jahren entstanden. Er vereint einerseits grundsätzlich verschiedene Religionen, die sich teilweise mit gemeinsamen Traditionen überlagern und gegenseitig beeinflussen. Andererseits in heiligen Schriften, Glaubenslehren, der Götterwelt und Ritualen aber auch Unterschiede aufweisen. Der Hinduismus hat wie alle Religionen seine Schattenseiten, jedoch auch vieles, was uns in unserem täglichen Leben und der Konfrontation mit uns selbst, unterstützen und helfen kann.

 

Die Welt der Götter zeichnet sich aus, durch eine Vielzahl an Geschichten, die es den Menschen leicht macht sich mit den Göttern zu identifizieren. Oft haben Familien einen „Lieblingsgott“, der im Hausaltar einen Ehrenplatz hat. Doch auch diese einzelnen Götter sind nicht so leicht einzuordnen, sondern eher Symbole für den immer währenden Dualismus, in dem wir leben. 

 

Spätestens seit meiner Yogalehrer-Ausbildung (Rishikesh/Indien) begleitet mich die Figur des Shiva. Der Begründer der Tradition, in der ich ausgebildet wurde, war „Swami-Shivananda“, ein indischer Arzt, der sich im Laufe seines Lebens dazu entschied, die Verbreitung und Lehre des Yoga zu seinem Lebensinhalt zu machen. Ein  Teil des Namens deutet auf die Gottheit des „Shiva“ der zweite „Ananda“ bedeutet - Glückselligkeit. Man könnte interpretieren, 'Shiva führt uns zur Glückseligkeit'. 

 

Was hat es nun auf sich mit diesem Shiva, einem der 3 wichtigsten Gottheiten des Hinduismus und was kann die Beschäftigung mit ihm uns heute in unserer modernen Welt geben?

 

Shiva bedeutet "Glückverheißender" und ist einer der Hauptgötter des Hinduismus. "Shiva", verfügt über viele verschiedene Bedeutungen. Wörtlich heißt es so viel wie "der Gütige" oder "der Liebevolle". Als Bestandteil der hinduistischen Triniität, mit den drei Aspekten des Göttlichen, mit Bahma dem Schöpfer, Vishnu dem Bewahrer, verkörpert Shiva das Prinzip der Zerstörung.

 

Shiva ist unter vielen verschiedenen Namen bekannt. In alten Texten sind 1008 Namen aufgeführt, die sich jeweils auf ein Attribut von Shiva beziehen. Häufige Beinamen sind Mahadeva ("großer Gott"), Bhairava ("der Schreckliche"), Mahesha ("höchster Herr"), Rudra ("der Wilde"), Shankara ("der segensreich Wirkende") und Vishvanatha ("Herr des Alls").

 

Shiva manifestiert sich in unterschiedlicher Art und Weise. Er ist einerseits jenseits von Namen und Form, doch zu unserem Segen nimmt er zahllose Formen an. Er erscheint in furchteinflößenden Gestalten, aber auch in friedvollen, wohlwollenden. Die bekanntesten wohlwollenden Gestalten sind „Ardhanarishvara“, seine halb männliche und halb weibliche Gestalt, 'Nataraja', der Herr des Tanzes, und 'Mahayogi', der Herr des Yoga und der Yogis.

 

Auf meiner ersten Indienreise vor fast 30 Jahren, faszinierte mich eine Götterstatue des Shiva. Die rechte Seite zeigte die männliche, die linke die weibliche Inkarnation. Dieses Bild symbolisiert die bipolare Natur der Welt, die Gleichheit von Mann und Frau, unsere Abhängigkeit, unser Angewiesensein auf einander, sowie die Vereinigung von Shiva-Shakti, die zur geistigen Erleuchtung führt. 

 

Shiva liebt seine Frau Sati hingebungsvoll. Als diese sich aus Verzweiflung  über die Demütigungen ihres Vaters selbst tötet, zögert er nicht, diesem und dessen Begleitern den Kopf abzuschlagen. Er ist immer wieder aufbrausend und gewalttätig, in der Folge empfindet er häufig Reue und ist bemüht seine Opfer wieder zu beleben, z.B. indem er Ihnen einen neuen Kopf aufsetzt. 

 

So wird Shiva zu der Figur des universellen Tänzers (Nataraja), der in einem ständigen Tanz zwischen Zerstörung und Erneuerung unsere Erde dreht. Shiva ist für Veränderung verantwortlich: zum einen für Tod und Zerstörung, zum anderen aber auch im positiven Sinn, für die Zerstörung des Egos, für falsch verstandene Identifikationen. Dazu gehört auch das Loslassen von alten Gewohnheiten und Bindungen, versinnbildlicht mit dem abgeschlagenen, später erneuerten Kopf.

 

Die Zerstörungskraft Shivas dient lediglich dem Zweck der Transformation. So wie es Zeiten des Wachsens und Werdens gibt, gibt es Zeiten des Zerfalls und Vergehens. Wenn wir uns mit dieser universellen Wahrheit vertraut machen, fällt es uns leichter loszulassen. Die Vergänglichkeit ist ein unumstößlicher Aspekt des Lebens. Shivas kosmischer Tanz deutet auf Zerstörung hin, die notwendig ist, um Raum für das Neue zu schaffen.

 

In den häufigsten Darstellungen wird Shiva als „Mahayogi“ dargestellt. Diese Figur steckt voller Symbole: 

 

Aus dem langen und offenen Haar ragt eine Mondsichel, diese symbolisiert seine Meisterschaft über Tag und Nacht, die Dualität unseres Lebens. Die Augen sind weder ganz geschlossen, noch ganz offen. Geschlossene Augen zeigen an, daß sich die Person von der Welt zurückgezogen hat. Geöffnete Augen weisen auf jemanden hin, der vollständig der Welt zugewandt ist. Die halb geschlossenen Augen bedeuten daher, daß Shivas Bewusstsein im inneren Selbst ruht, während sein Körper in der äußeren Welt aktiv bleibt.

 

Gelegentlich sieht man Wasser aus seinem Haar fließen, welches die Göttin Ganga (die Verkörperung des mächtigen Flusses Ganges) darstellt, die nach der Mythologie vom Himmel springt, von Shivas Haar aufgefangen wird und dadurch sanft auf die Erde gleitet.

 

Das dritte Auge auf der Mitte seiner Stirn steht für Wissen und Weisheit, dem Zentrum seiner Allwissenheit. Die Schlangen, die sich um die Arme und den Hals winden stehen für die Überwindung animalischer Tendenzen.

 

Dieser Shiva hat der Sage nach, in einer Meditation die Gefährdung der Menschen, durch Hinwendung zu Oberflächlichkeiten gesehen und daher seine Frau Parvati (der Reinkarnation der geliebten Sati) in die Geheimnisse des Yoga eingeweiht. Ein aufmerksamer Fisch namens Matsyendranatha hat sie beobachtet. Shiva gab ihm menschliche Gestalt und sandte ihn aus, um den Menschen die Kraft und Techniken des Yoga zu vermitteln, um den Verlockungen der äußeren Welt zu widerstehen. So wurde  er zum ersten großen Yogalehrer.

 

Als „Satyam, Shivam, Sundaram" – die Wahrheit, das Gute und die Schönheit – repräsentiert Shiva das Göttliche schlechthin, außerhalb und innerhalb unseres Selbst.

 

Wenn nun Menschen das Mantra  „Om Namah Shivaya“ rezitieren, bedeutet es soviel wie  „Alles, was du bist und hast, ist gut – so, wie es ist.“ oder „Ich grüße alles Gute, Liebevolle, alles Großartige in dir!“ Tief in jedem Menschen wirkt ein höheres Selbst. Auf der höchsten Ebene dieses Selbst sind wir reines Bewusstsein. Das Mantra zielt also auf das Göttliche – auf die Überwindung unserer Widerstände und groben Eigenschaften. Zugleich zielt es auf ein unendliches, kosmisches Bewusstsein – im Gegenüber und in uns selbst!

 

So kann uns die Beschäftigung mit Shiva hinführen zu einer positiven,  bejahenden Lebensbetrachtung, sowohl bezüglich unserer eigenen, vielleicht ungeliebten Eigenschaften, als auch gegenüber anderen Menschen und dem Schicksal. Im Vertrauen auf den Shiva in uns, der das Leben mit all seinen Facetten auskostet, leidet, zürnt, kämpft, aber auch tanzt, liebt, schützt, hilft und letztendlich in sich selbst ruht, können wir das Leben, mit allem, was wir meistern müssen, besser annehmen und die Herausforderungen gelassener überstehen. 

 


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